Menü
Schwere Schwangerschaftsvergiftung: so fühlt sich das an

Schwangerschaft

Schwere Vergiftung während der Schwangerschaft

Schwangerschaft ist keine Krankheit, heisst es. Manchmal aber schon. Eine Betroffene erzählt vom seltenen, gefährlichen HELLP-Syndrom.

Grelles Licht. Es schmerzt in meinen Augen. Der Bauch ist riesig. Meine Beine geschwollen, die Füsse geschwollen, die Hände geschwollen. Macht das Licht aus! Drei Ärztinnen oder Hebammen oder Schwestern stützen sich auf meinen Bauch und drücken das lebendige Etwas in mir nach unten. Sie sind nervös. Meine Beine taub. Ein Schrei. Ein Mann, vermummt, trägt mein Kind weg. Es hatte fünf Finger, fünf Zehen. Ich bin mir sicher. Müdigkeit, Tränen und dieser Schwindel. Ich fliege. Es ist kalt. Schüttelfrost. Übelkeit. Ich muss weinen. Ich zittere. Es juckt mich am ganzen Körper. Macht das weg. Dann Dunkelheit. Ruhe.

Vor 13 Jahren erkrankte ich in meiner ersten Schwangerschaft an einem HELLP-Syndrom, der gefährlichsten Form einer Schwangerschaftsvergiftung. Eine von 200 Schwangeren wird Opfer dieser Komplikation. Das H, steht für Hämolysis (Blutzerfall), EL für Elevated Liverenzymes (erhöhte Leberwerte) und LP bedeutet Low Platelet count (niedrige Anzahl Thrombozyten). Ein Akronym des Grauens. Genauer heisst das: Bei einem HELLP ist die Versorgung der Organe durch Blutarmut gefährdet. Die Leber funktioniert nicht richtig; die Anzahl der Blutplättchen fällt ab, es drohen unstillbare (auch innere) Blutungen.

iStock-92251556

Die gefährlichste Form einer Schwangerschaftsvergiftung trifft eine von 200 Frauen.

Die Vergiftung kann das Leben der Schwangeren und ihres Kindes gefährden.

Das Syndrom kann sich innerhalb weniger Stunden praktisch aus dem Nichts entwickeln, die Schwangere völlig überraschen, ihres und das Leben des ungeborenen Kindes gefährden. Noch immer ist eine Schwangerschaftsvergiftung die Hauptursache der Müttersterblichkeit in der Schweiz. Sagt Gundula Hebisch, Spezialistin für Gestose (Oberbegriff für schwangerschaftsbedingte Krankheiten) am Kantonsspital Frauenfeld.

Weltweit enden zwei bis fünf Prozent der HELLP-Schwangerschaften für die Mutter tödlich. Etwa 20 Prozent der HELLP-Kinder kommen tot zur Welt oder sterben innerhalb der ersten Woche. Schwangere Frauen oder Wöchnerinnen, die glauben, Gestose-Symptome zu entwickeln, sollten sich darum sofort in einem Spital melden.

Als ich in der 36. Schwangerschaftswoche meinen Arzt in der Klinik aufsuchte, da ich wegen meines hohen Blutdrucks und der starken Ödeme ein ungutes Gefühl hatte, zeigte der Gestose-Bluttest grenzwertige Thrombozytenwerte. Keine veränderten Leberwerte. Er schickte mich wieder nach Hause, mit einem neuen Termin für eine Kontrolle am nächsten Tag. Da war das HELLP schon in vollem Gange. Erst versuchte er die Geburt einzuleiten, nach zwölf Stunden ohne Wehen entschied er sich für einen Notkaiserschnitt.

