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Vaterwerden

Vom Mann zum Vater: Nicht nur einfach

Papa werden ist leichter als Papa sein. Unzählige Väter haben grosse Anlaufschwierigkeiten, wenn das erste Kind zur Welt kommt. Unterstützung suchen sie kaum. Das muss sich ändern.

Wird eine Frau schwanger, mutiert sie zum Dreh- und Angelpunkt eines blühenden Industriezweiges. Gynäkolog* innen, Hebammen, Geburtshelfer* innen, Still- und Mütterberatung, alle stehen sie in den Startlöchern für die Gebärende. Von der Schwangerschaft bis zum Stillen. In einem grossen Reigen umtanzen sie die werdende Mama, hegen, pflegen, beraten und umsorgen sie. Das ist in Ordnung so.

Denn der Schutz von potenziell verletzlichen Gesellschaftsmitgliedern ist eine biologische und kulturelle Errungenschaft. Ein archaisches Phänomen, das seit Urzeiten die Reproduktion der Spezies gewährleistet.

Vater steht am Rand

Weniger in Ordnung ist, dass in unserer modernen Gesellschaft für die jungen Väter ein Vakuum entsteht. Männer nehmen in ihrer Vaterfunktion eine seltsam unscharfe Rolle ein: Während die Frau als Mutter zum Brennpunkt wird, rutscht Papa an den Rand des Geschehens. Kein Männerarzt weit und breit, der sich mitfühlend um den Vater in spe kümmert. Niemand, der ihm bei den Umbrucherschütterungen von einem Leben ohne, zu einem Leben mit Kind beisteht. Päng! Für einen Mann ist plötzlich alles anders. Frust statt Feierabend, Krach statt Kuscheln, Schlafmangel statt Sport. Das schlägt mitunter aufs Gemüt.

Die promovierte Psychologin Fabienne Forster (31) nennt den Übergang zur Vaterschaft denn auch «Hochrisikophase». In ihrer Erforschung der «Vatersache» am Lehrstuhl für klinische Psychologie der Universität Zürich fand sie Bedenkliches: «Etwa 16 Prozent der Väter mit Kindern unter fünf Jahren erfüllen die Kriterien für eine Alkoholabhängigkeit und jeder zehnte Mann erlebt eine depressive Episode im Übergang zur Elternschaft», sagt die Forscherin. Der Anteil derartiger Gemütslagen bei Vätern sei fast doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung.

Elternschaft gehört zu den kritischen Lebensereignissen – wie ein Jobverlust oder der Tod eines nahen Angehörigen.

Viermal mehr Witwen

Stutzig machen auch Zahlen des Bundesamts für Statistik (BfS): In der Gruppe der 20- bis 50-Jährigen – notabene jene im Alter der Familiengründung – werden Frauen viermal häufiger zu Witwen als Männer zu Witwern. Natürlich ist diese Zahl nicht kausal verwendbar für die Vulnerabilität des Mannes bei der Familiengründung. Männer leben generell risikoreicher als Frauen. Trotzdem darf die Frage aufgeworfen werden, ob das Familienleben für Väter schädlicher ist als für Mütter: «Denn bei Frauen wird zwar generell eine doppelt so hohe Anzahl an Depressionen diagnostiziert – aber doppelt so viele Männer sterben in der Schweiz an Suizid», sagt Fabienne Forster.

Bislang lässt sich allerdings eher erahnen als belegen, dass Jungväter öfter hadern mit ihrer neuen Lebenssituation. Denn dass sich die Forschung überhaupt um die Belange der Väter bemüht, ist relativ neu und die Datenlage zur psychischen und physischen Gesundheit von Papas bis anhin mager: «Rund 90 Prozent der Forschung zur elterlichen Befindlichkeit und den Einfluss auf die Familie betrifft Mütter, nur 10 Prozent die Väter», bedauert Fabienne Forster. Der Vater, der dunkle Kontinent.

