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Streit

Gestern Kuss, heute Krach

Mann küsst Frau

Streit kommt in den besten Familien vor. Das macht nichts. Nicht mal, wenns laut wird. Solange man ein paar Dinge – trotz aller Wut – nicht aus den Augen verliert.

Vermutlich bin ich die Allerletzte, die einen Text über richtiges Streiten in der Partnerschaft schreiben sollte. Denn wenn man den Klischees glauben darf, kann ich diesbezüglich Insolvenz anmelden. Mein Mann übrigens auch. Wir schreien. Wir laufen bordeauxrot an. Wir exhumieren fröhlich Uralt-Zank und polieren daran herum bis er strahlt wie neu. Wie diese Sache damals auf der Hochzeitsreise, als ich fünf Mal unter der doofen Palme ins Wasser gehen sollte, wild lächelnd und winkend, und immer war noch irgendwas am Fotoapparat zu optimieren. Jeder wird mir beipflichten, dass das komplett beknackt ist, für Blasenentzündung sorgt und stets wieder erwähnt werden sollte, wenn es ums Fotografieren geht. Nur mein Mann sieht das anders. Ich wiederum sehe auf den Boden gepfefferte Telefone anders. Kurz: Wir führen seit neustem Gespräche mit funkelnagelneuen Telefonen und – eine glückliche Ehe. Langweilig haben wir es nie. Lustig oft.

Stets milde muss nicht sein

Nur – kann das überhaupt sein? Ist die Devise «Wenn etwas nicht zu ändern ist, sollte man sich wenigstens tüchtig darüber aufregen » vielleicht gar nicht richtig? Sollte der Umgangston in der Familie nicht allzeit mild und freundlich sein? Schon allein wegen des Kindes und der weissen Blutkörperchen? Denn davon – also von den Immunsystem stärkenden Blutkörperchen – haben friedliche Paare nachweisbar mehr. Und auch von der Rente. Verkürzt doch eine streitbelastete Ehe das Leben um durchschnittlich vier Jahre, erhöht das Risiko zu erkranken, um 35 Prozent, und verdreifacht bei Frauen die Gefahr eines Herzinfarktes. Kurz: Ist Streit schädlich? Der Totengräber der Partnerschaft? Die Antwort ist ein glasklares «Jein».
Denn seit der Untersuchungen der Ohio State University weiss man, dass der Streitlevel in einer Partnerschaft stets konstant bleibt, aus Schreiern und Sachenwerfern niemals Gandhis und Mutter Theresas werden. Zum Glück jedoch ist durch die kalifornische Studie von Benjamin Karney und Thomas N. Bradbury gleichfalls bekannt: Ob Paare streiten und wie temperamentvoll sie streiten, hat nur wenig damit zu tun, wie zufrieden sie in ihrer Partnerschaft sind.

Man vergisst vielleicht, wo man die Friedenspfeife vergraben hat. Aber man vergisst niemals, wo das Beil liegt.

Mark Twain

Galt bislang als Königsweg zum Liebesglück «Sei allzeit ruhig, höre aktiv zu und sende Ich-Botschaften» – also nicht «Bäh, deine Socken stinken!», sondern besser «Ich meine, einen Geruch sehr ähnlich dem eines nassen Frettchens aus deinem Strumpf wahrzunehmen» – kommen so langsam auch die Wissenschaftler darauf, dass nicht eine einzige Regel für alle stimmen kann.
John Gottman, Guru der Paarforschung aus Seattle, hat vielmehr fünf Charaktere der Partnerschaftsverbindungen herausgefunden. Zwei davon, «hassdominierte» und «gleichgültigkeitsdominierte», sind, wen wunderts, zum Scheitern verurteilt. Drei davon dagegen eher stabil.
Prima miteinander zurechtkommen «ausweichende» Paare, also flauschige Streitvermeider beiderlei Geschlechts.
Auch «impulsive» Paare, die sich zanken wie die Besenbinder, aber genauso gern wieder vertragen, haben gute Chancen. Ebenso wie «bestätigende» Pärchen, die nur selten streiten, respektvoll sind, sich nie vergessen und generell Emotionen homöopathisch dosieren. Alle drei Kombinationen können klappen – vorausgesetzt, beide Partner gehören zur gleichen Spezies. Leidenschaftliche Diskutierer und sensible Harmoniebedürftige dagegen – das wird nix. Auch die Beziehung von Kuschlerin und Emotionsgedimmtem wird eines stillen Todes sterben oder Kurt Tucholskys Einschätzung bestätigen: «Ehe ist zum grössten Teil verbrühte Milch und Langeweile.»
Also nichts Allgemeingültiges nirgends? Keine Klippen, die jedes Paar umschiffen sollte? Doch. Glücklicherweise.
Denn mögen auch die Kriterien, welche Streitkadenz als normal gilt, unterschiedlich sein, mag auch die Wahrnehmung davon, was als «laut» einzustufen ist, auseinander driften und mag die Bewertung von «ekelhaft rechthaberische Zimtziege» von Mensch zu Mensch variieren, Fakt ist: Streit mögen tut keiner. Schleicht er sich als Dauergast ein, erodiert die Liebe. «Ständigen Streit» geben über 60 Prozent aller Getrennten als Grund für das Scheitern der Beziehung an. Weit über 20 000 Ehen wurden in der Schweiz im vergangenen Jahr geschieden, erstmals mehr als jede zweite.
Grund genug, sich bei aller Konfliktfreude den Streit doch mal genauer anzusehen. Auch der Kinder wegen.

