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Schwangerschaft

Warum Babybäuche so lange versteckt wurden

Jahrhundertelang sah man kaum schwangere Frauen auf Bildern, ihre Bäuche wurden unter wallenden Gewändern versteckt oder wegretuschiert. Heute ist der Babybauch allgegenwärtig. Was ist passiert?

Wenn man Menschen nach schicksalhaften Momenten fragt, wissen sie oft noch genau das Datum und sogar den Wochentag, an dem sich ihr Leben in Davor und Danach teilte. Die Geschichte der Darstellung schwangerer Frauen, lange rar, heute allgegenwärtig, hat auch so ein Datum: Es ist der 10. Juli 1991, ein Mittwoch. An diesem Tag erschien in den Vereinigten Staaten die neue Ausgabe der «Vanity Fair». Doch nur in New York lag das Magazin so auf wie immer, andernorts war das Heft in Plastik eingeschweisst, das Cover fast vollständig bedeckt. Man muss zurückspulen in eine Zeit lange vor Smartphone und Social Media, um zu verstehen, warum damals so viel Aufhebens gemacht wurde um das, was darunter war: die Schauspielerin Demi Moore, 28 Jahre jung, die nackten Brüste mit den Händen bedeckt, vor allem aber: schwanger.

Auf der Redaktion von «Vanity Fair» schien man sich des Risikos durchaus bewusst gewesen zu sein, das man damals mit dem Bild der Fotografin Annie Leibovitz einging: Man sei willens, einen Verlust von bis zu 40000 weniger verkauften Ausgaben in Kauf zu nehmen, wurde die Chefredaktorin Tina Brown am folgenden Tag in der «New York Times» zitiert. Die mediale Wucht, mit der die Fotografie eingeschlagen hatte, dürfte allfällige Einbussen wettgemacht haben. Kaum ein Fernsehsender, eine Radiostation, eine Zeitung, die damals nicht über den nackten Babybauch berichtet hätte.

Die schwangere Demi Moore hat sich längst ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, sie ist bis heute unzählige Male nachgeahmt und parodiert worden. «Das Bild leitete eine ganz neue Sichtbarkeit schwangerer Frauen ein», sagt die britische Kunsthistorikerin Karen Hearn. «Es war ein Paradigmenwechsel.» Natürlich hatte man auch in den Jahren zuvor immer häufiger Bilder schwangerer Frauen gesehen – doch keines mit vergleichbarer Reichweite und internationaler Ausstrahlung. Nun aber war es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch werdende Mütter ohne Hollywoodstatus ihre Schwangerschaft mit der Kamera festhalten und mit der Öffentlichkeit teilen würden.

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Die Fotografin Annie Leibowitz brach für «Vanity Fair» vor 30 Jahren ein Tabu.

Porträts ohne Babybäuche

Karen Hearn beschäftigt sich seit vielen Jahren damit, wie Schwangere in der Kunst dargestellt werden – oder eben nicht. Frauen verbrachten zwar viele Jahre ihres Lebens in Erwartung, und Familien mit neun, zehn oder auch zwölf Kindern waren bis ins 20. Jahrhundert keine Seltenheit. Dennoch förderte Hearns Blick zurück in ein halbes Jahrtausend britischer Porträtmalerei erstaunlich wenige Babybäuche zutage.

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In diesem Porträt von 1919 kaschierte Amedeo Modigliani die Schwangerschaft seiner Geliebten, Jeanne H-buterne, unter dem lockeren weissen Hemd.

Alles, was auf sexuelle Aktivität hindeutete, war inakzeptabel.

Möglichst vorteilhaft

Gründe gibt es dafür mehrere: Den Instapics von heute gar nicht unähnlich, waren auch Eliteporträts nicht in erster Linie realitätsnahe Abbildungen, sondern kuratierte Werke. «Pockennarben wurden ebenso weggelassen wie ein sich abzeichnender Bauch», sagt die einstige Kuratorin für britische Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts am Tate Britain in London. Schliesslich wollte man die überdauernde, vorteilhafte und angemessene Repräsentation eines geliebten Menschen und keine Momentaufnahme – und schon gar keine Ermahnung an die Umstände, die vielleicht kurz darauf zum Tod geführt hatten. «Die nahende Geburt war stets begleitet von der Sorge, dass die Mutter diese nicht überleben würde.»

Einfluss hatten natürlich auch Gesellschaft und Religion: So wurden Schwangere noch im 16. Jahrhundert manchmal sogar mit übertrieben grossen Bäuchen gemalt. «Die Protestanten lehnten die Vorstellung der Katholiken ab, dass Jungfräulichkeit ein spirituell überlegener Zustand sei», erklärt Hearn, aus deren Forschung kürzlich die Ausstellung «Portraying Pregnancy: From Holbein to Social Media» am The Foundling Museum in London hervorgegangen ist. «Für sie bedeuteten vorrangig Heirat und das Zeugen von Kindern, dass man Gottes Wille ausführte.»

Später liessen sich Schwangerschaften immer weniger eindeutig ausmachen, wobei auch Modetrends hineinspielten: So brachte die französische Gemahlin von Charles I. um 1620 einen neuen Stil an den Hof in London, sodass man dort nicht mehr so eng Geschnürtes, sondern lieber lose Gewänder tragen wollte, unter denen sich die Figur nicht so klar abzeichnete. Solche zog auch Anthony van Dyck vor, der Starporträtist jener Zeit: Sie liessen sich schneller malen als die detailreichen Kostüme, die manches Model vielleicht tatsächlich trug.

