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Interview Michael Hammerschmid

Warum Kinder Gedichte brauchen

Mit Kindern in die Welt der Lyrik eintauchen? Unbedingt, meint der preisgekrönte Kinderlyriker Michael Hammerschmid. Ein Gespräch über traurige Ohren, das Auswendiglernen von Gedichten und Fingerspiele als Sprach-Figurentheater für Kinder.

Michael Hammerschmid spricht kurz vor seiner Abreise nach Paris mit mir. Klug, engagiert, warmherzig und mit Humor – so ist er mir schon vorher aufgefallen und dieses Gefühl bestätigt sich auch während des Telefonats. In Wien lebt und arbeitet der in Salzburg geborene Lyriker, der sich aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln mit dem Reimen und mit Gedichten für Kinder beschäftigt. (Hier direkt zu zwei Beispiels-Gedichten von Michael Hammerschmid springen!)

wir Eltern: Herr Hammerschmid, warum sollten Kinder Gedichte hören und lesen?
Michael Hammerschmid: Weil die Ohren ein Gedächtnis haben und lernen können, indem sie hören, und weil Kinder, die nichts zu hören bekommen, was Spass macht oder interessant, eigenartig und zauberhaft ist, traurige Ohren bekommen. Mit den Augen und dem Kopf ist es dasselbe. Kinder brauchen Gedichte. Denn Gedichte sind Sprachkunst auf engem Raum mit grosser Weite. Und wie gut sind Gedichte erst zum Lesenlernen!

Ah, das ist ein interessanter Gedanke. Soweit ich weiss, gibt es zwar viele Gedichtanthologien für Kinder, aber wenig Erstlesebücher mit Gedichten.
Den Eindruck habe ich auch, dabei läge ein grosses Potenzial in Gedichten, das hoffentlich künftige Erstlesebücher mehr ausschöpfen werden. Denn man wiederholt Gedichte ja gerade beim Lesen, man merkt sie sich, man hat sie in der Tasche bei sich, man liest sie ausgezeichnet mit den Fingern und ist so ganz Gedicht.

Viele von uns haben in der Schulzeit lange Gedichte auswendig lernen müssen. Das verdirbt oft die Lust an der Lyrik. Wie geht man vor, um Kindern Lyrik zugänglich zu machen?
Mit der grössten Selbstverständlichkeit, mit Leichtigkeit, mit Humor, mit nichts als einem Gedicht, das für sich spricht. Ich glaube nicht, dass das Auswendiglernen schlecht für den Zugang zu Gedichten ist. Die Frage ist einzig und allein, wie man dieses Auswendiglernen beginnt und motiviert. Ein Gedicht, das man ganz für sich hat, weil man es auswendig kann, ist schon ein schöner Schatz.

Eine Möglichkeit wäre vielleicht, ein Gedicht pro Woche jeden Morgen vorzulesen oder vorzutragen?
Ja, die meisten Kinder lernen generell leicht und die Wiederholung hilft. So erreichen sie Kinder. Wichtig ist, dass es nicht als Zwang, sondern als Freiheit und etwas Staunenswertes erfahren wird. Im Kollektiv, sozusagen im Chor könnte man sich das auch gut vorstellen. So kommen auch die Kinder, denen es schwerer fällt, in den Rhythmus und es fällt gar nicht so auf, falls sie mal einen Hänger haben.

Aber morgens nur einem Gedicht vor dem Unterricht zu lauschen, ist auch eine Bereicherung.
Ja, nicht weniger schön ist es, ein Gedicht nur anzuhören oder zu lesen. Das Kindergedicht wird zugänglich, wenn es gut geschrieben ist, die Erwachsenen es mögen und wenn die Kinder das auch merken. Dann wird es ein Teil von Alltag und Schule. Ein Leben mit Gedicht.

In jeder Sprache gibt es Reime, die über Generationen weitergegeben werden. Welche Funktion haben diese Reime und Verse?
Vielleicht verhält es sich mit Reimen und Versen ein wenig wie mit Sprichwörtern. Sie sind plastisch-bildlich, akustisch-sinnlich, gewissermassen praktisch und doch nicht auf einen einzelnen Sinn herunterzubrechen. Sie beinhalten immer ein bisschen mehr als das, was man darunter versteht oder aufschlüsseln kann. Für mich sind sie die kleinen Geschwister der Gedichte.

