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Handbuerste

Kreativität

Kreativität bei Kindern: Fördern wir sie genug?

Ohne Kreativität entsteht nichts Neues. Deshalb fördern wir sie bei unseren Kindern. Nun ja – ein bisschen…

Es gibt Wörter, die werden so oft benutzt, bis niemand mehr genau weiss, was sie bedeuten. Durchgenudelt wie der Sommerhit des vergangenen Jahres. Kreativität ist eines davon. Klar, jeder findet Kreativität so richtig super und bei Kindern fördern soll man sie natürlich auch. Nur – was meinen wir eigentlich damit? Goethe und van Gogh? Einstein? Verzierten Kaffeeschaum auf Pinterest? Bällebad im Start-up? Oder den Achtjährigen, der beim Fussballkicken gegen das Garagentor in seiner Fantasie Shaqiri ist? Tja, was ist es?

Darüber kann man streiten, wenn man denn unbedingt will. Möglicherweise sollte man das sogar, denn feststeht: Wir brauchen dieses «Es». Und Herzchen auf dem Latte reichen da nicht aus.

Wie sonst sollen Menschen von heute Probleme von morgen lösen, wenn nicht mit flirrenden Ideen, beweglichen Köpfen und dem Mut, ausgetretene Trampelpfade links liegen zu lassen und stattdessen lustvoll querfeldein ins hohe Gras zu stapfen, weil der Weg vielleicht kürzer ist, dort mehr Blumen wachsen oder – es einfach weniger langweilig ist.

Gut jedenfalls, wenn wir unseren Kindern dafür geländegängige Schuhe mitgeben.
Sollte man meinen.
Denn etwas ist seltsam.
Zwar behaupten nun nahezu flächendeckend die Menschen, Kreativität zu bewundern, faktisch jedoch will einiges dazu nicht recht passen.

♦ Seit 20 Jahren nimmt, besagen amerikanische Langzeituntersuchungen, diese vielgepriesene Fähigkeit kontinuierlich ab.

♦ Der Rotstift bei schulischen Sparmassnahmen kreist verlässlich zuerst über den musischen Fächern. Und das so häufig, dass der inzwischen emeritierte Pädagogik-Professor Jürgen Oelkers sie in einem Vortrag an der Zürcher Hochschule der Künste gar als «Cinderella»-Fächer, «ausgestossene» Fächer, bezeichnete.

♦ Laut einer deutschen Adobe-Studie finden lediglich 10 Prozent der Lehrkräfte, in der Schule spiele Kreativität eine wichtige Rolle. Hand aufs Herz: Sähe das Ergebnis in der Schweiz anders aus?

♦ Kindergartenkinder experimentieren noch spontan mit angebotenen Materialien, schildert das Magazin «Schule» Erfahrungen der Münchner Kunstpädagogin Sandra Falkenstein. Ab Klasse 3 jedoch zieren sich die Kinder. Zu gross ist die Angst, bei ihrem Kunstwerk etwas falsch zu machen

♦ Laut einer Umfrage auf der Online-Plattform Erasmus+ unter Lehrpersonen aller Schultypen antworten 26 Prozent, dass im Unterricht seltener als einmal monatlich Gelegenheit für die Schüler* innen bestünde, ihre Fantasie zu gebrauchen.

♦ Und gleich mehrfach wurde inzwischen der sogenannte Getzel-Jackson-Effekt überprüft und – bestätigt. Der besagt, dass hohe Intelligenz und hohe Kreativität korrelieren. So weit, so erwartbar. Ebenso erwartbar wie das Studienergebnis: Lehrpersonen mögen intelligente Schüler* innen lieber als weniger intelligente.

Doch was diese beiden amerikanischen Psychologen Jacob W. Getzel und Philip W. Jackson ganz nebenher auch noch herausfanden, das ist hochinteressant: Die Pädagog* innen gaben nämlich zwar an, Kreativität zu schätzen, kreative Schüler* innen jedoch schätzten sie nicht. Intelligente und Stromlinienförmige ja, Intelligente und Originelle nein. Nicht mal dann, wenn diese die besseren Leistungen erbrachten. Nachfolgeuntersuchungen in Unternehmen kamen übrigens zu den gleichen Ergebnissen. Freude an vor Ideen sprudelnden Neudenkern haben auch Chefs und Chefinnen nicht wirklich.

