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Integration in der Schule

Rücksicht und Anpassung

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Integration in der Schule ist ein Dauerthema. Wie viel Tradition verträgt Integration? «wir eltern» hat sich in der Schule umgehört.

«Schwörst du auf den Koran?», wurde kürzlich ein 7-jähriges Mädchen auf dem Pausenplatz eines Winterthurer Schulhauses von einem muslimischen Mitschüler gefragt. Die Kinder erzählten sich gerade – wie so oft in der Pause – die unglaublichsten Geschichten. Der Junge wollte sicher sein, dass sie ihm keinen Käse auftischte, weshalb er sie zum Schwören aufforderte. Darauf folgte ein verbales Gerangel darüber, ob man schwören dürfe und wenn, dann nicht doch eher auf die Bibel? Bald ging es um die Frage, ob es besser sei, Muslim oder Christ zu sein. Zu Hause schliesslich eröffnete das Mädchen ihrer leicht irritierten Mut- ter, sie finde alle Ausländer blöd.

Muss es sie beunruhigen, wenn auf dem Pausenplatz so etwas wie ein Mini-Religionskrieg stattfindet? Was ist davon zu halten, dass eine tunesische Familie im Kanton Schaffhausen ihre Söhne vom Schwimmunterricht freihält und dies mit einer Verletzung religiöser Gefühle begründet? Was ist mit den Weihnachtsliedern, über deren Verbannung aus dem Schulunterricht diskutiert wurde, weil sie die religiösen Gefühle Andersgläubiger verletzen könnten? Und was, wenn eine Lehrerin darum bittet, mit dem Kopftuch unterrichten zu dürfen?

Integration in den Schulen ist ein Dauerthema. Nicht zuletzt deshalb, weil viele Fragen unbeantwortet und die Lösung von Problemen unbeachtet und auf die lange Bank geschoben wurden, profitierte die SVP mit ihrer Politik gegen eine engagierte Integration von Ausländerinnen und Ausländern. Doch inzwischen ist auch das linke Lager aufgewacht und sucht nach Wegen, um den brennenden Fragen und Ängsten etwas entgegenzusetzen.

So fürchten sich Eltern davor, dass die Schulbehörden zu viel Rücksicht nehmen auf die religiösen Gefühle zugewanderter Muslime. Rochus Burtscher aus Dietikon, Vater von vier Töchtern und Zürcher SVP-Kantonsrat, nimmt für sie Stellung: «Gab es früher an unserem Chlausumzug Wienerli mit Brot, verteilt man heute Schoggistengeli und Eistee, weil muslimische Schülerinnen und Schüler kein Schweinefleisch essen.» Da gehe doch ein Stück Tradition verloren, sagt er, das wolle man nicht hinnehmen. Mit zum Teil bis 40 Prozent Ausländerkindern in den Dietikoner Schulklassen fühle man sich als Einheimische ohnehin bald in der Minderheit. Und während Lehrkräfte vor allem damit beschäftigt seien, Fremdsprachigen die Sprachkompetenz beizubringen, langweilten sich die unterforderten einheimischen Schulkinder.

Angst vor Leistungsgefälle

Niemand bestreitet, dass es bei der Integration ausländischer Schulkinder zu Problemen kommt. Und das beschränkt sich nicht auf die muslimischen Einwanderer. Matthias Hauser, früher mehrere Jahre als Sekundarschullehrer im Zürcher Kreis Seebach tätig, betont: «Nicht der einzelne Schüler oder die Schülerin ist das Problem, es ist die Dynamik einer Klasse.» Gebe es in einer Klasse viele Kinder oder Jugendliche, die mit Sprachproblemen zu kämpfen hätten, beeinflusse das die Leistung oder das Verhalten der ganzen Gruppe. «Die Schlechten, die sich ohnehin schon damit abgefunden haben, dass sie mit ihren Leistungen chancenlos sind und keinerlei Unterstützung ihrer Eltern geniessen, ziehen jene mit zunächst höherer Motivation herunter.»

