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Sinne

Immer der Nase nach

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Etwas kann das Baby schon bei der Geburt richtig gut: Riechen. Von der ersten Stunde an leitet uns der Geruchssinn durchs Leben.

Er ist der einzige Sinn, den wir nicht ausschalten können: der Geruchssinn. Wir riechen ständig und mit jedem Atemzug, ob wir wollen oder nicht. Mal bewusster, mal weniger bewusst, je nach Intensität der Geruchsumgebung. Viele Gerüche nehmen wir gar nicht mehr wahr, es riecht einfach «wie immer». Das kann sich aber schnell ändern: Unverkennbar, wenn uns Kaffeeduft frühmorgens in die Nase steigt oder das Baby die Windeln voll hat; sogar Schnee und Regen kündigen sich – nicht nur für Muotathaler Wetterschmöcker – durch die Luft an. Obwohl: Der Mensch sei ein sogenannter Mikrosmat, ein«Geringriecher», so der lange Zeit verbreitete Standpunkt. Viele Tiere hingegen gelten als Makrosmaten; sie haben einen scharfen Geruchssinn, der für sie überlebenswichtig ist. Inzwischen ist bekannt, dass die Riechleistung von Menschen und anderen Primaten ganz so mager nicht ist und bei manchen Düften diejenige von Hund oder Ratte sogar übertrifft.

Hunde sind zwar ausgesprochen empfindlich für den Geruch von Beuteschweiss, reagieren aber unempfindlich gegenüber Frucht- oder Blumendüften, ganz im Gegensatz zum Menschen. Der Geruchssinn ist ein chemischer Sinn. Die Riech- und Geschmackswahrnehmungsvorgänge, genannt Chemorezeptionen, entwickeln sich bereits in der Schwangerschaft und sind bei der Geburt schon weitgehend ausgereift. Kaum kann das Baby atmen, erschnuppert es seine nächste Umgebung. Weniger aus Neugierde denn aus purem Überlebenstrieb ist es auf der Suche nach der mütterlichen Brust, nach Futter, exakter: nach Milch. Dabei hilft ihm, dass die Brustwarzen ein bisschen wie das ihm bestens bekannte Fruchtwasser riechen.

In der menschlichen Nasenschleimhaut befinden sich zirka 30 Millionen Duftrezeptoren. Diese liefern elektrische Erregungssignale zum Riechkolben an der Wand des Vorderhirns; im sogenannten Bulbus olfactorius werden diese Geruchsinformationen verschaltet und ans Gehirn weitergeleitet. Während visuelle, akustische oder haptische Reize erst in der Grosshirnrinde verarbeitet werden müssen, ist der Bulbus olfactorius direkt mit dem limbischen System verbunden, wo Emotionen bestimmt und Triebe gelenkt werden. Dies mag der Grund dafür sein, dass unser Geruchsgedächtnis so stark mit unserer Gefühlswelt gekoppelt ist, wie auch, dass manche unserer duftgesteuerten Verhaltensweisen nicht der Kontrolle durch unser Bewusstsein unterliegen. Menschen berichten beispielsweise, dass sie ihren Partner oder ihre Partnerin eines Tages nicht mehr riechen konnten – ihre ganz persönliche Ausdünstung wirkte plötzlich abstossend, was willentlich in keiner Weise zu beeinflussen war.

Gerüche wirken auf unsere Gefühle, Stimmungen und Handlungen wie kein anderer Sinn. Geruchseindrücke bleiben besonders gut im Gedächtnis haften, aber nur dann, wenn sie mit einem emotionalen Erlebnis oder emotionsträchtigen Erinnerungen verbunden sind. Chlorgeruch ruft bei manchen Menschen ein Leben lang die Erinnerung an heisse Sommer in der Badi wach, Guetzliduft weckt die kindliche Vorfreude auf Weihnachten. Geruchsempfindungen sind fast nicht zu löschen und unterscheiden sich auch darin von anderen Sinneseindrücken. Unsere Sprache ist ein Abbild dieser Verbindung zwischen Riechen und Wertung: Wir beschnuppern uns erst mal ein Weilchen, wenn wir uns kennenlernen wollen, stecken unsere Nase auch ungefragt in fremde Dinge, haben manchmal den richtigen Riecher, vor allem wenn wir der Nase nachgehen, doch wehe, jemand ist rotzfrech oder gar naseweis, dann haben wir bald die Nase gestrichen voll und es stinkt uns derart, dass wir umgehend verduften.

