Menü

Ernährung – Veganismus

Ich esse keine Tiere

vegan-trend_bube_nagt_ruebli_thinkstock.jpg

Werden Veganer Eltern, gibt es in der Regel auch für die Kinder nur Pflanzenkost. Kann das gut gehen?

Kürzlich feierte meine Tochter Geburtstag und lud ihre Gspänli zum Zmittag ein. Es sollte Hotdogs geben, wie immer. Doch plötzlich hatte sie ein Problem. Drei ihrer Freundinnen assen kein Fleisch, eine davon war sogar vegan, ass also gar keine tierischen Produkte. «Macht nichts, wir kaufen einfach vegane Wienerli», beruhigte ich sie. Und war froh, in der grössten Schweizer Stadt zu leben, in der es mit Eva’s Apple seit einem Jahr einen Laden mit ausschliesslich veganen Produkten gibt und seit wenigen Monaten sogar eine Vegi-Metzg, geführt vom traditionsreichen vegetarischen Restaurant Hiltl. Es ist nicht zu übersehen: Die Pflanzen-Esser sind auf dem Vormarsch. Den Anfang machten die Vegetarier; sie verzichten auf Fleisch, weil Tiere nicht sterben sollen, um uns zu ernähren.

Die Veganer gehen noch einen Schritt weiter. Sie essen gar keine tierischen Produkte. Denn die allermeisten Tiere werden bloss als Lebensmittelproduzenten gehalten und führen weder ein artgerechtes noch ein würdiges Leben. Die vegane Lebensweise ist Teil eines ethisch ausgerichteten Öko-Lifestyles, der besonders in den Städten – aber nicht nur! – immer mehr Anhänger findet. Laut dem gemeinnützigen Verein tier-im-fokus.ch leben in der Schweiz zwischen 20 000 und 25 000 Menschen ausschliesslich von Pflanzenkost.

Problemvitamin B12

Veganer lassen den Bienen ihren Honig, den Hühnern ihre Eier, den Kälbern ihre Milch. Käse, Rahm und Joghurt gibt es nämlich in den uns zur Verfügung stehenden Mengen nur, wenn das Kalb der Kuh unmittelbar nach der Geburt weggenommen und in eine Box gesperrt wird, sich selbst überlassen, gewärmt mit Stroh statt dem Leib seiner Mutter. Zweimal pro Tag erhält es einen Schoppen Milch – der Rest wandert ins Kühlregal des Lebensmittelladens oder in die Verarbeitungsindustrie. Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der Realität unserer Nutztiere. Für Veganer ist deshalb klar: Wer ein Herz für die Tiere hat, will nicht Teil eines ausbeuterischen Systems sein. Kinder verstehen dies besonders schnell. Vegan lebende Eltern haben deshalb meist keine Mühe, auch ihre Kinder von dieser Lebensweise zu überzeugen. So weit, so gut.

Doch können Kinder mit einem derart eingeschränkten Speiseplan gesund heranwachsen? Sind Mangelerscheinungen nicht vorprogrammiert? Zwar rät die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE) von einer veganen Lebensweise für Kinder ab. In einem Merkblatt hält sie jedoch fest, dass es mit einer gezielten und bewussten Lebensmittelauswahl möglich ist, vegan zu leben und gesund zu bleiben. Ernährungsexperten sind sich einig, dass bei Kindern besonders auf die ausreichende Aufnahme von Vitalstoffen geachtet werden muss. Die vegane Gesellschaft Schweiz spricht von «potenziell kritischen Nährstoffen», zu denen Vitamin B12, Jod, Eisen, Vitamin D, Zink, Omega-3-Fettsäuren, Kalzium und Vitamin B2 gehören. Bei Kindern im Wachstum gilt besonderes Augenmerk auch der Proteinaufnahme.