Allerdings hat kürzlich eine Studie der Universität Bern die landläufige Meinung widerlegt, dass ein höherer Anteil Ausländer das Lernniveau einer Schulklasse negativ beeinflusst. Die Erziehungswissenschaftlerin Tamara Carigiet untersuchte 42 Deutschschweizer Schulklassen der dritten Primarstufe mittels Leistungs- und Intelligenztests. Der Ausländeranteil der Klassen war sehr unterschiedlich. Aus der Forschungsarbeit resultierte, dass nicht einmal in Klassen mit über 30 Prozent Ausländerkindern ein Leistungsgefälle feststellbar war. Damit sei belegt, dass die Chancen für Erfolg in der Schule bei allen Schülern gleich hoch seien.

Was bedeuten würde, dass wir an den Schulen also keine Probleme mit der Integration haben. «Doch, haben wir», sagt der Präsident des Dachverbandes Schweizer Lehrerinnen und Lehrer, Beat W. Zemp, der vor einer Verallgemeinerung dieser Studie warnt. «Wir sind uns einig, dass allein die Tatsache, dass jemand Ausländer ist, noch nicht ein grundsätzliches Problem ist», sagt er. «Problematisch wird es aber dann, wenn ein Ausländerkind zusätzlich aus einem bildungsfernen Elternhaus stammt. Ich bin darum schon der Meinung – und die Lehrkräfte bestätigen mir dies aus dem Schulalltag – dass eine sehr hohe Zahl solcher Schülerinnen und Schüler in der Klasse einen Kippeffekt bewirken und die Dynamik negativ beeinflussen kann.» Trotzdem ist Zemp zuversichtlich. Er freut sich sehr darüber, dass der internationale Schulleistungsvergleich, besser bekannt als Pisastudie, eine Verringerung der Zahl von leistungsschwachen Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund ergeben hat. «Im Vergleich zur Studie von 2000 ist der Anteil der leistungsschwachen Schüler von 20,4 auf 16,8 Prozent signifikant gesunken.» Das sei immer noch eine beachtliche Zahl. Doch weil die Zuwanderung heute vor allem durch bildungsnahe Deutsche erfolge, werde sich dies auch auf die Sprachkompetenz und damit auf das Schulniveau positiv auswirken. «Ein Segen für die Schule», denn dieser Umstand erleichtere auch die Integration.

Angst vor Traditionsverlust

Die Sprache – unbestritten in allen politischen Lagern, aber auch bei bestens integrierten Ausländern – ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Eingliederung. Valbona Cakolli ist Kosovo-Albanerin, zweifache Mutter, Krankenpflegerin und Spielgruppenleiterin. Sie kennt die Herausforderungen der Integration: Anfangs der 90er-Jahre kam sie 13-jährig mit ihren Eltern aus dem Kosovo in die Schweiz und verstand kein einziges Wort Deutsch, geschweige denn Dialekt. «Ich weiss, was es heisst, bei null anzufangen und in einem fremden Land Fuss zu fassen», sagt sie heute in fliessendem Schweizerdeutsch. Zum anderen erlebt sie als engagierte Vermittlerin zwischen der albanischen Bevölkerung und den Behörden die Ängste, denen sich viele Zugewanderte, insbesondere Frauen und Mütter, stellen müssen. «Neben vielen, die sich hier zurechtfinden, gibt es eine beträchtliche Zahl, die sich in ihre vier Wände zurückziehen; teils aus Bequemlichkeit oder Desinteresse, aber auch aus Unsicherheit gegenüber der hiesigen Gesellschaft und aus Angst, ein Stück ihrer Identität aufgeben zu müssen», sagt sie. Valbona Cakolli hat in Winterthur Spielgruppen für albanische Mütter und Kinder aufgebaut, ist eine gefragte Brückenbauerin, motiviert ihre Landsleute, die Sprache zu lernen und sich mit den Gebräuchen der Schweiz auseinanderzusetzen. «Ich versuche ihnen zu vermitteln, dass sie dies für sich selbst und für ein zufriedeneres Leben tun.» Gerade die eigenen Kinder erleichterten den Schritt zur Integration, man komme leicht mit anderen Eltern in Kontakt dank Spielgruppen, Kindergarten und Schulen.

