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Ingeborg Stadelmann

«Ich halte den Müttern den Spiegel vor»

Ingeborg Stadelmann

Sie ist die Queen Mom unter den Hebammen, ihr Buch «Die Hebammen-Sprechstunde» ein Verkaufsschlager: Ingeborg Stadelmann über falsche Geburtsbilder, die richtige Einstellung und kopflastige Mütter.

wir eltern: Frau Stadelmann, in der Schweiz und in Deutschland haben die meisten werdenden Mütter Ihre «Hebammensprechstunde» im Regal stehen.

Ingeborg Stadelmann: Das hätte ich mir nie träumen lassen, als 1994 ein Lastwagen die ersten 3000 Bücher brachte. Weil die Verlage mein Manuskript ablehnten, gab ich es selbst heraus. Mein Mann fragte besorgt: «Was machen wir nur mit den Büchern, wenn sie sich nicht verkaufen?»

Die Bedenken Ihres Mannes waren unbegründet; mittlerweile haben Sie eine halbe Million Exemplare verkauft. Eine häufige Aussage von Leserinnen lautet jedoch: «Das Buch ist sehr hilfreich, aber auch recht esoterisch.»

Das höre ich ab und zu. Was mich wundert, denn ich finde es überhaupt nicht esoterisch.

Immerhin empfehlen Sie darin statt moderner Medizin Ihre selbst entwickelten Tees, Salben und Öle.

Das hat nichts mit Esoterik zu tun, sondern ist wissenschaftlich erwiesene Naturheilkunde. Ich möchte, dass die Frauen die natürlichen Zusammenhänge verstehen. Am meisten aber schätzen sie wohl, dass ich sage, wie eine Geburt wirklich ist: nicht schön, aber leistbar.

Sie schreiben unter anderem, eine Steisslage des Babys sei ein Zeichen für die werdende Mutter, dass diese noch nicht bereit sei und sich intensiver mit der Schwangerschaft beschäftigen müsse – das klingt mystisch.

Ich versuche sowohl die Position der Mutter als auch die des Babys zu verdeutlichen. Vor allem die des ungeborenen Kindes wird oft vernachlässigt. Unnötige Einleitungen und Kaiserschnitte verhindern häufig, dass das Kind den Zeitpunkt der Geburt selbst bestimmt. Ich weiss, dass ich oft anstrengend bin, weil ich den Müttern den Spiegel vorhalte. Zudem sage ich auch die Dinge, die sie von Schulmedizinern nicht hören.

Etwa wenn Sie den vaginalen Ultraschall, wie er in der Frühschwangerschaft üblich ist, mit einer Vergewaltigung vergleichen?

Das sind nicht nur meine Worte. Die Schwangeren der 90er-Jahre, für die ich das Buch ursprünglich geschrieben habe, empfanden dies ebenso. Heutige junge Frauen finden es womöglich ganz normal, ständig etwas in die Vagina zu stecken. Ab und zu überlege ich, dies bei der nächsten Auflage umzuformulieren. Aber wahrscheinlich lasse ich es, denn ich will die Frauen für das Thema sensibilisieren. Mich enttäuscht die Tatsache, dass das «Babywatching» überhand nimmt: Schwangere sehen den Ultraschall oft nicht aus Sicht des Kindes – für dieses ist es womöglich purer Stress. Es geht ihnen bloss darum, ihr Ungeborenes auf dem Bildschirm zu betrachten.

Heute sind Sie nicht mehr als Hebamme aktiv tätig, sondern haben sich auf das Vorträge halten verlegt. Sind Sie froh darüber?

Nein, ursprünglich wollte ich nur eine Pause einlegen. Aber jetzt bin ich zu alt, um wieder einzusteigen, ausserdem ist mein Terminkalender recht voll. Für junge Mütter ist es im Wochenbett oft hilfreich, von einer älteren, erfahrenen Person betreut zu werden. Aber bei der Geburt ist es gut, wenn eine junge Hebamme dabei ist, welche die selbe Wellenlänge hat wie die Gebärende.

Was machen Ihre jungen Berufskolleginnen heute anders?

