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Monatsgespräch / Franziska Stettler & Hanna Lauer

«Manchmal ist da eine Lücke»

Franziska Stettler & Hanna Lauer

Die beste Freundin wird dreifache Mutter, man selber bleibt kinderlos, dafür frei und unabhängig. Hält das eine Freundschaft aus Franziska Stettler und Hanna Lauer ziehen Fazit.

wir eltern: Franziska Stettler, Hanna Lauer, seit wann kennt ihr euch?

Franziska Stettler: Wir lernten uns als 13-Jährige in der Pfadi kennen. Ich führte eine Mädchengruppe und hiess Bounty …

Hanna Lauer: … und ich führte eine Jungengruppe, mein Pfadiname war Stereo …

Franziska: … äh, warum eigentlich?

Hanna: weil ich doch nie die Klappe halten konnte!

Franziska: Stimmt, du warst immer sehr lustig, das hat mir gefallen an dir. Irgendwie stimmte der Humor zwischen uns – wir mussten dauernd kichern und lachen!

Hanna: Wir mochten es einfach nicht, stier und überkorrekt zu sein.

Seid ihr zusammen zur Schule gegangen?

Franziska: Nein. Wir wuchsen in Nachbardörfern auf. Ich besuchte später das Gymi und Hanna die lokale Sekundarschule. So blieb sie für mich so etwas wie das Bindeglied zu den Jugendlichen aus dem Dorf.

Eure Freundschaft hat die Pfadizeit überdauert?

Hanna: Wir blieben in der Pfadi bis etwa 17. Aber schon während dieser Zeit gingen wir, wann immer es unsere Eltern erlaubten, zusammen in den Ausgang …

Franziska: … vor allem ins Palais Xtra in Zürich – da hatte man schon als 15-Jährige Zutritt! Wir tanzten total gerne, das Discozeugs war genau unser Ding.

Hanna: Und natürlich der erste Alkohol. Wir waren eine ganze Gruppe. Ein etwas älterer Kollege fuhr den kleinen Bus seines Vaters und sammelte uns jeweils in unseren Dörfern auf – er war sozusagen der Lumpensammler!

Franziska: Neben den Partys gingen wir jede Woche ins Hallenbad und schwammen pickelhart einen Kilometer, weisst du noch? Das war sozusagen unsere gemeinsame sportliche Karriere.

Hanna (lacht): Stimmt! Aber sportliche Karriere ist gut – ich schwamm doch immer so langsam, dass ich fast absoff! Anders als heute …

Franziska: Wir brauchten wenig, um glücklich zu sein, wir wollten vor allem tanzen, Spass haben, Leute kennenlernen.

Was war mit den Jungs? Habt ihr um dieselben Männer gebuhlt?

Hanna: Hmm, irgendwie hatte ich es nicht so einfach wie Fränzi, ich war unscheinbarer. Fränzi war einen Kopf grösser als ich, sie hatte immer einen Freund. Ich hatte lange keinen. Und zudem oft das Gefühl, ich würde sowieso keinen finden. Vor allem, als auch andere Freundinnen ihre Eroberungen mitbrachten, fühlte ich mich manchmal schon ein bisschen wie das fünfte Rad am Wagen.

Franziska: Dabei warst du doch schon damals so ein herzlicher und offener Mensch und hattest es immer mit allen gut!

Habt ihr früher darüber gesprochen, ob ihr dereinst Kinder möchtet? Oder schneite bei Franziska dann einfach plötzlich das erste Kind herein?

Franziska: Mein Mann ist neun Jahre älter als ich, für uns waren Kinder ein Thema, als ich etwa 26 Jahre alt war. Leider klappte es nicht auf Anhieb. In dieser Zeit war ich im Ausgang jeweils etwas zerrissen: Ich hätte gerne mit Hanna auf den Putz gehauen, aber ich wollte eben auch schwanger werden und musste mich zurückhalten.

Hanna: Wir Freundinnen wussten, dass Franziska sich ein Kind wünschte und fieberten mit. Als die SMS kam, dass es endlich geklappt hat, freute ich mich riesig.

... und genau so 'fade' lebe ich nun – als Familie in einem Häuschen mit Garten!

Erinnerst du dich an den ersten Besuch bei Fränzi nach der Geburt im Spital?

Hanna: Klar! Am 21. August 2012 kam das Baby zur Welt, ich hielt Finja noch am selben Tag im Arm. Es war unglaublich heiss und mir lief der Schweiss nur so die Beine runter.

Was löste Fränzis Mutterschaft bei dir aus?

Hanna: Irgendwie wurde mir das erste Mal bewusst, dass ich mir auch vorstellen konnte, irgendwann ein Kind zu bekommen. Ich war zuvor ja lange Single und fand damals die Idee total fade, in einem Vorort ein Haus zu kaufen und Kinder zu haben …

Franziska: … und genau so «fade» lebe ich nun – als Familie in einem Häuschen mit Garten! (lacht)

Ist das Leben als Mutter denn so monoton, wie Hanna befürchtet?

Franziska: Es ist komplett anders als früher, aber ich hatte genug Zeit, mich auszuleben …

Es zerbrechen Freundschaften zwischen Frauen, wenn die eine schwanger wird und die andere kinderlos bleibt. Beneidest du Hanna um ihr noch immer freies Leben?

Franziska: Klar, Hanna kann ausschlafen, hat Zeit für sich, das fehlt mir. Aber was ich wirklich vermisse, ist Zeit zu haben mit Freundinnen. Ich kann nicht mehr unverbindlich sagen, vielleicht bleibe ich zwei Stunden, vielleicht fünf, vielleicht das ganze Wochenende. Die Spontaneität kommt einem als Mutter schon abhanden. Früher sahen Hanna und ich uns mindestens einmal pro Woche, jetzt bekomme ich nur noch die Highlights oder Tiefpunkte mit. Mittlerweile habe ich ja drei Kinder – einen gemeinsamen Alltag, wie wir ihn hatten, gibts nicht mehr.

