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Lehrerin begrüsst Grundschüler zum Schuljahres-Start

Integration

Schulstart ist nicht immer einfach

Nicht alle Eltern schaffen es, ihren Kindern bei der Einschulung Rückenwind zu geben. Ein Projekt der Caritas hilft sozial benachteiligten Familien, erfolgreich in die Schulzeit zu starten.

Mit Robin (7) und Dilara (5) wäre der Kinderwunsch von Mahmut und Fatma Korkmaz eigentlich erfüllt gewesen. Doch der kleine Brüsk (2½), so erzählen die Eltern, sei ihnen «wie aus heiterem Himmel» noch zugeflogen. Brüsk heisst in ihrer Sprache Blitz. Die Eltern stammen aus dem Osten der Türkei. Jetzt trippelt der Kleine durchs Wohnzimmer, ruft begeistert «Auto! Auto!» und guckt gebannt auf die roten, gelben, grünen Autos, Trucks und Rennwagen mit Gesichtchen, die über den Bildschirm flimmern.

Ohne Zweifel: Brüsk nimmt bei allen in der Familie einen grossen Platz ein. Er wird geherzt, getragen, gestreichelt. Will er «Auto! Auto!» gucken, darf er das. Und doch hat die Geburt des Kleinen womöglich dazu beigetragen, dass die Familie Korkmaz zu jenen Familien gehört, die als armutsgefährdet bezeichnet werden. Zu jenen über 60 0000 Menschen in der Schweiz, die in einer Lebenssituation stecken, in der sie trotz Kraftaufwand nicht vom Fleck kommen. Ein Lebensgefühl, das jenen Alpträumen gleicht, in denen die Beine beim Versuch zu entfliehen das Wegrennen verwehren.

Mahmut Korkmaz (55) arbeitet zu 100 Prozent im Schichtbetrieb bei einem Postdienstleister. Auf der «untersten Stufe», wie er sagt. Er steht um 4 Uhr auf, um 5.30 Uhr beginnt die Schicht. Fatma (42) kümmert sich um die Kinder und den Haushalt und steuert mit einer 50-Prozent-Anstellung als ungelernte Pflegehelferin an einem Zürcher Spital massgeblich zum Einkommen bei. Stress pur und dennoch: Flattert die Rechnung für die Radio- und Fernsehgebühren von 365 Franken in den Briefkasten, begleichen die Eltern diese zähneknirschend. Lautet der Kostenvoranschlag für eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt 1200 Franken, landet das Papier im Abfall. Unbezahlbar.

Einschulung, ein Stolperstein

Jetzt stellt Fatma Korkmaz gut gesüssten Tee und Selbstgebackenes aufs Stubentischchen. Geschickt fängt sie nebenbei den strauchelnden Brüsk auf und ruft Robin über die Schulter etwas zu. Als verfüge sie über sechs Arme, erledigt die Mutter alles im Multitasking. Mahmut sitzt derweil mit angezogenen Beinen auf dem schwarzen Kunstledersofa, kneift zwischendurch kurz die klugen kleinen Augen unter den buschigen Brauen zusammen und erzählt temporeich aus seinem Leben. Von der Tötung seines Bruders, damals vor 30 Jahren. Von den drei kleinen Kindern, die dieser hinterliess. Von Verfolgung, Flucht und von der Solidarität der Schweizer. Und wie ihn, Jahre später, Freunde aus seiner Heimat mit Fatma sozusagen «verkuppelt» hätten. Unglück und Glück im Zeitraffer.

Es ist aber nicht das Schicksal, das den Vater manchmal müde macht. Es ist die Verantwortung für seine Familie, die auf ihm lastet. Sein grösster Wunsch: Robin, Dilara und Brüsk sollen es dereinst besser haben. Ein bisschen weniger «an Ort treten» müssen als er. Pfeilbogengleich spannt Mahmut Korkmaz seinen Körper, wenn es um seine Kinder geht: «Ich möchte, dass sie sich ganz in die Schweizer Kultur integrieren, dass sie eine gute Ausbildung machen», sagt er mit Nachdruck. Das ist keine Plattitüde, sondern ein Satz, der bei Mahmut Korkmaz aus der Erfahrung heraus erwuchs, in der Schweiz ohne Bildung «zur untersten Stufe» zu gehören. Er selber besuchte in der Türkei bloss sieben Jahre lang die Schule.