Um diesen Mangel zu beheben, brauche es gesamtgesellschaftliche Bemühungen, sagt Fabienne Forster. So könne man mit einfachen Fragebögen für Väter (und Mütter) schnell erkennen, welche Eltern belastet sind und basierend auf Screenings das psychische Wohlbefinden mit fachlicher Hilfestellung verbessern. «Dazu müssen gesundheitliche Fachpersonen aus Geburtshilfe und Pflege ins Boot geholt werden.»

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Genügend ist gut genug

Auch der Fachmann für Männer- und Geschlechterfragen, Markus Theunert (47), beobachtet, dass Männer als Väter unter Druck geraten. Unter anderem deshalb, weil die Geburt eines Kindes zu einer starken Retraditionalisierung beitrage: «Natürlich finden fast alle das alte Ernährermodell gestrig – trotzdem wird es noch immer gelebt.» Und zwar überdeutlich, sagt der Leiter von Männer.ch, dem Dachverband progressiver Schweizer Männer und Väterorganisationen. So steuert die Frau für das Familieneinkommen nur 27 Prozent bei, 73 Prozent erwirtschaften die Väter. Das erzeugt Spannungen.

Tradition hat auch der Glückseligkeitszwang der Umwelt, die uns Vater- respektive Elternschaft als erstrebenswertes Ziel spiegelt. Ein Heilsversprechen, das in der Werbung meist in einer vor Glück platzenden Familienidylle gipfelt. Doch ein Besuch beim Fachpsychologen für Psychotherapie, Lucien Frisch-Volkert, liefert die Ernüchterung: «Elternschaft gehört zu den kritischen Lebensereignissen – genauso wie ein Jobverlust oder der Tod eines nahen Angehörigen», sagt der Fachmann.

Der 33-Jährige sitzt in seinem Büro bei der Fachstelle für Abhängigkeitserkrankungen in Bülach (fabb), wo er vornehmlich Männer, viele davon Väter, berät. Es ist jene Klientel, die vom Feierabendbier zur täglich geleerten Flasche Wodka, vom Wochenend-Schnupf zum intensiven Kokain-Konsum schlitterten. Ein Kind ist manchmal der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. «Schlafmangel, Stress, die Dynamik, wenn aus zwei, drei werden ist eine äusserst strenge Reorganisationsphase», erklärt Lucien Frisch-Volkert. In seiner Dissertation setzte er sich intensiv mit dem Thema «Väterliche Psychopathologie» auseinander.

Gefühle nicht verdrängen

Wie aber können junge Väter sich selbst davor schützen, zu viel zu trinken, sich in die Arbeit zu verbeissen oder zu resignieren und die Traurigkeit überhandnehmen zu lassen?

Lucien Frisch-Volkert atmet tief durch: «Zunächst muss ein Mann das Marlboro-Männerbild entsorgen.» Denn es beruht auf einer Lüge: Kein Mensch schafft es, allein am Feuer sitzend unter dem Sternenhimmel seine Sorgen verrauchen zu lassen. Und das rund um die Uhr. Auch Männer sind soziale Wesen – facettenreich, berührbar, verletzlich. Die Krux: «Männer haben oft wenig Zugang zu den eigenen Emotionen», sagt Frisch-Volkert.

Das Verleugnen und Verdrängen der Gefühle aber führt in eine Sackgasse, wo scheinbar nur noch Alkohol den Druck zu lindern vermag. Deshalb legt der Psychologe den Ratsuchenden ans Herz, die Ansprüche an sich selbst herunterzuschrauben. Ein genügend guter Papa zu sein, genügt. Einen ausreichend guten Mitarbeiter am Arbeitsplatz abzugeben, ist gut genug. Wer wie Väter (Mütter natürlich auch) mehrgleisig fährt, muss das Tempo drosseln. Sonst entgleist er. «Gerade während der Elternschaft ist Perfektion hinderlich», gibt Lucien Frisch-Volkert zu bedenken.

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Verliere ich meine Freiheit? Bin ich ein guter Vater? Haben wir genug Geld? Der Druck von allen Seiten nimmt mit einem Kind zu.

