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Generationenbeziehungen

Mutter-Tochter-Beziehung nach der Geburt

Wenn die Enkelin geboren wird, ruckelts zwischen den beiden vorangegangenen Generationen. Das birgt Konflikte – und viele Chancen. Erfahren Sie, warum das so ist, und lesen Sie die Protokolle von Gesprächen zwischen (Gross-)müttern und ihren erwachsenen Töchtern zum Thema.

Langeweile muss nicht sein. Schon der kleine Satz zur Partnerin «Du bist genauso wie deine Mutter» reicht, und es kommt richtig Stimmung in die Bude. Doch auch das Gegenteil, etwas in der Art von «Boah, deine Mutter geht mir so was von auf den Senkel» erzielt beachtliche Effekte, die über mehrere Tage anhalten können.

Kann man sich drauf verlassen. Denn keine Beziehung im Familiengeflecht ist so spannungsreich und widersprüchlich, nah und schwierig, schwankend zwischen Symbiose und Abgrenzung, immer aber hochemotional wie die zwischen Mutter und Tochter. Man muss es sich vielleicht ein bisschen wie ein Picknick am Kraterrand eines aktiven Vulkans vorstellen: wunderschön oder auch karg, viel Wärme in der Tiefe, und jederzeit kann an irgendeiner Stelle etwas aufbrechen und die Funken fliegen.

Wenn die Tochter selbst Mutter wird

Ja, und kriegen diese Töchter dann ihrerseits wieder Töchter, dann wackelt der Boden erneut. Manchmal ruckelt sich dadurch bislang Verkeiltes zurecht, manchmal wird Fragiles endgültig zerstört und manchmal entsteht Neues, das alle überrascht. Nur vorher wissen kann mans nicht.

Wird das Grosi hüten, wie das 40 Prozent der Grosseltern in der Schweiz mindestens einmal wöchentlich tun? Wird sie das so tun, wie die Mutter sich das wünscht? Oder findet sie die Erziehungsmaximen der Tochter plemplem und setzt die Enkelin vergnügt morgens um 9 vor «Frauentausch», Staffel 13? Ist Oma liebevoller, interessierter und gütiger zur Enkelin, als sie zur Tochter je war? Und irgendwo pikt das im Herz? Wird das dauernde Kritisieren weitergehen, das die eigene Kindheit so schmerzhaft begleitet hat?

Und was ist mit der Enkelin? Soll sie ein Statement für ein ganz anderes Aufwachsen sein? Etwas verwirklichen, was die Mutter nie erreicht hat. Erbt sie Omas Temperament, deren beklagenswertes Bindegewebe oder ihren Ordnungssinn? Ja, wie wird er sein, dieser wechselseitige Blick auf die Generation drüber oder drunter, wenn aus Töchteraugen Mütteraugen geworden sind?

Es ist ein spannungsvolles Durcheinander. Stehen doch Töchter und Mütter in einem einzigartigen Verhältnis zueinander. Einerseits gibt es da vor allem ein Geschlechtsrollenvorbild: «Mama». Dazu kommt ein oftmals hakeliges Sich-miteinander-Vergleichen von Frau zu Frau und dieses unbewusste Von-sich-auf-die-andere-Schliessen als jüngere Ausgabe von einem selbst. Und obendrauf: die notwendige Abgrenzung, will doch keine Tochter blosses Abziehbild der Mutter sein… Kurz: Es ist kompliziert. Unsicherheit reiht sich an Unsicherheit.

