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Unbemerkte Schwangerschaft

Plötzlich Mutter

Mutter mit Tochter

Mit Bauchweh fuhr Caroline Blättler in die Klinik, mit einem Baby wieder heim. Die Geschichte einer unbemerkten Schwangerschaft.

Ein sonniger und milder Wintertag geht zu Ende, an jenem Freitag, 9. Februar 2007. Caroline Blättler, (36), und ihr damaliger Partner sitzen mit Kollegen im Restaurant und stossen auf das Wochenende an. Eine kalte Platte steht auf dem Tisch, Käse, Schinken, Salami. Nach wenigen Bissen spürt Caroline ein unangenehmes Ziehen im Bauch. Sie steht auf, schafft es noch knapp auf die Toilette – Durchfall. Ausgerechnet jetzt, denkt sie und setzt sich wieder zur ausgelassenen Tischrunde. Wenige Minuten später kommen die Bauchschmerzen zurück. Ein Gehen und Kommen. Irgendwann beschliesst sie, nach Hause zu gehen, sich hinzulegen.

Ich liege auf dem Bett und kann mich kaum mehr bewegen. Um halb acht rufe ich meinen Partner an, sage, dass ich es nicht mehr aushalte, dass ich zum Arzt muss. Er meint: «Bist du etwa schwanger?» Ich: «Nein, sicher nicht! Wo denkst du hin.»

Carolines Partner entscheidet, gleich ins Spital zu fahren. Mit hundert Sachen rast er Richtung Bülach, glücklicherweise hat es kaum Verkehr. Gekrümmt vor Schmerzen wankt Caroline vom Parkplatz in die Notaufnahme. Die wenigen Minuten Wartezeit, während der ihr Partner das Anmeldeformular ausfüllt, erscheinen Caroline wie qualvolle Stunden. Endlich wird sie in einem Rollstuhl ins Untersuchungszimmer gefahren, Bauch-Ultraschall. Die Diagnose ist glasklar und schnell gestellt: «Sie bekommen ein Kind», sagt der Arzt.

Was? Das kann nicht sein!, rufe ich aus. Ich habe die ganze Zeit die Pille genommen! Erst kürzlich die Periode gehabt!

Doch für Gespräche bleibt keine Zeit. Eine vaginale Untersuchung zeigt, dass die Geburt schon weit fortgeschritten ist, der Muttermund vollständig geöffnet. Das Kind liegt nicht in Kopf-, sondern in Steisslage. Unter diesen Umständen – die Gebärende wurde in den vergangenen neun Monaten kein einziges Mal untersucht – entscheidet sich Dr. Patric Beer, Chefarzt der Frauenklinik des Spitals Bülach, für einen Kaiserschnitt. Um 20.35 Uhr legt er Caroline Blättler ein 2600 Gramm schweres Mädchen auf die Brust. Janine soll es heissen, entscheidet der Vater spontan. Die Mutter nickt bloss.
Knapp 40 Minuten hat Carolines bewusste Schwangerschaft gedauert. Ein Mutterwerden im Zeitraffer. 40 Minuten, um das zu tun, wofür andere werdende Mütter 10 Monate Zeit haben. 40 Minuten, um das kinderlose Leben zu verabschieden und sich auf die 24-Stunden-am-Tag-Verantwortung für ein Baby einzustellen. 40 Minuten für die Gefühlsachterbahn von Angst, Vorfreude, Unsicherheit, Liebe. Ratgeberliteratur, Vorsorgeuntersuchungen, Geburtsvorbereitung – alles hat Caroline übersprungen. Zu Hause warten weder rosa Strampler noch Newborn-Windeln.
Janine schaut ihre Mutter an, kein Ton dringt aus ihrer Kehle. Sie scheint gesund – einzig das typische Neugeborenen-Schreien bleibt aus. Als würde sie sich immer noch nicht getrauen, Aufmerksamkeit zu erregen. Am nächsten Tag wird sie deswegen zur Abklärung ins Kantonsspital Winterthur verlegt. Sorgen macht sich Caroline keine. Wie soll sie auch. 24 Stunden vorher wusste sie noch gar nicht, dass es Janine gibt. Es wird nichts Besorgniserregendes gefunden. Alles ist normal.