Ich erwache in einem abgedunkelten Zimmer. Meine Hände sind dick wie die eines Allergikers nach einem Wespenstich. Ich halte meinen Sohn im Arm. Wie wunderschön er ist. Ich will ihn nie mehr loslassen. Sein Vater muss sich um ihn kümmern. Ich kann mich kaum bewegen, nicht aufstehen. Ich fühle mich hilflos. Schlafe ein. Schrecke auf. Wo ist mein Vater? Er weiss noch nicht, dass er Opa ist. Sie sagen, er war hier. Ich kann mich nicht erinnern. Was ist nur los mit mir? Kein Besuch, heisst es. Meine Mutter darf kurz ins Zimmer. Sie sorgt sich. Ich mag nicht sprechen. Es ist gut, sie hier zu haben. Doch jede Berührung ist eine zu viel, alles schmerzt.

Nicht alle Frauen entwickeln ein komplettes HELLP. So kann sich die Krankheit auch ohne erhöhte Leberwerte oder andere Gestosesymptome zeigen, sagt Gundula Hebisch. Das macht das HELLP so tückisch und schwer zu erkennen. 90 Prozent der betroffenen Frauen erzählen von Oberbauchschmerzen. Etwa 20 Prozent schildern starke Kopfschmerzen oder Sehstörungen. Häufig kommt es zu Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall, ähnlich wie bei einer Grippe oder Lebensmittelvergiftung.

Warum sich ein HELLP entwickelt, ist ungeklärt. Es gebe Risikofaktoren, erklärt Gynäkologin Hebisch: Erstgebärende unter 19 sind dreimal häufiger betroffen. Auch Frauen mit einer bestehenden Nieren-, Hochdruck- oder immunologischen Erkrankung, Adipositas, einer erhöhten Gerinnungsneigung oder Mangelernährung. Riskanter sind auch Mehrlingsschwangerschaften, eine Schwangerschaft nach langer Kondombenutzung oder nach einer Eizellspende. Auf mich traf nichts von all dem zu.

Ich bin eine schlechte Mutter. Ich kann nicht aufstehen und mein Baby wickeln. Das Morphium kommt auf einem Tablett mit der Hebamme. Mir wird schlecht davon, doch die Schmerzen sind unerträglich. Ich bin wütend. Es ist der fünfte Tag im Spital. Ich bin eine Gefangene. Mein Blutdruck zu hoch. Ich atme tief vor jeder Messung. Sie bringen weiter Magnesium-Infusionen. Ich müsse mich bewegen, sagen sie. Ich schaffe drei Schritte.

Ein HELLP entwickelt sich meist nach der 30. Schwangerschaftswoche, 30 Prozent aller Fälle treten im Wochenbett auf. Trotzdem bleibt die Entbindung die effektivste Therapie. Die überwiegende Zahl der Babys zeigen später keine Auffälligkeiten und auch bei der Mutter verschwinden die Symptome meist wenige Tage nach der Geburt. Einige Frauen schildern als Langzeitfolgen Tinnitus, leichte Lähmungen oder Schwindelattacken.

Oft zeigen sich auch noch lange Störungen im Kurzzeitgedächtnis. Psychologinnen und Psychologen vermuten, dass es sich dabei um Auswirkungen von posttraumatischen Belastungsstörungen handelt.

«HELLP ist der totale Zusammenbruch fast aller mütterlichen Systeme, es droht die Vernichtung der Schwangerschaft und des mütterlichen Lebens», schreibt der Arzt, Psychotherapeut und Autor Rüdiger Dahlke in seinem Buch «Krankheit als Symbol». Die Krankheit könne mit zu viel Sorgen oder Stress im Zusammenhang stehen. Die betroffenen Frauen sollten deshalb vor allem um ihr eigenes Wohlbefinden besorgt sein. Hätte ich mich also mehr um mich selbst kümmern sollen? Hatte ich mir zu viel zugemutet?

Nach zehn Tagen dürfen wir nach Hause. Ich habe Angst einzuschlafen, jetzt wo ich keine Hebammen mehr um mich habe. Vielleicht holt mich der Tod doch noch. Nur mein Kind, das kriegt er nicht. Auch im Schlaf halte ich es fest in meinem Arm.