Generationenbeziehungen in der Forschung

Zum Glück hat die Wissenschaft ein paar Fakten:
♦ Erwachsene fühlen sich, laut Pairfaim-Studie, generell mehr mit ihren Müttern als mit ihren Vätern verbunden.
♦ Mütter bekommen im Alter mehr Unterstützung durch ihre Kinder als Väter.
♦ Töchter werden ihren Müttern tatsächlich immer ähnlicher. Höhepunkt der Ähnlichkeit: 33 Jahre.
♦ Töchter erzählen ihren eigenen Töchtern aus ihrem Leben in der gleichen Art, wie schon ihre Mütter das aus ihrem Leben getan haben. Lustige Heldengeschichte, tragische Opfergeschichte – der Stafettenstab wird an die 3. Generation weitergegeben…
♦ Die DNA der Grossmutter mütterlicherseits ist bei den Enkelkindern stärker vertreten als die von Vater-Grossmutter, das liegt an den XX-Chromosomen von Frauen und den XY-Chromosomen der Männer.
♦ Im 18. Jahrhundert war die Kindersterblichkeit geringer und der Gesundheitszustand der Kinder besser, wenn eine Grossmutter regelmässig im Haus war, so Datenauswertungen des Soziobiologen Eckhardt Voland. Allerdings nur bei der Oma mütterlicherseits.
♦ Grosi hilft dabei, Konflikte zwischen Mutter und Tochter zu entschärfen. Sie weiss ja noch, wie Mama im gleichen Alter war.
♦ Grossmütter haben eine engere Beziehung zu ihren Enkelkindern als Grossväter. u Nach Studien der Uni Paderborn haben 33 Prozent der Erwachsenen täglich Kontakt mit der eigenen Mutter, 19 Prozent mit dem Vater.
♦ Wird die eigene Mutter hilfsbedürftig – so eine Zürcher Untersuchung – flammen alte Konflikte zur Tochter neu auf. Also: vorher bereinigen.

Gesprächsprotokolle von (Gross-)müttern und ihren Töchtern

Doch da – Studien hin oder her – Mütter und Grossmütter vor allem eines sind: ganz individuelle Frauen mit unverwechselbaren Geschichten, haben wir mit unterschiedlichen Mutter-Tochter-Enkelin-Trios über diese sehr besondere Beziehung gesprochen.
Gespräche, in denen geweint wurde – und viel gelacht.


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«Als Kind warst du doch auch nicht anders», Jeanette Känzig mit Tochter Simone und Enkelin Sina.

«Ich wollte noch möglichst viel von diesem neuen Leben mitkriegen»

Simone Felder (46), Sachbearbeiterin, Jeanette Känzig (68), Rentnerin, Sina (3 ½), Langenthal

