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Elternkolumne

Sind Smartphones am Sprachzerfall schuld?

Echt jetzt!? Philippe Zweifel, Journalist und Vater, fühlt sich mit den Teenies manchmal im falschen Film. Hilfe findet er bei Linguisten.

Piep. Eine Text-Nachricht von meinem Sohn. «Hallo Babi, ich chum hüt shpöter hai.» Ich war irritiert. Nicht seine spontan angekündigte Verspätung erregte meinen Unmut, sondern die Mundart. Wie viele, die jahrgangbedingt erst als Erwachsene zum ersten Handy kamen, habe ich mich immer noch nicht an diese selbstbewusste Verschriftlichung des Schweizerdeutschen gewöhnt. Erst recht nicht, wenn aus «Papi» «Babi» wird.

Obwohl es keine offizielle Schreibweise gibt, wird Mundart immer häufiger geschrieben. Zum Beispiel in der Werbung oder in den Fussballstadien, wo Fans ihre Banner mit Sprüchen wie «Oise Präsi isch dä gröscht» bemalen. Vielleicht sind diese Beispiele weitere Gründe, wieso ich Mundart-Textnachrichten nicht mag. Verschriftlichte Mundart wirkt anbiedernd und infantil, irgendwie auch ungebildet. Entlarvte nicht die letzte Pisa-Studie eine eklatante Textschwäche bei Schweizer Jugendlichen? Aber erklären Sie Sprachzerfall einem 11-Jährigen mit ersten pubertären Anzeichen.

Was tun? Dem Sohn penetrant auf Hochdeutsch zurückzuschreiben, ist keine Lösung. Das kommt Oberlehrer-mässig rüber und ergibt keinen flüssigen Dialog. Freunde, die ich um Rat fragte, verstanden mein Problem nicht. Bin ich ein Sprachfascho? Oder einfach ein Bildungsbürger? Ich unternahm eine kleine Recherche, bei der ich auf ein Nationalfondsprojekt stiess, welches das Deutschschweizer SMS-Verhalten untersucht hatte: Mehr als die Hälfte der Nachrichten sind in Mundart verfasst. Alter und Bildung des Schreibenden spielen nur eine geringe Rolle. Die Verschriftlichung der Mundart im Privaten ist emotional begründet; wir nutzen Whatsapp und SMS für Angelegenheiten, die man früher im direkten Gespräch oder per Telefon erledigt hat.

Die Linguisten geben also Entwarnung. Von Sprachzerfall könne keine Rede sein, im Gegenteil. Seit der Erfindung des Drucks werde von Sprachpuristen argumentiert, dass neue Technologie katastrophale Folgen für die Sprache haben würde. Schon die Einführung des Telegraphen, des Telefons und des Radios seien von solchen Ängsten begleitet gewesen. Doch die generelle Lese- und Schreibfähigkeit verbessere sich ständig. Ich war etwas beruhigt. Dann das nächste SMS. «Babi wo bish?» Schon wollte ich zurückschreiben «Ich gang go Tennis shpilä. » Das Weglassen des Buchstabens «c» verunsicherte mich allerdings. War dieser orthografische Flirt mit dem Englischen nicht der Jugend vorbehalten? Durfte ich das als 46-Jähriger? Aber auch «Ich gang go Tennis schpilä» fühlte sich unehrlich an. Und das «ä» schlicht doof.

Wie kann man nur! Ich zitierte den Sohn herbei.
«Wieso schreibst du in Mundart?»
«Weiss nicht.»
«Könntest du auch Schriftdeutsch verwenden?»
«Ja.»
Solche einsilbigen Dialoge häufen sich in letzter Zeit zwischen uns.

Doch ich liess mich nicht aus der Ruhe bringen.
«Wieso also Schweizerdeutsch?»
«Weil es einfacher ist. Es gibt keine Grammatik.»

Habt ihr das gehört, Linguisten? Sprachzerfall! Mein Sohn wird Briefe an die Steuerbehörden dereinst im simpelsten Schweizerdeutsch verfassen. «Grüezi chan ich ä Shtundig beaträgä?» Oder vielleicht nur: «Grüezi chan ich ä Shtundig?» Weil viele Kinder das Verb in solchen Sätzen heutzutage weglassen: «Dörf ich dä Orangesaft?» «Chömmer mit em Auto?» Gut möglich, dass er selbst meine Todesanzeige in Mundart schreiben wird: Oise Babi isch gschtorbä. Rueh in Fridä.

Ewigen Unfrieden hätte ich da. Aber vielleicht sollte ich froh sein, dass er überhaupt noch Buchstaben verwendet. Auf dem sozialen Netzwerk Instagram sind diese bereits selten geworden.
Vor allem die Kommentare bestehen dort zu 90 Prozent aus Emojis. Manchmal frage ich mich, wohin das alles noch führen wird. Eines Tages wird ja auch die NZZ von den heutigen Kindern gemacht. Mir graut schon vor der Schlagzeile auf der Frontseite, wenn zum Beispiel eine Rezession endet: Wirtschaft wider guet 😊

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