Falsche Toleranz

Der gleichen Meinung ist auch Saïda Keller-Messahli. Sie ist Tunesierin und Muslimin, kämpft aber seit Jahren an vorderster Front für einen fortschrittlichen Islam und ermutigt andere, ihre Religion kritisch zu hinterfragen. Sie versteht, wenn Schweizer Eltern wie Rochus Burtscher darüber klagen, dass am Chlausumzug nicht mehr Wienerli mit Brot verteilt werden. «Es ist eine falsch verstandene Toleranz gegenüber Muslimen, wenn man ihnen soweit entgegenkommt. Man kann doch nicht eine ganze Gruppe bestrafen, wenn in der Klasse Einzelne auf Schweinefleisch verzichten wollen oder müssen», sagt sie. «Es ist Sache von deren Eltern, eine alternative Verpflegung zu organisieren.» Auch andere Traditionen wie etwa die Weihnachtsbräuche solle man nicht aus Rücksicht auf andere unter den Tisch wischen. «Genauso ist es bei den Sportlektionen», sagt sie in Bezug auf die Dispensationen vom Schwimmunterricht, die von einzelnen muslimischen Eltern gefordert werden. «Es steht nirgends im Koran, dass Schwimmen mit anderen Kindern in Badeanzügen verboten ist.» Dies sei nur die Auffassung von Fundamentalisten. Die Schule habe einen Bildungsauftrag, und dazu gehöre neben der Schwimmkompetenz auch die Entfaltung des eigenen Körpergefühls.

Dispensationen vom Sportunterricht aus religiösen Gründen sind mittlerweile vom Bundesgericht als nicht zulässig beurteilt worden. Rochus Burtscher glaubt zwar, dass in einzelnen Schulen immer noch Dispensationen bewilligt werden. Doch haben die Behörden heute eine rechtliche Handhabe, solche Forderungen abzulehnen. Die Einbettung der Weihnachtsbräuche im Schulunterricht ist inzwischen wieder unbestritten. Eine frühere Empfehlung, beispielsweise der Bildungsdirektion des Kantons Zürich, die besagte, man solle möglichst auf Lieder verzichten, die den Begriff «Gottes Sohn» beinhalten, weil es religiöse Gefühle Andersgläubiger verletzen könnte, wurde gekippt. Nicht zuletzt dank der breiten öffentlichen Diskussion in den letzten Jahren können die Lehrkräfte dem Thema heute wieder unverkrampft begegnen. Und Lehrerinnen, die mit Kopftuch unterrichten wollen, dürften mit ihrem Anliegen im Moment kaum Chancen haben.

Fäuste statt Worte

Dass viele Kinder bereits von Anfang an in die Regelklassen integriert werden, obwohl sie der Sprache nicht mächtig sind, ist auch aus Sicht des Lehrerverbandspräsidenten ein Problem. Nicht nur im Unterricht, sondern auch auf dem Schulhof. Lehrerinnen und Lehrer machen mitunter die Erfahrung, «dass Kinder, die sich nicht mit Worten ein- setzen können, ihre Fäuste benutzen.» Natürlich gibt es Förderunterricht und spezielle Deutschkurse für Fremdsprachige, die helfen sollen, den Rückstand auf Deutschsprachige zu verkleinern und damit die Chancen für einen erfolgreichen Schulabschluss zu erhöhen. «Doch dieses Angebot auszubauen, bedeutet höhere Kosten, und im Moment wird im Bildungswesen leider eher gespart als aufgestockt», sagt Zemp. «Ausserdem wird darüber gestritten, ob es politisch korrekt ist oder einer Form von Diskriminierung gleichkommt, wenn die nicht deutsch sprechenden Kinder in separaten Klassen unterrichtet werden.» Hier sei die politische Diskussion noch nicht zu Ende geführt.

