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Väter

«Sex zu dritt fand ich seltsam»

Gesprächsrunde mit drei Männern und Interviewerin

Tröster, Dammmasseur und Nestchenbauer – auch Papas sind neun Monate lang «schwanger». Drei Väter sprechen darüber, was ihnen während der Co-Schwangerschaft durch Kopf und Bauch ging.

Adi, Florian und Luca rühren in der gemütlichen Lounge-Ecke des Restaurants Tuchlaube in Aarau in ihrem Chai Latte oder Kaffee. Zunächst verhalten, dann immer offener erzählen sie aus dem Leben als Papa in spe. Das Aufnahmegerät auf dem niedrigen Tischchen vergessen sie schnell.

wir eltern: Adi, Florian, Luca – ihr alle habt die Schwangerschaft eurer Frauen hautnah miterlebt. Habt ihr Freudensaltos gemacht, als ihr den positiven Schwangerschaftstest gesehen habt?

Florian: Nein. Als Martha mir sagte, ihre Mens sei ausgeblieben, war das schon toll. Gefeiert haben wir jedoch nicht. Wir waren gebrannte Kinder, weil meine Frau zwei Jahre zuvor ein Kind verloren hatte. Deshalb empfanden wir zunächst nur gebremste Freude. Wir wollten den 4. Monat abwarten.

Luca: Ich sagte immer, wenns einschlägt ists ok. Wenn nicht, werden wir ohne Kinder glücklich. Fernanda hatte einen starken Kinderwunsch. Als sich ihre Mens um eine Woche verzögerte, holten wir in der Apotheke einen Schwangerschaftstest. Dieser zeigte bereits die 4. Woche an. Meine Frau meinte, das könne keinesfalls stimmen. Also holte ich den nächsten Test. Als dieser ebenfalls die 4. Woche anzeigte, glaubte sie es. Danach kam bei mir schon Euphorie auf.

Adi: Bei mir wars etwas anders. Da ich schon 51 bin und Leila 45, hatten wir uns längst damit abgefunden, dass wir keine Kinder haben würden. Wir wurden total überrascht. Erst beim ersten Ultraschall, als wir das Kindchen sahen, packte mich die Gewissheit, dass ich nun Vater würde. Die Freude war zunächst durchzogen. Ich fragte mich, was es bedeutet, als über 50-Jähriger Papa zu sein.

Werdende Mütter leiden unter Übelkeit, Erbrechen, Stimmungsschwankungen, Gewichtszunahme. Studien zeigen, dass werdende Väter teilweise unter ähnlichen Symptomen leiden – das sogenannte Couvade- Syndrom. Wie war das bei euch?

Ich wurde sogar schlanker! Weil ich noch intensiver Sport trieb als zuvor.

Florian

Florian: Ich wurde sogar schlanker! Weil ich noch intensiver als zuvor mit dem Rennvelo trainiert habe. Ich wollte während den Monaten vor der Geburt noch vieles tun, das nachher wohl so nicht mehr möglich sein würde. An meiner Frau ging die Schwangerschaft scheinbar spurlos vorüber. Sie fühlte sich rundum wohl in ihrem Körper.

Luca

Luca

Luca: Ich begann besonders gut und ausgewählt zu kochen für Fernanda. Allerdings widerstanden ihr plötzlich gewisse Gerüche, ihr wurde speiübel und sie brachte nichts runter. Ich ass zwei Portionen – und legte ziemlich zu an Gewicht.

Adi: Bei mir lief vor allem psychisch viel ab. Zu- oder abgenommen habe ich deswegen nicht.

Bei Frauen spricht man vom «Nesttrieb». Gab es bei euch auch so etwas wie ein Brutpflegeverhalten? Habt ihr Wände gestrichen und Kommoden gezimmert?

Adi: Wir zogen vor ein paar Jahren in ein grosses Haus, das war unser Nest. Ich wurde mit der Schwangerschaft auch nicht zum Stubenhocker – ich war schon immer ein Stubenhocker. Mein Arbeitsplatz als Kulturmanager ist zu Hause.

