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Sicherheit im Strassenverkehr

Kinder im Strassenverkehr

Ab welchem Alter schafft es ein Kind, Gefahren im Strassenverkehr richtig einzuschätzen? Bis zu welchem Alter darf ein Kind auf dem Trottoir radeln? Interview mit Verkehrspsychologin Andrea Uhr über Unfälle und Kinder im Strassenverkehr.

wir eltern: Frau Uhr, 2019 verletzten sich im Strassenverkehr 180 Kinder bis 14 Jahre schwer, vier starben. Das ist erschreckend.
Andrea Uhr: Ja, diese Zahlen sind zu hoch. Jedes verletzte Kind ist eines zu viel, auch wenn die Unfallzahlen in den letzten Jahrzehnten stark gesunken sind. 1980 etwa gab es noch 1670 schwer verletzte und 78 getötete Kinder.

Wer ist schuld an den Unfällen: die Kinder oder die Autofahrerinnen?
Grundsätzlich sollte man Kindern bei Verkehrsunfällen keine Schuld geben. Ihr Fehlverhalten ist meist entwicklungsbedingt. Niemand kann von ihnen erwarten, dass sie sich jederzeit verkehrssicher verhalten. Zudem sind Kinder körperlich noch klein und werden im Strassenverkehr mitunter übersehen.

Betrachtet man die polizeiliche Verkehrsunfallstatistik, zeigt sich, dass Kollisionen, in denen sich 4- bis 14-jährige Kinder zu Fuss, mit dem Trottinett oder auf dem Velo schwer verletzt haben, gleich oft durch Kinder verursacht werden, wie durch andere Verkehrsteilnehmende.

Wie können Eltern ihre Kinder besser schützen?
Indem sie frühzeitig vorzeigen, erklären und mit dem Kind üben. Erwachsene müssen sich gleichzeitig bewusst sein, dass Kinder sich trotz Training nicht jederzeit sicher verhalten werden, etwa dann, wenn sie abgelenkt sind. Darum empfehlen wir Eltern, ihr Kind auf dem Kindergarten- oder Schulweg so lange wie nötig zu Fuss zu begleiten, damit es Erfahrungen sammeln kann. Oder für den Schulweg Angebote wie den Pedibus zu organisieren und zu nutzen.

Für die Entwicklung des Kindes ist es wichtig, dass es mit der Zeit auch unbegleitete Erfahrungen sammeln kann – zuerst in der vertrauten Umgebung mit wenig Verkehr. Ist das Kind selbstständig im Strassenverkehr unterwegs, sollen die Eltern dafür sorgen, dass es den sichersten Weg geht, nicht den kürzesten. Und darauf achten, dass das Kind von anderen Verkehrsteilnehmenden gut gesehen wird, indem es helle Kleider und leuchtende und reflektierende Materialien trägt.

Wichtig ist die Vorbildfunktion. Indem Eltern sich zu Fuss und mit dem Motorfahrzeug achtsam, rücksichtsvoll und umsichtig verhalten, schützen sie auch andere Kinder.

Ab welchem Alter ist ein Kind fähig, die Gefahren im Strassenverkehr richtig einzuschätzen?
Pauschale Angaben sind schwierig, da die Entwicklung individuell verläuft und die Situationen im Strassenverkehr vielfältig sind. Man geht davon aus, dass Kinder mit etwa acht Jahren Gefahren voraussehen können, respektive erkennen, durch welches Verhalten sie in Gefahr geraten könnten. Mit neun bis zehn Jahren ist auch das Verständnis für vorbeugende Massnahmen entwickelt, das sogenannte Präventionsbewusstsein. Gewisse Verkehrssituationen sind selbst für Kinder oder Jugendliche im Oberstufenalter noch anspruchsvoll.

Bis zu welchem Alter dürfen Kinder mit dem Velo oder Trottinett das Trottoir benutzen?
Seit 1. Januar 2021 dürfen Kinder bis 12 mit dem Fahrrad auf dem Trottoir fahren, wenn kein Radweg oder Radstreifen vorhanden ist. Mit Trottinetten ohne elektrischen Antrieb dürfen alle Altersklassen auf dem Trottoir fahren. Sowohl mit dem Velo als auch mit dem Trottinett gilt auf dem Trottoir: Fussgänger dürfen nicht behindert oder gefährdet werden.

Und ab welchem Alter darf man Kinder allein im Strassenverkehr Velo fahren lassen?
Das ist abhängig von den motorischen und kognitiven Fähigkeiten des Kindes und von seinen Erfahrungen. Innerhalb derselben Altersstufe variiert das Können der Kinder für das Velofahren sehr stark. Andererseits spielen die Komplexität der Strassensituation und die Verkehrsbedingungen eine Rolle. Die meisten Kinder sollten sich mit 10 bis 12 Jahren selbstständig mit dem Velo im Verkehr bewegen können, wenn die Verkehrsverhältnisse nicht zu komplex sind. Die Veloprüfung bietet einen Anhaltspunkt für die Einschätzung der Verkehrskompetenz der Schüler* innen. Sie kann aber nicht sämtliche Situationen abdecken. Eltern sollten immer das individuelle Kind und die jeweilige Situation betrachten.

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