Dafür wurde eine Schwangerschaft nun öfter mit Symbolen angedeutet, einem Getreidehalm am Mieder, einer Rose, einer Hand auf dem Bauch. Im 18. und 19. Jahrhundert aber verschwanden selbst subtilste Hinweise aus solchen Porträts. «England durchlief damals eine sehr konservative, sehr prüde Phase», erklärt Hearn. Alles, was auch nur im Entferntesten auf sexuelle Aktivität hindeutete, war inakzeptabel.

Spätestens die Verbreitung der Fotografie würde an diesem Versteckspiel etwas ändern, sollte man meinen; der Bauch liess sich ja nun nicht mehr mit ein paar Pinselstrichen übermalen. Doch habe man sich einfach damit beholfen, Schwangere ab dem dritten Monat nur noch vom Hals aufwärts abzulichten, erzählt die heutige Honorarprofessorin. Selbst um die Jahrtausendwende noch – Hearn hatte eben mit ihrer Forschung begonnen und in den Vereinigten Staaten eine Reihe von Vorträgen dazu gehalten – sei das Thema gerade dem älteren Publikum nach wie vor unangenehm gewesen. «Meine Arbeit wurde lange als exzentrisches Hobby betrachtet.»

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Anthony van Dyck deutete die Schwangerschaft seines Models, Königin Henrietta Maria, in diesem Porträt von 1636 durch die Haltung ihrer Hände nur an.

Der Bauch als Objekt

Steht Demi Moore für die britische Kunsthistorikerin am Ende eines langen Blickes zurück, beginnt für die amerikanische Wissenschaftlerin Maureen Lehto Brewster mit dem Hollywoodstar alles erst. Brewster hat an der renommierten Parsons School of Design in New York Mode studiert und untersucht seit einigen Jahren, wie schwangere Celebrities heute in den Medien dargestellt werden. Das Interesse geweckt hatten 2013 die Reaktionen auf die Schwangerschaft von Reality-TV-Stars Kim Kardashian und der Herzogin von Cambridge, die damals beide ihr erstes Kind erwarteten. So unterschiedlich die Frauen auch gewesen seien, schien es doch keine der Öffentlichkeit recht machen zu können, gerade, was Kleidung und Körpergewicht betraf, erzählt sie. «Ich war entsetzt über die Häme, die den beiden entgegenschlug.»

Grundsätzlich störe der Babybauch heute zwar niemanden mehr, sagt Brewster, die derzeit an der Universität Georgia an ihrer Dissertation arbeitet. Gleichzeitig sei Schwangersein nach wie vor nicht einfach ein Zustand – sondern etwas, das man nach bestimmten Vorgaben zu sein habe. Dazu gehört die richtige Inszenierung des schwangeren Körpers: «Die ideale Schwangere ist gertenschlank und sieht aus, als hätte sie einen Basketball verschluckt.» Der Bauch sei zum Objekt geworden, bei dessen Darstellung man viel falsch machen könne: Nicht zu klein soll er sein und nicht zu gross, gerne nackt, aber straff und schwangerschaftsstreifenfrei, am besten von der Seite abgelichtet.

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Referenz auf das ikonische Demi-Moore-Bild: Graffiti-Künstler Pegasus sprayte die schwangere Herzogin von Cambridge auf eine Londoner Hauswand.

Statussymbol Babybauch

«Der Babybauch ist die neue Birkin», zitiert Brewster die amerikanische Rechts- und Politikwissenschaftlerin Renée Ann Cramer, die sich sehr kritisch mit dem Thema auseinandersetzt – der begehrten Handtasche gleich also Modeaccessoire und Statussymbol. Wer vom vorgegebenen Protokoll abweiche, müsse zudem nicht nur mit Beleidigungen rechnen, sondern sogar mit dem Vorwurf, sich nicht zur Mutter zu eignen.

Zur Ironie neu gewonnener Freiräume gehört, dass man sie gerne zur Pflicht macht. Das zeigt Brewster am Beispiel von Beyoncé: Als die Sängerin ihr erstes Kind erwartet habe, habe sie ihre Schwangerschaft kaum öffentlich gemacht, schreibt die Forscherin in einer Arbeit. «Mit der Konsequenz, dass sich in manchen Kreisen bis heute hartnäckig das Gerücht hält, sie habe ihre Tochter gar nicht selbst ausgetragen.»

In der zweiten Schwangerschaft liess Beyoncé keinen Zweifel daran, dass sie daraus gelernt hatte: Mit einem Post auf Instagram verkündete sie der Welt die nahende Geburt ihrer Zwillinge; es war ein Bild, das in Aufwand und Symbolträchtigkeit den einstigen Eliteporträts am britischen Hof in Nichts nachstehen dürfte, ein Werk der Künstlerin Awol Erizku, das in Windeseile um die Welt ging, der Superstar mit nacktem Babybauch.

Beyoncé hielt die Zügel des Narrativs dieses Mal fest in der Hand. Gleichzeitig beugte auch sie sich nun dem Druck, Einblick in ihre Schwangerschaft zu gewähren, auch sie bewegte sich dabei im engen Rahmen der genehmen Darstellungsformen. Ob das nun Freiheit ist, sei dahingestellt.

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