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Kongo

Mädchen tragen schwer

Kongolesische Frau mit Kind

Geht es um Gewalt, gucken wir gerne weg. Für Mädchen im Ostkongo gehört sie zum Alltag. Sie werden gedemütigt, geschändet, geschmäht. Im Namen des Krieges. Ein Augenschein vor Ort.

Die Natur scheint Gott höchstpersönlich hingepinselt zu haben. Mitten in Afrika wölben sich tausend Hügel fruchtbar dem Himmel entgegen, grasgrün, schilfgrün, gelbgrün – Grün in allen Schattierungen überzieht das Land. Bananenhaine, Tee- und Kaffeestauden, Ölpalmen und Eukalyptusbäume wachsen auf dem schwarzen Vulkangestein, dazwischen eingestreut violett die Blüten der Palisanderholzbäume. Wahrlich, hier hat Gott gewirkt – und sich dann davongeschlichen.
Guilaine (17) sitzt auf einem blauen Plastikstuhl. Die Haare zu Zöpfchen geflochten, Plastikstecker im Ohr, der Rücken durchgestreckt. Ein schönes Mädchen, denkt man. Schön und stolz. Wenn da nicht die Hände wären, die leblos wie zwei kleine Mehlsäckchen im Schoss der jungen Frau liegen.
Guilaine lebt mit über 700 Waisen und Strassenkindern im Zentrum Virunga in der Provinzhauptstadt Goma. Ihr Gesicht will sie nicht öffentlich zeigen. Auch nicht, wenn die Betrachter 7000 Kilometer weiter nördlich leben. Die Häscher lauern überall, am schlimmsten im eigenen Kopf.
Dennoch ringt sich Guilaine durch, stellvertretend für Zehntausende von Mädchen im Ostkongo von ihrer Not zu berichten. Bruchstückhaft und leise. In Gedanken reist sie zurück in das Dorf Butembo. An jenen Tag, als sie 14 war und wie immer ihre Mutter in einem langen Fussmarsch aufs Feld begleitete. Mit gebücktem Rücken beharkte sie die Erde, pflanzte Mais und Maniok für den Fufu-Brei. Kinderarbeit gehört zum Alltag.

Eine von vier vergewaltigten Frauen ist unter 18.

Kongolesisches Kind trägt auf dem Rücken ihr kleines Schwesterchen

Dann standen sie plötzlich da. Sechs junge Männer, Gewehre und Macheten in der Hand. Zerrten Guilaine und ihre Mutter ins Dickicht. Fielen über sie her. Vergewaltigten sie brutal. Verschwanden wieder im Busch.
Tränen rinnen Guilaine über die Wangen, immer wieder fällt sie aus dem Französischen ins Kiswahili, ihre Muttersprache. Ihr ist das zugestossen, was Tausenden von Mädchen und Frauen zustösst hier.
Vergewaltigungen sind hier alltäglich. Als Kriegswaffe gehören sie gleichsam zur Vernichtungsmaschinerie, um die gegnerische Gemeinschaft zu zerstören. Zwar herrscht offiziell Frieden im Land, aber die dunkle Vergangenheit lässt sich nicht abstreifen wie ein schmutziges Kleid.
Durch die Historie des Kongo zieht sich ein roter Blutfaden: 10 Millionen Kongolesen starben während der Kolonialisierung unter der Herrschaft von König Leopold II., die nachfolgende belgische Kolonialregierung wütete nicht minder. 1994 dann schwemmte der Genozid im benachbarten Ruanda Hunderttausende von Flüchtlingen über die Grenze. Seither kämpfen bewaffnete Milizen und Regierungsgruppen um Kupfer, Koltan, Gold und Diamanten, und forderten in den letzten 17 Jahren noch einmal Millionen Menschen.
Kein Wunder, gehört die Demokratische Republik Kongo heute trotz Ressourcenreichtum weltweit zu den ärmsten Ländern. Durchschnittliches Jahreseinkommen: 160 Dollar, Lebenserwartung: 48 Jahre.
Besonders schlimm trifft es die Frauen. Auf einer von der Uno erstellten Rangliste von 165 Ländern steht das Land punkto Frauenrechte ganz unten. Ob in den heruntergekommenen Städten oder im Hinterland – es ist das weibliche Geschlecht, das das Land auf den Schultern trägt. Wortwörtlich. Kolonnen von Frauen und Mädchen ziehen morgens und abends entlang den holprigen Pistenstrassen. Sie balancieren in knarrenden Körben zwanzig, dreissig Kilos auf ihren Köpfen oder schleppen Säcke schwer wie Beton auf dem Rücken. Die Männer schultern derweil leichte Sägeblätter und Macheten oder verteilen die Last auf einem Tshukudu, einem traditionellen Holzvelo.