Und du Hanna, wünschst du dir nicht manchmal auch ein Familiennest?

Hanna: Doch, ehrlich gesagt schon. Ich würde mir hie und da auch diese familiäre Geborgenheit wünschen. Es muss schön sein, sich als Teil einer Familienbande zu erleben und so das Leben voranzutreiben. Nicht einfach austauschbar zu sein, wirklich gebraucht zu werden – damit verbinde ich eine innere Ruhe, die mir jetzt etwas fehlt. Da spüre ich manchmal schon eine Lücke.

Das klingt ein bisschen traurig.

Hanna: Ich habe zwar alle Freiheiten, kann tun und lassen, was ich will. Aber eben auch Momente, in denen ich mich frage, wo führt das hin? Ich lebe allein in einer Wohnung und stelle mir vor, bis 40, 50 oder 60 allein wohnen zu bleiben.

Und das entfacht nicht manchmal Neid auf Franziska?

Hanna: Ich vermisse, dass ich Fränzi weniger oft sehe und nicht mehr ganz für mich habe. Wenn ich sie besuche, können wir manchmal kaum einen Satz zu Ende führen, und schon will wieder eines der Kinder etwas von ihr. Da Senta aber mein Gottenkind ist, ist es nicht so schlimm. Ich will ja auch Zeit mit ihr verbringen, sie gut kennenlernen, damit wir dann mal etwas Verrücktes machen können, wenn sie 16 ist! Wenn meine Lebensumstände es erlauben würden, wäre ich nicht abgeneigt, ein Kind zu haben. Und ich würde es genauso machen wollen wie du, Fränzi! Ich finde, du hast super Nerven – irgendwie stärkere als früher!

Franziska: Inwiefern?

Hanna: Früher warst du weniger tolerant, dich hat schnell mal was genervt. Mit den Kindern hast du an Gelassenheit gewonnen.

Franziska: Man verändert sich als Mutter ja auch und lernt sich nochmals völlig neu kennen.

Zwischen euch gab es also keine Zerreissproben? Keine Frust- und Neidgefühle?

Franziska: Wir sind realistisch. Hanna weiss, dass es utopisch wäre, sie wie früher zweimal pro Woche in der Stadt zu treffen, um abzufeiern. Andererseits ist es für mich super, dass ich auch kinderlose Freundinnen habe. Denn wenn ich Lust habe, in den Ausgang zu gehen, finde ich immer jemanden. Und muss nicht über Kinder reden! Ich kann abschalten und in mein früheres Leben eintauchen.

Und wie empfindest du Hannas Bedauern darüber, noch keine Familie zu haben?

Franziska: Was Hanna mit ihrem Freiheitsdrang machen würde, wenn Kinder da wären, weiss ich nicht. Sie geniesst die Freiheit ja doch sehr. Und sie idealisiert das Familienleben ja nicht völlig. Hanna nimmt auch wahr, wie crazy das Leben mit drei kleinen Kindern manchmal ist. Aber ich wünschte mir für Hanna eine schöne Partnerschaft. Und wenn Kinder daraus resultieren – umso besser! Sie wäre sicher ein super herzliches, liebevolles Mami. Andererseits schätze ich an Hanna eben auch, dass sie nicht auf Biegen und Brechen etwas herbeizerren will. Man kann auch ein erfülltes Leben ohne Kinder haben.

Weshalb schafft ihr, woran andere scheitern?

Franziska: Klar sind es manchmal auch persönliche und strukturelle Gründe, die es einem als Mutter erleichtern, alte Freundschaften weiter zu pflegen. In Absprache mit meinem Mann kann er rechtzeitig von der Arbeit nach Hause kommen und ermöglicht mir so, abends wegzugehen, wenn ich nicht zu müde bin.

Hanna: Uns hält sicher auch die lange, gemeinsame Biografie zusammen. Als kürzlich eine andere Kollegin, die ich erst wenige Jahre kenne, ein Kind bekam, und sich nach der Geburt kaum mehr Zeit nahm, mir auf meine SMS zu antworten, wusste ich, dass die Freundschaft allenfalls nicht so innig bleiben würde.

Franziska: Uns schweisste sicher auch der Tod eines Elternteils zusammen: Vor fünf Jahren starb meine Mutter, kurz nachdem Hannas Vater gestorben war. Wir wissen, wie es ist, Ängste auszustehen und einen nahen Menschen zu verlieren.

Wenn wir alt sind, werden wir unseren Kafi halt mit zittrigen Händen trinken.

Wie seht ihr eure Freundschaft in zehn oder zwanzig Jahren?

Hanna: Ich weiss, dass ich bei Fränzi jederzeit anklopfen darf, wenns hart auf hart kommt, und sie mir Trost und Ratschläge geben kann. Ich glaube, wir bleiben Freundinnen auf Lebzeiten. Wenn wir alt sind, werden wir halt mit zittrigen Händen unseren Kafi trinken – oder unser Bier! Worüber wir als 15-Jährige gelacht haben, darüber werden wir auch noch mit 85 lachen!

Franziska: Dass ich Kinder bekommen habe, hat unsere Freundschaft sicher verändert – aber es hat ihr nicht geschadet. Die unterschiedlichen Lebenswelten, in denen wir im Moment leben, konnten der inneren Verbundenheit nichts anhaben. Ich kann bis heute mit niemandem solche Tränen lachen, wie mit dir, Hanna. Das wird auch noch so sein, wenn die Kinder längst ausgeflogen sind!


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