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Aus dem Vaterland

Wie wärs mit einer Occasion?

Kinderwagen aus dem 19. Jahrhundert

Der Zeitgeist schlägt immer ganz unerwartet zu. In unserem Fall bei der Auswahl des Kinder-Traumwagens.

Hoffnungsfroh fahren meine im achten Monat schwangere Frau und ich in das bekannte Babyhaus am Rande der Stadt, um einen Kinderwagen auszusuchen. Die nette Verkäuferin, dreifache italienische Mamma, demonstriert mit Schwung die verschiedenen Umwandlungstricks an ihrem Favoriten: «Wenn Baby schreit, muss es gehen schnellschnell! » Aber wir sollten uns ruhig auch andere Modelle anschauen. Dies tun wir – und kehren vier Stunden später mit leerem Mobility-Kofferraum und der Erkenntnis zurück, dass der Kauf eines Kinderwagens 2012 eine hoch komplexe Sache ist.
Ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Wusste ich als kleiner Bub bestens Bescheid über Peugeots, Chevrolets, Citroëns und Alfa Romeos, so brauche ich jetzt nur von Weitem einen Kinderwagen zu sehen und weiss sofort: Chicco, Emmaljunga, Mac-laren, Mountain Buggy, ABC Design, Gesslein. Ich lese meiner Frau beim Baucheinölen vor dem Einschlafen aus Foren mit Titeln wie Hartan versus Bugaboo, Racer GT versus Racer S, Baby Jogger versus Teutonia vor. Dort schildern Besitzerinnen und Besitzer von KiWas – Jargon für Kinderwagen – die Vorzüge und Nachteile der jeweiligen Modelle. Da trifft uns beinahe der Schlag: «Gift in Kinderwagen. 10 von 14 sind mangelhaft.» Fieberhaft lesen wir weiter und fallen erst im Morgengrauen in einen kurzen, nervösen Schlaf.
Verzweifelt schreibe ich am nächsten Morgen dem Stardesigner James Dyson und bitte ihn, der Menschheit den perfekten Kinderwagen zu schenken: federleicht, biologisch, funktional, super schick, erschwinglich und wenn möglich bitte rechtzeitig zu unserem Geburtstermin. Nach 48 Stunden erreicht uns die Antwort der Firma, zu ihrer Aera of Expertise gehörten Staubsauger, Handtrocknungsgeräte und Ventilatoren, dennoch wünschten sie uns viel Glück.

Der Frust sitzt tief. Wir entschliessen uns, nach einem sorgfältig ausgeklügelten Raster ausschlussartig vorzugehen. Am Ende bleibt ein einziges Modell übrig. Wir atmen auf und wollen den Kinderwagen bereits bestellen, als der doppelte Hammer kommt: Erstens gibt es ihn nur in Schwarz, Dunkelgrau, Dunkelbraun, Dunkelblau und in allen Kombinationen davon. Da wir keine Lust haben, unser Baby in einem Minisarg durch die Gegend zu kurven, winken wir ab. Und zweitens: Die Lieferzeit beträgt sagenhafte drei Monate.
Doch da hat meine Ehefrau die zündende Idee: «Wie wärs mit einer Occasion?» Nach mehreren Mausklicks findet sie unseren Traumwagen. Wir schlagen zu und schon düsen wir Richtung KiWa-Glück. Der Wagen ist technisch tipptopp, silberweiss und erst noch günstig. Uff ...
Am nächsten Abend besuchen uns Freunde mit Kindern. Das Gespräch dreht sich um Kinderzubehör. Meine Frau und ich lächeln uns glücklich an. Doch dann die fatale Frage: «Für welchen Tragesack habt ihr euch entschieden?» Wir zucken mit den Schultern. «Was? Ihr habt euch noch keine Gedanken darüber gemacht?» Vor meinen Augen wird es dunkel, obwohl keine Sonnenfinsternis angekündigt ist. Immer leiser höre ich die Fetzen des hitzigen Streitgesprächs: Ergo versus Baby Björn, Prémaxx versus Tragidi, Anna Mobil versus Glückskäfer, Manduca versus Tragetuch ...

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