Der Geburtsvorgang hat sich nicht verändert. Wir brauchen keine neue Technik, müssen aber auf die aktuellen Bedürfnisse der Frauen eingehen. Viele Kolleginnen klagen, dass sie heute 24 Stunden erreichbar sein müssen – für oft recht oberflächliche Fragen, mit denen sie per SMS oder E-Mail bombardiert werden.

Sind Schwangere heute überängstlich?

Sie haben ein riesiges Sicherheitsbedürfnis. In der Theorie wissen sie alles, weil sie den Arzt fragen, die Hebamme, die Stillberaterin, das Internet. Doch in der Praxis vermögen sie das nicht umzusetzen. Zurück bleibt eine grosse Unsicherheit. Dieser Kopflastigkeit der Frau, die alles gelesen hat, steht entgegen, dass sie mit der Körperlichkeit hadert und bei der Geburt das Durchhaltevermögen oft fehlt.

Wie meinen Sie das?

Ich finde es toll, dass Frauen heute so ein Wissen haben. Aber sie müssen lernen, anders damit umzugehen, sich wieder auf ihr Urvertrauen zu verlassen – das haben sie verlernt. Für mich hat dies viel mit verlorenem Glauben zu tun. Meine Erfahrung ist: Wer glaubt, egal an was, steht eine Geburt besser durch. Vielen fehlt es an Körpervertrauen – den eigenen Körper spüren, sich bewusst sein, dass das Kind im Mutterleib bereits mitempfindet. Gleichzeitig ist Schwangerschaft und Geburt eine Chance, wieder Urvertrauen zu erleben. Es geht um das Gleiche, was in Coaching-Seminaren für teures Geld angeboten wird: eigene verborgene Fähigkeiten und Grenzen kennenzulernen. Frauen, die ein Kind zur Welt bringen, brauchen dafür keinen Hochseilgarten.

Die Frauen schätzen, dass ich sage, wie eine Geburt ist: Nicht schön, aber leistbar.

Ingeborg Stadelmann

Warum ist bei der Geburt Angst so ein grosses Thema?

Es ist die Angst, ausgeliefert zu sein; an einem Punkt im Leben die Kontrolle zu verlieren. Die Geburt ist eine der wenigen Situationen, in der etwas mit uns Frauen passiert, das wir nicht im Griff haben. Alles andere planen wir ja heute minutiös. Wir klingeln nicht mehr bei jemandem an der Tür, sondern rufen vorher an und sagen: «Hallo, ich bin da, ich klingle jetzt.»

Spielt auch das Alter eine Rolle? Die meisten Frauen sind bei der Geburt ihres ersten Kindes heute über 30.

Das finde ich nicht entscheidend. Es gibt Ältere, die ganz unbedarft an eine Geburt heran gehen und Jüngere, die sehr verkrampft sind. Was viele Ängste allerdings erst auslöst, ist diese ganze technisierte Geburtshilfe. Leider sind wir immer noch so medizinhörig.

Immerhin hat die Frau dank der Schulmedizin heute die Wahl, ob sie sich bei der Geburt eine Periduralanästhesie (PDA) setzen lassen will oder nicht. In Ihrem Buch allerdings werden diese Frauen als verweichlicht dargestellt, die ihrem Kind einen schweren Start ins Leben bereiten.

Das stimmt nicht. Ich schreibe und sage immer: Es gibt überall ein Rettungsboot. Jede Frau muss individuell schauen, was sie braucht. Allerdings finde ich, das sich die Frau nicht schon eine PDA setzen lassen sollte, ehe die Geburt richtig im Gange ist.

Sie geben also Ihren Segen zur PDA?

Prinzipiell finde ich es verständlich, dass sich Frauen für eine Betäubung entscheiden, denn viele können Geburtsschmerzen nicht mehr aushalten. Andererseits sollten sie auch an ihr Kind denken – für dieses ist eine Geburt ohne PDA leichter, natürlicher. Produziert die Mutter körpereigene Wehen, profitiert auch das Kind von den Endorphinen, die von der Mutter freigesetzt werden. Nicht von ungefähr verlangsamen sich gegen Ende einer Geburt oft die Herztöne des Kindes, weil ihm bei einer PDA besagte Endorphine fehlen. Das Kind leidet schon Not im Bauch, das darf nicht vergessen werden.

