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Interview

Maja Böhler: «Nackter Vater im Gebärsaal»

Ob Intimfrisuren, verbale Gewalt, Stuhlgang unter der Geburt – als «Die Wehenschreiberin» gewährt Maja Böhler unverstellte Einblicke ins Gebärzimmer.

wir eltern: Sie haben die Leser der «Süddeutschen Zeitung» ein Jahr lang mit Ihren wöchentlichen Beiträgen aus Ihrem Berufsalltag begeistert. Wie kommt man als Hebamme dazu, eine gefeierte Kolumne zu veröffentlichen?

Maja Böhler: Eine Redaktorin des SZ-Magazins hatte die Idee für das Format und sprach mich an, wir kennen uns noch aus Studienzeiten. Sie fand es immer schon spannend, wenn ich aus dem Nähkästchen geplaudert habe. Genauso offen wie die Gespräche wurden unsere Texte vom täglichen Wahnsinn auf der Geburtsstation. Und es war von Anfang an klar, dass auch vermeintliche Tabus thematisiert würden, wie etwa Stuhlgang unter der Geburt. Und wir wollten mit Mythen und Klischees aufräumen.

Mit welchen, zum Beispiel?

Zum einen, dass eine Geburt wie im Film abläuft: Gleich mit der ersten Wehe brechen die Frauen zusammen, um nach einer dramatischen Fahrt ins Krankenhaus ihre Männer wie eine Furie anzuschreien. Zum anderen mit weit verbreitetem Aberglauben, etwa, dass Sodbrennen die Haarpracht eines Neugeborenen oder die Bauchform das Geschlecht vorhersagen können. Und wir wollten zeigen, dass Hebammen so unterschiedlich wie alle Menschen und Geburten so vielfältig wie das Leben sind.

Als «Die Wehenschreiberin» vor einigen Monaten eingestellt wurde, löste das bei der Fangemeinde Bestürzung aus. Hatten Sie mit einem solchen Zuspruch gerechnet?

Nein. Ich hatte eher Angst vor einem Shitstorm, da die Geburtshilfe emotional doch ziemlich aufgeladen ist und polarisiert. Überrascht hat mich, dass vermeintlich nebensächliche Begebenheiten oft besonders gut ankamen, beispielsweise als ich davon berichtet habe, wie ein werdender Vater plötzlich nackt vor mir stand und mit seiner Frau in die Badewanne gestiegen ist. Andere Inhalte, etwa jene über verbale und körperliche Gewalt im Kreisssaal, wurden häufig weiter verbreitet, auch von bedeutenden Organisationen und Elternverbänden.

Nicht wenige verlassen sich mehr auf ihr Handy als auf ihr Körpergefühl, das finde ich schade.

Gewalt unter der Geburt ist wohl leider kein neues Phänomen – warum ist die Zeit jetzt reif, offen darüber zu sprechen, wie dies auch in Medien in der Schweiz in den letzten Monaten geschehen ist?

Ich glaube, das kam durch die #MeToo-Debatte. Damit wurde erstmals offen sexuelle Belästigung und Gewalt thematisiert und auch bewusst gemacht, wie viele an sich übergriffige Dinge von Frauen als vermeintlich normal hingenommen werden. Vielen hat die Debatte die Augen geöffnet und sie ermutigt, endlich darüber zu sprechen. So eben auch über Gewalt unter der Geburt, angefangen bei sprachlicher Demütigung und emotionaler Erpressung bis hin zu vermeidbaren schmerzhaften Prozeduren. Zwar gibt es hier keinen sexuellen Hintergrund, aber der Einfluss auf das Leben einer Frau und die grosse Dunkelziffer durch die Tabuisierung des Themas ist eine ähnliche.

Maja Böhler ist nicht Ihr richtiger Name. Warum haben Sie die Beiträge unter einem Pseudonym publiziert?

Weil ich nur so weiter ganz normal meiner Arbeit nachgehen kann. Ansonsten hätte die Gefahr bestanden, dass sich Frauen vielleicht fürchten, ich könnte über sie schreiben. Der Kreisssaal muss ein geschützter Raum sein.

…ein geschützter Raum, in dem Gebärende die vielleicht intensivsten Erfahrungen ihres Lebens machen. Als Hebamme sind Sie mittendrin. Beflügelnd oder kräfteraubend?

Beides. Von den schönen Erfahrungen zehre ich, lasse mich mittragen von den Glücksgefühlen und der allumfassenden Liebe, die bei Geburten den Raum erfüllt und die Eltern überrollt. Aber natürlich erlebe ich auch traurige Geschichten, weine und fühle mit. Es gehört jedoch zum Beruf, dass man sich auch abgrenzen kann und darf, und man deswegen seine Arbeit nicht mit weniger Herzblut ausübt.

Ihr Weg zum Hebammenberuf war alles andere als geradlinig. Sie haben erst ein Jura-Studium absolviert, bevor Sie in der Geburtshilfe gelandet sind ...

Richtig. Wobei ich eigentlich immer schon Hebamme werden wollte. Meine Oma hat oft von ihrer Mutter, die diesen Beruf ausgeübt hat, erzählt. Zudem konnte ich schon als Kind meinen Blick kaum von schwangeren Bäuchen abwenden. Nach dem Abitur habe ich mich dennoch für ein völlig anderes Studium entschieden. Warum kann ich gar nicht mehr sagen, es war wohl eine gehörige Portion Vernunftdenken im Spiel. Aber mit dem Herzen war ich nie richtig dabei. Nach dem Abschluss habe ich mir dann gedacht: Jetzt oder nie! Während meine Kommilitonen erst mal in den Urlaub gefahren sind, habe ich ein Praktikum als Hebamme gemacht. Bereits am ersten Tag wusste ich: Hier bin ich richtig!

