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Gesellschaft

Stillen jenseits der Stille

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Wer den Busen in der Öffentlichkeit auspackt, merkt schnell, dass die natürlichste Sache der Welt plötzlich schambesetzt wird.

Den ersten bewussten Stillkontakt hatte ich mit sechzehn. Nein, keine Angst, ich war keine Teeniemom. Nur eine Touristin, die von ihrem Besuch im Picasso-Museum in Barcelona eine Karte des Künstlers nach Hause brachte: Eine anmutige Schönheit, in zarten Aquarelltönen gemalt, die ein Baby an ihren entblössten Busen hält. Das Motiv faszinierte mich. Ob das schon damals irgendwelche Ur-Mutter-Instinkten weckte, kann ich nicht sagen. Auf alle Fälle hing die Postkarte danach noch jahrelang an meinen WG-Kühlschränken, bis sie irgendwann in die Erinnerungskiste wanderte.

Echte Interaktion in Sachen Stillen hatte ich erst Jahre später, nach der Geburt meines ersten Sohnes. Ich sass mit Horst-Tappert-Tränensäcken unter den Augen im Spitalhemd im Bett, im Arm die Nadel einer Infusion. Die Hebamme versuchte, meine Brust in den Mund des Kleinen zu drücken. Als der Zwerg endlich angedockt hatte, traten die Schwiegereltern zur Tür herein. Dieser Moment hatte so gar nichts von der Anmut des Picasso-Bildes. Im Gegenteil: Es war mir peinlich, den Blicken der beiden ausgeliefert zu sein – Verwandtschaft hin oder her. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass sich meine Brüste soeben von einem erotischen Körperteil in eine praktische Futtertränke verwandelt hatten – unförmig aufgeschwollen, mit blauen Adern und schmerzenden Nippeln. Eine Tränke, die in der Folge jederzeit und überall zur Verfügung zu stehen hatte. Zum Beispiel auf dem Friedhof bei Minustemperaturen. Denn wie die meisten Erstmütter hatte auch ich meine liebe Mühe mit dem richtigen Timing. So kramte ich also beim Spaziergang auf dem Friedhof – ja, ich ging mit dem Knirps zwischen den Gräbern wägele, aber auch nur, weil er die einzige Grünfläche in der Nähe unserer Wohnung bot – meine Brüste zwischen Mantel, Schal, Pulli, Unterhemd und Still-BH hervor, um das schreiende Kind vor dem sicheren Hungertod zu bewahren. Nach dieser fast schon okkulten Erfahrung waren dann alle Milchdämme gebrochen: Und ich stillte ohne Scham im Tram, im Einkaufscenter, im Affenhaus des Zoos.

«Stillende Mütter? – Nein danke»

Denn die Debatte rund ums Thema öffentliches Stillen in Cafés und Restaurants wurde erst bei Kind Nr. 2 losgetreten, also vor rund sechs Jahren. Damals probte die städtische Gastronomie den Aufstand: «Stillende Mütter? – Nein danke» lautete ihr Slogan und führte mitunter dazu, dass Mamas und ihre hungrigen Bündel eines Lokals verwiesen wurden. Zur Fütterung des Nachwuchses solle man sich doch bitteschön in die eigens dafür eingerichteten Stillecken einer Apotheke verziehen. Oder auf die Toilette des Restaurants. Das weckte den Che in mir! Nicht, dass ich besonders exhibitionistisch veranlagt wäre – oben ohne Sünnele war ehrlich gesagt nie mein Ding –, aber aufgezwungene Verklemmtheit noch viel weniger. In Apotheken ging ich nach wie vor nur im Krankheitsfall. Denn am Stillen konnte ich beim besten Willen nichts Krankhaftes finden. Auch an der Mutterschaft nicht.