Florian, Luca und Manuela von Ah

Florian, Luca, Manuela von Ah

Luca: Meine Frau ist ein Organisationstalent: Sie hatte schon im 6. Monat das Kinderzimmer perfekt gestaltet und die Checklisten abgearbeitet. Wir waren komplett eingerichtet. Bei uns türmten sich Stapel von Bodys, Pullöverchen und Badewannen. Erst nach der Geburt merkten wir, dass wir Material herbeigeschleppt hatten, das wir niemals brauchen würden.

Adi: Wir richteten nichts ein. Gar nichts. Wir hakten keine Listen ab und kauften nichts. Ein Grund dafür war wohl auch die versteckte Angst, wir könnten das Kindlein wieder verlieren. Ein Selbstschutz. Als unsere Freunde und Bekannten dann aber erfuhren, dass wir ein Kind bekommen, karrten sie alles Notwendige und Überflüssige herbei. Da trudelte alles wie von selber bei uns ein. Weil unser Baby zu früh kam, waren alle Kleider zu gross.

Florian: Eine Wand im Kinderzimmer strich ich von weiss zu sonnengelb, mehr nicht. Der Kommerz rund um die Geburt eines Kindes hat mich allerdings sehr genervt. Der Wettbewerb unter Eltern, den coolsten und teuersten Kinderwagen vorzeigen zu können, hat uns nicht interessiert. Wir waren dann mit einem gebrauchten, schon recht abgerockten orangen Buggy unterwegs.

Adi

Adi

Adi: Wir brauchen jetzt den 45 Jahre alten Kinderwagen, in dem schon meine Frau lag. Der ist fast schon wieder hip!

Jedes Paar wird heute mit dem Thema umfassender Pränataldiagnostik konfrontiert. Habt ihr eure Frauen zu Ultraschalluntersuchungen und Ersttrimestertest begleitet?

Adi: Ich und meine Frau gehörten wegen unseres Alters zur Risikogruppe. Damit boten die Ärzte uns die ganze Palette an Tests an. Wir als Eltern fragten uns jedoch, ob wir überhaupt wissen wollten, wenn unser Kind das Downsyndrom oder ein anderes Handycap hat. Nach dem Vortest mit der Nackenfalte sprach man bei uns von einer kleinen Wahrscheinlichkeit für das Downsyndrom.

Die Zeit der guten Hoffnung nenne ich auch die Zeit der Befürchtungen.

Adi

Ab diesem Moment verzichteten wir auf alle weiteren Tests. Wir sagten uns «Inschallah», es kommt, wie es kommen muss!

Luca: Meine Frau war 35, ihr sagte man auch, sie gehöre zur Risikogruppe. Ich protestierte. Ich war 27 und in diesem Alter hat man bestimmt gutes Genmaterial! Wir machten keine weiteren Tests. Auch wir hätten ein Downsyndrom-Kind zur Welt gebracht.

Florian: Martha war über 40, als sie unseren Sohn erwartete. Sie hatte einen wunderbar entspannten Frauenarzt. Er sah uns an und meinte, das käme schon gut. Deshalb verzichteten wir auf Pränataldiagnostik. Wir hätten das Kind so oder so behalten.

Adi: Die Zeit der guten Hoffnung nenne ich auch die Zeit der Befürchtungen. Ich habe während der Schwangerschaft die Rolle des «starken Mannes» eingenommen, habe Leila gut zugeredet, wenn sie Ängste überkamen. Meine eigenen Sorgen zeigte ich nicht.

Wolltet ihr erfahren, ob euer Kind ein Mädchen oder ein Bube ist?

Luca: Als Fachmann Gesundheit war ich schon öfter bei Ultraschalls mit dabei und erkannte das Geschlecht sofort. Als uns die Ärztin fragte, ob wir es wissen wollen, war es bereits zu spät: «Ich sehe, was es wird.»

Adi: Ich hätte es absurd gefunden, beim Ultraschall die Augen abzuwenden, obwohl auf dem Bild das Geschlecht erkenntlich war. Wir wussten also, dass es ein Mädchen wird.

Florian: Nein, wir wollten es nicht wissen.

Meist realisieren die Papas erst mit dem Ultraschall und den von aussen spürbaren Bewegungen im Bauch, dass da ein Menschlein kommt, mit dem sie zutiefst verbunden sind. In welchen Momenten ist euch dies bewusst geworden?