Wie meinen Sie das: «Viele Frauen können Geburtsschmerzen nicht mehr aushalten?»

Wenn eine Frau per Kaiserschnittgeburt auf die Welt geholt wurde und beim kleinsten Schmerz eine Tablette nimmt, kann ich von ihr nicht erwarten, dass sie mit 35 ohne Schmerzmittel gebärt. Im Erinnerungssystem fehlt dann das System der Schmerzverarbeitung. Nicht umsonst sprechen wir von der Geburt als das prägende Ereignis für das ganze Leben.

Tatsächlich nehmen aber Wunschkaiserschnitte zu.

Ja, leider. Dabei wären laut WHO nur etwa 15 Prozent aus medizinischen Gründen notwendig. Für die Mutter-Kind-Bindung ist es einfach gut, wenn die beiden unter der Geburt zusammengearbeitet haben. Auch die Erfahrung des sich durchkämpfen müssen fehlt Wunschkaiserschnitt-Kindern. Frauen, die sich dafür entscheiden, rate ich, diesen wenigstens erst nach dem natürlichen Geburtsbeginn machen zu lassen, wenn das Kind sich auf den Weg machen will. Dieser Kompromiss geht eigentlich immer.

Ingeborg Stadelmann

Löst auch mal ein Stillproblem am anderen Ende der Welt – per Telefon: Ingeborg Stadelmann

Viele Mütter fühlen sich heute unter Still-Druck. Wer öffentlich sagt, nicht stillen zu wollen, wird schief angeschaut. Warum?

Das erstaunt mich nicht. Nachdem Stillen seit Mitte der 1970er-Jahre propagiert wurde, sehe ich dies als normales pubertäres Verhalten, sich vom Üblichen loszusagen. Mittlerweile gibt es ja sogar brustanatomische Schoppenflaschen zu kaufen. Die Wirtschaft springt ein, damit Frauen ein gutes Gewissen haben und kein Defizit empfinden. Leider geht auch hier der Gedanke ans Kind verloren. Vielleicht sollte es ein Recht auf Muttermilch geben.

Was ist heute eine gute Mutter?

Eine Frau, die ihr Kind liebt, die ehrlich ist und die auch mal Wut zeigt. Freilich ist Muttersein eine ständige Herausforderung. Aber es bringt auch viel Bestätigung. Ein Kind verzeiht einem weitaus mehr als jeder Arbeitgeber.

Welche Rolle spielen für Sie die Väter?

Sie sind dabei, ihr Vaterdasein neu zu finden. Das sehe ich auch bei meinen Söhnen und dem Schwiegersohn. Alle drei nehmen ihre Rolle sehr ernst. Das ist toll! Meine Kinder hatten einen Hausmann als Vorbild. Hätte mein Mann nach der Geburt des dritten Kindes seinen Beruf nicht aufgegeben, hätte ich so nicht weiterarbeiten können.

Sie haben drei Enkelkinder, das vierte kommt in wenigen Wochen zur Welt. Müssen Sie sich zurückhalten, um Ihre Kinder nicht dauernd mit guten Ratschlägen zu überhäufen?

Nein, damit komme ich ganz gut klar. Wenn sie etwas wissen wollen, fragen sie. Wenn mir etwas auffällt, sage ich es trotzdem.

Welche Vorbereitung empfehlen Sie Schwangeren für ein gutes Geburtserlebnis?

Bereits in der Schwangerschaft das Baby als eigenständiges Wesen wahrnehmen. Auch mal innehalten wenn das Kind heftig strampelt, während man etwa ein geschäftliches Telefonat führt. Bezieht die Frau das Ungeborene mit ein, indem sie etwa sagt «Nur noch kurz, dann bin ich wieder für dich da», hat sie es kapiert. Oder wie ich in der «Hebammensprechstunde» schreibe: Erstens kommt eine Geburt anders, zweitens als Eltern denken, drittens dann und dort, wo das Kind es will.


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