Viele Eltern nutzen zum Beispiel Fingerverse in der Kommunikation mit ihrem Baby. Warum fällt das mit einem solchen Vers so einfach?
Das Gesicht und die Finger gehören zu den ausdrucksstärksten Körperteilen. Die Finger sind ein Wunderwerk an Ausdruckskraft und Geschicklichkeit. Das Ausdrucksspektrum des Gesichts ergänzt das noch, denn kein Finger- ohne Mienenspiel. Diese Kombination ist gewissermassen unschlagbar, gäbe es da nicht den Tanz, bei dem der ganze Körper zum Einsatz kommt.

Aber das Fingerspiel fokussiert die Aufmerksamkeit aufs Kleine, aufs Überschaubare, ein Sprach-Figuren-Theater für Kinder. Das Sprechen, die Worte und Wendungen des Verses und des gesamten Gedichtes bekommen Körperrhythmus. Dabei wird Sprache körperlich und der Körper wird sprachlich, denn die Finger tanzen mit.

Wie würden Sie dieses Volksgut abgrenzen von Gedichten, die Sie und andere zeitgenössische Autoren verfassen?
Kleine Reime und Verse haben nicht selten einen konkreten Kontext, in dem man sie verwenden kann. Sie sind gewissermassen situativ konnotiert, während Kindergedichte sich, auch wenn sie ähnlich situativ angelegt sein können, aus dem Alltagskontext lösen, also eher ein Gegenüber zu diesem bilden. Pädagogisches, Ratschläge und Ähnliches finden sich in Reimen und Versen eher und anders als in heutigen Gedichten, die den aufklärerisch-pädagogischen Impetus wohl eher unterwandern und infrage stellen möchten.

Kinderlyrik ist ein Nischenmarkt. Bleibt das so oder sehen Sie ein wachsendes Interesse und wenn ja, warum?
Kinderlyrik liegt am Beginn literarisch-künstlerischer Bildung. Gleichzeitig stellt sie diese elementar in Frage. Aus dieser Spannung heraus ist sie ein Gut und eine Form der Freiheit, die der Mensch braucht, um sich geistig und menschlich zu entwickeln. Das erkennen insbesondere kleinere Verlage, die sich nicht dem Marktdruck beugen. Solange diese finanziell gefördert werden, steckt in der Nische das Potenzial der Veränderung. Mehr ist von Kunst nicht zu erwarten.

Im Jungbrunnen-Verlag erscheint Anfang nächstes Jahr ein Kindergedichtbildband «Wer als erster?» von Ihnen. Ein kleiner, sehr engagierter Verlag, oder?
Ja, auf alle Fälle. Ich kenne den Verlag, seit ich lesen kann. Und weil Sie vorhin fragten: Das Interesse an Kinderlyrik, scheint mir, ist durchaus gestiegen. Doch darf man den Markt nicht mit substanziellem Interesse verwechseln. Wahres Interesse zeigt sich allein am lustvollen Umgang, in der kritischen Auseinandersetzung, diese kann von Einzelnen jederzeit erlebt und erfahren werden. Die Nische ist immer eine Auszeichnung. Das Interesse hängt immer vom Einzelnen ab. Das heisst, los, sofort, wann immer es passt, zum Gedicht!

Wie unterscheidet sich zeitgenössische Kinderlyrik von früheren Gedichten, die Kinder ansprechen sollten?
Ich bin kein Kinderlyrik-Forscher, sondern Dichter, der Gedichte für Kinder und Erwachsene schreibt. Aber ich weiss – vor ein paar hundert Jahren gab es das Kindergedicht noch nicht. Ich glaube, das Ziel müsste sein, dass es das Kindergedicht wieder nicht gibt, weil jedes Gedicht als Gedicht wahrgenommen wird, egal, an wen es sich richtet. Davon sind wir noch ein gutes Stück entfernt.

Welche Themen behandeln Ihre Gedichte für Kinder – und welche nicht?
Meine Gedichte behandeln keine Themen. Ich würde eher umgekehrt sagen, die Themen behandeln meine Gedichte. Ich kann mir kein Thema vorstellen, das nicht ins Gedicht dürfte. Würde ich sie thematisch denken, käme das einer Einschränkung gleich. Anderseits: Es gibt doch auch Gedichte, die ich thematisch schreibe. Ein Gedicht über den Schlaf beispielsweise. Aber es muss schon sehr viel passiert sein, damit ich das weiss. Und ich darf es nicht zu sehr wissen.

