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Medizin

Plötzlicher Kindstod verhindern

Eine aktuelle Studie will eine genetische Ursache des plötzlichen Kindstodes herausgefunden haben. Was bedeutet das für Eltern und was bringen Sensormatten im Babybettchen?

Es ist die Schreckensvorstellung jeder Mutter, jedes Vaters. Ein Baby, das nach dem Einschlafen einfach nicht mehr aufwacht, im Schlaf unbemerkt und völlig still stirbt. Der plötzliche Kindstod macht Jungeltern Angst. Doch wichtig zu wissen: Der plötzliche Kindstod ist sehr selten. In der Schweiz sterben im Schnitt etwa fünf bis zehn Babys daran – auf 80000 Geburten jährlich. Doch jedes einzelne dieser verstorbenen Kinder ist eine unfassbare Tragödie für die betroffene Familie. Entsprechend viel Aufmerksamkeit erhalten neue Erkenntnisse über den plötzlichen Kindstod.

Ein australischer Forscher berichtete kürzlich im Fachblatt «The Lancet eBioMedicine», dass das Blut von plötzlich verstorbenen Säuglingen geringere Mengen des Enzyms Butyrylcholinesterase (kurz BChE) enthielt, als bei Säuglingen im vergleichbaren Alter. BChE sorgt für die richtige Menge an Neurotransmittern, die Signale zwischen den Nerven und Muskeln übertragen.

Ist zu wenig BChE vorhanden oder ist das Enzym nicht aktiv genug, kann ein Überangebot von Neurotransmittern nicht abgebaut werden und es kommt zu einer sogenannten cholinergen Krise, die Atembeschwerden und Störungen beim Aufwachverhalten hervorrufen kann. Bei Erwachsenen tritt ein BChE-Mangel beispielsweise im Rahmen von Infektionen oder Entzündungen auf.

Ein Frühwarnsystem

Die Forscher* innen um Carmel Therese Harrington, die tragischerweise 1992 selbst ihren Sohn durch plötzlichen Kindstod verlor, sehen in BChE einen möglichen Biomarker, quasi ein Frühwarnsystem. Sie wollen als Nächstes einen Screening-Test entwickeln, der Risiko-Babys identifiziert, um sie dann besonders gut überwachen zu können. Das klingt vielversprechend.

Experten sehen jedoch einige methodische Schwachpunkte in der Studie, zudem sei sie mit nur 26 untersuchten, plötzlich gestorbenen Kindern zu klein, um BChE als Biomarker mit zuverlässiger Vorhersagekraft einzuordnen. «Ob ein niedriger BChE-Spiegel beim plötzlichen Kindstod relevant ist oder nicht, ist noch völlig unklar und muss erst noch weiter untersucht werden», sagt auch Georg Staubli, Chefarzt der Notfallstation am Kinderspital Zürich.

Obwohl kein Phänomen der Neuzeit, so existiert die medizinische Diagnose des plötzlichen Tods von Kindern im ersten Lebensjahr, erst seit Ende der 1960er-Jahre. «Der Kenntnisstand über die Ursache hat sich dabei in den vergangenen 50 Jahren nicht geändert, wir wissen den genauen Grund dafür einfach nicht», sagt Staubli. Vermutet wird keine singuläre Ursache, sondern ein biologischer und genetischer Ursachenkomplex.

Drei-Faktoren-Hypothese

Zum einen müsse das Kind von sich aus bereits anfällig sein, beispielsweise durch einen Gendefekt oder Fehlfunktionen im Gehirn, die Herzschlag und Atmung oder das Aufwachen kontrollieren. Ausgelöst etwa durch eine Frühgeburt oder Drogenkonsum der Mutter während der Schwangerschaft. Diese Kinder erleiden statistisch häufiger einen plötzlichen Kindstod.

Zudem muss sich der Säugling in einer kritischen Entwicklungsphase befinden, wo er schnell wächst und sich schnell entwickelt. Das ist besonders in den ersten sechs Lebensmonaten der Fall, hier durchlaufen auch Herz und Lunge einen Reifeprozess. 90 Prozent der plötzlichen Kindstode treten in den ersten sechs Lebensmonaten auf, besonders kritisch sind laut Studien der zweite und vierte Monat. Nach dem ersten Lebensjahr wird der plötzliche Kindstod sehr viel seltener.

«Schliesslich kommen noch äussere Faktoren dazu», sagt der Kinderarzt Gregor Kaczala von Medbase Bern Bahnhof. Hierzu gehören vor allem das Liegen in der Bauchlage, zu hohe Raumtemperatur im Winter, Passivrauchen, aber auch eine akute Infektion (weitere Faktoren siehe Kasten). Eltern werden daher ermutigt, so viele Risiko-Faktoren wie möglich zu meiden. «Auch Stillen kann, wenn für Mutter und Kind möglich, ein zusätzlicher Schutzfaktor sein», sagt Georg Staubli.

Dass diese Massnahmen erfolgreich seien, zeige die Statistik, sagt Staubli. «Nachdem in den 1990er-Jahren die Eltern via Medien und Kinderärzte aufgeklärt wurden, ihr Kind nicht in Bauchlage schlafen zu legen, ging die Häufigkeit des plötzlichen Kindstodes um bis zu 90 Prozent zurück.»

Was bringen Sensormatten?

Während Risiko-Babys mit einem labilen Allgemeinzustand ärztlich verordnete und medizinisch validierte Monitorgeräte erhalten, die ständig Atmung, Puls und Sauerstoffsättigung überwachen, wünschen sich auch nicht wenige Eltern gesunder Säuglinge eine Überwachungsmöglichkeit. Diverse Firmen wie Angelcare oder Babysense bieten für diesen Zweck hochsensible Sensormatten an. Sie werden unter die Matratze des Säuglings gelegt und registrieren seine Atembewegungen. Setzen diese für etwa 20 Sekunden aus, geben die Matten Alarm. Klingt beruhigend. In der Realität schlafen damit aber meistens weder Eltern noch Baby ruhiger. Denn die Sensormatten müssten korrekt platziert werden, sonst komme es häufig zu Fehlalarmen. «Diese Heimmonitore haben in Studien keinen wirklichen Benefit gezeigt», sagt Chefarzt Georg Staubli. Ausserdem mache die Anschaffung eines solchen Gerätes nur Sinn, wenn sich die Eltern auch in Erste-Hilfe-Massnahmen ausbilden liessen, wenn es tatsächlich zu einem nächtlichen Atemstillstand komme.

«In den meisten Fällen ist es aber wirkungsvoller, wenn die Eltern den Kinderarzt einfach auf ihre Ängste ansprechen würden», sagt Staubli. Der könne sie dann über das tatsächliche Risiko ihres Kindes aufklären, um sie zu beruhigen.

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