Menü
Tamera Titelbild

Gesellschaft / Alternative Lebensformen

Freie Liebe in Tamera

Eine einzige grosse Familie – das will die Gemeinschaft Tamera in Portugal sein. Hier wird alles mit allen geteilt: Kinder, Essen, Arbeit, Geld, ja, sogar die Liebe! Kann das gutgehen? Eine Woche bei Visionären.

Gemeinschaftlich und in Frieden miteinander zu leben – das scheint gerade sehr angesagt zu sein, jedenfalls bei jungen und alternativ angehauchten Menschen der westlichen Hemisphäre. Auf dem Land und in den Städten wird heute gemeinsam gegärtnert, Käse gemacht, werden Velos geflickt, Kinder gehütet. Neu ist das nicht. Von der Stammeskultur über die Grossfamilie bis zu den Kommunen, die schon vor mehr als 100 Jahren in Europa und den USA gegründet wurden – der Mensch weiss tief in seinem Innern, dass er ein Gemeinschaftswesen ist.

Doch ob Wohngemeinschaft oder Kleinfamilie, immer wieder kommt es zu Konflikten, wo Menschen unter Menschen sind. Hoffnungsvoll gestartete Projekte brechen auseinander,im schlimmsten Fall kommt es zum offenen oder versteckten Krieg zwischen den Parteien. Und wir ahnen, dass der Krieg im Kleinen den Krieg im Grossen widerspiegelt.

Das muss nicht sein. Davon zumindest ist die Gemeinschaft Tamera im Süden von Portugal überzeugt. 170 Menschen aus verschiedenen Ländern, vor allem aber aus Deutschland leben hier. Auf 150 Hektaren hügeligem Land, bauen einen Grossteil ihres eigenen Essens an. Produzieren eigene Energie. Seit bald 40 Jahren. Und forschen unermüdlich am Projekt einer freien, friedlichen und gewaltfreien Gesellschaft, die weder die Erde selbst noch Menschen und Tiere ausbeutet.

Über allem: zwischenmenschliche Verbindlichkeit und Verantwortung.

Andy, 37: Ich bin 2010 das erste Mal nach Tamera gekommen und 2013 eingezogen, zusammen mit meiner Partnerin Marilo und unserem damals zweijährigen Sohn Neo. In Spanien hatten wir als Kleinfamilie gelebt; mit meinem Job im Marketing war ich der Haupternährer. Doch nach wenigen Monaten in dieser Rolle brach ich innerlich zusammen unter den Anforderungen, die diese Lebensform an mich stellte. Die Liebe zu Marilo war zwar da, aber ich merkte, unter diesen Umständen reichte die Liebe nicht. Wir suchten nach einem Lebensmodell, wo das kleine Familiensystem eingebettet ist in die nächste grössere Ordnung. So kamen wir schliesslich nach Tamera – und stellten fest, dass das Zusammenleben hier anders funktioniert als in den Gemeinschaften, die wir bisher kennengelernt hatten.

Die menschlichen Beziehungen stehen in Tamera im Zentrum der Aufmerksamkeit. «Es wird auf der Erde keinen Frieden geben, solange in der Liebe Krieg herrscht», sagt Sabine Lichtenfels, Mitbegründerin von Tamera. Seit Beginn befasst sich die Gemeinschaft mit der freien Liebe und hat untersucht, wie die Beziehungen von Verlustangst und Eifersucht befreit werden können. Es besteht in Tamera ein Konsens darüber, dass etwas nicht stimmt mit einer Gesellschaft, in der die Liebe in den Käfig der Zweierbeziehung gesperrt wird, dafür Pornografie und Prostitution umso mehr florieren. «Wir verstehen die freie Liebe als ein System des Vertrauens, wo Ehrlichkeit und Wahrheit unter den Liebenden möglich ist», sagt Benjamin von Mendelssohn, der mit Sabine Lichtenfels die Globale Liebesschule leitet. «Damit nicht der Bratpfannen-Reflex ausgelöst wird, wenn der Partner zugibt, dass er auch ein sexuelles Verlangen nach einer anderen Frau hat.» Oder gelogen und betrogen wird, was das Zeug hält.

Doch Wahrheit und Vertrauen müssen gelernt werden, gerade bei einem Thema wie der Liebe. «Die Angst, im Vergleich mit jemand anderem nicht zu genügen und die Furcht, deswegen verlassen zu werden, sitzen derart tief, dass man sie nicht durch eine Ideologie einfach wegmachen kann», sagt Lichtenfels. «Heilung kann nur durch echte Arbeit am Trauma des Menschen geschehen.» Tamera nimmt sich dem Thema in der Gemeinschaft an. Zum Beispiel in der Sozialzeit, zu der man sich wochentags um 16.30 Uhr in Gruppen von 25 bis 40 Leuten trifft. Hier wird der Alltag organisiert und über Themen reflektiert, die alle betreffen. Zwischenmenschliche Konflikte werden im sogenannten Forum auf die Bühne gebracht und oftmals theatralisch umgesetzt. «Dabei realisiert man, dass alle ähnliche Themen haben, für die wir gemeinsam Lösungen finden können», sagt Lichtenfels.