Jeanette: Von einer Mutter zur Grossmutter zu werden, hat mir das Leben gerettet. Zumindest den Lebensmut. Ich hatte damals eine Krebsdiagnose bekommen und das Gefühl «das wars jetzt». Aber als sich kurz danach das erste Enkelkind angekündigt hat, da hatte ich plötzlich wieder Energie. Ich wollte mich nicht mehr hängen lassen und noch möglichst viel von diesem neuen Leben mitkriegen. Das Gehen und Kommen ist irgendwie verwoben. Beim zweiten Enkelkind hatte ich ein Rezidiv, der Krebs war zurück. Aber – ich bin immer noch da. Seit ich Grosi bin, bin ich psychisch besser drauf als je zuvor.
Simone: Das stimmt. Darüber freue ich mich total. Psychisch hattest du ja früher grosse Schwierigkeiten. Du hattest schwere Depressionen. So war meine Kindheit eigentlich schon zu Ende, als ich 15 war. Papa hat da zwar den Haushalt übernommen, aber mir fehlte die Stütze durch dich. Insgesamt waren die Männer, also Papa und mein Bruder, überfordert. Und Papa und du, ihr habt euch dann auch getrennt.
J: Das tut mir furchtbar leid für dich. Das muss schwer gewesen sein. Ich versuche jetzt, als Grosi, so viel zurückzugeben, wie ich kann. Und dir mit den Kindern zu helfen, wo ich kann.
S: (hat Tränen in den Augen) Du musst nichts gutmachen, du konntest ja nichts dafür.
J: Ich habe grosse Angst, dir und vielleicht sogar Sina meine Krankheiten weiterzuvererben. Meine Brustkrebsform ist ja genetisch. Das war einer der schönsten Tage in meinem Leben, als du dich auf diese Genvariante hin hast testen lassen und festgestellt wurde: Nein, du hast das Gen nicht geerbt. Danke, dass du mir da sofort Bescheid gesagt hast.
S: Wir sprechen doch sowieso über alles. Du warst die Erste, die ich über meine Schwangerschaften informiert habe. Und ich fahr dich auch ganz selbstverständlich zu deinen Chemos…
J: Ja. Dein Bruder ist nicht gut mit meiner Diagnose zurechtgekommen. Er ist eher versteinert. Auch von seinen eigenen Schwierigkeiten erzählt er mir nichts.
S: Tja, wir Frauen reden mehr. Sina schwatzt auch den ganzen Tag. Das Redselige, das hat sie von dir.
J: (lacht) Na, aber von dir hat sie aber auch viel. Wenn ich euch beobachte, dann denke ich oft: Ach was, bei ihrer eigenen Tochter ist sie da plötzlich so streng, dabei war sie als Kind doch selber nicht anders. Dann schmunzele ich in mich hinein.
S: (lacht) Zum Glück sagst du es nicht. Du verwöhnst die Kinder viel zu sehr. Aber okay, du bist das Grosi, vielleicht darf ein Grosi das. Auch meine Unordnung kommentierst du glücklicherweise nicht.
J: Ich würde gerne bei dir aufräumen, aber ich glaube, das würde dich nicht freuen.
S: Nein. Denn das ist doch mein Haus und meine Familie. Ich musste sowieso erst mühsam lernen, mich abzugrenzen. Vielleicht wegen meiner Rolle als Teenie damals, als du krank warst. Aber ich habe mir die Einstellung erarbeitet: Ich liebe dich und helfe, wo ich kann, aber ich bin nicht verantwortlich. Man muss – vor allem als Mutter – darauf achten, nicht zerrieben zu werden.
J: Richtig. Manchmal mache ich mir Sorgen. Du bist so stark. Alles schaffst du: Kinder, Beruf, jetzt noch ich. Ich will nicht, dass du zusammenklappst wie ich.
S: Tue ich schon nicht. Aber ich verstehe, seit ich selbst Mutter bin, viel besser, wie Kinder an den Nerven zerren können, wie anstrengend es ist, Mutter zu sein, und wie leicht man sich überfordert. Erst jetzt kann ich sehen, dass du damals trotz deiner Krankheit dafür gesorgt hast, dass ich eine schöne Kindheit hatte. Mit vielen Freiheiten. Das möchte ich auch mit meinen Kindern so machen. Und ich finde es schön, dass du mit Sina ausdauernd spielst wie damals mit uns. Ich hatte das zeitweilig vergessen. Erst als ich euch zusammen gesehen habe, ist mir das wieder eingefallen.
Sina: Ich hol mal schnell das «Max Mäuseschreck»-Spiel, gell, Grosi?

Fürsorge oder Einmischung?

Generationenbeziehungen

Was sagt eine Professorin für Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie über intergenerationelle Familienbeziehungen?

Interview lesen!
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«Nähe auf Distanz»: Gaby Shoemaker mit Tochter Tracy und Enkelin June; im Bilderrahmen sind Gabys zweite Tochter Carey und Enkelin Hailey zu sehen, die derzeit in Thailand leben.

«Das Glucken-Gen bleibt»

Gaby Shoemaker (65), Lehrerin, Tracy Shoemaker (38), ehemalige Lehrerin, Schauspielcoach und Filmemacherin, June (5), Jayden (8), Aarau, Carey Shoemaker, ehemalige Lehrerin, Reise-Vloggerin und Lifecoach (35), Hailey (4) und Max (1½), Phuket