Neun Jahre später: Ich bin wieder schwanger. Diesmal wird es anders, verspreche ich mir. Und dem Baby in meinem Bauch. Mein neuer Arzt sagt, ein anderer Partner sei schon mal gut. Das Wiederholungsrisiko dadurch geringer. Neue Gene, neues Glück. Ich muss lachen. Ich erhalte Medikamente. Präventiv. Benutze Stützstrümpfe. Messe meinen Blutdruck, esse ausgewogen.

Ich habe Angst. Jeden Tag. Ich träume von blutverschmierten Kacheln. Jemand muss mich abklären. Etwas stimmt nicht mit mir. Vielleicht ist es wider die Natur, dass ich Kinder kriege.

Das statistische Wiederholungsrisiko eines HELLP-Syndroms liegt bei 5 bis 19 Prozent, schreibt die Arbeitsgemeinschaft GestoseFrauen. Um eine erneute Erkrankung zu vermeiden, sei es wichtig, sich eiweissreich zu ernähren und den Salzkonsum nicht zu reduzieren. Vor allem wenn Ödeme auftreten, meiden viele Schwangere Salz. Gundula Hebisch rät zusätzlich nach einem HELLP vor einer weiteren Schwangerschaft zu immunologischen und gerinnungsphysiologischen Abklärungen. Auch die Niere sollte unter die Lupe genommen werden.

Ausserdem verschreibt Hebisch bei einer HELLP-Vorgeschichte ab dem positiven Schwangerschaftstest Aspirin Cardio und empfiehlt zweimal am Tag den Blutdruck zu messen. Auch zur Beruhigung der Schwangeren. Stress gilt es zu vermeiden, allenfalls muss auch das Arbeitspensum reduziert und der Haushalt umorganisiert werden.

Es könnte sich überall verstecken, das unsichtbare HELLP. In meiner Leber. In meiner Niere. Ich bin auf der Hut, scanne täglich meinen Körper. Ich mache eine Hypnotherapie. Ein blühender Apfelbaum mit tiefen, starken Wurzeln wird mein HypnoseBild. Ein weisser Schäferhund mein Beschützer. Ich sei jetzt in guten Händen, sagt mein Arzt. Wir schauen ganz genau hin, testen im kleinsten Zweifelsfall.

Der geplante Kaiserschnitt findet früh am Morgen statt. Keine geschwollenen Füsse, mein Blutdruck normal. Mein Bauch wird aufgeschnitten. Alles wird gut, flüstere ich. Es ist ein Mädchen. Etwas klein, aber gesund, sagt die Hebamme. Sie legt sie auf meine Brust. Wie wunderschön sie ist. Wie ihr Bruder, der sie ein paar Stunden später im Arm hält. Zwei Tage später: Mein Blutdruck ist zu hoch, meine Leberwerte auch. Keine Sorge, bis jetzt ist es kein HELLP, sagt mein Arzt. Am dritten Tag darf ich nach Hause.

Trotzdem verfolgt mich die Angst vor dem HELLP wie ein Dämon. Ich kann nicht schlafen, kontrolliere meinen Blutdruck, immer und immer wieder. Ich überwache jeden Atemzug meiner Tochter. Kann auch meinen Sohn kaum aus den Augen lassen. Ich habe Weinkrämpfe, kann nicht richtig atmen.

Panikattacken, allenfalls eine posttraumatische Belastungsstörung, meint die Hebamme. Wir organisieren Hilfe. Mein Mann nimmt sich frei, ich gehe zu einer Therapeutin, sage Besuch ab. Nach drei Monaten löst sich die Angst. Verschwindet der Dämon. Endlich.


Das könnte Sie auch interessieren:

Diese professionellen Geburts-Fotografinnen und Fotografen aus aller Welt ermöglichen uns einen intimen - und ästhetischen - Einblick in Momente des Schmerzes, der Ekstase, des puren Glücks, der inneren Ruhe. Die Meldung dazu lesen Sie hier.

Auch lesenswert