Andy: Als wir nach Tamera kamen, hatten Marilo und ich seit zehn Monaten keinen Sex gehabt. Mit der Unterstützung der Gemeinschaft begannen wir, unsere überfrachtete Beziehung auseinanderzufädeln. Von den Finanzen bis zum Anspruch, uns auch erotisch begehren zu müssen. Geblieben ist die Liebe und die Sicherheit, dass wir einander nicht verlassen müssen. Auch wenn wir intime Beziehungen zu anderen Partnern haben. Als sich Marilo nach einer Weile mir gegenüber wieder öffnete, merkte ich, dass dieses System für uns wirklich funktioniert.

Heute arbeitet Andy im Institut für Globale Friedensarbeit in Tamera und lebt mit Neo am «Platz der Kinder», einem von fünf «Ballungszentren» auf dem weitläufigen Gelände. Hier befindet sich die Kita für die Kleinsten, Göttergarten genannt, wo alles, was wächst, wie Rüebli oder Fenchel, gegessen werden kann. Ältere Kinder gehen in den Kindergarten, später in die Primaria, wo sie nach der Pädagogik von Maria Montessori lernen. Da sich Tamera an die portugiesischen Home-Schooling- Richtlinien zu halten hat, müssen die älteren Kinder regelmässig Prüfungen des portugiesischen Schulsystems ablegen. Die Gemeinschaft plant jedoch, eine internationale Schule zu gründen.

Knapp 30 Kinder unter 16 Jahren leben in Tamera. Die meisten von ihnen wohnen nicht am «Platz der Kinder», sondern bei ihren Eltern im «Solar Village» oder im «Aldeia de la Luz». Alle Kinder fühlen sich jedoch an mehreren Orten zu Hause – wie Neo, der regelmässig bei seiner Mutter ist, die in einer Hausgemeinschaft mit mehreren Erwachsenen und Kindern lebt. Am liebsten übernachtet er jedoch in der Kinderjurte; dort sind immer vier, fünf andere Kinder zwischen drei und zehn Jahren, die vor dem Einschlafen zusammen auf den Kajütenbetten herumturnen.

Das geflügelte Wort «Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf» ist in Tamera keine utopische Wunschvorstellung, sondern Alltag. Am Morgen werden die Kinder von Pädagogen betreut, an den Nachmittagen kümmern sich verschiedene Erwachsene um die Kinder. Das können Eltern sein, aber auch Menschen, die bereits Grosseltern sind oder solche, die sich mit dem eigenen Kinderwunsch auseinandersetzen. «Ein Neugeborenes herumzutragen eröffnet einen kosmischen Raum», sagt Jochen, 31, der im «Solar Village» gerade Abendessen für 40 Leute kocht, selbstverständlich nicht allein. Alle in Tamera haben abwechselnd ihre Koch-, Abwasch-, Aufräum-, Kloputz- oder Kinderhüteschichten. Die Tätigkeiten, denen die Leute hauptsächlich nachgehen, richten sich nach ihrem beruflichen Hintergrund – und nach den Bedürfnissen der Gemeinschaft.

Janos, 43: Bevor ich mit 29 Jahren nach Tamera gezogen bin, wollte ich keine Kinder haben, nicht in dieser Gesellschaft. Hier habe ich gesehen, dass Kinder nicht als Eigentum der Eltern betrachtet werden, sondern in einer altersgemischtenKindergemeinschaft aufwachsen, wo sie sich aneinander orientieren können und gleichzeitig von Eltern und anderen Erwachsenen unterstützt werden auf ihrem Weg zu eigenständig denkenden und handelnden Menschen. Das hat mir gefallen. Die Kinder übernehmen schon früh Verantwortung für ihren Alltag, wachsen aber nicht antiautoritär auf. In Tamera gibt es eine Elternschule, wo pädagogische Konzepte diskutiert werden, damit im Umgang mit den Kindern eine gewisse Übereinstimmung besteht.

Vor bald sieben Jahren haben sich Janos, seine Partnerin Juliane und deren weiterer Partner Rico entschieden, Eltern zu werden. Die Schwangerschaft wurde bewusst so geplant, dass niemand weiss, wer von den beiden Männern der biologische Vater ist. Damit hat Aaron gleich zwei soziale Väter – und mehrere Omas, Opas und sogar eine Uroma.