Carey: Bei uns hier in Phuket ist es jetzt gerade 15 Uhr.
Gaby und Tracy: Hier kurz nach 10.
G: Mit dieser Distanz zu Carey und den Enkeln in Thailand tue ich mich manchmal schwer, obwohl ich immer damit gerechnet habe, dass meine Töchter nicht immer in der Schweiz sein werden. Zum Glück gibt es Skype und Whatsapp und so sehen und hören wir uns regelmässig, wie jetzt, und haben dann «Quality Time» miteinander, weil dann jede von uns sich bewusst Zeit für ein Gespräch nimmt.
C: Ja, das verursacht manchmal Herzensschmerz, so weit von einander weg zu sein. Es ist der Preis, den man zahlt, wenn man seinen Träumen nachgehen will. Doch auf die von Grandpa erzählten Bilderbücher und Gespräche mit dir müssen Hailey und Max zum Glück nicht verzichten. Danach wünschen sich die beiden oft, sie könnten einfach zu euch auf Besuch kommen. Distanz ist für Kinder in diesem Alter sehr schwer zu verstehen. In solchen Momenten fliessen auch mal Tränen. Apropos: Seit ich selber Mutter bin, frage ich mich, warum du eigentlich nicht mehr geweint hast, als wir vor zwei Jahren nach Thailand gegangen sind? (lacht)
G: Das stimmt. Ich habe mich für dich ganz schön zusammengerissen. Ich bin ja eine ausgeprägte Glucke, aber ich wollte niemals zu euch so sein wie meine Mutter zu mir. Sie hat es mir so extrem schwer gemacht wegzugehen, damals als wir nach Amerika gereist sind. Sie stand weinend an der Bushaltestelle. Ich sehe sie noch vor mir. Ich hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen. Das solltet ihr niemals haben. Ihr solltet getrost ausfliegen in die Welt. Obwohl ich es als Mutter sehr schwer finde, loszulassen, die Kinder gehen zu lassen...
T: Ja, das fällt mir auch sehr schwer. Ich bin ebenfalls eine Glucke. Ich habe June und Jayden am liebsten in meiner Nähe. Allerdings glaube ich, dass diese Muttergefühle einen nicht davon abhalten dürfen, sich als Mensch weiterzuentwickeln. Es fällt mir schwer, meine Verantwortung abzugeben und voll zu vertrauen, dass es andere auch gut machen, wenn ich nicht da bin. Loslassen hat viel mit Vertrauen zu tun.
C: Ja, das stimmt. Als Mama ist es aber so wichtig, dass man selber glücklich ist und sich und die eigenen Träume nicht für die Kinder aufopfert. Kinder lernen durch Beispiele. Wenn ich möchte, dass meine Kinder ihre Träume leben, muss ich mit gutem Beispiel vorangehen. Hailey erinnert mich übrigens sehr stark an mich selber. Sie ist temperamentvoll und voller Energie – so wie ich es als Kind auch war. Ich merke jetzt, wie schwierig das manchmal ist, so ein Energiebündel zu begleiten. Da kommt bei mir eine neue Art Dankbarkeit dir gegenüber auf, Mami, weil ich jetzt verstehe, wie schwierig das für dich sein musste, mit meiner Erziehung.
G: (lacht) Ich kam mir immer vor wie die «Böse», wenn ich dich in deinem Tatendrang gebremst habe. Ich glaube, wir sind uns durch dein Muttersein sehr viel näher gekommen, jetzt wo du meine Seite erlebst.
C: Das ist wirklich so. Dank meiner Erfahrung als aktives Kind kann ich aber Hailey gut verstehen. Meine Erinnerungen an die eigene Kindheit helfen mir, ihrer Art gerechter zu werden.
T: Ich hatte erst kürzlich die Erkenntnis, dass ich niemandem einen Gefallen damit tue, wenn ich krank werde, weil ich mich immer an letzte Stelle setze mit meinen Bedürfnissen. Ich möchte meinen Kindern auch nicht das Gefühl geben, dass sie quasi daran schuld sind, dass ich meine Träume nicht leben konnte und nicht glücklich bin. Ich hatte in der ersten Zeit als Mutter die Tendenz, dies zu tun. G: Wenn ich auf mein Leben als Mama zurückschaue, wünschte ich, ich hätte diese Einsicht auch schon früher gehabt. Ich habe mich und meine Bedürfnisse jahrelang zurückgesteckt und mich für meine Kinder aufgeopfert. Meine Gesundheit und mein Wohlbefinden litten auch darunter. Jetzt, wo ihr aus dem Haus seid, habe ich das Gefühl, ich habe noch einiges nachzuholen.
C: Es ist echt eine hohe Kunst, als Mama die Balance zu finden und allen, sich selber inklusive, gerecht zu werden.
T: Genau. Heute hat man so viele Möglichkeiten, online zu arbeiten, sich auf Youtube schlau zu machen und sich so eine Karriere aufzubauen, aber oft hält einen da die ältere Generation für verrückt. Ich bin dankbar, dass du uns nicht reinredest, wenn wir Neues ausprobieren oder es uns in eine andere Ecke der Welt zieht.
G: Ich verstehe euch. Als ich junge Mutter war, mussten wir auch mehrmals umsiedeln, um jeweils allen Bedürfnissen der Familie gerecht zu werden. Mal verschlug es uns für drei Jahre in die USA, dann wieder in die Schweiz und später noch für sechs Jahre in die Tschechische Republik. Und jetzt macht ihr eure eigenen Reisen. Für dich und deine Familie passt im Moment Thailand; doch da wird es wahrscheinlich nicht aufören, so wie ich dich kenne. (lacht)
C: Genau. Ihr seht es dann in meinem Youtube-Kanal, wo wir als Nächstes landen.
T: Wir reden manchmal darüber, die Schweiz zu verlassen. Das mag June gar nicht. Sie beginnt dann zu weinen und will sofort zu Mambo. (so nennt sie ihre Grossmutter) Sie will sich ein Leben weit weg von dir nicht vorstellen im Moment. Eure Beziehung ist schon eine sehr enge.
G: Wir sehen uns ja mindestens zwei Mal die Woche. Ich geniesse das sehr, dich und June im gleichen Quartier zu haben.
C: Das Glucken-Gen jedoch bleibt gleich stark, egal wo wir sind – das hast du uns jedenfalls weitervererbt. Aber ich finde das eigentlich nicht negativ, seinen Kindern nahe sein zu wollen. Unsere Verbindung ist so stark, dass sie uns auch über weite Distanz grosse Nähe fühlen lässt. Draussen mag ein Riesenchaos sein, der Ort, an dem man lebt, mag dauernd wechseln, aber in mir drinnen ist kein Chaos, da bin ich sicher und ruhig. Dieses unerschütterliche Urvertrauen kommt auch daher, dass du immer für uns da warst.
G: Das ist aber schön, dass du das sagst. Danke. Das ist mir wichtig, dass ich euch Weltoffenheit und die Überzeugung, dass alle Menschen überall gleichwertig sind, vermitteln konnte.
T: Ja, deine Erziehung ist gelungen. Das hast du geschafft, dass wir für uns und unsere Kinder die ganze Welt für möglich halten. Und – unsere starke emotionale Nähe auf Distanz leben müssen. Tja, (lacht) das hast du davon...