Trotz aller Lebenstüchtigkeit wissen Mahmut und Fatma manchmal nicht recht, wie das geht mit der Schule und der Bildung. Gerade bei bildungsfernen Eltern und solchen aus anderen Kulturen erweist sich die Einschulung oft als Stolperstein. Plötzlich liegen Behördenbriefe im Briefkasten und fordern zur korrekten Anmeldung des Kindes in den Kindergarten auf. Es folgen Formulare für die Hortanmeldung oder solche mit Fragen zum Gesundheitszustand des Kindes. Später stehen Schulreisen, Elternabende, Lehrergespräche an. Die Überforderung ist programmiert. Fatma Korkmaz erzählt, wie sie sich kaum traute, der Einladung für das erste Elterngespräch mit der Lehrerin von Robin zu folgen: «Ich hatte richtig Angst davor, etwas falsch zu machen.»

Als Freiwillige für Caritas im Einsatz

Mittlerweile hat sich auch Sonya Glanzmann (49) aufs Sofa gesetzt. Sie ist es, die die kleinen Stolpersteine auf dem Weg zur Integration wegzuräumen hilft. Die freiwillige Helferin des Projekts «Copilot» von Caritas Zürich besucht die Familie Korkmaz ein- bis zweimal pro Monat. Die Idee des Projekts ist es, Eltern mit Kindern im Alter von drei bis acht Jahren rund ein Jahr lang zu unterstützen. Eine Brücke zu schlagen von der Familie zum Kindergarten und zur Schule.

Ob pensionierte Lehrpersonen, Studenten der Pädagogischen Hochschule oder einfach Eltern, die bereits einen Rucksack voller Erfahrungen mitbringen, gemeinsam ist den Mentorinnen, dass sie wissen, wie die Schweizer Schulen ticken. Sonya Glanzmann ist diplomierte Psychologin und Psychotherapeutin mit eigener Praxis. Weil ihre beiden Kinder im Schulalter sie nicht mehr gleich beanspruchen wie früher, fanden sich in ihrer Agenda kleine Zeitfenster, die sie sinnvoll füllen wollte. Das Copilot-Projekt kam ihr entgegen.

Aus ihrer Arbeit als Kinder- und Jugendpsychologin weiss sie, wie zentral es ist, für die Kinder gute Startbedingungen zu schaffen. Deshalb möchte sie aus einer «privilegierten Situation heraus der Gesellschaft etwas zurückgeben». Einerseits. Andererseits habe ihr der Einblick in fremde Lebenswelten schon immer gefallen. Sonya Glanzmann streicht sich die schwarzen Haare aus dem Gesicht, nimmt einen Schluck Tee und sagt mit ehrlicher Bewunderung: «Die Vorstellung, ich müsste in ein Land fliehen, in dem ich die Sprache nicht spreche, den Alltag nicht verstehe und finanzielle Sorgen hätte… Hut ab, wer das schafft.»

So rollen die Familie Korkmaz und Sonya Glanzmann nun zusammen wie auf einem Tandem durch den Alltag. Zumindest punktuell. Bei den ein- bis zweistündigen Treffen alle paar Wochen gibt sie je nach Bedarf gesundheitsrelevante oder Freizeittipps. Oft legen Fatma und Mahmut ihrer Mentorin Elternbriefe oder Merkblätter vor, die bei ihnen Ratlosigkeit auslösen. Zum Beispiel jenes schulzahnärztliche Schreiben, das von den Eltern das Einverständnis einforderte, Robin in der Schule die Zähne mit Fluorid putzen zu lassen. Zähneputzen? In der Schule? Mit Fluorid? Was haben wir falsch gemacht?