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Hauptsache bequem?

Tja. Die landauf landab zu hörenden und zu lesenden Plädoyers für ein kreatives, erfülltes Leben haben offensichtlich einen Pferdefuss: Sie sind nicht aufrichtig. Mindestens aber halbherzig. Out-of-the-box zu denken, ist ein tolles Schlagwort, In-the-box-Denken jedoch für das Umfeld bequemer.

Bequem scheint der höhere Trumpf zu sein. Bestes Beispiel dafür sind die derzeit von Primar- bis Hochschule inflationär eingesetzten Multiple-Choice-Tests: Ankreuzen reicht. Eigene Gedanken? Brauchts nicht. Selbstständige Formulierungen? Unnötig. Die University of Houston, Texas, schickt konsequenterweise Prüfungen zur Korrektur gleich nach Asien. Praktisch. Billig. Effizient. Zack, zack. Die Auseinandersetzung mit alternativen Lösungswegen, unerwarteten Wendungen, neuen Einfällen? Ersatzlos gestrichen.

«Normal» ist eng begrenzt

Auch in Schweizer Klassenzimmern reichen schon mal vier auf dem Arbeitsblatt eingeräumte Zeilen, um Spätfolgen des Ersten Weltkriegs oder die zentralen Aussagen des «Faust» von den Schüler* innen skizzieren zu lassen. Gerade Platz genug, um das hinzuschreiben, was an der Tafel stand und auswendig gelernt wurde. Volle Punktzahl. Mehr passt nicht hin, sorry.

Und wenn zudem – wie hierzulande – 30 Prozent der Kinder in unterschiedlichsten Varianten therapiert werden, weil sie mit irgendetwas ausserhalb der Norm liegen, drängt sich der Gedanke auf, dass die Grenzen des «Normalen» eng gesteckt sind. Dann wird Durchschnitt zum Ideal, zu viel Kreativität verdächtig. Besser nur die heimelige Light-Variante davon. Bisschen Mandalas im Chindsgi ausmalen lassen (bitte nicht über den Rand!), eine Prise Flötenunterricht, ein Lack in keckem Lime-Green für Mamas Zehennägel und am Wochenende «Chili sin Carne», dafür mit Schokolade, exakt nach Tim-Mälzer-Rezept. Das muss reichen in Sachen kreativ werden.

So bleibt alles hübsch ordentlich, planbar, überschaubar, wie es immer war. Nichts stört und piekt. So soll es sein. Nur – entstehen auf diese Art selten Fortschritt und Ideen, die weiterbringen.

Wer zufrieden mit dem Laufen ist, erfindet kein Rad.

Coco Chanel nervten rüschige Kleider, in denen Frauen nicht arbeiten konnten. Melitta Bentz Tassen mit Kaffeesatz unten drin. Isadora Duncan fragte sich, weshalb Tänzerinnen partout schmerzende Spitzenschuhe bräuchten; Jeff Koons, wo sie liegt, die Grenze zwischen Kunst und Kitsch. Steve Jobs soll seinen Ingenieur* innen wutentbrannt den in seinen Augen zu grossen iPod-Prototyp in ein Aquarium geschmissen haben. Und siehe, es stiegen Luftblasen auf – aus platzraubenden Hohlräumen.

Ohne sich Altes kritisch anzusehen, ohne Leiden an Unzulänglichkeiten und den Mut etwas zu wagen, gegebenenfalls anzuecken, geht es nicht. Und ohne Menschen mit diesen Eigenschaften sässen wir noch immer vor unseren Höhlen am Lagerfeuer. Obwohl – eher ohne Feuer. Denn dafür hat sich ja schon Prometheus ziemlich mit dem Götter-Establishment angelegt.

Das schickste Muster fürs Denken ist eben nicht das kleine Karo.

Was also sind die Persönlichkeitsmerkmale Kreativer? Sind die angeboren? Wie lassen sie sich bei Kindern fördern – falls man es denn ernst meint?