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Harmonie, wie auf diesem Symbolbild, wäre schön. Die Realität sieht oft anders aus.

«Ich will eine andere Mutter sein, als meine Mutter es für mich war»

Nadine Betschardt* (34), Sachbearbeiterin, zwei Kinder, Nähe Bern

Meine Kinder sollen eine andere Kindheit erleben, als ich sie erlebt habe. Und ich will eine andere Mutter sein, als meine Mutter – sie ist jetzt 62 – es für mich war. Das ist nicht leicht zu erreichen, denn alte Muster und den Rucksack der Kindheit schleppt man ja mit. Meine Mutter war eine sehr unselbstständige, eher schwache und ängstliche Frau. Sie fährt bis heute weder Auto noch Velo, kennt den Kontostand nicht, hat auch keine Vollmacht übers Konto und sie konnte sich schlecht wehren.

Selbst von meinem älteren Bruder hat sie sich – als er in der Pubertät war – übel beschimpfen lassen, ohne etwas dagegen zu setzen. Ich habe mich schon als Kind irgendwie gezwungen gefühlt, sie zu beschützen. Die Ehe meiner Eltern war schlecht. Es gab viel Streit, keine Tischgespräche und wir sind auch nicht zusammen in die Ferien gefahren.

Als Kind durfte ich nicht zur Maitli-Riege oder zum Volleyball ins Nachbardorf, weil meine Mutter zu grosse Ängste wegen des Strassenverkehrs hatte. Bis zur dritten Klasse hat sie mich in die Schule begleitet. Das alles wollte ich unbedingt ändern, als ich selbst eine Familie gegründet habe. Aber daran muss man hart arbeiten, um das hinzukriegen.

Beispielsweise habe ich bei Auseinandersetzungen mit meinem Mann festgestellt, dass ich auch leicht respektlos und aggressiv werde. Deshalb machen wir regelmässig eine Therapie, denn ich möchte nicht, dass unsere Ehe so wird wie die meiner Eltern. Auch ist es mir ungeheuer wichtig, als Mutter stark zu sein. Vertrauen zu meinen Kindern zu haben, sie auch etwas allein tun zu lassen.