Schulthek sprengt das Budget

Wer nicht in der Schweiz aufgewachsen ist und die Sprache nur rudimentär beherrscht, kann nicht anknüpfen an eigene Lebenserfahrungen. Und verzweifelt mitunter angesichts der Anforderungen, die unser Schulsystem stellt. Sonya Glanzmann nimmt bei den Verabredungen deshalb die Fragen der Eltern auf, spürt nach, wo genau das Problem liegt. Nein, erklärt sie Mahmut und Fatma Korkmaz nun, sie hätten punkto Zahnreinigung nichts falsch gemacht. Aber weil Fluorid die Zähne stärke, sei es in der Stadt Zürich üblich, einmal pro Jahr alle Schulkinder unter Aufsicht die Zähne mit Fluoridgelée putzen zu lassen.

Trotz Unterstützung bleiben die Eltern die Piloten, die Freiwilligen übernehmen die Rolle der Copiloten. «Wir greifen weder ins Familiensystem ein, noch nehmen wir den Eltern Arbeit ab», sagt Sonya Glanzmann. Klar, einen Tipp bei der Suche nach einer neuen Wohnung zu geben oder nach einem geeigneten Programm für die Kinder während der Schulferien zu suchen, ist erwünscht. Ansonsten aber werden die Copiloten darin geschult, ein klares Rollenverständnis einzuhalten. Sie müssen sich abgrenzen können von den betreuten Familien und es dürfen keine Abhängigkeiten entstehen. Fehlt den Kindern etwa ein Skianzug, ist es keine gute Idee, einfach den eigenen Keller mit ausgedienten Kinderkleidern zu entrümpeln. So verführerisch diese Win-win-Lösung auch erscheinen mag. Besser ist Hilfe zur Selbsthilfe.

Nichtsdestotrotz leistet Sonya Glanzmann nicht nur sprachliche Übersetzungshilfe – sie fungiert oft auch als Kulturdolmetscherin. Zum Beispiel wie damals vor einem Jahr, als Robin seinen Schulthekwunsch äusserte. Wie für seine Kollegen im Kindergarten gab es für ihn nur ein Motiv: Ein Spiderman sollte auf dem Thek prangen! Doch Mahmut Korkmaz winkte ab. Mehr als 100 Franken für eine Schultasche bezahlen? Blödsinn! Ein Rucksack aus dem Brockenhaus erfülle doch dieselbe Funktion. Punkt. Robin war empört, der Konflikt unausweichlich. Erst als Sonya Glanzmann den Eltern erklärte, wie wichtig hierzulande der erste Schulthek sei, der Kauf gleichsam einen Initiationsritus für den Eintritt in den Kreis der «Grossen» bedeute, verstanden die Eltern die Dringlichkeit von Robins Anliegen. Zu teuer war der Thek dennoch.

Schere der Ungerechtigkeit

Kein Kind kann wählen, in welches Land und in welche Familie es hineingeboren wird, Lebensumstände sind oft schicksalshaft und gerade bei Kindern niemals selbstverschuldet. Auch wenn das Bemühen um Chancengleichheit nie in absolute Gerechtigkeit münden wird – ohne Altruismus, ohne nach Ausgleich zu streben, wird sich die Schere der Ungerechtigkeit stets weiter öffnen.

Manchmal braucht es gar nicht viel, um die Welt ein bisschen gerechter zu machen. Caritas informierte Sonya Glanzmann über ein Angebot der Schweizer Winterhilfe. Dort erhalten Kinder aus armutsbetroffenen Familien für 20 Franken einen Schulranzen. Samt Wunschmotiv, Etui und Turnsack. Noch schneller aber reagierte eine Nachbarin der Familie Korkmaz. Sie schenkte Robin den Wunschthek. So machte sich der Junge am ersten Schultag samt Spiderman auf den Weg in die Schule. Als wohl glücklichster Schulthekträger des Universums.

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