Remo Minder, svg
Inklusion
«Kinder sollen hier einfach Kinder sein dürfen»
Von Caterina Melliger
Die Kita Yara in Zürich ist ein Pilotprojekt für Kinder mit hohem Pflege- und Betreuungsbedarf. Kinderarzt und Mitinitiant Remo Minder erklärt, warum Normalität im Alltag der Kinder und Eltern ein Gewinn ist.
Bald öffnet die Kita Yara, die erste Kita in der Schweiz für Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Was hat Sie motiviert, das Projekt zu realisieren ?
Remo Minder: Die Idee entstand aus der gemeinsamen Stiftungsarbeit mit dem Schauspieler Stefan Gubser. Wir merkten, dass klassische Spendenmodelle oft zu wenig Wirkung entfalten, und wollten ein konkretes Projekt schaffen. Inspiriert durch eine ähnliche Institution in Deutschland wurde uns bewusst, wie gross die Versorgungslücke im Vorschulalter in der Schweiz ist. Als Kinderarzt sehe ich diese Lücke täglich. Mich motiviert es, nicht nur einzelnen Familien zu helfen, sondern nachhaltige Strukturen aufzubauen.
Welche Kinder finden bei euch einen Platz ?
Die Plätze sind für Kinder mit chronischen oder lebenslimitierenden Erkrankungen gedacht, die professionelle Pflege zu Hause brauchen, aber auch Kinder aus dem autistischen Spektrum oder mit zusätzlichem Betreuungsbedarf sind willkommen. Wichtig ist: Wir sind kein Spitalersatz, die Kinder müssen zu Hause betreut werden können – sobald das geht, geht es auch bei uns.
Wie viele Betreuungsplätze gibt es ?
Wir werden acht bis maximal zehn Plätze anbieten. Der Platz ist bewusst begrenzt, weil wir für pflegebedürftige Kinder mit hohem Bedarf ausgerüstet sind – etwa mit Betten statt Matratzen und der Möglichkeit, Pflegehandlungen durchzuführen. Zudem richtet sich das Angebot gezielt an Kinder mit schweren oder chronischen Beeinträchtigungen, nicht an ein inklusives Mischmodell. Auch personell ist mehr nicht realistisch, da wir von einer sehr engen Betreuung, im Verhältnis 1 : 1, ausgehen.
Wie hoch sind die Betreuungskosten für die Eltern ?
Wir richten uns nach den städtischen Tarifen in Zürich. Für Säuglinge sind die Tarife ein bisschen höher als für Kinder ab 18 Monaten. Und wir haben auch subventionierte Plätze.
Welche Rolle spielt es für Sie als Arzt, dass diese Kinder trotz intensiver medizinischer Betreuung auch etwas Normalität im Alltag erfahren ?
Das ist für mich ein ganz zentraler Punkt. Eltern von Kindern mit speziellen Bedürfnissen sind rund um die Uhr gefordert, und die Kinder erleben oft nur die enge Bindung zu den Eltern. Eine Kita bietet beiden die Chance, ein Stück Alltag zu leben: Die Kinder sammeln neue Eindrücke und Erfahrungen, und die Eltern können kurz durchatmen. So werden die Kinder auch langsam auf nachfolgende Übergänge wie Schule oder heilpädagogische Einrichtungen vorbereitet, was für alle ein Gewinn ist.
Für Eltern ist es oft schon schwierig genug, ihre Kinder loszulassen – umso herausfordernder muss es wohl sein, wenn das Kind intensive Pflege braucht.
Das ist definitiv so. Unsere zentrale Aufgabe ist es, das Vertrauen der Eltern zu gewinnen. Am Anfang ist es besonders schwer, weil noch keine Erfahrungswerte da sind. Wir wollen die ersten Familien eng einbinden, Schritt für Schritt Vertrauen aufbauen und für Sicherheit sorgen. Kontinuität im Team und fachlich versierte, einfühlsame Mitarbeitende sind dafür entscheidend. Aus unserer Erfahrung mit der Kinder-Spitex wissen wir, wie wichtig stabile Bezugspersonen sind. Wir sind zuversichtlich, dass wir das schaffen und den Eltern die nötige Sicherheit geben können.
Welche Hürden gab es bei der Planung und Umsetzung der Kita ?
Am meisten überrascht hat mich, wie unkompliziert Stadt und Kanton uns mit Startbeiträgen unterstützt haben. Natürlich braucht es Bewilligungen, Umbauten müssen vorgenommen und zusätzliche Mittel gewonnen werden, aber wenn die Idee stimmt und der Bedarf da ist, findet man in Zürich erstaunlich viele Verbündete. Das war eine wertvolle Erfahrung für mich und bestärkt mich, dass sich Projekte wie unsere Kita umsetzen lassen.
Wie möchten Sie, dass die Gesellschaft diese Kinder und Familien wahrnimmt ?
Pflegebedürftige Kinder haben dasselbe Recht auf Betreuung und Förderung wie alle anderen Kinder auch. Dass Kinder mit besonderen Bedürfnissen manchmal andere Lösungen brauchen, heisst nicht, dass es nicht möglich ist – es braucht nur etwas Flexibilität und den Willen, Räume zu schaffen. Viele Eltern haben bisher kaum Angebote gefunden, und es ist wichtig, dass die Gesellschaft versteht, wie dringend solche Plätze gebraucht werden, ohne dass die Kinder ständig an ihre Einschränkungen erinnert werden. Gleichzeitig geht es auch darum, den Eltern ein Durchatmen zu ermöglichen und ihnen zu zeigen, dass Normalität im Alltag trotz intensiver Betreuung möglich ist. Wenn wir das schaffen, profitieren Kinder und Eltern gleichermassen.
Remo Minder
Remo Minder ist Kinderarzt und Präsident des Stiftungsrats der Stiftung Yara. Nach lang-jähriger Tätigkeit als Kaderarzt im Kinderspital Zürich arbeitet er heute in der Praxis am Lindberg in Winterthur. Mit der Stiftung setzt er sich für die frühkindliche Betreuung von Kindern mit chronischen Erkrankungen und besonderen Bedürfnissen ein und eröffnete im März 2026 in Zürich die erste Kita Yara in der Schweiz.