Herumschlendernde Muse

Darüber grübelt die Wissenschaft erst erstaunlich kurz. Bis in die 60er-Jahre hinein hielt sich hartnäckig die Mär von der herumschlendernden Muse, die launisch küsste, wen und wann sie wollte. Erst als 1957 die Sowjetunion den ersten Satelliten ins All schoss, wurde die westliche Welt wuschig. Wieso die und nicht wir? Hinken wir etwa technologisch hinterher und wenn ja, warum? Diese Verunsicherung mit panischen Zügen ging als «Sputnik-Schock» in Geschichte und Wörterbücher ein und sorgte dafür, dass plötzlich hektisch gesucht wurde nach Menschen, die Neues kreieren können, und Bedingungen, die ebendiese Menschen hervorbringen.

Joy Paul Guilford hat da einiges entdeckt. Als «Vater der Kreativitätsstudien» machte sich der amerikanische Intelligenzforscher Ende der 60er-Jahre daran, die bis dahin herrschenden Mythen um die Genies als göttliche Günstlinge zu pulverisieren und stattdessen herauszufinden, was jenen Menschen, die mehr funkeln als andere, gemein ist. Heute weiss man, Kreative sind:

♦ «Problem sensitiver» sprich, sie merken, wo an einer Sache ein Haken ist, und dieser Haken piekt sie schmerzhafter als andere
♦ intelligent
♦ neugierig, offen für neue Erfahrungen
♦ begeistert von ihrem Metier und intrinsisch motiviert
♦ flüssig im Denken, was bedeutet: flott, originell und divergent in alle Richtungen
♦ spielerisch in ihrer Herangehensweise an Probleme
♦ fleissig, weshalb Alva Edinson gewitzelt haben soll, Genie sei «1 Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration»
♦ fachkundig. Nur wer sein Handwerk beherrscht, kann es bewusst verändern. Picasso etwa konnte problemlos fotorealistisch malen. Nur – wollte er es irgendwann nicht mehr.
♦ diszipliniert. Entgegen allen Klischees. Schliesslich gilt es, die gute Idee auch umzusetzen.
♦ pragmatisch mit Gespür für Nützlichkeit, weil: Wild und wirr allein bedeutet noch nicht kreativ.
♦ mutig. Wer Bewährtes über Bord wirft, muss seine Einfälle verteidigen können. Ein gerütteltes Mass an Selbstbewusstsein kann daher nicht schaden.

Ja aber, wenn denn die Merkmale der ganz individuellen Persönlichkeit so ausschlaggebend sind, haben dann Bibel und Dieter Bohlen recht? Stimmen «Den Seinen gibts der Herr im Schlaf» und «Ein Schwein kann halt keinen Stabhochsprung»? Hat mans einfach drauf oder eben nicht?

Ja und nein.

Unbestritten sind die meisten Menschen vom angeborenen Talent her bei «Malen nach Zahlen» besser aufgehoben als beim künstlerischen Ausgestalten der Sixtinischen Kapelle. Und doch ist Ideenreichtum eine Mischkalkulation: aus ebenjenen Persönlichkeitsmerkmalen und günstigen Umweltbedingungen, die Einfälle boosten, Menschen mit Wunderkerzen im Hirn hervorbringen. Geld ist eine davon. Wessen Auskommen gesichert ist, hat eher geistige Kapazität frei, klar.

Inspirierende Kontakte sind hilfreich. Suff und Drogen funktionieren auch. Das mag pädagogisch und gesundheitlich fatal sein, wahr ist es dennoch. Mathias Benedek, Psychologe an der Universität Graz, jedenfalls konnte belegen, dass mit 0,3 Promille leicht beschwipste Probanden kreativer waren als die stocknüchternen. Hemingway und Poe, Liszt, Beethoven, Keith Richards und Charles Bukowski haben die Faktenlage möglicherweise etwas überinterpretiert, doch um Moral und Fitness geht es ja jetzt nicht.

Entscheidend ist für den Triumph der Beduselten vermutlich jener von «Flow»-Guru Mihaly Csikszentmihalyi gepriesene, schwerelose Zustand des Gehirns: ein ungerichtetes Schweben ohne Anspannung und Denkverbote, ohne Angst vor Fehlern, selbstvergessen, begeistert, aber konzentriert einer Sache nachgehen und dabei zu pfeifen. Zumindest darauf, was andere von dem Treiben halten könnten. Spielerisch. Wie Kinder. Denn die denken sich auch ohne chemischen Support neue Welten aus, sind Prinz oder Piratin, Shakira oder Shaqiri, bauen Höhlen aus Decken, konstruieren Smarties-Auswurfmaschinen und Drachen-Verliesse. Weil Kinder von Haus aus kreativ sind?

