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Glauben und Religion

Wie spricht man mit Kindern über Religion?

Mit Kindern über Religion sprechen: Kinderphilosophin Eva Zoller Morf sagt im Interview, worauf es dabei ankommt. Denn ob Eltern religiös sind oder nicht: Kinder stellen grosse Fragen, zum Himmel, Tod und Gott zum Beispiel.

Nicht nur das Namensschild, sondern auch drei braune Eulen an Eva Zoller Morfs Haustüre zeigen mir, dass ich hier am richtigen Ort bin. Die Kinderphilosophin hat in ihrem Zuhause nämlich eine Dokumentationsstelle aufgebaut namens «S’Käuzli»: Im grosszügigen Dachzimmer stehen an allen Wänden volle Bücherregale. Eine ganze Wand ist gefüllt mit Bilderbüchern, die thematisch geordnet sind. Der Tod bekommt mehrere Regalbretter. Ein Paradies für Buchwürmer.

Frau Zoller, kommt man als Eltern um Gespräche über Religion herum?

Wenn man will, kann man das machen und dem Kind sagen, dass es zum Beispiel den Pfarrer fragen soll. Man sollte aber den Kindern so oder so das uralte Kulturwissen nicht vorenthalten.

Wieso?

Weil dieses Wissen um die Entstehung des Christentums und des Islams den Kindern in unseren Breitengraden hilft, die Welt von heute zu verstehen. Die biblischen Geschichten sind kulturelles Gut, das weitergetragen werden sollte. Das Wichtigste jedoch ist, dass man die religiösen Kinderfragen erstens einmal wahrnimmt. Das heisst, bei den Kindern anknüpfen, was sie wissen wollen und dann anders darauf eingehen.

Anders?

Ja, anders als früher. In der Religion meinte man lange, man müsse eine bestimmte Antwort geben. Mein Anliegen ist es, dass man den Kindern zutraut, sich selber Antworten zu bilden. Die Eltern wissen die Antwort nicht? Wunderbar! Dann können sie zugeben: Darüber habe ich noch gar nie nachgedacht, ich weiss das nicht.

Wie es war, finden wir wohl nie heraus, aber wir können gemeinsam nach möglichen Varianten suchen. Wenn die Eltern den Kindern biblische Geschichten erzählen wollen, ist es wichtig, dass die Kinder fragen dürfen, was ihnen komisch erscheint. Das ist natürlich altersabhängig. Unser sechsjähriger Enkel will nun die Geschichten aus der Bibel hören, ist fasziniert davon und nimmt sie einfach mal zur Kenntnis – eins zu eins.

Das schadet dem Kind nicht?

Das darf und soll man so stehen lassen. Zehnjährige hingegen werden wahrscheinlich etwas über die Widersprüche wissen wollen, zum Beispiel wie Jesus über das Wasser gegangen ist. Für Eltern, die nicht Theologie studiert haben, ist das eine Herausforderung.

Was raten Sie?

Ein wertvoller Trick ist das Zurückfragen, das kann man bereits mit vierjährigen Kindern machen: Was denkst denn du, wie es sein könnte? Man gibt den Kindern ihr «warum» zurück. Die Möglichkeitsform ist wichtig, denn ganz sicher wird man es nie herausfinden. Die verschiedenen Möglichkeiten sortiert man dann mit der Logik aus, wägt ab, fragt, was wohl wahrscheinlicher ist.

Zu wissen, dass es ein sogenannt historisch-kritisches Bibelverständnis gibt, hilft auch. Das heisst zum Beispiel, dass man nachlesen kann, wie die Texte entstanden sind, wie alt sie sind und wer sie aufgeschrieben hat. Man kann den Kindern sagen, dass Menschen vor langer, langer Zeit diese Geschichten aufgeschrieben haben, weil sie Erfahrungen gemacht haben, die ihnen so wichtig waren, dass sie diese anderen Menschen weitergeben wollten.

Die Menschen, die die Geschichten mit Jesus aufgeschrieben haben, haben ihn zwar nicht mehr persönlich gekannt, aber sie haben gemerkt, dass er jemand war, der Wichtiges gesagt und getan hat, das nicht in Vergessenheit geraten sollte.

Über Jesus gibt es viele «Wunder-Geschichten». Mein zehnjähriges Kind fragt mich, ob die Geschichte, in der Jesus den Sturm auf dem See stillt, wahr ist. Was jetzt?

Man kann dem Kind helfen zu verstehen, dass es verschiedene Arten von «wahr» gibt. Nur weil etwas sich nicht genauso abgespielt hat, wie man gemeint hat, kann es trotzdem wahr sein und man kann gemeinsam darüber nachdenken, in welcher Art und Weise dies denn gewesen sein könnte.

