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Psychologie

Loslassen - warum fällt es uns so schwer?

Ein Kind grosszuziehen, ist vor allem auch eine Übung im Loslassen. Manchmal eine ziemlich schmerzhafte. Was hilft gegen das ziehende Herz, und was gewinnen wir, wenn wir uns der Veränderung stellen?

Eigentlich wissen wir es: Irgendwann müssen wir alles loslassen. Das faltenfrei-jugendliche Aussehen, geliebte Beziehungen, die eigenen Kinder, zu hohe Erwartungen und unerreichbare Ziele, unzählige Dinge und schliesslich sogar den eigenen Körper. Alles zerrinnt uns zwischen den Fingern. Unaufhaltsam. So gewiss wie der Tod.

Doch das Wissen darum hilft leider nur bedingt, souverän und gelassen ziehen zu lassen, was von uns gehen will. Umfragen zeigen, dass es jeder und jedem Zweiten schwerfällt, sich aus Beziehungen zu lösen oder den Job aufzugeben. Sogar Gegenstände loszulassen, macht jedem Dritten Mühe, ganz ohne Diagnose eines Messi-Syndroms. Unbeirrbar, ja, hartnäckig halten wir fest, dummerweise sogar an schlechten Gewohnheiten oder toxischen Beziehungen. Obwohl Psychologie und Glücksforschung übereinstimmend und gebetsmühlenartig wiederholen, was Buddha bereits vor zweitausend Jahren gesagt haben soll: «Lerne loszulassen, das ist der Schlüssel zum Glück.» Woran zweifeln wir also noch? Wieso tun wir es nicht einfach?

«Festhalten ist ein Reflex», sagt die deutsche Psychotherapeutin, Buchautorin und Konzertorganistin Irmtraud Tarr (72) im Gespräch mit «wir eltern». «Genau wie der Säugling, der in den ersten Lebenswochen automatisch umklammert, was seine Handflächen berührt und einen Moment braucht, bis er seine Fingerchen lockert, haben wir die Aufgabe, das Loslassen zu üben. Es ist das zentrale Lebensthema, in dem wir alle stecken.» Im Kern gehe es bei jeder Loslasserfahrung um die Loslösung vom Mutterleib, sagt Tarr: «Wir müssen die Geborgenheit und Sicherheit der mütterlichen Höhle verlassen und erleben dadurch Trennung, oft auch Alleinsein und Verlassenheit», so Tarr.

Festhalten ist ein Reflex, Loslassen müssen wir lernen.

Irmtraud Tarr, Psychotherpeutin

Im Bauch bleiben kann das Ungeborene nicht – müsste es doch aufhören zu wachsen. Wer sich entwickeln will, muss sich vom Alten abwenden und rein in die neue Umgebung, versuchen, damit klarzukommen. Schon früh merken wir also: Wenn wir loslassen, erleben wir ein Abenteuer, eine Überraschung, vielleicht aber auch einen Absturz. Neuland auf jeden Fall. Auf der einen Seite bricht Vertrautes und Liebgewordenes weg, das womöglich auch einengte. Das Neue auf der anderen Seite ist unbekannt, fühlt sich noch unsicher an, macht deshalb oft Angst. Den einen sehr viel mehr als den anderen. Und Eltern sind gleich in doppelter Hinsicht gefordert: Die ersten Schritte, der erste Kita- oder Kindergartentag machen deutlich, dass sich das Kind unaufhaltsam wegbewegt von der elterlichen Fürsorge. Schneller als einem vielleicht lieb ist. Bald schon zieht es aus, lässt uns zurück in einer leereren Wohnung, mit einer Mischung aus Wehmut, Angst und der Hoffnung, es möge ihm gut gehen.