Ein Spital hilft den Opfern

Wären nicht zufällig Passanten auf Guilaine und ihre Mutter gestossen, sie hätten die Nacht vielleicht nicht überlebt. Mit der Hilfe können sie sich verletzt und gedemütigt in ihr Dorf zurückschleppen. Trost und Pflege aber bleiben aus. Im Verständnis vieler kongolesischer Männer bringt eine vergewaltigte Frau Schande über die Familie – sie ist eines Ehemannes nicht würdig. Guilaines Vater jagt Frau und Tochter weg. Hätte sich die Grossmutter nicht erbarmt und das Mädchen in eine kleine medizinische Versorgungsstation in der Region gebracht, es wäre gestorben.

Nach einigen Wochen und einem langen Fussmarsch findet Guilaine Unterschlupf im Kinderzentrum in Goma. Hier erhält sie medizinische und psychologische Unterstützung – und in den folgenden Jahren rudimentäres Wissen und Fertigkeiten: Lesen, Schreiben, Haushalts- und Hygieneunterricht. Am liebsten aber mag sie die mit Fusspedal betriebene Nähmaschine.
In Goma kümmern sich noch andere Institutionen um Vergewaltigungsopfer wie Guilaine. Orte, die wie kleine Hoffnungsinseln aus einem Meer des Schreckens ragen: das Spital Heal Africa.
Im weitläufigen Spitalhof sitzen und stehen Frauen jeden Alters, farbige Wickelröcke um die Hüften geschlungen, alte Strickjacken auf den Schultern, ein Baby auf dem Rücken, ein Kleinkind am Rockzipfel. Auf kleinen Feuerstellen kochen sie mitgebrachten Reisbrei. Vor allem aber warten viele ungeduldig auf den Eingriff, der ihnen die Würde zurückgeben soll.

Dr. Jo Lusi mit 2 Kinder

Dr. Jo Lusi, Heal Africa: «Wir müssen das Denken des kongolesischen Mannes ändern.»

Heal Africa ist spezialisiert auf einen chirurgischen Eingriff, den es so nicht geben dürfte: die Operation von Scheidenfisteln. Das sind Risse im Gewebe zwischen Vagina, Darm und Blase. Verletzungen, die den Frauen durch Vergewaltigungen mit Bajonetten, Stöcken, Glasscherben zugefügt wurden. Zur Vernichtung des intimsten, zartesten Bereichs des weiblichen Körpers. Wer die Folter überlebt, leidet häufig an Infektionen oder Inkontinenz, kann Kot und Urin nicht mehr halten. Dem Schmerz folgt die Demütigung: Wer stinkt wie ein Tier, hat in der häuslichen Gemeinschaft nichts mehr verloren. Ein weiterer Grund, Mädchen und Frauen zu verstossen.
Rund 60-mal pro Monat nähen Doktor Jo Lusi und sein Team zerfetztes Gewebe im Vaginalbereich zusammen. Jetzt sitzt der Direktor und Mitbegründer von Heal Africa an einem grossen, runden Holztisch, sein optimistischer Bariton füllt den kahlen Büroraum. Es nütze nichts, bloss Spritzen zu geben, die Menschen brauchten auch psychologische Hilfe, müssten das Gesetz beanspruchen können, das Alphabet lernen. All das stellt das Spital zur Verfügung. Doch manchmal erscheine alles wie ein Fass ohne Boden, der Strom an Vergewaltigungsopfern reisse nicht ab.

