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Illustration "Weg mit Tante Rosa"

Aufklärung

Manche sprechen nicht über die Menstruation. Wir schon.

Scham gegen Event. Warum eigentlich pendelt der Umgang mit der Periode zwischen Extremen? Weil es um mehr geht als um ein bisschen Blut.

Vor allem den Männer war es seit jeher unheimlich, dass Frauen tagelang bluten und dennoch weiterleben.

Geheime Mikrofilme werden so weitergegeben. Zeitzünder für Bomben. Harte Drogen. Und – Tampons. Wenn sich in irgendeinem Segment des Lebens diese verdruckste Pssst-pssstdu- weisst-schon-Haltung gehalten hat wie der Ötzi im Eis, dann beim Thema Menstruation.

Das ist die eine Seite. Die andere: In Melbourne strickt die australische Künstlerin Casey Jenkins aus ihrer Vagina heraus – wo vermutlich das Wollknäuel versteckt ist – Schals mit Menstruationsblut.

Die junge Feministin Elona Kastrati (kein Künstlername!) klebt in Karlsruhe Damenbinden an Mauern und Wände mit dem Text «Stell dir vor, Männer wären genauso angeekelt von Vergewaltigungen wie von der Periode». Aliaa Magda Elmahdy, eine ägyptische Bloggerin, menstruiert in ihrer «Photo-Action against ISIS» auf die Flagge der Terrororganisation.

Beim London-Marathon trabt die Inderin Kira Gandhi ins Ziel, während ihr das Blut an den Beinen herunterrinnt. Aus Protest dagegen, dass nur jede zehnte Inderin Zugang zu Hygieneartikeln hat und menstruierende Frauen in ihrem Land ein derartiges No-Go sind, dass sogar Perioden- Scanner vor Tempeln im Gespräch sind, damit sich bloss keine blutende Frau zum Beten schleicht. Und im Netz wehte Instagram vor kurzem ein Shitstorm der Stärke 12 ins Gesicht, nachdem der Bilderdienst ein Foto der Kanadierin Rupi Kaur geblockt hatte, das eine schlafende Frau mit einschlägigem Fleck in der Hose zeigte. Erschreckt von den heftigen Reaktionen, entschuldigte sich Instagram und gab das Bild frei.

Luxusgut Binde

Ja, was ist denn da los auf der Welt? Ziemlich viel für einen Bereich, der die Begriffe «intim» und «diskret» für sich gepachtet zu haben schien. Schien. Vergangenheitsform. Denn zunehmend mehr jungen Frauen, egal auf welchem Kontinent sie leben, wird offenbar die Verklemmtheit wegen ein bisschen Blut zu blöd: Sie finden Drucksen doof, schrill besser als schämen und die Peinlichkeit der Periode – ja, ein Politikum.

Übertrieben? Vielleicht. Doch manchmal macht Übertreibung aufmerksam. Etwa auf die zahllosen Mädchen Afrikas, die ein Viertel des Schulpensums verpassen, weil sie wegen fehlender Binden und Tampons während der Regel nicht zum Unterricht gehen.

Und manchmal macht Übertreibung alltägliche Merkwürdigkeiten erst deutlich. Finger hoch, wer versteht, weshalb noch immer für Slipeinlagen-Werbung gilt: «Blau ist das neue Rot». Binden hellblauen Blutersatz aufsaugen, Pflaster hingegen getrost auf rotes Knieblut gepappt werden. Rätselhaft auch, weshalb Hygieneartikel als Luxusgut besteuert werden und deshalb in Amerika ein Tampon- Steuerstreit (Einnahmen: 20 Millionen Dollar jährlich) zwischen den Bundesstaaten tobt. Auch beim EU-Gipfel im März war diese «Mens-Steuer» Thema. Und erstaunlich ist ebenfalls, dass der Spruch, «die hat wohl ihre Tage» über unbequeme Frauen noch immer nicht in Rente ist, sondern es sogar bis in Donald Trumps Wahlkampf geschafft hat. Offenbar sorgt selbst im Jahr 2016 – 85 Jahre nach Erfindung des Tampons – die Mens dafür, dass «people freak out», wie 46 die kanadische Künstlerin

Petra Collins mal gesagt hat. Obwohl sie die Hälfte der Menschheit betrifft. Und die andere auch. Schliesslich haben Söhne Mütter, Väter Töchter, Männer Frauen. Und jede einzelne Frau hat ihre ganz persönliche Perioden-Geschichte: Wie man sich als Elfjährige danach gesehnt hat, endlich zum Club der Coolen zu gehören. Zu den «Reifen», die sich verschwörerisch gepresste Watte zustecken und die Augen verdrehen über die Ahnungslosen, die noch nicht mitreden können. Oder der Sommer, als man 15 Jahre alt war und mit durchgebluteter weisser Jeans wie angetackert auf dem Hotelterrassen-Stuhl hocken blieb, bis auch der letzte Gast verschwunden war. Und wie toll die zahllosen geschwänzten Englischstunden waren, weil der Lehrer einen bei jedem – gerne auch mehrfach pro Monat – gehauchten «Ich hab meine Menstruation» umgehend nach Hause schickte, aus lauter Angst vor unappetitlichen Details. An die Panik, wenn sich die Tage mal verschoben, weil ein Kind jetzt so gar nicht passen würde. Die Enttäuschung, als es gepasst hätte und sie trotzdem kamen. An das XXL-Gefühl, als die ausbleibende Mens die Tochter ankündigte, die 13 Jahre später eine Packung Tampons «Mini» in die Schultasche steckt. Und an den Anruf der Freundin, sie sei jetzt wohl in den Wechseljahren …