Erst mit eineinhalb Jahren ist Janine aufgeblüht. Vorher war sie extrem still, hat kaum geweint. Auch in meinem Bauch muss sie mucksmäuschenstill gewesen sein, sonst hätte ich ihre Bewegungen doch gespürt!

Im Mai 2006, acht Monate vor der Geburt, war Caroline das letzte Mal beim Arzt zur gynäkologischen Jahreskontrolle mit Blutuntersuchung. In den folgenden Monaten fühlte sie sich gesund. Weder Müdigkeit noch Übelkeit plagten sie. Manchmal habe sie leichte Bauchschmerzen verspürt, sich aber deswegen keine Sorgen gemacht.

Klar, ich habe zugenommen. Das ist aber nichts Aussergewöhnliches bei mir. In der kälteren Jahreszeit setze ich immer etwas Winterspeck an. OK, dieses Mal wars mehr, zehn Kilo, stellte sich bei der Geburt heraus. Ich habe einfach weitere Kleider getragen. Niemand hat mich darauf angesprochen, nicht mal meine Mutter. Als ich mich am Tag nach der Geburt allerdings endlich getraute, sie anzurufen und sagte: «Mami, ich bin im Spital … es ist etwas Erfreuliches», wusste sie sofort, dass ich ein Kind bekommen hatte.

Caroline ist nicht bei ihren Eltern aufgewachsen, ihr Vater ist kurz nach ihrer Geburt verschwunden und nur noch selten aufgetaucht, die Mutter musste arbeiten. Das Mädchen und ihr älterer Bruder kamen zu den Grosseltern auf den Bauernhof. Dort gab es Ponys, Hühner und Schafe.

Eigentlich hatte ich eine schöne Kindheit. Aber eine strenge. Menschlich wars hart für mich. Mein Bruder ist materiell verwöhnt worden, ich habe «die Sporen» bekommen. Besonders von der Grossmutter, sie war keine herzliche Person. Nie hat sie mich in den Arm genommen.

Mutter und Tochter schauen sich lächelnd in die Augen

Caroline drückt Janine an sich, als könnte sie damit die Vergangenheit korrigieren: «So hast du es nicht, gell, Kleine. Ich versuche ihr all das zu geben, was ich nicht bekommen habe.» Die Freude an der Mutterschaft, die Mutterliebe, sind langsam gewachsen. Zwei bis drei Tage nach der Geburt verspürte Caroline zum ersten Mal ein bisschen Glück, wie sie sagt. Nach einer Woche darf sie mit ihrem Kind nach Hause. «Wir stellten fest, dass sich Frau Blättler liebevoll und verantwortungsbewusst um ihr Kind kümmerte, deshalb gab es keinen Grund, sie länger bei uns zu behalten», sagt Patric Beer vom Spital Bülach. Mehrere Monate lang erhält Caroline täglich Besuch von einer Hebamme.

Sie zeigte mir, wie ich es mit dem Baby machen muss, dass ich mich zuerst um Janine und erst dann um den Haushalt kümmern soll.

Kollegen bringen Babykleider, einen gebrauchten Kinderwagen und Kinderzimmermöbel vorbei. Nur ihr Partner kann nicht damit umgehen, dass Caroline plötzlich Mutter geworden ist. Und er wieder Vater. Er ist 18 Jahre älter als Caroline, hat bereits zwei erwachsene Kinder. Janine anerkennt er erst nach einem Vaterschaftstest.

Als wir uns kennenlernten, hat er gesagt, dass er keine Kinder mehr wolle. Ich war damals 28 und fand, dass ich ruhig noch etwas warten könne. Danach haben wir nie wieder über das Thema gesprochen.

Janines Vater taucht kaum mehr zu Hause auf. Caroline ist die ganze Zeit allein mit Janine. Das Paar trennt sich, versucht es nochmals und schliesslich lernt Caroline einen anderen Mann kennen. Der Janine wie seine eigene Tochter behandelt. Caroline zieht bei ihm ein. Mit ihrem Ex hat sie ein paar Monate kaum Kontakt, danach kann man plötzlich wieder reden und einigt sich, dass er Janine einmal in der Woche abholt.

Ich bereue es nicht, dass ich ein Kind habe. Heute geht es mir gut und der Alltag mit Janine und meinem neuen Freund ist schön. Wenn ich auf mein Leben schaue, muss ich sagen, es ist positiv, wie alles gekommen ist, wie ich es gemeistert habe.

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