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Interview

«Nächstenliebe und Selbstliebe – das ist ein gemeinsamer Nenner»

Sinnbild Glaube, Hoffnung

Stephanie Klein ist in Luzern Professorin für Pastoraltheologie. Ein Gespräch über Glaube, Krieg und gute Hoffnung.

Kinder fragen nach Leben, Tod, Gerechtigkeit ...

wir eltern: Jahrelang schien Religion hier bei uns vor allem eine nette Privatsache zu sein. Derzeit wird sie häufig mit Gewalt in Verbindung gebracht …

Stephanie Klein: Ja, aber viele vermeintliche Religionskonflikte sind in erster Linie ethnische Konflikte, lokale Konflikte und wirtschaftliche Konflikte. War Lords bedienen sich skrupellos der Religion, um ihre Interessen durchzusetzen. Religionen bieten sich dafür an, weil sie mit Hingabe an eine Sache zu tun haben. Bis über den Tod hinaus. Das wird ausgenutzt. Bis in die Sprache hinein.

Könnten Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen wir den Irakkrieg. Bush und Hussein bedienten sich damals beide der religiösen Sprache. Sie forderten «Opfer». Bush sprach von «richtig und gerecht», von «für unsere Männer und Frauen in Uniform beten» und von «Gott schütze Amerika». Und Hussein sprach von «Gläubigen, die die Ungläubigen bekämpfen», vom «heiligen Krieg». Religion wird oft missbraucht, um Menschen zu mobilisieren. Weil sie an den Kern des Inneren geht.

An den Kern?

Religion und Glaube tauchen vor allem in Situationen auf, in denen es einen Überschuss an Leben gibt, der tief im Inneren nicht mehr begreifbar ist. Im Positiven wie im Negativen. Die Geburt eines Kindes ist so ein Mehr. Ein Naturerlebnis, etwa ein Sonnenaufgang auf dem Pilatus, kann das sein. Im Negativen, eine Krankheit. Das «Mehr» bricht in die Totalität des Alltags ein. Naturwissenschaftlich- ökonomische Denksysteme werden gesprengt. Hoffnung ist auch so etwas. Hoffnung selbst in der allerschlimmsten Situation.

«Gute Hoffnung» ist aber etwas Schönes. Ist es richtig, dass vor allem Frauen und Mütter nach Religiösem oder auch Esoterischem suchen?

Von alters her waren die Frauen den Ungewissheiten des Lebens näher. Die Männer hatten die Macht, Frauen haben geboren, Alte und Kranke gepflegt. Die Grenzbereiche sind für religiöse und quasireligiöse Erklärungen prädestiniert. Übrigens sind die Wertgrundlagen der grossen Religionen sich viel ähnlicher, als man derzeit denkt.

Als da wäre?

Na, etwa ein Wert wie Kants kategorischer Imperativ. Simplifiziert im Volksmund zusammengefasst als «Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.» Nächstenliebe und Selbstliebe gleichberechtigt nebeneinander – bilden einen grossen gemeinsamen Nenner. Das ist schön. Kinder haben übrigens einen unmittelbaren Zugang zum Glauben.

Ist das nicht nur ein Produkt des elterlichen Einflusses?

Nein. Das rational nicht Erfassbare liegt Kindern nahe. Und sie mögen Geschichten von Gut und Böse. Die haben alle Religionen.

Braucht man Gott in der Erziehung?

Vielleicht nicht. Aber alle Kinder stellen Fragen nach Leben und Tod, Gerechtigkeit, Ewigkeit. Bei der Suche nach Antworten sind Eltern schnell beim Religiösen.

Bei Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen klopfen plötzlich auch die Ungläubigsten beim Geistlichen an. Ist das Rosinenpickerei?

Kann man so sehen. Muss man aber nicht. Meiner Meinung nach ist es verständlich, dass man in diesen Situationen nach den religiösen Dimensionen und kirchlichen Ritualen fragt. Es ist doch gut, dass wieder Kontakt zum Glauben entsteht. Vielleicht wird ja lang Verschüttetes freigelegt.

Wer hat eigentlich mehr Probleme miteinander, Vertreter verschiedener Glaubensrichtungen oder Gläubige und Ungläubige?

Ich sag mal so: Bei der Minarett-Initiative haben sich die Kirchen vehement dafür eingesetzt, dass auch andere Religionen ihren Glauben leben können. Gläubige haben viel gemeinsam.

Manche sogar den Weihnachtbaum als Nicht-Christ.

Jaja, der Weihnachtsbaum. Der scheint alle zu elektrisieren. Dabei ist er weder besonders alt, noch ein besonderes Zeichen des Glaubens, aber wenn er denn Menschen miteinander verbindet – dann ist das doch wunderbar.

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