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Das Mutter-Tochter-Thema ist emotional

Interview Familienbeziehungen

«Das Mutter-Tochter-Thema ist emotional»

Warum wird die Mutterbeziehung zum neuralgischen Punkt, wenn man selbst ein Kind bekommt? Antworten hat Heike M. Buhl, Professorin für Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie mit Schwerpunkt intergenerationelle Familienbeziehungen an der Uni Paderborn.

wir eltern: Mutter-Tochter-Enkelin… erstaunlicherweise wollten nur wenige Frauen darüber reden. Und das, wo doch jede Frau eine Mutter hat. Woran liegt das?
Heike M. Buhl: Ach, das würde ich nicht aufs Thema beziehen. Uns geht es bei unseren Studien gerade ähnlich, die Leute sind von der Coronazeit ausgelaugt und insgesamt matt. Und dann ist gerade das Mutter-Tochter-Thema besonders emotional. Auf starke Emotion hat derzeit offenbar niemand Lust.

Wieso eigentlich wird die eigene Mutterbeziehung nochmals zum extrem neuralgischen Punkt, wenn man selbst ein Kind bekommt?
Jede Schnittstelle der Biografie stellt eine Entwicklungsaufgabe für den Einzelnen dar und ihn oder sie vor die Aufgabe, diesen Übergang hinzubekommen, der auch stets ein Verschieben im Rollengefüge der Familie bedeutet. Von der Kindheit zum Erwachsenwerden ist das ein Prozess von der Abhängigkeit hin zur Wechselseitigkeit und wieder hin zur umgekehrten Abhängigkeit, wenn die Eltern alt werden.

Im Erwachsenenalter hilft die sogenannte «filiale Reife», eine gewisse Gelassenheit und wachsendes gegenseitiges Verständnis, dabei, diese Schnittstellen und manchmal rumpelnden Übergänge zu meistern. Das kann der Berufseinstieg sein, Auszug aus dem Elternhaus, Scheidung oder eben: selbst Eltern werden. Immer dann verschiebt sich etwas in der Beziehung, und man muss ein neues Verhältnis zueinander herstellen. Müsste. Denn das kann sehr schwierig sein, weil es normal ist, erst mal an gewohnten Rollenmustern festzuhalten…

Also etwa, wenn meine Mutter zu mir noch, als ich längst schon selbst Mutter war, bei gefühlt 3o Grad Aussentemperatur gesagt hat «Kind, zieh einen Schal an, du erkältest dich» oder auch «Kämm dich doch mal, sieht ja aus, als hättest du ein Vogelnest auf dem Kopf».
(lacht) Ja, da ist das alte Mutter-Tochter-Rollenverhältnis erhalten geblieben. Und, hat es Sie arg genervt?

Nö, eigentlich nicht. Ich sage übrigens das Gleiche zu meiner Tochter. Sie hat aber eine andere Frisur, da bleibt ihr wenigstens das Vogelnest erspart.
Ja, vieles wird automatisch an die nächste Generation weitergeben. Es hat schliesslich auch etwas Fürsorgliches. Ausserdem kann es sehr schön sein, bei der Mutter immer die kleine Tochter zu bleiben. Aber – je nach Verhältnis und Stand der Abnabelung – wird diese Fürsorge eher als übergriffig, als Einmischung oder Kontrolle erlebt.

Unsere Studien ergeben: Ist das Verhältnis zur Mutter angespannt, werden die Stellen des Übergangs schwieriger. Man will dann etwa, wenn man selber Kinder bekommt, besonders vehement aus einer als belastend empfundenen Kinderrolle heraus.

Zuweilen wird die eigene Kindheit neu verhandelt.

Bei den Frauen der Familie scheinen insgesamt die Emotionen höher zu kochen.
Richtig. Untersuchungen belegen: Die Zuneigung von Müttern zu ihren Kindern und andersherum ist zwar unabhängig vom Geschlecht des Kindes, trotzdem gibt es deutliche Unterschiede. Töchter und Mütter reden viel mehr miteinander. Sie erzählen sich wechselseitig Dinge, die sie sonst niemandem erzählen. Wenn dann aus Töchtern Mütter werden, ergibt sich ein weiteres wichtiges affektives Gesprächsthema.

Söhne und Mütter empfinden ebenso herzlich füreinander, aber sie reden weniger miteinander. Vor allem weniger über Persönliches. Durch dieses sich durch Gespräche «so gut kennen» von Töchtern und Müttern, erhöht sich wechselseitig auch die Verletzlichkeit. Nur wer einen anderen gut kennt, kann ihn auch treffen, besonders natürlich in Umbruchphasen, wie etwa Mutter werden. Und dann spielen – noch immer – Geschlechtsstereotype eine Rolle.

Das heisst in diesem Zusammenhang?
Es ist nach wie vor oft die Mutter, die mehr Zeit mit ihren Kindern verbringt als der Vater und zuständig ist «fürs Emotionale». Eigene Kinder gehören wohl auch in die Rubrik «Gefühle». Der Vater – so gestrig sich das anhört – ist in Gesprächen mit seinen Kindern eher zuständig für sachliche Ratschläge, also etwa wenn es um die Berufswahl geht. Andererseits belegen unsere Untersuchungen, nehmen Mütter ihre Töchter eher auf Augenhöhe wahr als Väter. Ab 21 empfinden die beiden Frauen sich als ebenbürtig. Beim Vater bleibt die Beziehung zu Söhnen und Töchtern bis etwa Mitte 30 asymmetrisch.

Aber wenn diese ebenbürtige Frau dann selbst Mutter wird, tut sich ein neues Minenfeld auf.
Kann passieren, ja. Da machen es die Töchter den Müttern nicht recht und die Mütter den Töchtern nicht. Vor allem wenn die Grossmütter fest in die Kinderbetreuung eingebunden sind, wird zuweilen die eigene Kindheit der Mutter noch mal neu verhandelt. Das kann auch zu mehr Nähe führen. Vor allem, wenn Mutter und Tochter schon vorher eine gute Beziehung hatten. Übrigens ist nicht nur das Mutter-Tochter-Verhältnis das engste im Familiengeflecht, sondern auch das Verhältnis der Oma mütterlicherseits zu den Enkelkindern ist enger als das väterlicherseits.

Frauentradition?
So in etwa. Aus Untersuchungen wissen wir, dass die Werte von Müttern und Töchtern sich am ähnlichsten sind. Es findet eine sogenannte Werttransmission statt.

Ich kann also hoffen, dass meine Saat bei meiner Tochter aufgeht?
Keine unbegründete Hoffnung. Aber es ist ein Aushandelprozess. Eine Ko-Konstruktion neuer Rollen, wie gesagt, vor allem an den Schnittstellen.

Und wie kann das gelingen? In der Schweiz hüten sehr viele Grosseltern ihre Enkel, da wäre eine gewisse Harmonie nicht schlecht.
Meine Tipps? Geduldig sein, miteinander reden, Rollen nachjustieren, sich um einen reifen Umgang bemühen, Verständnis und: viel, viel Toleranz.

Und, hat das bei Ihren Töchtern geklappt?
(lacht) Ich hab drei Jungs.

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