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Familienferien

Familienferien, wo sonst kaum jemand hinreist

Eine junge Schweizer Familie verbringt Ferien in der zentralasiatischen Republik Kirgistan.

Ich liege im Gras, der Himmel ist blau, in weiter Ferne höre ich Kinderlachen, ich schliesse meine Augen, lasse mich fallen, die Kinder kann ich in Ruhe spielen lassen, unbesorgt, es gibt ja nichts, einfach frei sein, ich spüre den Wind, meine Haare bewegen sich, es ist still, ich halte inne, staune und bemerke – ich habe nichts und ich bin begeistert!

Wir brauchen keine Impfungen, aber Medikamente, gute Schlafsäcke, Zelt, Luftmatratze, Kleidung für warmes und kaltes Wetter. Windeln gibt es auch dort und das Visum ist vor Ort erhältlich. Wir starten in unsere letzte Reise als vierköpfige Familie, ich (34) bin mit dem dritten Kind schwanger.

In der Hauptstadt Bishkek angekommen, gibt es nun noch einiges zu erledigen; wir brauchen ein Mietauto, Kochutensilien, eine Landkarte, eine kirgisische SIM-Karte, eine Schaufel, damit wir uns jeweils unsere eigene Toilette schaufeln können, und die nötigsten Essensvorräte. Auf dem Osh Bazar will mein Mann Cédéric immer noch mehr kaufen, hier noch eine Emaille-Schüssel, da noch ein Messer. Gemütlich schlendert er von Stand zu Stand. Dean will vor allem im Hotelpool schwimmen und reklamiert. Sein Bruder Juul will gerade gar nichts mehr, er legt sich auf den Boden und schreit. Die Kirgisen bleiben stehen und starren uns an – Mist, kennen die das nicht? Ein Mann bringt ihm eine Banane, zwecklos, eine anderer redet wild auf uns ein. Es hört sich an, als möchte er uns einen Exorzisten vermitteln. Die Überreizung geht auch an mir nicht spurlos vorbei.

Zeit und Zwanglosigkeit

Im Hotel spielen die Jungs am liebsten schon frühmorgens Wrestling. An den Vorhängen im Zimmer wird Tarzan-Klettern geübt und um die gedeckten Tische im Restaurant spielen sie Fangen. Höchste Zeit, die wilden Löwen in die Freiheit zu lassen.

Die erste Fahrt führt uns über einen 3000 Meter hohen Pass. Oben fängt die Hochebene an, wo die Nomaden mit ihren Tieren leben. Unsere Kinder sind begeistert und staunen. Sieht es doch aus, als wären alle Tiere frei. Wie zu Indianerzeiten galoppieren die Pferde an uns vorbei.

Unbemerkt sind wir zu einer funktionierenden Einheit geworden.

Schon nach wenigen Tagen legt sich eine Ruhe über unsere Familie. Kein Fernseher, keine Spielsachen, kein Internet, keine süssen Verführungen an jeder Ecke. Aber dafür viel Zeit, Natur und Zwanglosigkeit, kein Überfluss, nur wir und Mutter Natur. Wie wunderbar auf einmal Reis mit Karotten und Tomaten schmecken, wie dankbar wir alle für dieses Essen sind. Einfach leben im Jetzt und Hier. Unsere Fantasie und die unserer Kinder erwacht, wir bauen ein Schiff aus Holz, das wir gefunden haben. Geschichten formen sich und werden euphorisch erzählt. Entzückt beobachten wir Marienkäfer beim Schlüpfen und fangen behutsam Heuschrecken ein. Wir haben Zeit einander zuzuhören, kein Multitasking, unser Verstand ist nicht mehr abgelenkt vom Rummel der Zivilisation und beginnt Neues zu sehen, Neues zu spüren und zu registrieren.

Kirgistan - 1

Viel Zeit, Natur und Zwangslosigkeit. Einfach leben im Hier und Jetzt.

Einfach aufatmen. Einfach sein in der Geborgenheit der Natur. Die Kinder mit uns und doch ohne uns, alles ein bisschen stiller, wir brauchen weniger Worte und verstehen uns dabei besser. Liebe umgibt uns überall und hier haben wir Zeit, dies wahrzunehmen.

Das grenzenlose Frei-Sein berührt mich, ich spüre es, eine Mischung aus Zittern, Flattern, Wärme und Dankbarkeit.

Auf einmal wird das Mithelfen zum Spass. Wer darf die Wäsche waschen, wer stellt das Zelt auf, wer kocht, wer geht die Kräuter für den Tee sammeln, wer pumpt die Luftmatratze auf? Die Grundbedürfnisse sind gedeckt und alle zufrieden. Unbemerkt sind wir zu einer funktionierenden Einheit geworden.

Alle paar Tage fahren wir ein Stück weiter, schlagen dort unser Lager auf, wo es uns gefällt. Auf einer Hochebene auf 3200 Metern über Meer dürfen wir bei einer kirgisischen Familie in einer Jurte schlafen. Die Kinder untereinander freunden sich schnell an, trotz der Sprachbarrieren.

Das Leben hier ist rau, kalt und hart. Der Duft von saurer Milch hängt in der Luft. Selbstverständlich arbeiten die Kinder mit, es gibt viel zu tun mit den Tieren. Die Jüngste mit ihren vier Jahren darf es noch ein bisschen gemütlich angehen. Aber auch sie ist schon sehr selbstständig und es scheint, als könne sie ganz gut selber für sich sorgen. Ganz nach dem Motto «lasst die Kinder in Ruhe». Während unserer Zeit dort höre ich sie nie jammern und schon gar nicht quengeln.

Einsichten fürs Leben

Ich liege im Gras, der Himmel ist blau, in weiter Ferne höre ich Kinderlachen, und ich nehme mir vor, meinen Kindern ein Vorbild zu sein. Statt ständig rumzunörgeln einfach dankbar zu sein. Verantwortung für mein Handeln und meine Gefühle übernehmen und mit viel Liebe mein Leben zu leben.

Ich bin fasziniert und hingerissen von der Landschaft. Es ist wie im Kino, die wilden Herden, die Lichtstimmungen am Himmel und über den Steppen, kleine Kinder, die alleine auf den Pferden galoppieren und das alles in einer fast greifbaren Ruhe.

Der Sternenhimmel nimmt mich mit auf eine Reise ins Unendliche. Die Bergseen summen ein Lied von Schönheit. Die Wüsten lassen mich dankbar still werden.

Die letzten Tage der Reise verbringen wir am Issyk Kul See – das kirgisische Meer. Wir tanken Sonnenstrahlen, schwimmen nackt im See und erfreuen uns noch einmal bewusst an der Freiheit in diesem wunderbaren Land. Diese Reise mit meiner Familie hat mich sehr berührt, tief in meinem Herzen.

Nach 14 Tagen geht es zurück in die Stadt, und es kostet mich Überwindung, mein Telefon anzuschalten und mich wieder von E-Mails, WhatsApp und Erwartungen einnehmen zu lassen. Weiss ich doch nun – hätte ich nichts von alledem, ich wäre trotzdem begeistert.

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