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Kinderfreundliche Gemeinde

Kinder an der Macht

Zwei Kinder spielen zwischen alten Pneus

Als erstes Schweizer Dorf hat das luzernische Wauwil das UNICEF-Label «Kinderfreundliche Gemeinde» erhalten. Merkt man das? Ein Augenschein im Kinderparadies.

Der erste Eindruck ist ernüchternd: Nichts unterscheidet Wauwil von seinen Nachbargemeinden im Kanton. Der Morgenverkehr schiebt sich durch die Hauptverkehrsachse, daran aufgefädelt stehen Kleingewerbe, Post und Gemeindehaus, rechts und links liegen die Wohnquartiere, eher geometrisch angeordnet denn verspielt.
Nicht, dass es dem Dorf an Liebreiz fehlen würde: Die Sicht über das Naturschutzgebiet Wauwilermoos bis hin zu den Alpen verdient das Adjektiv idyllisch. Eine kleine Pfahlbauersiedlung verleiht historische Würde.
Aber soll dies Kinderherzen höher schlagen lassen? Wo sind sie zu finden, die Insignien des Kinderparadies? Wo sind die Rodelbahnen und Freizeitparks? Die Trampoline und Schleckbuden? Man sucht vergebens danach. Wauwil ist kein Schlaraffenland. Und wer erwartet, Pippi Langstrumpfs Charme durchs Dorf hüpfen oder Karlssons Erfindungslust durch die Luft surren zu sehen, sitzt einem Irrtum auf. Weshalb also darf sich Wauwil das Label «Kinderfreundlich» ans Revers heften?
Die Antwort auf diese Frage sucht man am besten zuerst ganz oben im Dorf, bei der Gemeindepräsidentin. Den Kaffee serviert sie im Sitzungszimmer des Gemeindehauses gleich selber. Mit oder ohne Zucker? Milch oder Rahm? Allüren kennt Vreni Gassmann keine. Die Kurzhaarfrisur, die vifen Augen, die warme Stimme – wenn die Bezeichnung «Bodenhaftung » ein Gesicht hat, dann ihres. Vreni Gassmann zog selber vier Kinder gross – und stand als Hausfrau 20 Jahre vor dem Familienkarren. Da hebt man nicht mehr ab. Auch nicht wegen eines Labels.

Erklärt vielleicht die hohe Affinität der Gemeindepräsidentin zu Familienbelangen das Engagement für Kinder? Schliesslich muss man wissen, dass auch alle andern wichtigen Ressorts in Wauwil von Müttern besetzt sind. Aber Vreni Gassmann winkt lachend ab: «Nein, nein, das Label war nicht nur Frauensache!»

Dörfliche Machtmonopole

Auch als «Zugpferd» auf dem Weg zur Auszeichnung lässt sich die Gemeindepräsidentin nicht gerne bezeichnen. Zumindest nicht als einziges. Und wenn sie sagt, dass bei ihnen der Gemeinderat, die Schule, Jugendsozialarbeit, Kirche und Vereine eng vernetzt arbeiten, liefert sie damit vielleicht die Erklärung für die Kinderfreundlichkeit Wauwils: Hier schläft man nicht nur nebeneinander, sondern lebt im Dorf, streitet miteinander und diskutiert. Auch über die Anliegen von Kindern und Familien. Reibungsverluste zwischen dörflichen Machtmonopolen gibt es keine.
Eigentlich, erzählt Vreni Gassmann, hätte sich Wauwil schon lange stark gemacht für Kinder. Doch als sie 2007 erfuhr, dass Gemeinden sich von der UNICEF mit einem Label auszeichnen lassen können – damals war sie noch Bildungsbeauftragte – wollte sie ganz pragmatisch wissen, wie es um «ihr» Dorf stand: «Es war schlicht eine prima Chance zu überprüfen, wie kinderfreundlich wir wirklich sind.»

Kinder springen Seil während der Pause

10-Uhr-Pause: Die kurze Freiheit mit Händen, Füssen, Bauch und Kopf erobern.

Label nicht überbewerten

Pause. Die Türflügel der Primarschule Wauwil fliegen auf – Kinder stieben über den Pausenplatz, um sich gleich darauf vor der «Spielhummel » zu sammeln. Der bemalte Anhänger birgt Dutzende von blauen Plastikkistchen. Von einer Lehrerin zuvor in Reih und Glied aufgestellt, angeln die Schüler darin nun nach Tennisschlägern, Diabolos und Jongliertüchern, nach kleinen und grossen Bällen, Stelzen und Skateboards. Schön ordentlich und ohne Gerangel.
Gleich darauf aber vibriert der Platz. Nicht Grüppchenstehen ist angesagt, sondern 15 Minuten Freiheit, die die Kinder mit Händen, Füssen, Kopf und Bauch und in alle Himmelsrichtungen erobern. Die «Spielhummel» stand ganz oben auf der Wunschliste der Kinder.
Diese Liste wurde kurz nach dem Startschuss zur UNICEF-Label-Bewerbung erstellt. Die Grossen luden die Kleinen ab Kindergartenalter ein zur «Zukunftswerkstätte»: Workshops, in denen Visionen erarbeitet wurden. Kinder muss man nicht zweimal fragen, was sie sich wünschen: ein Kleintierheim, ein Schwimmbad, ein Billardzentrum, eine Go-Kart-Bahn, ein Shoppingzentrum und ein Fussballstadion! Kinderträume eben. Viele davon nicht realisierbar. Das Budget zu klein, die Natur zu geschützt. Dafür liess sich über ein Kino im Dorf, ein Beachvolleyballfeld und einen Spielturm auf dem Pausenhof diskutieren.
«Partizipation» heisst das Schlüsselwort in den Projektunterlagen. Was staubtrocken klingt, meint schlicht und einfach das Recht der Kinder mitzureden, mitzuplanen – und mitzuentscheiden. Nicht einmal, sondern immer wieder.
Für Thomas Küng steht dieses Recht wie ein «Fixstern» am Wauwiler Firmament. Der Schulleiter und wichtigster Mitstreiter von Vreni Gassmann meint damit, dass bei Entscheiden in der Gemeinde die Kinder mitgedacht werden. 2009 und nach zahlreichen Gesprächen und Evaluationen mit der UNICEF erhielt Wauwil die Auszeichnung.