Inzwischen sind zehn Jahre vergangen. Haben Sie Ihre Entscheidung jemals bereut?

Nein. Es mag kitschig klingen, aber ich denke, ich habe vielleicht die Chance auf ein hohes Gehalt verspielt, doch im Hebammenberuf meine Bestimmung gefunden. Man erlebt so viele berührende Momente und Ausnahmesituationen, etwa die extreme Frühgeburt eines kleinen Jungen, der mit 410 Gramm auf die Welt gekommen ist und überlebt hat, Frauen, die in der Schwangerschaft mit einer HIV- oder Krebsdiagnose konfrontiert werden oder junge Mütter, die unter Schmerzen ein Kind zur Welt bringen, um es danach zur Adoption freizugeben. Solche Begegnungen sind bisweilen schmerzhaft, aber ich freue mich, wenn ich den Betroffenen zur Seite stehen kann. Andererseits hat sich mein Blick auf die Arbeit im Laufe der Zeit natürlich verändert.

Inwiefern?

Dass selbst der Hebammenberuf nicht jeden Tag superemotional ist, und es viel Papierkram zu erledigen gibt. Ich mache mir jetzt eher Gedanken über die Altersvorsorge als früher oder darüber, dass der Job körperlich anstrengend ist und ich ihn vielleicht nicht bis zur Rente ausüben kann. Unterm Strich macht mir meine Arbeit unglaublich grossen Spass, auch wenn ich sie an manchen Tagen verfluche.

Was für Tage sind das denn?

Jene, an denen die Belastung extrem hoch ist, nicht zuletzt aufgrund des akuten Hebammenmangels in Deutschland. Ich betreue teilweise sieben Geburten in einer Nacht und komme an meine Belastunggrenze. Dann kriege ich durchaus mal Angst, etwas zu übersehen oder einen Fehler zu machen. In meiner Arbeit geht es nicht wie bei anderen um den Leistungsdruck, ob eine Präsentation gut ankommt oder nicht, es geht um Menschenleben.

In einer Ihrer Kolumne schreiben Sie, dass aus Ihrer Sicht drei Dinge das Gebären in den vergangenen Jahren massiv verändert hätten: der Wunschkaiserschnitt, die PDA und das Smartphone. Die beiden ersten Punkte leuchten ein, aber inwiefern das Smartphone?

Es ist einfach omnipräsent. Und ich muss gestehen, dass ich das gar nicht so gut finde. Jede Kindsbewegung und Wehe wird in einer App gespeichert und später beim Stillen getrackt, welche Brust zuletzt gegeben wurde. Nicht wenige verlassen sich mehr auf ihr Handy als auf ihr Körpergefühl, das finde ich schade. Nicht anders ist das während der Entbindung. Ich erlebe immer wieder Väter, die ihr Kind nur durch das Display betrachten und noch bevor sie es berührt haben, bereits die ersten WhatsApp-Nachrichten verschicken.

Werdende Eltern haben heute vielfältige Möglichkeiten, sich auf die Geburt vorzubereiten. Erleichtert oder erschwert das die Arbeit der Hebammen?

Natürlich ist es positiv, dass Eltern und Frauen heutzutage einfachen Zugriff auf Wissen haben. Allerdings kursieren im Internet auch viele Fehlinformationen und viele Foren fördern eher die Unsicherheit als sie auszumerzen. Zudem habe ich das Gefühl, dass den Frauen suggeriert wird, sie könnten alles minutiös planen. Ich denke aber, man muss akzeptieren, dass eine Geburt eines der wenigen Ereignisse im Leben ist, in denen der Körper das Ruder übernimmt und nicht alles durch den Geist kontrollierbar ist.

Haben Sie sich eigentlich schon mal Gedanken gemacht, was Ihnen wichtig wäre, wenn Sie ein Kind zur Welt bringen?

Die Frage stellt man sich natürlich. Wo man sich selber einsortieren würde zwischen all den Geburten, die man erlebt hat. Wünschen würde ich mir natürlich eine unkomplizierte und schöne Entbindung, vielleicht sogar zu Hause. Aber wo und wie auch immer, eine gute und respektvolle Betreuung wäre mir auf jeden Fall wichtig. Als Single-Frau Mitte 30 bewegen mich aber vordergründig andere Aspekte.

Zum Beispiel?

Etwa jene nach der Grösse meines Kinderwunsches, und wie weit ich bereit wäre dafür zu gehen, sollte ich alleinstehend bleiben. Käme eine Samenspende für mich infrage, das Einfrieren von Eizellen, eine Adoption, ein Pflegekind? Würde ich den Weg von anderen Frauen gehen wollen, die ich schon begleitet habe, und die mit über 50 Jahren Mütter geworden sind? Ist das emanzipiert oder egoistisch? Würde ich kinderlos glücklich werden? Das sind Fragen, die mich beschäftigen, die ich derzeit jedoch nicht eindeutig beantworten kann. Man kann schliesslich nicht alles planen und vorhersehen. Dementsprechend bin ich gespannt, was das Leben in Zukunft noch für mich bereithält.

Erst mal steht das Erscheinen Ihres ersten Buches an. Worauf können sich die Leser freuen?

Auf heitere und spannende Geschichten aus dem Kreisssaal und Wochenbett, auch wenn sich Geburtsverletzungen, Wochenbettdepression und Geburtshilfe in Entwicklungsländern erst mal nicht so lustig anhören, ein versöhnliches Augenzwinkern ist immer dabei. Der bewährte Kolumnenstil bleibt ebenfalls erhalten.

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