Das Beste aus jeder Welt

Valbona Cakolli findet, dass die Schweiz ihre Hausaufgaben in Bezug auf Integration grundsätzlich gut macht. Für alle Bedürfnisse gebe es Anlaufstellen und Aktivitätsangebote, sagt sie. Sie ermutigt deshalb ihre Landsfrauen, einen Schritt in die Schweizer Gesellschaft zu tun. Als Albanerin in der Schweiz pflücke sie von beiden Welten das Beste heraus: «In meiner ursprünglichen Heimat wird die Pflege der eigenen Familie und der Respekt für ältere Leute gross geschrieben.» Und laut lachend fügt sie hinzu: «Hier in der Schweiz habe ich hingegen gelernt, ‹Nein› sagen zu dürfen, wenn mir etwas nicht passt – was für eine kosovarische Frau nicht selbstverständlich ist.»

In der Schule, wo ihre Tochter Dhurata (9) die dritte Klasse besucht, hält man den gegenseitigen Respekt hoch, auch gegenüber den Religionen. Wie Primar- und Religionslehrerin Magdalena Denzler festhält, hat die Schule wunderbare Erfahrungen damit gemacht und nur selten Integrationsprobleme, trotz der Tatsache, dass sie Klassen mit bis zu 70 Prozent Ausländeranteil unterrichtet. «Wenn wir uns offen und mit Respekt gegenüber der Kultur und der Religion der anderen zeigen, öffnen sich auch die Eltern von Schülern anderer Herkunft unserem Kulturerbe gegenüber.» Man müsse Respekt zeigen, ohne die eigene Kultur zu verleugnen. «Diese leben und lehren wir in unseren Schulräumen, und mit einer gesunden Neugier verschaffen wir uns auch einen Einblick in die Brauchtümer und Religionen der anderen.» Schliesslich sei die kulturell durchmischte Bevölkerung in der Schweiz eine Realität, sagt Magdalena Denzler. «Es wäre eine fatale Wissenslücke, würden wir die fremden Einflüsse nicht berücksichtigen.» Und so veranstaltet sie mit ihrer Stellenpartnerin beispielsweise einen «Guetzli»-Treff vor Weihnachten, die Schulklasse bäckt und präsentiert Zimtsterne, Mailänderli und Brunsli, während die Mütter der ausländischen Schulkinder eine Spezialität ihres Heimatlandes mitbringen und über ihre kulinarischen und anderen Bräuche berichten.

Unter solchen Voraussetzungen sollte man Sprüche auf dem Schulhof zwar nicht tabuisieren, doch darf man sie wohl ein Stück weit gelassen nehmen. Schliesslich bringt die Zuwanderung nicht nur beunruhigende Dinge mit sich, sondern auch ganz sympathische Einflüsse, wie Valbona Cakolli sagt: «Als ich in die Schweiz kam, war ich sehr erstaunt, dass meine Schulkolleginnen, jede für sich, ihren Znüni auspackten und assen. In meiner Heimat breiten alle ihre Znünis aus und teilen sie miteinander.» Mit Freude beobachte sie nun, dass sich dieser Brauch auch in der Schule ihrer Tochter allmählich durchsetzt.

Gute Noten

Eine im Februar 2012 veröffentlichte Studie der OECD gibt der Schweiz weitgehend gute Noten für die Integration von Migrantinnen und Migranten auf dem Schweizer Arbeitsmarkt. Integrationsdefizite stellt die Studie hingegen bei einzelnen Gruppen fest, so beispielsweise bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Der Bericht empfiehlt der Schweiz, kantonsübergreifend verbindliche Minimalnormen für Integrationsmassnahmen zu entwickeln. Diese Massnahmen sollen die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund fördern und allfällige Benachteiligungen verhindern.

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