Frau trägt Bananen auf dem Kopf

Reich an Ressourcen: Frauen tragen die Bürde.

Wie aber ist der Wahnsinn zu stoppen? Durch konsequente, juristische Verfolgung der Täter, sagt Jo Lusi. Und: «Wir müssen das Denken des kongolesischen Mannes ändern. » Ein grosses Wort. Denn selbst, gutgebildet, scheint zutiefst von Rollenbildern geprägt zu sein. «Eine Frau ist eben ein schönes und begehrenswertes Wesen», lautet eine seiner Erklärungen für die Gewalt an Frauen. Missbraucht, vergewaltigt, verstümmelt. Weshalb zeigen so wenige die Täter an? Warum wenden sich die Frauen nicht an die Gesetzeshüter, die Richter, den Staat? Warum werden die Mörder und Vergewaltiger nicht zur Rechenschaft gezogen?
Safiatou Kane sitzt in ihrem engen UNICEF-Büro in Goma und schüttelt den Kopf. Erstens, sagt die junge, kongolesische Juristin, herrsche eine kulturell bedingte Angst, ein Gericht aufzusuchen: «Die Frauen sind es nicht gewohnt, ausserhalb der Familie Hilfe zu holen, schon gar nicht beim Staat.» Meist aus der untersten Schicht stammend, ist ihre Lebenswelt klein, der Kontakt über die Clangrenze hinaus von Misstrauen geprägt. Zweitens entmutigen die schieren geografischen Distanzen bis zum nächsten Tribunal, oft mehrere 100 Kilometer. Verlassen die Frauen ihr Territorium, werden sie schnell erneut zum Freiwild. Drittens: Wenn der Täter aus der eigenen Familie oder der Nachbarschaft stammt, beschmutzt eine Frau mit einer Anklage den ganzen Clan. Repressionen wären ihr gewiss.

Nähkurs für Mädchen im Waisenheim

In Zukunft eigenes Geld zum Leben verdienen.

Überhaupt habe die häusliche Gewalt zugenommen, sagt Safiatou Kanes. Ein Zeichen dafür, dass das Selbstverständnis, das den Vergewaltigungen von Frauen in Kriegszeiten innewohnt, auf den Alltag überschwappt. Selber oft traumatisiert, haben die Männer ein Rollenbild übernommen, das sie als Herrscher über das weibliche Geschlecht definiert. Finstere Aussichten für das Land.
Dennoch: Die Trennlinie von Gut und Böse verläuft nicht zwischen den Geschlechtern. Ja, die Täter sind fast immer Männer. Oft genug aber auch Opfer. Dann, wenn die Milizen und Rebellen bei Überfällen auf die Dörfer die Söhne und Väter dazu zwingen, ihre eigenen Frauen, Töchter, Schwestern zu schänden. Dann, wenn sie – selber noch Knaben – verschleppt werden und als Kindersoldaten anderen Greuel zufügen müssen. Wenn sie von den Rebellenchefs genötigt werden, Hühner und Ziegen zu stehlen. In Hütten einzudringen. Mädchen zu vergewaltigen. Sie zu töten. Ihr Blut zu trinken, um daraus Rebellenkräfte zu schöpfen. Da gehen Seelen kaputt.

Was mit ihrer Mutter geschah, weiss Guilaine nicht. Sie hat sie nie mehr gesehen. Irgendwann wird das Mädchen das Waisenheim verlassen müssen. Was dann? Zurück in ihr Dorf kann und will sie nicht. Wie aber überlebt sie in der Stadt? Wenn sie eine jener uralten Singer-Nähmaschinen besitzen würde, sagt Guilaine leise, könnte sie dereinst Kleider schneidern und damit etwas Geld verdienen.
In ihre Hände ist ein kleines bisschen Leben zurückgekehrt.

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