5 Kinder posieren für ein Bild

«Es gefällt uns mitzubestimmen, wie der Pausenplatz aussehen soll.» Isabella, Adriana, Antonio

Überbewerten will Thomas Küng das Label nicht: «Vom Etikett profitieren vor allem wir Erwachsenen.» Wie recht er hat, beweisen die Wauwiler Kinder, die nun in der Aula im Halbkreis sitzen: Aaron (5) und Elin (5) staunen mit grossen Augen, wenn man sie fragt, was ihnen an Wauwil besonders gefällt. «Vielleicht das Springseil?» Oder: «Die Ritterburg zu Weihnachten! » Antonio (7) schwärmt vom FC Wauwil, Adriana (8) und Isabella (8) loben die Schulfastnacht – aber dass Wauwil Kindern mehr zu bieten hätte als andere Gemeinden, das finden sie nicht. Logisch. Aus Kinderperspektive fehlt der Vergleich.
Etwas reflektierter sehen es die Grösseren: Olivier (12) gefällt es, den Pausenplatz mitgestalten zu können, Lucia (12) und Kevin (11) finden den Schülerrat «super». Kinder ziehen das Anschauliche dem Abstrakten vor. Den ausladenden Spielturm auf dem Pausenplatz etwa.

Standortvorteil

Das Gerät gehörte zwar zu den realisierbaren Wünschen auf der Liste – doch die Kosten von 25 000 Franken hätten dennoch das Budget gesprengt, hätten die Wauwiler ihn nicht als Secondhand-Spielturm von der Internetplattform Ricardo ersteigert und in Fronarbeit errichtet. Nun trotzt er stoisch einer Meute hangelnder, schaukelnder und rutschender Kinder.
Wer Wünsche erfüllt erhält, muss zeigen, dass er auch Sorge dazu tragen kann. Um die Verantwortung der Kinder zu schulen, hat sich die Gemeinde ein Bonus-Malus-System einfallen lassen. 5 Franken pro Schüler und Jahr bezahlt sie in ein Depot. Gehen auf dem Schulareal Dinge kaputt und der Urheber bleibt unbekannt, wird der Schaden aus dem Depot berappt. Mit dem Geld, das Ende Jahr übrig bleibt, dürfen die Schüler etwa die «Spielhummel» neu bestücken.
Braucht es dazu aber ein Label? Und welchen Wert hat überhaupt ein weiteres Prüfsiegel angesichts der Prädikatsmanie der letzten Jahre? Einen wichtigen, meint Katrin Piazza von UNICEF Schweiz: «Bei der Initiative ‹Kinderfreundliche Gemeinde› steht das Kind im Mittelpunkt und verleiht der Sicht des Kindes als Rechtsträger Nachdruck.» Was nichts weniger bedeutet als den festen Willen, Worthülsen wie «Schutz», «Förderung», «Partizipation » und «Gleichbehandlung» zu füllen. So wie es die Kinderrechtskonvention verlangt.

3 Kinder posieren für ein Bild

«Im Schülerrat können wir unsere Ideen einbringen.» Lucia, Kevin, Olivier

Bislang hat neben Wauwil nur Laupersdorf im Kanton Solothurn das Label erworben. Weitere Gemeinden wie Arlesheim, Uznach, Fehraltdorf und Riehen stehen mitten im Prozess.
Kriens LU hingegen stieg aus dem Zertifizierungsprozess wieder aus. Aufwand und Ertrag hätten sich nicht die Waage gehalten, das für das Prädikat aufgeworfene Geld bei der Jugendarbeit gefehlt, erklärte der Gemeinderat gegenüber der Öffentlichkeit.
Den Bettel hinschmeissen? Das war für die Wauwiler nie eine Option. Da sind sich Vreni Gassmann, Thomas Küng und Carmen Lütolf, Familienfrau und Spielgruppenleiterin, einig. Alle drei sitzen jetzt im Lehrerzimmer und knabbern an süssen Pfaffenhüten. Alle finden, dass sich der zweijährige Aufwand gelohnt – und Spass gemacht hat. Vielleicht ist auch dies einer der ganz banalen Gründe, weshalb das kleine Dorf Kindern so freundlich gesinnt ist: Weil engagierte und im Ort integrierte Erwachsene glücklich sind und bei glücklichen Erwachsenen meist auch glückliche Kinder leben.

Natürlich handelten auch die Wauwiler nicht nur altruistisch. Wer sich «Kinderfreundlichkeit» auf die Fahne schreibt – überall in Wauwil hängen mittlerweile gut sichtbar die Auszeichnungsplakate – erhofft sich damit auch einen Mehrwert. Zum Beispiel einen Standortvorteil, da ist Vreni Gassmann Geschäftsfrau genug: «Natürlich hegen wir auch die Hoffnung, dass wegen des Labels mehr Familien in unsere Gemeinde ziehen.»
Die Neuzuzüger sind zwar noch nicht in Scharen eingetroffen – zumindest die eingesessenen Wauwiler aber setzen Zeichen. Noch nie, erklärt Carmen Lütolf, habe sie im Dorf so viele Schwangere angetroffen wie in den letzten beiden Jahren.

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