Obwohl mir bereits in den ersten Schwangerschaftswochen bewusst wurde, dass Unauffälligkeit gut ankam. «Hey, von hinten sieht man dir ja gar nicht an, dass du schwanger bist», lautete ein nicht selten ausgesprochenes vermeintliches Kompliment. Oder: «Wow, du bist so cool, man merkt gar nicht, dass du Mutter bist, du redest gar nie über deine Kids!». Oder: «Was für ein süsses Baby, das macht ja keinen Mucks!» Und: «Hey, wie schlank du schon wieder bist, als hättest du nie ein Kind geboren!» Schon irgendwie merkwürdig: Da ist das Kinderkriegen garantiert und mit Abstand das Krasseste, was einer Frau in ihrem Leben passieren kann. Aber nach aussen solls, bitteschön, möglichst unauffällig geschehen, nur dann ists richtig gut. Das ist beim Stillen nicht anders.

Diese Tatsache machten sich natürlich auch einige gewiefte Unternehmer zunutze. Der Markt wurde plötzlich mit allerlei absurdem Zeugs überschwemmt: Schlapphüte mit Riesenkrempe, die, vom Baby getragen, den Busen der Mama verdecken sollen. Oder Stillponchos in Zeltformat und Riesenlätzchen, die, von der Stillenden umgebunden, als Schutz vor öffentlichem Aufruhr dienen sollten. Warum nicht gleich einen Regenschirm aufspannen? Wenn schon Sichtschutz, dann richtig. Just to know: In der Schweiz sollen sich also jährlich rund 70 000 Stillende – bei einer Geburtenrate von 82 000, einem Stillanteil von 90 Prozent, abzüglich der Mehrlingsgeburten – hinter einem Sichtschutz verbarrikadieren. Da jubelt der Maternity-Markt!

Lasst euch nicht einschüchtern!

Vergangenen Herbst kam dann Baby Nr. 3 – und damit auch die endgültige Unentspanntheit seiner Mutter. Weg war er da, der gute alte Che in mir. Nicht vorhanden die Anmut der Picasso-Schönen. Als mein Grosser in die Stube trat, um seinen Kumpels den kleinen Bruder zu präsentieren und ich gerade am Stillen war, blieb er wie angewurzelt stehen und meinte: «Nö, das möchtet ihr jetzt nicht sehen!» Natürlich habe ich etwas im Stil von «Hey, entspannt euch mal, das Kind bekommt lediglich zu essen!» entgegnet, aber so richtig überzeugt war auch ich nicht. Am liebsten hätte ich mich hinter einem Stillponcho verbunkert. Um meine akut aufgetauchten Schamgefühle besser zu verstehen, fragte ich deshalb bei meiner Hebamme nach: Franziska, warum werde ich beim Stillen von Kind Nr. 3 plötzlich verklemmt? Die Schamhaftigkeit bei stillenden Müttern hat in den letzten Jahren generell zugenommen. Woran liegt das? An der Sexualisierung der Brust. Heute tragen ja bereits Kindergartenmädchen in der Badi Bikinioberteile. Jede Nichtverhüllung der Brüste, auch wenn sie noch gar nicht vorhanden sind, wird als sexuelles Zeichen gewertet.

Stillen wird als sexueller Akt gesehen? Ja, so sieht es unsere Gesellschaft. Was ratet ihr schamhaften Stillenden, die zu euch in die Hebammenpraxis kommen? Lasst euch nicht einschüchtern! Wer aber um konkrete Tipps bittet, den schicken wir zum öffentlichen Stillen in Kirchen, Apotheken oder in Starbucks Cafés. Was können wir tun, damit sich dieses gesellschaftliche Bild wieder ändert? Beispielsweise als Stillmob auf die Strasse gehen, um zu demonstrieren. Das haben wir vor zwei Jahren in Zürich gemacht. Und hats was gebracht? Immerhin wurden unsere fünfzig Stillenden in der grössten Boulevard-Zeitung der Schweiz abgebildet – zwei Seiten hinter der obligaten Nackten auf der Front. Nackte Tatsachen: Offenbar gibt es zu viele Menschen – übrigens nicht nur Männer –, die in der Mutterbrust, selbst wenn ein Baby dranhängt, keine Futterquelle sehen. So müssen wir wohl bald für die wohl natürlichste Sache der Welt auf die Strasse gehen – na, dann Prost Baby!

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