Florian: Wir besuchten einen Haptonomie-Kurs. Haptonomie ist eine Technik, bei der es um das «Fühlen mit den Händen» geht. Als Vater «lade» ich das Kind im Bauch dazu ein, Bewegungen auszuführen. Es ist eine ganz feine Kontaktaufnahme, indem der Mann die Hände von hinten auf den Bauch der Frau legt. Das macht man ungefähr ab der 25. Schwangerschaftswoche. Ich hatte das Gefühl, unser Kind liesse sich darauf ein. Die Idee dahinter ist, dass das Ungeborene erfährt, dass ausserhalb der Mutter noch eine Welt existiert. Es entsteht sozusagen eine Beziehung über den Bauchrand der Mutter hinaus…

...das klingt etwas abgefahren...

Florian: Für mich klappte das bestens. Zusammen auf dem Bett liegend, machten wir jeden Tag 10 Minuten lang unsere haptonomischen Übungen. Martha mochte meine Berührungen. Ich hatte das Gefühl, dank der Haptonomie schon ganz früh einen Zugang zum Kind gefunden zu haben.

Dank der Haptonomie habe ich schon früh einen Zugang zum Kind gefunden.

Florian

Luca: Unser erster Sohn war früh sehr aktiv im Bauch. Fernanda nahm jeweils meine Hand und legte sie auf ihren Bauch. Es berührte mich, das Knie oder die Schulter meines Kindes zu fühlen.

Ihr wart euren Frauen während der Schwangerschaft offensichtlich sehr zugewandt. Entsprach das wirklich eurem Bedürfnis? Oder wird das von werdenden Vätern heute einfach verlangt? Wie die Präsenz im Gebärsaal? Es gibt Männer, die schauderts bei der Vorstellung, ihr ungeborenes Kind «berühren» zu müssen.

Florian: Jedes Paar soll seine eigene Form finden. Schwangerschaft und Geburt waren für uns ein guter Anlass, über eigene und gemeinsame Wünsche und Bedürfnisse zu reden.

Adi: Wir müssen schon ehrlich sein: Nicht wir Männer sind schwanger, sondern die Frauen. Wir können niemals eine so enge Beziehung zum Ungeborenen aufbauen wie die werdende Mutter. Ich versuchte mich meinem Kind mit der Stimme anzunähern, mit Musik und indem ich schon mal den Namen formulierte. Da ich und meine Frau zusammen musizieren, war das Kind bei allen Proben dabei. Das war mir wichtig. Damit konnten wir unserem Mädchen die Musik bereits vor der Geburt nahe bringen. Leila und ich haben uns aber vor allem auch intellektuell gut vorbereitet, Bücher gelesen, und uns im Internet informiert.

Luca: Während der ersten Schwangerschaft hatte ich das Gefühl, mich auf völlig unbekanntem Terrain zu bewegen. Ich liess mich von Sprüchen anderer Väter oder aus der Familie verunsichern. Ich hatte Angst vor der «ganz grossen Verantwortung», die angeblich auf mich zukommen würde. Die Realität war dann halb so schlimm. Eigentlich konnte ich erst die zweite Schwangerschaft so richtig geniessen. Neun Monate lang ist der Körper einer schwangeren Frau im Ausnahmezustand. Hormonell gehts drunter und drüber.

Wie war das mit dem Sex? Macht es während der Schwangerschaft mehr oder weniger Spass, miteinander zu schlafen?

Adi: Gute Frage! Wir hatten fast keinen Sex mehr. Wegen mir. Ich fand es vor allem in der späteren Phase seltsam, beim Sex «zu dritt» zu sein.

Wir waren zärtlich miteinander – aber Geschlechtsverkehr wollte ich keinen mehr.

Adi

Dahinter stand bei mir wohl die Angst, mit meiner Kraft etwas kaputt zu machen. Das hätte ich mir nie im Leben verziehen. Wir waren weiterhin zärtlich miteinander – aber Geschlechtsverkehr wollte ich keinen mehr.

Florian: Wir haben im letzten der Drittel der Schwangerschaft zwar noch ein- oder zweimal miteinander geschlafen, aber wir hatten weniger Sex. Es war jedoch nicht die Angst, das Kind zu verletzen. Andere schwärmen von der üppigen, runden Weiblichkeit. Ich stand nicht so darauf.