«Das klassische Problem-Vitamin bei der veganen Ernährung ist das Vitamin B12», sagt der deutsche Ernährungswissenschaftler Markus Keller. «Es muss über angereicherte Lebensmittel oder Supplemente aufgenommen werden.» Manche vegan lebenden Eltern lehnen jedoch auch diese Nahrungszusätze ab und gehen auch nicht zum Arzt, wenn es dem Kind offensichtlich schlecht geht. «Ein bis drei Mal pro Jahr kommen Kinder mit Mangelerscheinungen zu uns, bei denen es bereits zu Blutarmut, neurologischen Schädigungen und Lähmungen gekommen ist», sagt Georg Staubli, Leiter der Notfallstation und der Kinderschutzgruppe des Kinderspitals Zürich. Die kleinen Patienten erhalten sofort Vitamin B12, anfänglich intramuskulär oder in die Vene, später als Nahrungszusatz. «Das Problem ist, dass Schäden damit nicht mehr behoben werden können», so Staubli.

Überdurchschnittlicher IQ

Der Kinderarzt ist jedoch überzeugt, dass es viele Veganer gibt, die sehr genau auf die Ernährung schauen und ihren Kindern Nahrungszusätze geben. Tatsache ist, dass Veganer mit vielen Stoffen oftmals besser versorgt sind als Mischköstler, etwa mit Folsäure, Magnesium, sekundären Pflanzenstoffen oder Ballaststoffen. Auch die SGE schreibt, dass Vegetarier gegenüber Fleischessern Vorteile haben: Sie leiden kaum an Übergewicht und hohem Blutdruck und sterben seltener an Krebs und Herzkreislaufkrankheiten. Bisher gibt es jedoch nur wenige Studien mit vegan ernährten Kindern. Laut diesen sind Veganer-Kinder meist kleiner und leichter als ihre Mischkost essenden Altersgenossen, ihre Werte bewegen sich jedoch innerhalb des Normalbereichs für die jeweilige Altersgruppe. Andere Untersuchungen zeigten, dass Vegetarier-Kinder langsamer wachsen, dafür gradueller und später in die Pubertät kommen. Eine in den 80er-Jahren durchgeführte amerikanische Studie ergab, dass vegane und vegetarische Kinder einen überdurchschnittlich hohen IQ hatten. Die Wissenschaftler vermuten jedoch, dass dieser Umstand nicht der Ernährung zuzuschreiben ist, sondern dem höheren Bildungsstand der Eltern und der entsprechenden Erziehung. Auch 30 Jahre später ist der Prototyp des Pflanzenessers jung, gebildet und überdurchschnittlich häufig weiblich.

Nicht vergessen: Auch die Ernährungsform der Allesesser, der sogenannten Omnivoren, kann Schaden anrichten oder zu Mangelerscheinungen führen, bei Kindern wie bei Erwachsenen. Zu viele Süssgetränke, zu viel denaturiertes Fast Food, zu wenig Obst und Gemüse führen zu Übergewicht und machen längerfristig krank. Kinderarzt Staubli: «Ob vegan oder nicht vegan – jede unausgewogene oder einseitige Ernährung kann zum Problem werden.»

Darauf achten

  • Fundiertes Ernährungswissen ist nötig, um Kinder mit rein pflanzlicher Kost optimal zu ernähren.
  • Wichtige Voraussetzung ist die Verwendung einer breiten, ausgewogenen und gut geplanten Vielfalt von pflanzlichen Lebensmitteln. Damit können die gesundheitlichen Vorteile der veganen Ernährungsweise genutzt und die Risiken vermieden werden.
  • Viel frisches, saisonales Gemüse und sonnengereiftes Obst essen, wenig veganes Fast Food, da dieses oft ungünstige Zusatzstoffe enthält.
  • Bei Auffälligkeiten in der körperlichen und geistigen Entwicklung einen Arzt aufsuchen und Nährstoffstatus kontrollieren lassen.
  • Bei den potenziell kritischen Nährstoffen (siehe Box unten) ist es sinnvoll, regelmässig die Blutwerte überprüfen zu lassen; bei Kleinkindern, Stillenden, Schwangeren mindesten einmal jährlich. Vorsicht: Da der Vitamin B12-Wert über den Tag schwankt und wenig aussagekräftig ist, sollte mindestens einer der folgenden Werte untersucht werden: HTC: Holotranscobalamin, MMA: Methylmalonsäure oder HCY: Homocystein