Gerade ist der Stundenplan meiner Tochter für das erste Chindsgi-Jahr gekommen. Das hat Erinnerungen getriggert. Werde ich sie allein zum Kindergarten gehen lassen können? Oder werde ich wie meine Mutter werden? Aber ich habe mir fest vorgenommen, sobald Hanna sagt ‹Ich schaffe das› darf sie allein gehen. Ich habe mir grossen Druck für meine eigene Familie gemacht. Sie soll all das sein, was meine Herkunftsfamilie nicht war. Und ich will die Mutter sein, die meine Mutter nicht war.

Mit meinen Ansprüchen habe ich mich aber selbst überfordert. Als mein Sohn vor zwei Jahren auf die Welt kam, hatte ich eine Phase, in der ich mich vollkommen erschöpft gefühlt habe. Ich war damals in meinen Augen so schwach, wie meine Mutter es gewesen war. Aber eigentlich bin ich nicht schwach, das weiss ich jetzt. Ich kriege mein Leben hin, ich darf nur die Erwartungen an mich selbst nicht unendlich hochschrauben.

Wenn ich jetzt meine Mutter mit meinen Kindern sehe, finde ich: Als Grosi macht sie alles wunderbar. Sie bemüht sich. Sie hat sich auch als Mutter bemüht, das kann ich sehen, seit ich selbst Mutter bin. Aber sie war überfordert. Doch als Grosi ist sie wirklich sehr lieb zu meinen Kindern. Sie knuddelt sie und sagt ihnen oft, wie fest gern sie sie hat.

Aus meiner Kindheit kenn ich das kaum. Dann sage ich zu meinen beiden: ‹Gell, ihr habt ein gutes Grosi›, aber zu meiner Mutter ‹Du bist ein gutes Mami› zu sagen, nein, das kann ich nicht. Leider. Dabei habe ich sie doch lieb.

*Name geändert


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«Wir haben alle diesen eigenen Kopf», Verena Witzig mit Mutter Heidi und Tochter Vivienne.

«Wir haben auch ähnliche Werte»

Heidi Witzig (77), Historikerin, Dr. Verena Witzig (41), Spezialistin für Diversität und Inklusion an der Universität St. Gallen, Vivienne (5), Kindergärtlerin, Winterthur

