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Pornografie

«Ich fühle mich wohler ohne Pornos»: Ein Vater erzählt

Viele Jahre hatte Claudio ein zwiespältiges Verhältnis zu seinem Pornokonsum. Dank einer bewussten Auseinandersetzung damit fühlt er heute mehr Freiheit.

Claudio ist gross gewachsen, schlank, gut aussehend, und mit seinen 40 Jahren ein Mann im besten Alter. Wir kennen uns von früher; Claudio hat ein paar Jahre in meiner Nachbarschaft gewohnt und ohne ihn näher gekannt zu haben, strahlte er bereits damals aus, was man heute sexpositiv nennt – ein Mensch, der Sexualität in all ihren Formen als bereichernden Teil des Lebens sieht. Als ich für diesen Artikel einen Mann suchte, der mir offen und ehrlich erzählen würde, welche Rolle Pornografie in seinem (Beziehungs-)Leben spielt, fiel mir spontan Claudio ein. Ich kontaktierte ihn und er sagte sofort zu. Wir trafen uns an einem sonnigen Morgen an seinem Wohnort im Zürcher Oberland. Und weil Claudio nicht im Dorfrestaurant über Pornografie reden mochte, spazierten wir vom Bahnhof in den Wald, setzten uns auf eine Bank und Claudio, der in Wirklichkeit einen anderen Namen hat, begann zu erzählen:

«Ich bin schon früh mit Pornografie in Kontakt gekommen, auch mit ihrer schambehafteten Seite. Mit 10 oder 11 entdeckte ich zu Hause ein paar Sexheftli und zeigte sie einem Schulkollegen. Wir beide fanden die Bilder megageil, doch dann erzählte er es entgegen unserer Abmachung in der Schule rum und man lachte mich aus; das war beschämend.

In der Oberstufe kamen dann die Pornofilme, zuerst noch auf DVD. Mit 16 hatte ich einen eigenen Computer und tauchte von da an in meinem Zimmer stundenlang in die hohe Ladung von Erotik, Porno und Geilheit ab. Immer mit dabei die Angst, von meiner Mutter erwischt zu werden. Beim Vater wäre es wohl weniger peinlich gewesen, doch er lebte da schon nicht mehr mit uns.

Zur gleichen Zeit begann ich mich ebenfalls für Tantra und die spirituelle Seite der Sexualität zu interessieren, las Bücher über Yoga und Meditation. Und obwohl ich den Tantrahimmel viel schöner fand, konnte ich mich dem starken Sog der Pornohölle nicht entziehen. Ich wurde süchtig nach Porno. Und schämte mich dafür.

Sex mit einer Frau schien mir unerreichbar. Wie so vielen männlichen Jugendlichen machten mir Frauen Angst, vor allem gleichaltrige. Ich fühlte mich unreif, wusste nicht, wie auf sie zugehen. Dass es mit 18 schliesslich klappte, lag daran, dass man mich mit einer Nachbarin verkuppelt hatte. Sie war 10 Jahre älter und fast ebenso unerfahren wie ich.

Richtig einlassen auf die Beziehung konnte ich mich nicht, aber es war gut, jemanden zu haben. Zwei Jahre waren wir zusammen. Dass ich Pornos schaute, habe ich ihr nie gesagt.

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Anfang 20 verliebte ich mich auf einer Indienreise in eine Taiwanesin, die ebenfalls 10 Jahre älter war. Mit ihr begann ich, Slow-Sex zu praktizieren: Wir lernten, unsere Körper in einer meditativen Haltung bewusst und liebevoll miteinander kommunizieren zu lassen, ohne Orgasmus als Ziel. Das hat meine Sexualität fundamental verändert und hat mir geholfen, mich und meine sexuelle Kraft anzunehmen.

Mein Interesse an Sexualität ist bis heute gross, das haben auch alle meine Freundinnen gemerkt. «Claudio, du bist so sexorientiert», sagten sie; bei einigen ist das gut angekommen, manchmal war es aber auch zu viel. Ich habe gemerkt, dass es ok ist, in solchen Momenten auf Pornos auszuweichen. So habe ich nicht gerade Frieden mit meinem Pornokonsum geschlossen, das schlechte Gewissen hat jedoch abgenommen.

Mit 32 lernte ich die Mutter meiner Tochter kennen. Von ihr wusste ich, dass sie auch Pornos schaut. Das fand ich am Anfang komisch, weil ich mein Bild der anständigen, «reinen Frau» hinterfragen musste. Es war aber auch befreiend, darüber zu reden und sich nicht mehr verstecken zu müssen. Allerdings hatte ich schon seit einiger Zeit gemerkt, dass mir der Pornokonsum nicht wirklich guttat. Die Kombi «Porno-masturbieren-Ejakulation» raubte mir, je älter ich wurde, desto mehr Energie.

Auch die Gewalt in den Pornos setzte mir zu; oft wirkt es wie Vergewaltigung, was da mit den Frauen gemacht wird. Ich begann deshalb, andere Filme zu suchen im Netz – Softpornos, alte Sexfilme, Tantrasachen, wo mehr Gefühl dabei ist und manchmal sogar eine Story. Gleichzeitig konnte ich mich mit meiner Partnerin von meiner Fixierung auf sanften, feinen Sex befreien und das Kraftvolle, das Archaische bekam in meinem Sexleben seinen Platz.

Immer wieder mal machte ich nun mehrere Monate lang Porno-Pause, um mir zu beweisen, dass ich nicht abhängig bin. Dabei merkte ich, dass ich mich wohler fühle ohne Pornos, dass ich ohne die fertigen Bilder meine eigenen Fantasien entstehen lassen kann. Das fühlt sich schöner an und nährt mich mehr.

Wir waren vier Jahre zusammen, als unsere Tochter auf die Welt kam. Während der Schwangerschaft erlebten wir nochmals viel Innigkeit, doch als das Kind da war, wurde es für uns als Paar zusehends schwierig. Wir öffneten unsere Beziehung und trennten uns schliesslich, sind aber immer noch gut befreundet.

Diesen Sommer waren wir gemeinsam an einem Tantra-Festival; an solchen Orten merke ich, wie befreiend es ist, über alles, was mit Sexualität zu tun hat, sprechen zu können und Ungewohntes in einem sicheren Rahmen auszuprobieren. Einfach ist das allerdings nicht. Starke Gefühle können auftreten, wenn man sich verletzlich und offen zeigt in der Sexualität. Das ist schwierig, aber oft auch sehr schön.

Durch Erfahrungen mit Fesseln beispielsweise erlebte ich einen völlig neuen Zugang zu Hingabe. Und spüre, dass ich Pornos immer weniger brauche, je erfüllter und vielfältiger ich meine Sexualität leben kann.»

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