Erste Erfahrungen prägen

Wie einfach das Loslassen fällt, hängt mit unseren frühkindlichen Prägungen zusammen. «Kinder haben ein natürliches Bedürfnis, sich zu binden, aber auch die Welt zu erforschen», sagt der deutsche Psychiater und Bindungsforscher Karl-Heinz Brisch in der Zeitschrift «Spektrum Psychologie». Im Idealfall stellen die Eltern sicher, dass für das Kind keine Gefahr besteht, und wenn dem so ist, lassen sie es selbstständig sein Umfeld entdecken. Kommt es von seinen Erkundungen zurück, wird es freundlich begrüsst und wenn nötig getröstet. Und zieht wieder los, wenn es dafür bereit ist. «Kinder, die so aufwachsen, entwickeln ein stabiles Bild von sich selbst und ihren Fähigkeiten. Sie erfahren sich als selbstwirksam und fühlen sich generell sicher», so Brisch. Als Erwachsene können sie sich auf Beziehungen einlassen. Gleichzeitig haben sie keine Angst, sich zu lösen; sie vertrauen dem, was als Nächstes kommt.

Erfahren Kinder nicht ausreichend Schutz und Zuwendung oder wachsen mit sehr ängstlichen Eltern auf, lernen sie, dass die Welt ein gefährlicher Ort ist. Die Wahrscheinlichkeit ist dann gross, dass sie sich im Erwachsenenalter wenig zutrauen und sich in ungesunde Abhängigkeiten begeben, etwa, um nicht allein zu sein. Oder umgekehrt: Sie unterdrücken ihr Bedürfnis nach Zuwendung und streben nach besonders grosser Unabhängigkeit. «Mit dem Loslassen haben sie keine Probleme, was allerdings daran liegt, dass sie sich auf nahe Beziehungen nicht wirklich einlassen können», so Bindungsforscher Brisch.

Ob nichts und niemand gebraucht oder ängstlich geklammert wird – Menschen haben also immer gute Gründe für ihr Verhalten. Es lohnt sich, mit Verständnis darauf zu blicken. Für Irmtraud Tarr ist denn auch klar, dass alles loslassen als Grundrezept allein nicht taugt: «Wir haben einen Doppellehrplan. Dranbleiben ist genauso wichtig wie Loslassen. Wenn ich ein Mensch bin, der zu Abbrüchen neigt, muss ich Kontinuität, Beständigkeit und Verbindlichkeit lernen. Und umgekehrt.» Wer stur und unflexibel an Bestehendem festhält, dem rät die Psychotherapeutin, Ballast abzuwerfen oder etwas Neues auszuprobieren. «Wir alle fangen entweder auf der einen oder auf der anderen Seite der Skala an», so Tarr. Die Arbeit an sich selbst brauche Disziplin, Selbsterkenntnis und ein uneingeschränktes Ja zum Leben.

Bereit werden für Wandlung

Eine anspruchsvolle Ansage. Doch die Therapeutin weiss, wovon sie spricht. Nicht nur begleitet sie in ihrer Praxis seit vielen Jahren Menschen durch herausfordernde Prozesse. 2020 hat sie selbst innerhalb von drei Monaten fünf ihrer nächsten Menschen verloren, darunter ihren Mann, mit dem sie 45 Jahre zusammengelebt hatte. «Die Fallhöhe hätte nicht grösser sein können», sagt sie, «es fühlte sich an, als wäre die Welt untergegangen.» Gerettet haben sie die Musik, in die sie ihre Nöte und Sorgen wie in einen Widerhall hineinspielen konnte – und ihre Freunde. «Sie haben mich in der ersten Zeit fast schon pädagogisch begleitet, mir etwa den Auftrag gegeben, für sie zu kochen. Dadurch hatte ich Menschen um mich – und etwas zu tun», erinnert sie sich. Genauso wichtig sei es jedoch, den Schmerz und die Trauer zuzulassen, sie nicht zu verdrängen. Im Wissen, dass sich Gefühle wandeln.

Was für die ganz grossen Abschiede gilt, hilft auch, um die kleineren Veränderungen und Loslass-Aufgaben zu bewältigen. Etwa wenn das Kind plötzlich am Morgen allein aus dem Haus und in die Schule läuft. Oder fürs Studium in eine andere Stadt gezogen ist, wie der nachfolgende Text beschreibt. Wenn wir akzeptieren, was ist, sind wir bereit für Wandlung, für Neues. In welcher Form auch immer. Wie Irmtraud Tarr: «Die Liebe, die bisher meinem Mann gegolten hat, gebe ich nun an die Welt weiter.»

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