Magisch und unheimlich

Rot markierte Lebensabschnitte. «Mit Blut markierte. Das ist das Besondere», korrigiert Birgit Knegendorf, die als Soziologin das Thema historisch erforscht hat. Blut sorgte schon immer für archaische Gefühle, für den Reflex «stoppen, sonst sterben.» «Vor allem den Männern war es von jeher unheimlich, dass Frauen tagelang bluten und dennoch weiterleben. Auf diesem Mysterium beruht, dass der menstruierenden Frau stets etwas Magisches aber auch Unheimliches angehaftet hat.» Stigmatisierungen und Aberglauben, etwa dass Milch sauer werde, wenn eine blutende Frau in der Nähe sei, Blumen verwelkten, Wein verdürbe und Mensblut giftig sei, seien ein Ausdruck dieser Angst. Andererseits hätten etwa die indianischen Völker menstruierenden Frauen die Gabe des Wahrsagens und der Erleuchtung zugesprochen.

Heute soll alles sauber, haarlos, clean und steril sein.

Weniger erleuchtet, dafür pragmatisch geht man in China mit der Periode um, weiss Susanne Maner, die an der Universität Zürich ihre Masterarbeit darüber geschrieben hat. Das Thema Mens sei in China eines wie Schnupfen oder Haareschneiden. Kreuznormal. Bis in die 80er-Jahre hinein hatten Arbeitnehmerinnen sogar einen «Menstruationstag» pro Monat zugute: zum Tee trinken, Bettflasche auflegen und ausruhen. «Möglichst wenig Probleme mit der Periode zu haben, ist ein wichtiger Wert der traditionellen chinesischen Medizin», erklärt die Ethnologin. Möglicherweise seien auch Menstruationshütten, die es in Nepal gibt – Häuschen, in die sich Frauen während einer Woche im Monat zurückziehen – eher Schutzraum als Diskriminierung, so Maner. «Vielleicht ist unsere westliche Sichtweise sogar weniger frauenfreundlich. Hier muss eine Frau während ihrer Tage perfekt funktionieren, als ob nichts sei.» Auch Tampons, die laut Werbung garantieren sollen, dass eine Frau 30 Tage im Monat in blütenweissen Shorts Trampolin springen kann, verkaufen sich im Reich der Mitte überhaupt nicht. Chinesinnen halten es für gefährlich, den natürlichen Blutfluss zu stoppen. Binden sind hier das Mittel der Wahl. «Wäh» findet das niemand. Auch nicht der chinesische Mann, der Hygieneartikel für seine Partnerin mit der gleichen Selbstverständlichkeit kauft wie Sojasauce.

«Wäh» finden die Periode allerdings noch immer die meisten Schweizer Jungs. «Heute soll alles sauber, haarlos, clean und steril sein. Da passt Menstruieren irgendwie nicht rein», sagt Mathias Schörlin, Sexualpädagoge bei der «Berner Gesundheit». Gerade bei jungen Buben herrsche die Überzeugung, die Periode sei nur für die Mädchen wichtig, ein «reines Frauenthema». «Erst wenn es um den Zusammenhang von Verhütung und Zyklus geht, werden die Jungs aufmerksam», erzählt Mathias Schörlin. «Da spukt allerdings noch hartnäckig der Mythos herum, dass die Frau während der Mens nicht schwanger werden kann. Es gibt bei den Jungen noch einiges zu tun.»

Und bei den Mädchen auch, findet Anja Wüest, Oberärztin am Inselspital Bern und ausgebildet in Kinder- und Jugend-Gynäkologie. «Viele Patientinnen aus anderen Ländern, Flüchtlingsmädchen beispielsweise, wissen absolut nicht, was in ihrem Körper vor sich geht», sagt die Gynäkologin. Schweizer Mädchen seien, dank Mama, Schule und Internet, besser informiert. Trotzdem hielte sich in den Köpfen: Mensblut sei voller Bakterien, grusig und man müsse sich dafür schämen. «Der Unsinn muss jetzt aufhören.»

Am besten durch konsequente Aufklärung, offene Gespräche und dadurch, dass Verklemmtes, wie diese steinalte «Tante Rosa», die einmal monatlich zu Besuch kommt, endlich, endlich beerdigt wird.

Rote Blumen auf ihr Grab.

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