Man kann das Kind verschiedene Möglichkeiten fantasieren lassen, was denn diese Geschichte heissen könnte. Indem man zum Beispiel über Wörter und Bilder nachdenkt. Die Jünger hatten Angst im Boot, als sie die hohen Wellen spürten und sahen. Gefühle wie Angst können sich auch wie hohe Wellen anfühlen. Vielleicht hat Jesus einfach die Angst der Jünger gestillt. Man darf den Kindern eine bildhafte Wahrheit zugestehen, damit können sie umgehen, wenn sie ungefähr zehnjährig sind.

Gibt es noch andere Gründe für Gespräche über Religion mit den eigenen Kindern?

Es entsteht eine Nähe von Mensch zu Mensch. Wenn Kinder sich drauf einlassen, merkt man als Eltern, wie wunderbar es ist, was die Kinder schon alles denken und können.

Zum Beispiel?

Sie bringen Argumente, auf die wir Erwachsene gar nicht mehr kommen würden, weil wir nur zu oft zu wissen meinen, wie die Welt funktioniert. Als ich vor rund 20 Jahren biblische Geschichte in der 6. Klasse unterrichtete, hat es mich überrascht, dass es für alle Kinder klar war, dass das Leben für die Toten auf irgendeine Weise weitergeht. Sie haben davon erzählt, dass fast alle Verstorbenen auf einem Karussell sind und wenn auf der Erde ein Platz frei wird, jemand wieder auf die Erde gehen kann. Es war auch für alle klar, dass Verstorbene wieder als Babys auf die Erde kommen. Das Konzept von der endlosen Ewigkeit war den Kindern nicht geläufig.

Gibt es denn ein religiöses Konzept, zu dem bei jedem Kind mal eine Frage auftaucht?

Ja, im Zusammenhang mit dem Tod. Die Frage, wo denn die Verstorbenen sind. Es ist wichtig zu wissen, dass der Tod für Kinder ein völlig normales und vor allem spannendes Thema ist. Dementsprechend sollte man damit auch ganz normal umgehen. Das heisst auf die Fragen eingehen und nicht meinen, man müsse das Kind damit verschonen.

Wenn es fragt: «Mami, stirbst du auch?», sollte man keinen dramatisierenden Tonfall annehmen und bei der Wahrheit bleiben. Aber auf eine kindgerechte Art, damit das Kind eine Chance hat, sich irgendwo festzuhalten. Man kann ihm sagen, ja ich sterbe auch einmal, aber ich will noch ganz lange leben und bei dir sein. Das «will» ist wahr. Aber wenn ich sage, ich sterbe noch lange nicht, könnte das im schlimmsten Fall nicht wahr sein.

Wie bleibe ich bei der Wahrheit, wenn ich mit religiösen Fragen meines Kindes Mühe habe, weil mir Religion nichts sagt?

Man darf ehrlich sein, aber natürlich nicht abschätzig und dem Kind nichts ausreden. Man kann es fragen, was es an dieser Frage spannend findet und es auf diese Weise unterstützen, sein eigenes vorläufiges Religionsbild zu schaffen.

So will es auch über Religionen Bescheid wissen, über die ich aber noch weniger weiss als über das Christentum.

Oft handelt es sich dabei schlicht um Sachwissen. Da kann man einmal mehr erstens zugeben, dass man es nicht weiss und zweitens zusammen mit dem Kind überlegen, wie man zu dem Wissen kommen könnte: Jemanden von dieser Religion fragen, im Internet oder in der Bibliothek suchen, gemeinsam überlegen.

Unterscheiden sich religiöse Überlegungen eines vier- und eines zehnjährigen Kindes?

Ein vierjähriges Kind staunt über alles und fragt dementsprechend. Es will wissen, was das und jenes ist und warum es so ist. Zur Entwicklung des kindlichen Denkens gehört, dass für Vierjährige der Tod nicht endgültig ist. So können sie durchaus fragen, ob denn das Haustier, das gestorben ist, morgen wieder kommt.

Bei den ungefähr Zehnjährigen findet der Übergang vom Märchen- ins realistische Alter statt. Nach dem Staunen kommt das Zweifeln. Das heisst, dass das kritische Hinterfragen im Mittelpunkt steht. Nicht einfach glauben, was jemand sagt, sondern herausfinden, wie es stimmen könnte. Das macht das Theologisieren und Philosophieren. Hinterfragen. Auch Wörter. Weiss ich zum Beispiel, was ich meine, wenn ich Gott oder Himmel sage?

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