Janos: Aaron scheint sein grosses Beziehungsnetz zu gefallen – und bereits selber zu erweitern. Weil er noch keine Geschwister hat, erwählte er kürzlich seinen Freund Simon zum Bruder und folgerte, Simons Vater sei nun auch sein Vater. Ich kann mir vorstellen, dass Kinder zu vielen verschiedenen Menschen Herzensbeziehungen haben können, wenn sie als angstfreie Wesen aufwachsen.

Es entspricht der Idee von Tamera, die Liebe nicht in der Kleinfamilie zu privatisieren, wo sie oftmals erstickt, sondern ein stabiles Netzwerk von Liebesbeziehungen zu errichten. Vieles ist dann möglich, auch das Alltägliche: Zum Beispiel eine Zeit lang als klassische Familie und monogam zu leben, wie Miriam (27) mit Partner Fabian und der gemeinsamen Tochter Nara (2,5). Aber auch schon fast Fantastisches: Vor zwei Jahren wurde Saskia (31) schwanger mit ihrem langjährigen Geliebten Benjamin, der bereits mit einer anderen Frau, Vera, in Partnerschaft und auch gemeinsamer Elternschaft lebt. Als Vera auch schwanger wurde, schlug ihr zehnjähriger Sohn vor, dass Saskia zu ihnen zöge. Er hatte sich seit längerer Zeit Brüder gewünscht. Tatsächlich wurden die beiden Babys vier Tage auseinander geboren. Inzwischen leben sie in einer Gemeinschaftssituation mit Freunden, mehreren Bezugspersonen und auch Kindern.

An jedem anderen Ort auf der Welt wäre diese Geschichte ein beispielloser Skandal, das Chaos programmiert – nicht so in Tamera. Hier können sich werdende Eltern auf die Unterstützung der Gemeinschaft verlassen, zuvorderst auf den Frauenrat, der Gruppe von weisen Frauen, viele bereits weisshaarig.

Saskia: Unsere Konstellation bietet Zündstoff für Konflikte, an denen Liebespaare und Familien sonst oft zerbrechen. In der Gemeinschaft und mit dem Frauenrat sehen wir die Situation als Forschungsweg und haben gesagt, wir kriegen das hin. Wenn zwei Menschen sich für die Elternschaft entscheiden, ist uns die absolute Verbindlichkeit der Eltern ihren Kindern gegenüber wichtig. Unser Ziel ist, neue Liebesbilder zu erschaffen, die aufzeigen, wie für alle Beteiligten dauerhaft Glück und Verständigung möglich sein könnte. Für mich heisst das etwa, nicht zu vergleichen, wie viel Zeit Benjamin mit mir und wie viel mit Vera verbringt, sondern immer mehr zu sehen, wie das Verhältnis zwischen uns gemeint ist. Die Freundschaft zu Vera und die Einbettung in einer Gruppe sind dabei sehr wichtig. Durch die gemeinsame Elternschaft merke ich, wie die Verbindlichkeit zwischen Benjamin und mir zugenommen hat, da ist das Gefühl, dass wir viele Jahre lang miteinander zu tun haben werden. Zudem ist es ein grosses Geschenk, dass die drei Brüder miteinander aufwachsen können. Und dass mein Sohn in der Gemeinschaft zwei weitere Bezugsväter hat.

Schön und gut. Doch ist diese innere Arbeit mit den eigenen Begrenzungen, die ständig nach aussen gekehrt werden, nicht auch anstrengend? Möchte man nach der Arbeit nicht einfach mal nur die Tür hinter sich zumachen, die Beine hochlegen, fernsehen? Oh doch. Verheimlicht wird aber auch das nicht.

Janos: Ich komme immer wieder mal an den Punkt, wo ich sage, ich habe keinen Bock mehr, es ist mir zu eng hier. Ich bin ein Stadtkind! Ich bin in Berlin aufgewachsen! Durch die Auseinandersetzung mit meinem Unbehagen merke ich aber, was dahinter liegt. Und wie ich in meiner Entwicklung vorwärtskomme, wenn ich nicht ausweiche. Das geht den meisten so. Trotzdem ist es gut, dass wir die Gemeinschaft immer wieder verlassen. Sei es für ein Projekt von Tamera, weil wir im Ausland Geld verdienen gehen oder eine Ausbildung machen. Toll ist auch, dass jeweils im Frühling die Gästesaison beginnt und wieder Leute aus der ganzen Welt zu uns an Kurse oder zum Arbeiten kommen.

Weniger Erziehung ist nötig, wenn Kinder gemeinschaftlich aufwachsen.


Das könnte Sie auch noch interessieren: Die Fotografin Julia Erz hat sich zum Ziel gesetzt keine gestellten Familienbilder zu knipsen, sondern das echte, unzensierte und manchmal turbulente Familienleben zu zeigen. Dies gelingt ihr perfekt, schauen Sie selbst.

Auch lesenswert