Tabu Fremdgehen

Ein heikles Thema ist die Sexualität. Sexuell geraten Väter oft unter Druck. Schon während der Schwangerschaft entwickeln Männer manchmal die unberechtigte (!) Sorge, sie könnten beim Geschlechtsverkehr mit dem Penis den Kopf des Babys berühren oder die Geburt auslösen. Und ziehen sich deshalb körperlich von der schwangeren Partnerin zurück. Weil das Bedürfnis, sich in der Zeit um die Geburt herum mit Masturbation zu behelfen, ebenfalls schuld- und schambesetzt ist, folgt daraus wohl eines der härtesten Tabus rund um Vaterschaft: das Fremdgehen. Die Seitensprünge steigen auf bis das Fünfache, wie in einem Papier des Nationalen Programms MenCare Schweiz vermerkt ist.

Wenn dem Jungvater also niemand vermittelt, dass seine Lust auf Sex normal ist, er bei der fragilen Familiensituation mit dem Kuscheln in fremden Betten aber womöglich mehr Geschirr als nötig zerschlägt, wundert es nicht, dass ein Orkan durchs Familiennest fegt.

Gut zu wissen ist, dass die Zufriedenheit in der Partnerschaft und die Lebenszufriedenheit nach der Geburt eines Kindes generell zunächst abnimmt. «Das ist normal und es geht vielen so», sagt der Psychologe Lucien Frisch-Volkert.

Über den Schatten springen

Wichtig sei deshalb, über die Befindlichkeit zu reden. Mit der Partnerin und mit anderen Jungeltern. Aber Vorsicht, mahnt der Psychotherapeut: «Der Austausch mit anderen Eltern darf nicht in einer Konkurrenzspirale enden.» Statt mit der Genialität des eigenen Nachwuchses imponieren zu wollen, lieber ehrlich darlegen, welche Probleme einem gerade umtreiben.

Und wenn doch alles zu viel wird? «Über den eigenen Schatten springen und zeitnah fachliche Hilfe holen», rät Lucien Frisch-Volkert. Bevor Mann psychisch und physisch gegen die Wand fährt.


Hier bekommen Väter Unterstützung

Väter in der Krise suchen selten Unterstützung. Dabei gibt es durchaus Anlaufstellen für Männer. Zum Beispiel diese hier:

Männer.ch
männer.ch ist der Dachverband Schweizer Männer- & Väterorganisationen. Dieser bietet kostenlose Erstberatungen an und verweist in zahlreichen Links auf alle regionalen Beratungsstellen. ➺ männer.ch

Väter- und Mütterberatung
Der Schweizerische Fachverband für Mütterund Väterberatung verweist unter ➺ sf-mvb.ch > Für Eltern auf alle regionalen Mütter- und Väterberatungsstellen, bei welchen Eltern niederschwellig und schnell Hilfe finden.

Elternnotruf
Der Elternnotruf berät Väter und Mütter auch bei «kleinen» Problemen 24/7. Unter 0848 35 45 55, per Mail oder Face-to-Face. ➺ elternnotruf.ch > Angebot

Kriseninterventionszentren (KIZ)
Fast jeder Kanton verfügt über ein oder mehrere Kriseninterventionszentren, die rund um die Uhr niederschwellig Hilfe anbieten.

Pro Juventute
Unter ➺ projuventute.ch > Elternberatung finden Väter rund um die Uhr schnell, unkompliziert und kostenlos Ansprechpersonen. 058 261 61 61, elternberatung@projuventute.ch.

Casa Fidelio
Das Casa Fidelio unterstützt und begleitet suchtkranke Männer und ist die einzige, rein männerspezifische Institution in der Deutschschweiz. Casa Fidelio, Niederbuchsiten (SO), 062 389 88 77, ➺ casafidelio.ch

Postpartale Depression Schweiz Der Verein Postpartale Depression Schweiz bietet zahlreiche Infos, Tipps und Therapeut* innen-Listen und setzt sich dafür ein, dass betroffene Mütter und Väter rasch die richtige Hilfe finden. ➺ postpartale-depression.ch

Paarlife
Paarlife hilft dank Paartherapie und Workshops mit, die Partnerschaft zu stärken. ➺ paarlife.ch

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