Fantasie setzt Wissen voraus

Nein, sind sie nicht. Entgegen gängigen Behauptungen.

Fantasie setzt nämlich das Verständnis von Symbolen voraus, also, dass etwas stellvertretend für eine andere Sache stehen kann. Fantasie setzt Wissen voraus. Erst wer schon eine Piratin im Bild gesehen hat, kann sie sich später vorstellen und das Kostüm entsprechend stylen. Fantasie setzt die Kenntnis von Regeln voraus.
Einen imaginierten Drachen in einem Kissen-Gefängnis einlochen kann nur, wer die Regel kennt, dass der als Drachen fungierende Teddy nicht doch plötzlich Feuer speien wird. Erst ab etwa zwei Jahren sind Kinder dazu in der Lage. Von jetzt an ist das kreative Fantasiespiel Trumpf, entwickelt sich weiter und weiter und mit ihm das Kind. Und die buntesten Blüten treibt die Vorstellungskraft bei Mädchen und Jungen, mit, wie es im Pädagog* innen-Jargon heisst, «sicherer Elternbindung», die wissen: «Ups, schiefgegangen? Macht nix. Mama und Papa sind ja da.»

Gut auch, wenn Erwachsene sensibel genug sind, zu sehen, was sie ist, diese spezielle Sache, für die das Kind glüht, und entsprechende Angebote machen. Hätte Mozart den Fussball und Ronaldo die Geige bekommen, wer weiss, ob wir die beiden überhaupt kennen würden. Oder wenn ihr Umfeld auf ihr Talent reagiert hätte, wie Einsteins Kindermädchen auf Klein-Albert. Das nämlich soll den Jungen für beklagenswert deppert gehalten haben, lungerte er doch ganze Tage auf der Couch herum und sinnierte über die Ausrichtung einer Kompassnadel. Glücklicherweise scheint die Einschätzung des Kindermädchens Einstein nicht nennenswert irritiert zu haben, und er nahm sich weiterhin Zeit zum Chillen.

Denn nur beim vermeintlich faulen Abhängen, schildert Ulrich Schnabel in seinem Buch «Muße», entsteht jener kreative Raum, «unser Gehirn in sich selber spazieren gehen zu lassen», Gelerntes zu verarbeiten, neue Zusammenhänge herzustellen und im besten Fall – Heureka! – einen zündenden Einfall zu haben. Wenn, ja wenn, man dabei nicht gestört wird. Das kommt selten vor. Länger als drei Minuten, so Gloria Mark von der University of California, bleibt heutzutage kaum jemand bei der Sache.

Ploppt hier eine Mail auf, wird da kurz das Smartphone gecheckt. Tendenz auch bei Kindern und Jugendlichen: steigend. Wo es blinkt und flirrt und sirrt wie in einem Flipperkasten, zersplittern Ideen. Sind Unterbrechungen Programm, entsteht kein fertiges Produkt. Medialer Overkill und Zerstreuungsangebote von allen Seiten machen es überflüssig, sich selbst etwas auszudenken.

Gehirne sind bequem. Und – sie werden bequem gemacht. Denn eine mal unbequeme Frage, die man sich in einem stillen Stündchen stellen könnte: Wie ernst ist es uns Eltern und Erwachsenen tatsächlich mit der Kreativität bei Kindern? Heisst die ehrliche Antwort nicht oft: ähm, nicht so. Weil dieses ständige Wieso-weshalb-warum-Fragen nervt?

Im Schulsystem halt doch die Artigsten, denen die vier vorgesehenen Antwortzeilen fürs auswendig Gelernte reichen, am weitesten kommen? Weil überhaupt beunruhigend britzelnde Ideen ungemütlicher sind als behagliche Gruppenveranstaltungen zum Mitklatschen?

Okay.

Dann reichen Mandalas und jeden Oktober Kastanienmännchen-Basteln nach Vorlage.

Nur eben: Neues entsteht so niemals, und – Glück seltener. Denn, auch das beweisen Studien, langfristig glücklicher sind Menschen, die sich trauen, vergnügt aus der Reihe zu tanzen. Wahrscheinlich, weil ausserhalb der Reihe viel mehr Platz ist zum Tanzen. Mit nie dagewesenen Schritten.

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