So riecht Geborgenheit

Der Durchschnittsmensch, so sagt man, kann rund 10 000 Düfte unterscheiden, aber gut trainierte Parfumeure und Weinkenner übertreffen diese Zahl bei weitem. Bereits am vierten Lebenstag erkennt das Neugeborene seine Mutter an deren Geruch und verbindet mit diesem – wenn alles gut läuft – Geborgenheit, Sicherheit und Sattheit. Erst mit der Zeit erhalten aber Düfte und Gerüche für Kinder eine Wertigkeit, abhängig davon, in welcher angenehmen oder unangenehmen Situation das Kind einen Geruch wahrnimmt. Auch Mütter sollen übrigens ihr Baby aus Tausenden von Babys erkennen können, und das nur durch seinen eigenen Geruch, der einige Stunden bis Tage in einem Kleidungsstück vorhanden bleibt. Ob Vätern dies auch gelingt?


Duft-Wissen

Geruchsgewöhnung

Wenn wir zu heftig oder zu lange an einem bestimmten Geruch schnuppern, riechen wir diesen bald gar nicht mehr. Die Riechzellen, die für diese Geruchsmischung zuständig sind, lassen mit ihrer Leistung nach, weil sie überreizt sind. Die anderen Riechzellen, die mit diesem Geruch nichts zu tun haben, funktionieren jedoch noch gut, können allerdings nur andere Gerüche wahrnehmen.

Duftblindheit

Zwei Prozent der Bevölkerung kann keinen Schweissgeruch und 33 Prozent keinen Kampfer riechen. Diesen Menschen fehlen die geeigneten Duftrezeptoren.

Beruhigungsduft

Neugeborene soll der Duft von Fruchtwasser beruhigen. Später sind es Nuschi und Kuscheltier, die Unsicherheit und Angst mildern, weil sie einen bekannten Geruch tragen. Auch wenn Bäri oder Hase schon arg Haare gelassen haben oder im Mindesten eine Katzenwäsche nötig hätten, empfiehlt es sich, die elterlichen Finger von den Lieblingen zu lassen, verströmen sie doch nur genau so den ganz individuellen Duft nach Geborgenheit.

Warngerüche

Schadstoffe in der Luft können beim Menschen zu Unwohlsein, Übelkeit und sogar zu Funktionsstörungen des zentralen Nervensystems führen. Da sie oft mit übelriechenden oder beissenden Gerüchen gekoppelt sind, wird der Mensch entsprechend seines natürlichen Fluchtverhaltens versuchen, dem Geruch auszuweichen. Manche Gifte wirken jedoch bereits in minimalen Konzentrationen gesundheitsschädigend, die oft gar nicht mehr von der Nase wahrgenommen werden können, sodass der natürliche Abwehrmechanismus nicht ausgelöst wird.

Spielidee: im Parfumhimmel

Auf einem Tisch stehen verschiedene Parfumflakons oder -Muster bereit. Der Reihe nach betritt jedes Kind den Raum, darf einen Duft auswählen und sprüht sich diesen auf die Handgelenkinnenseite oder den Hals. Jedes Parfum wird nur einmal verwendet. Nun stellen sich alle Kinder im Kreis auf, die verwendeten Düfte stehen in der Mitte auf einem Stuhl. Das erste Kind nimmt einen Flakon, riecht daran und schnuppert im Kreis bei den anderen Kindern nach dem gleichen Duft, bis es diesen gefunden hat. Das Spiel ist fertig, wenn alle Parfumfläschchen richtig zugeordnet wurden.

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