Heidi: Ja, Enkelkinder zu bekommen verändert etwas in einem. Damit hatte ich nicht gerechnet, mit dieser tiefen Liebe auf den ersten Blick. Ich bin überzeugte Feministin, an ein Verhalten oder Empfinden qua «weiblicher Natur» habe ich nie geglaubt. Ich jedenfalls war als junge Mutter zunächst sehr unsicher und wusste Verena, als sie Baby war, kaum zu halten. Und dann das! Da kommt unerwartet dieses unglaublich starke, warme Gefühl, als ich mein Enkelkind zum ersten Mal im Arm habe …
Verena: (lacht) Früher hast du immer gesagt, du würdest niemals Grosskinder hüten… Tja, das hat sich geändert.
H: (lacht auch) Als Feministin der ersten Stunde war mir wichtig, dass wir Töchter, Mütter, Grossmütter… nicht einfach automatisch tun, was man von uns Frauen erwartet. Das habe ich selber auch nie getan.
V: Stimmt. Meine Kindheit war anders als die der anderen Kinder. Wir haben damals in einer WG mit noch einer weiteren Familie gelebt.
H: Diese Vater-Mutter-Kind-Kleinfamilie war für mich undenkbar. Folge der 68er. Aber es hat mich auch als unverheiratete – ein Skandal damals – berufstätige – auch Skandal – Mutter ungeheuer entlastet, dass nicht nur ich allein nach dir schauen musste, sondern die Person, die gerade zuständig war.
V: Einerseits hat das sicher dafür gesorgt, dass wir beide nie symbiotisch waren und ich mich gross mit Pubertätsstreitigkeiten oder so von dir abgrenzen musste, wie man das von anderen Töchtern hört. Andererseits war unsere Lebensform für mich schwierig, als ich älter wurde. Ich musste dieses WG-Leben ständig überall erklären und rechtfertigen. Meinen Freundinnen gegenüber, den Lehrern, den Eltern meiner Freundinnen… Möglicherweise habe ich dadurch gelernt, eine Position selbstbewusst zu vertreten. Trotzdem habe ich mir damals gewünscht, du wärest ein bisschen mehr gewesen wie andere Mütter. Also etwa, dass du im Blick gehabt hättest, wann ich etwas Bestimmtes hätte zur Schule mitbringen müssen oder du Kuchen für Schulfeste gebacken hättest wie die anderen Mütter…
H: Ich kann gar nicht backen. Hatte ich auch keine Zeit dazu.
V: Manchmal habe ich das als Tochter übel genommen und wollte es, wenn ich mal selbst Familie hätte, anders machen. Erst jetzt, wo ich selbst Mutter bin, verstehe ich das besser. Es ist einfach grotesk, was von uns Müttern alles erwartet wird. Klar, die Väter beteiligen sich, aber erwartet wird es von den Müttern. Wenn etwas schiefgeht, dann sind die Mütter schuld.
H: Hm. Was meinst du? Ihr heute habt doch viel mehr Möglichkeiten als wir damals. Ihr könnt arbeiten, leben wie ihr wollt…
V: Das sehe ich anders. Wir sollen heute auch viel mehr als ihr damals: Wir sollen einen anspruchsvollen Beruf haben, aber gleichzeitig die Kinder fördern – allerdings sie bloss nicht überfordern –, ständig auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen, sie wegen aller möglichen Sachen abklären lassen, sie zu Hobbys chauffieren, gesund biologisch kochen. Und dabei natürlich auch noch allzeit mild und geduldig sein… Kurz: Superwomen.
H: Das war mir gar nicht so klar. Interessant. Hätte ich nicht gedacht. Ich war noch bis gerade eben überzeugt, dass ihr jungen Mütter es leichter habt als wir damals. Schon wieder etwas gelernt.
V: Seit ich berufstätige Mutter bin, kann ich nachvollziehen, dass für Kuchenbacken keine Zeit oder Lust bleibt. Obwohl (lacht) ich kann backen… Mach ich sogar recht gern. Und in einer Kleinfamilie lebe ich auch. Das ist aber keine späte Rebellion gegen meine eigene Kindheit, sondern eher, weil es sich so ergeben hat. Ich hätte mir zwar keine WG, aber doch eine Hausgemeinschaft für das Aufwachsen meiner eigenen Kinder gewünscht.
H: Du bist viel strukturierter als ich damals. Auf der Ebene «Job» und Intellekt, da wusste ich immer, dass du richtig gut bist. Aber diese Wärme und Zärtlichkeit, die du als Mutter ausstrahlst. Da habe ich plötzlich ganz neue Facetten von dir kennengelernt…
V: Danke! Es ist komisch, ja, ich bin selbstbewusst, aber als ich Mutter geworden bin, da hat es mir extrem viel bedeutet, dass du als meine Mutter mich bestärkt und bestätigt hast. Ich war anfangs nämlich total unsicher. Mir hat es geholfen, dass du gesagt hast «Das machst du super», «Das kommt gut».
H: Das habe ich überhaupt nicht gemerkt, dass du Stärkung brauchtest. Ich finde, du machst es wirklich gut, deine Karriere verfolgen und Mutter sein. Ich freue mich übrigens sehr über unsere Beziehung. Ja, wir reden über die Enkelkinder – ich hüte inzwischen (lacht) – aber wir reden genauso über den Beruf, Bücher, Politik, Feminismus. Von Frau zu Frau. Auf Augenhöhe. Das ist nicht bei allen Müttern mit erwachsenen Töchtern selbstverständlich.
V: Stimmt. Wir haben auch ähnliche Werte. Sogar Vivienne, als Dritte im Bunde, hat diese Werte und diesen eigenen Kopf.
H: Was meinst du?
V: Du magst deine kurzen Haare und hast deine weibliche Rolle immer ausgestaltet, wie du es für richtig hältst. Ich mag meine kurzen Haare und gestalte meine Frauenrolle, wie ich es für richtig halte und Vivienne mag ihre kurzen Haare und kämpft gerade im Kindergarten sehr tapfer gegen blöde Sprüche, von wegen «Bubenfrisur» an…
H: Unerhört! Bestärke sie bloss darin, dass sie das tut, was sie will und sich in kein Mädchen-Schema pressen lässt!
V: Natürlich tue ich das!

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