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Immunsystem

Meh Dräck!

Mädchen zeigt ihre schmutzige Hände

Hygienewahn fördert Allergien – das beweisen Studien. Seither ertönt der Ruf nach mehr Dreck im Kinderzimmer. Doch welcher und wie viel Schmutz ist gesund?

Die Immunologin Mary Ruebush schlägt schmutzige Töne an, wenn sie Eltern rät: «Wenn Kinder draussen vom Spielen kommen, sollten sie die Hände NICHT waschen – dafür die Finger vor dem Essen einzeln ablecken!» Ganz ernst meint es die Wissenschaftlerin damit natürlich nicht. Aber sie plädiert in ihrem unterhaltsam geschriebenen Buch «Why Dirt is Good» für deutlich mehr Dreck im Leben von Kindern.
Heuschnupfen, Asthma, Neurodermitis – Allergien haben sich fast epidemisch ausgebreitet. Paradoxerweise juckt die Haut und tränen die Augen aber ausgerechnet in den best entwickelten Ländern. Obwohl wir so sauber leben wie noch nie.
Genau hier liegt die Krux: Wir waschen, schrubben, putzen und desinfizieren uns krank. Das behaupten nicht etwa Naturfreaks, sondern Wissenschaftler. Sie sprechen dabei von der sogenannten «Hygiene-Hypothese», die besagt, dass dem Körper in einer allzu sauberen Umgebung die Mikroorganismen fehlen. Denn diese sind zentral für die Entwicklung des Immunsystems.
«Immunsystem» und «Krankheitserreger» – das sind nämlich Kompagnons, die sich von Beginn der Menschheit weg parallel entwickelt und stets voneinander gelernt haben. «Koevolution» nennen das die Wissenschaftler. Diese Zusammenarbeit wurde nun sozusagen von der Keimfront aufgekündigt: Die flächendeckenden Impfungen und Arzneimittel gegen bakterielle Infektionen einerseits und der menschliche Putzund Sauberkeitsfimmel andererseits machen den Keimen den Garaus und führen das Immunsystem gewissermassen in die Arbeitslosigkeit. Denn ohne die gewohnten Angreifer suchen sich unsere Abwehrkräfte eine andere Beschäftigung. Und schlagen Alarm, wenn sich harmlose Pollen oder Nahrungsmittel nähern.

Wir waschen, putzen, schrubben und desinfizieren uns krank.

Was können wir dagegen tun? Niemand will zurück ins Zeitalter der Nachttöpfe und Plumpsklos. Band- und Spulwürmer, Cholera, Diphterie und Tuberkulose – diese Geisseln der Menschheit wünscht sich keiner zurück. Dennoch drängt sich eine sanfte «Rückkehr zu mehr Dreck» auf. Selbst Epidemiologen raten zu einem entspannteren Verhältnis zu Schmutz: «In manchen Fällen ist es gesünder, weniger sauber zu sein», schreibt etwa Allison Aiello, Professorin für Volksgesundheit, im Fachblatt «Environmental Health Perspectives».

Was aber heisst das für die elterliche Hygieneerziehung? Europäische Studien zeigen, dass Babys von Müttern, die in der Schwangerschaft Kontakt zu Nutztieren wie Kühen, Schweinen und Pferden hatten, später deutlich seltener an Neurodermitis erkranken als Kinder von Müttern ohne solchen Umgang. Soll sich jede Schwangere nun eine Kuh anschaffen, Hühner halten und zur Mistgabel greifen? Eigentlich ja. Damit sich der Schutz bilden kann, müsste sich die werdende Mutter aber über mehrere Monate hinweg intensiv den Keimen von Schwein und Huhn, Stroh und Heu aussetzen. Umsetzbar ist das kaum. Eine Hoffnung bleibt den Stadtbewohnerinnen: Die Viren vom Bauernhof werden künftig vielleicht per Injektion erhältlich sein. Denn Erika von Mutius, Allergologin am Kinderspital der Universität München, entwickelt zusammen mit Kollegen einen «Impfstoff aus Stallmist». Bis ein solcher zur Verfügung steht, dürften allerdings noch ein paar Jahre vergehen.
Bleibt uns zunächst also nur, die schon geborenen Kinder vor dem Putzteufel – und damit vor einer Allergieentwicklung zu schützen. Das heisst, wir müssen aufhören, wie Curling-Spielerinnen vor unseren Kindern herzuschrubben. Sondern darauf vertrauen, dass es ihnen nur gut tut, wenn sie mit Keimen in Berührung kommen.
Mehr Dreck, weniger Dreck – was ist nun das richtige Mass an Hygienevorkehrungen mit Kindern? Die Mütterberaterin Manuela Meyer-Mäder begegnet täglich Eltern mit «Hygienesorgen», manchmal übertriebenen. Deshalb rät auch sie pragmatisch: «Die Umgebung eines Kindes muss sauber – aber nicht steril sein!» Ein Kleinkind soll drinnen und draussen auf dem Boden krabbelnd die Umwelt erforschen dürfen. Da es die Welt nicht nur mit den Händchen, sondern auch mit dem Mund ergründet, ist es wichtig, Putzmittel, Medikamente und verschluckbare Kleinteile aus dem Weg zu räumen. Und kantige Steinchen, andere spitze Gegenstände und Zigarettenstummel gehören auf keinen Fall in Kindernähe.

Lasst Kinder einmal pro Tag richtig verdreckt heimkommen.

Ansonsten aber darf draussen geschmutzt werden. Im Sandkasten buddeln, in der Erde wühlen, mit Wasser plantschen – für Kinder ist das so abenteuerlich wie für Archäologen das Stochern in antiken Grabstätten. Nur dass beim «Dräckle» im Garten nicht nur die Sinne Nahrung erhalten, sondern auch die Abwehrkräfte reifen.
Das tun sie übrigens auch, wenn Kinder eine Krippe besuchen. Und zwar ähnlich wie bei jenen, die auf dem Bauernhof oder in einer Grossfamilie aufwachsen. Denn nirgends kreuchen und fleuchen so viele Viren. «Das Immunsystem erfährt durch die zumeist viralen Infekte eine Reifung, damit sinkt das Allergierisiko», sagt die Kinderärztin Jacqueline Schneiter. Was im Umkehrschluss aber nicht heisse, dass Kinder damit vor Allergien komplett geschützt seien. Denn auch die genetische Vorbelastung spielt eine Rolle.
Dennoch: Schlecht bekommt es unseren Kindern nicht, wenn sie ein wenig mehr ferkeln dürfen als bisher. Es mag Eltern zwar zunächst irritieren, wenn die Immunologin Mary Ruebush rät: «Lasst Kinder dem Abwehrsystem zuliebe einmal pro Tag richtig verdreckt nach Hause kommen!» Die Wissenschaftlerin will damit aber vor allem eines – Mütter und Väter beruhigen. «Denn», sagt Ruebush, «die menschliche Spezies hätte es niemals so lange auf diesem Planeten ausgehalten, wäre sie nicht ausgestattet mit einem wunderbaren Immunsystem.»

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