Ja, das ist der schöpferische Prozess, in den man sich begibt, oder?
Genau, das Wissen kommt letztlich vom Gedicht, das heisst in der Bewegung des Schreibens, und nicht von mir. Oft entsteht übrigens gerade dann, wenn ich zu wissen glaube, wohin es geht, ein anderes Gedicht.

Dichten Sie anders für Kinder als für Erwachsene?
Ja und nein. Das ist eine Frage, die für mich sehr schwierig zu beantworten ist. Denn im Ergebnis scheint der Unterschied doch relativ evident. Gleichzeitig scheint mir dieser Unterschied irrelevant. Ich kann also doch eher nur antworten, ich weiss es im Grunde nicht.

Welche Kanäle sind wichtig, um Ihre Werke zu den Kindern zu bringen?
Jede Form der Vermittlung hat seine Qualitäten und auch seine Grenzen. Überall entfaltet sich das Gedicht auf eine eigene Weise. Ich vermute, dass das Kindergedicht gerade im und seit dem Lockdown nun stärker im Internet präsent ist. Doch das Buch ist als Medium neben der Lesung für mich immer noch die sinnlichste und gültigste Form.

Wenn Sie an Ihre eigene Kindheit zurückdenken: Welche Rolle spielten Reime, Verse und Lieder in Ihrem Elternhaus?
Meine Mutter erfand unentwegt neue Worte und wir spielten immer mit der Sprache. Mein Vater schätzte Gedichte, zitierte dann und wann gerne Verse. Mit meiner Mutter sang ich Lieder vor dem Einschlafen, weil ich singen lernen wollte. Und in meiner Schulklasse sangen auch alle, so kam es mir zumindest vor. Ich erinnere mich auf jeden Fall, dass das gemeinsame Singen sehr schön für mich war.

Mochten Sie es als Schüler, Gedichte auswendig zu lernen und aufzusagen?
Ja, ich mochte das schon. Wir spielten zum Beispiel Fontanes Ballade «Die Brück’ am Tay» im Gymnasium, jeder konnte einen Teil auswendig. Das gefiel mir sehr. Ich wusste auch schon sehr früh, dass ich Schriftsteller werden wollte. Die Schulbücher waren voller Literaturauszüge und Gedichte. Sie las ich immer und immer wieder. Zu Hause gab es Heinrich Heines «Buch der Lieder», Rainer Maria Rilke, Georg Trakl, Christian Morgenstern und andere Lyriker. Ich wollte auch Gedichte schreiben.

Wie wachsen Kinder eines Dichters auf: Wird in Ihrem Familienalltag ständig rezitiert und gereimt?
Einerseits reden wir viel über Sprache, Literatur und spielen ständig mit Worten. Meine Kinder sehen mich schreiben am Tisch oder im Stehen schreibend, auf gemeinsamen Wegen stehen bleiben und lesen oder Bücher kaufen, tragen und lesen. Auch dann und wann ein Gedicht vorlesen, manchmal auch die eigenen, um zu spüren, ob ich das kann. Denn wenn die Stimme nicht mitmöchte, dann ist das Gedicht nicht gut.

Ist das so, dass Sie beim Schreiben in einem anderen Zustand sind und das nicht so deutlich spüren?
Ja, beim lauten Vorlesen erst, wenn es sich komisch anfühlt, dann weiss ich, dass etwas noch nicht stimmt.

Was fällt Ihnen zu Ihren Kindern in Sachen Lyrik ein?
Dass sie, wie alle Kinder, die besten Lyrikerinnen sind. Denn nach H.C. Artmann muss man ja nicht einmal ein Gedicht geschrieben haben, um Dichter zu sein. Und darüber hinaus schreiben sie auch selber Gedichte.


So dichtet Michael Hammerschmid:

«heute»

heute bist du schon
mit mama weg
und ich sitz da
wie ein depp
und die stille ist
sehr schön
und will dich doch
schon wiedersehen.

«genaue schnecken»

alles kracht
aufgewacht
die bilder kommen
schnell herein
die menschen können
schrecklich sein
alles kracht
aufgewacht
wir lassen
uns nicht schrecken
wir bleiben genaue
schnecken
schauen hin
hören genau
denken nach
bleiben schlau
schau
schau
schau!

Beide Gedichte stammen aus dem Buch: Michael Hammerschmid/ Rotraut Susanne Berner (Ill.): «Schlaraffenbauch. Gedichte», Büchergilde Gutenberg, 2018.

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