Luca: Ich fand meine Frau wunderschön. Weil sie Ausländerin ist, mussten oder wollten wir mit der ersten Schwangerschaft heiraten. Fernanda war eine bezaubernde Braut. Sie strahlte und ich fand ihren Körper rundum schön. Am Schluss spürte sie aber das Gewicht, die Beine waren aufgedunsen, das Atmen fiel ihr schwer. Wir hatten dann seltener Sex. Ich wusste zwar, dass dabei weder die Fruchtblase platzen noch das Kind irgendwie geschädigt werden kann, aber es war trotzdem etwas anderes.

Welche Sex-Stellungen habt ihr während der Schwangerschaft vorgezogen?

Luca: Die Löffelstellung war noch möglich...

Florian: Es gibt durchaus noch andere Formen von Nähe und Innigkeit: Zum Beispiel eben die Haptonomie, das sind ja sehr intensive Berührungen. Auch die die Dammmassage fand ich sehr intim. Unsere Hebamme riet uns im Vorfeld dazu. Ich massierte den Damm meiner Frau in den letzten Wochen der Schwangerschaft täglich mit einem speziellen Öl – und wurde dabei fast zum Hobby-Gynäkologen. Zugegeben, diese Massagen waren eher mechanisch und nicht unbedingt Lust fördernd. Man schaut den Körper der Frau an und denkt: Aha, da ist die Körperöffnung, aus der später das Baby geboren wird. Eine Scheide betrachte ich ja normalerweise anders.

Hattest du Bedenken, deine Frau nach der Geburt nicht mehr sexuell attraktiv zu empfinden? Das befürchten ja viele Frauen, dass der Mann sie nach der Geburt nicht mehr begehrt, weil er während des Gebärens zu viel gesehen hat.

Florian: Die Geburt unseres Sohnes war eine vaginale Geburt ohne Komplikationen. Ich habe dabei erlebt, wie ungeheuer stark meine Frau ist. Auf meine Libido hatte die Geburt keinen Einfluss.

Den Damm meiner Frau zu massieren, kostete mich überhaupt keine Überwindung.

Luca

Luca: Ich wasche in meinem Beruf als Pfleger täglich Männer und Frauen, auch im Intimbereich. Den Damm meiner Frau zu massieren, kostete mich überhaupt keine Überwindung. Schräg fand ich, was mit dem Körper von Fernanda während der Geburt geschah. Sie gehört zu den ganz seltenen Fällen von Gebärenden, die überhaupt keine Wehen haben. Selbst wehenfördernde Mittel bewirkten nichts. Es fehlte nicht nur der Schmerz, auch der Muttermund öffnete sich nicht. Nach der zulässigen Übertragungszeit wollte man einleiten. Meine Frau erhielt Vaginalzäpfchen. Doch es geschah noch immer nichts. Die Gynäkologin und die Chefhebamme massierten den Muttermund auf eine meiner Ansicht nach ziemlich grobe Art, fuhren immer wieder mit den Fingern in die Vagina, um die Öffnung zu messen. Irgendwann riss die Fruchtblase. Das alles war definitiv nicht erotisch. Letztlich wurde das Kind mit einem Kaiserschnitt geholt.

Warst du während der Kaiserschnittgeburt dabei?

Luca: Ja. Eigentlich hätte ich neben dem Kopf meiner Frau stehen sollen, den Blick auf den Bauch durch ein Tuch geschützt. Ich wollte aber mitbekommen, wie unser Kind zur Welt kommt ... der erste Schrei war unglaublich emotional. Nachdem ich die Nabelschnur durchschnitten hatte, brachte die Hebamme unseren Sohn nach kurzem Check zurück und legte ihn meiner Frau auf die Brust.

Während der Geburt bemühte ich mich, mich mit dem Kind zu ‹verbinden›.

Florian

Florian: Unser Kind kam in einem Geburtshaus zur Welt. Ich konnte das Gelernte aus der Haptonomie einbringen: Martha versuchte, während der Wehen mit den Gedanken nicht bei den Schmerzen, sondern beim Kindlein zu sein. Und auch ich bemühte mich, mich mit dem Kind zu «verbinden». Das klingt nun wieder etwas esoterisch, ich weiss. Aber ich finde, es hat geholfen!


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