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Gesundheit – Forschung

Spüren Babys den Geburtsschmerz?

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Die Art der Geburt präge langfristig das Schmerzempfinden, behaupten Schweizer Forscher. Stimmt das?

Es ist nicht egal, wie man zur Welt kommt», sagt Daniel Surbek, Chefarzt Geburtshilfe am Inselspital Bern und Co-Direktor der Frauenklinik. Herzprobleme oder Diabetes im Erwachsenenalter sind möglicherweise die Folge einer schwierigen Geburt, denn es könnte sein, dass das traumatische Erlebnis ein Kind sein Leben lang prägt.

Surbek stützt seine Aussagen auf eine Studie zu Stressantwort und Schmerzempfinden bei Neugeborenen im renommierten Fachblatt «American Journal of Obstetrics & Gynecology», die an seiner Klinik in Zusammenarbeit mit den Unispitälern Basel und Zürich entstanden ist. Die Forscher untersuchten Schmerzempfinden und Stressreaktionen von Säuglingen in den ersten Lebenstagen. Dabei verglichen sie Kinder, die entweder spontan, mithilfe von Vakuum (Saugglocke ) oder per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen waren. Nach 72 Stunden massen sie bei den mit Vakuum geborenen Kindern einen höheren Spiegel des Stresshormons Cortisol als bei Spontangeburten und Kaiserschnitten. Aus diesem Resultat schliesst Daniel Surbek, dass das Schmerzempfinden und Krankheitsrisiko bei diesen Kindern im Hirn negativ «programmiert» sein könnten; ähnlich wie bei Kindern, die als Erwachsene vermehrt zu Depressionen neigen, wenn die Mutter an einer Schwangerschaftsvergiftung (Gestose) litt. Den geringsten Cortisol-Spiegel hatten die Babys nach Kaiserschnitt.

Geringer Stress bei Kaiserschnitt

Was ist dran an dieser Deutung? Die Basler Pflegewissenschaftlerin Eva Cignacco, die das Thema Schmerz bei Früh- und Neugeborenen erforscht, interpretiert die Daten anders. «Die Untersuchung zeigt, dass sich mit Vakuum geborene Kinder nach drei Tagen vom Geburtsstress erholt haben», sagt die promovierte Hebamme. Darauf deute die klinische Untersuchung mit dem «Schmerzscore» hin – ein Instrument, das Cignacco selber entwickelt hat, um den Schmerz von Säuglingen klinisch zu beurteilen. Die Unterschiede des Cortisol-Spiegels seien bei den drei Vergleichsgruppen so klein, dass sie statistisch nicht ins Gewicht fielen. Abgesehen davon sei das Hormon nur bei der Hälfte der kleinen Probanden gemessen worden. «Und es fehlt ein Grenzwert, auf den sich die Messungen beziehen», sagt Cignacco. In der medizinischen Literatur gebe es keine verlässlichen Angaben, ab welcher Menge Cortisol bedenklich sei.

Die Resultate und vor allem ihre Auslegung durch die Studienleitung werfen Fragen auf: Muss sich eine Mutter ihr Leben lang schuldig fühlen, wenn bei der Geburt Komplikationen auftreten und das Kind schliesslich mit der Saugglocke geholt wird? «Nein, auf keinen Fall», betont Daniel Surbek. Der Kaiserschnitt sei zwar für das Kind weniger schmerzhaft, doch er berge auch Negativfaktoren, die berücksichtigt werden müssten. Dass eine Vakuum-Geburt später zu Herzproblemen und anderen Erkrankungen führe, ist vorerst reine Hypothese, räumt Surbek ein. «Es gibt dazu einige Hinweise aus Tierversuchen, aber keine langfristigen Untersuchungen am Menschen.»

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