Schwangerschaft/Stillzeit

Während der Schwangerschaft wird das heranwachsende Kind gegenüber dem mütterlichen Körper bevorzugt mit Vitalstoffen versorgt. Bei veganer Ernährung ist wichtig, dass die Frau ausreichend Vitamin B12 zu sich nimmt, damit das Kind Vitamin-B12-Reserven bilden kann. Während der Stillzeit erhält das Kind mit der Muttermilch Vitamin B12. Ist die Mutter schon während der Schwangerschaft ungenügend versorgt, entsteht auch beim Kind ein Vitamin-B12-Mangel, der zu neurologischen Störungen führen kann. Supplemente sind in dieser Lebensphase deshalb besonders wichtig.

Mehr Informationen

➺ Vegane Gesellschaft Schweiz, «Vegane Kinderernährung», www.vegan.ch ➺ Schweizerische Gesellschaft für Ernährung, Merkblatt Vegetarische Ernährung, www.sge-ssn.ch

Vitalstoffcheck

Den Eiweissbedarf können Veganer nicht durch den Konsum von Fleisch, Eiern oder Milchprodukten decken. Vegane Spitzensportler wie der kanadische Ironman-Triathlet Brendan Brazier sind jedoch der lebende Beweis dafür, dass auch ohne tierisches Protein maximale Leistung erzielt werden kann. Des Rätsels Lösung: Durch geschickte Kombination verschiedener Lebensmittel wird die biologische Wertigkeit des pflanzlichen Eiweisses erhöht und kann diejenige von tierischem Eiweiss gar übersteigen. Beispiele: Getreide, Nüsse und Samen (z. B. Nussbrot), Hülsenfrüchte und Reis.

Vitamin B12 muss supplementiert werden, da es nur in tierischen Lebensmitteln vorkommt. Ein Mangel kann langfristig zu schweren Schäden führen, z.B. am Nervensystem. Vitamin B12 wird Frühstücksflocken und vielen anderen Lebensmitteln zugesetzt, ist aber auch als Tropfen, Spray oder Kapseln erhältlich. Mittlerweile gibt es sogar mit Vitamin B12 angereicherte Zahnpasta. Empfehlenswert: Einmal pro Jahr Serum-Vitamin B12 und Holo-Transcobalamin anhand von Blutuntersuchung überprüfen lassen.

Vitamin D kommt in fettreichem Fisch sowie in Pilzen vor, kann jedoch auch bei Mischkosternährung kaum ausreichend aufgenommen werden. Von Mitte März bis Mitte Oktober bildet der Körper genügend Vitamin D, wenn man sich regelmässig leicht bekleidet im Freien aufhält. Während der Wintermonate sollten Vitamin-D-Tropfen genommen werden.

Zink und Eisen aus pflanzlichen Lebensmitteln stehen dem Körper nicht so gut zur Verfügung wie aus Fleisch, da Phytate in Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten die Aufnahme von Zink und Eisen hemmen. Vitamin C fördert hingegen die Aufnahme; zu Tofu, Soja, Nüssen, Erbsen, Kefen oder Haferflocken also immer etwas Vitamin C in Form von Orangensaft oder Zitrusfrüchten zu sich nehmen.

Kalzium sollte für Veganer kein Problem sein, dass es nicht nur in Milchprodukten vorkommt. Hervorragende Kalziumquellen sind Sesamsamen oder Sesammus, Bohnen, grünes Gemüse, getrocknete Feigen, Mandeln sowie kalziumreiche Mineralwässer.

Mit Jod sind Veganer oft noch schlechter versorgt als Mischköstler. Es empfiehlt sich, ausschliesslich jodiertes Speise- oder Meersalz zu verwenden und gelegentlich jodhaltige Algen, z.B. Nori, zu essen. Ist die Jodversorgung ungenügend, Jodsupplemente verwenden.

Omega-3-Fettsäuren sind in fettreichem Fisch enthalten, aber auch in Lein-, Walnuss, Raps- und Sojaöl.

Auch lesenswert