Mann umarmt Frau von hinten

Kinder stresst Unsicherheit

«Kinder stresst elterlicher Streit», so Martina Zemp, Doktorandin bei Guy Bodenmann am Psychologischen Institut der Uni Zürich. «Streit erhöht ihre Wachsamkeit, versetzt sie in Alarmstimmung, absorbiert gedankliche Kapazität und regt Jungen und Mädchen mehr auf als jeder Actionfilm. Selbst wenn sie nur Fremde zanken sehen.» In aufwendigen Studien wurde am Institut untersucht, was Streitszenen von Erwachsenen – vorgespielt als Video – bei Jungen und Mädchen im Schulalter auslösen. Ergebnis: Erhöhte Fehlerzahl im Aufmerksamkeitstest, Schweissabsonderung, Nervosität. Und das deutlich intensiver als bei Filmsequenzen randvoll mit Verfolgungsjagden und Hubschraubern.
Man muss nicht Wissenschaftler sein, um zu ahnen, wie ungleich stärker der Stresseffekt bei einem Live-Streit der eigenen Eltern ausfällt.
Aber was tun, wenn sich ein Gewitter zusammenbraut? Nur hinter geschlossenen Türen diskutieren? Oder alles eisig, aber sachlich verhandeln? Eine Patentlösung hat auch Martina Zemp nicht. Klar sind Gewalt und Beschimpfungen, Drohungen und Trennungsankündigungen vor Kinderohren zu vermeiden. Klar sollten auch Auseinandersetzungen um Sex und das Kind selbst keine kleinen Zeugen haben. Doch wenns um ärgerlichen Alltagskram geht, gilt: wenn schon streiten, dann deutlich. Schlimmer als Geschimpfe wirkt undurchsichtige Kühle, unerklärliches Schweigen und das Gefühl: Irgendwas stimmt doch da nicht.

Wer keinen Humor hat, sollte eigentlich nicht heiraten.

Eduard Mörike

Unsicherheit macht Kinder krank. Ein Streit dagegen, der richtig geführt wird, der auf einen Kompromiss hin angelegt ist, an dessen Ende eine Versöhnung steht, macht Kinder stark. Lernen sie doch dadurch, dass das Leben anders abläuft als bei Benjamin Blümchen, Temperament nicht «igitt» ist, Krach dazu gehört und nicht bedeutet, dass man sich nicht mag. Nur – wie geht das, «richtig streiten»?

Schluss mit miesepetrig

John Gottman weiss, wie es nicht geht. Vier «apokalyptische Reiter» nennt der Psychologe, anhand derer er schon nach drei Minuten Streitbeobachtung vorhersagen kann, ob dieses Pärchen auf die Dauer vor dem Richter oder gemütlich gemeinsam beim Italiener landet:

  • Charakterkritik
  • Rechtfertigung
  • Mauern
  • Geringschätzung

Galoppieren die vier und vor allem Geringschätzung und Verachtung munter durch fast jeden Zank, wird die Beziehung, so Gottman, mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit scheitern.

Wenn du ein Problem hast, versuche es zu lösen. Kannst du es nicht lösen, dann mache kein Problem daraus.

Siddharta Gautama
Mann und Frau am Strand mit Flossen und Taucherbrille

Es sei denn – das Negative würde ausbalanciert. Und das in einem Verhältnis von 5:1. Das heisst: Kommen auf eine negative Äusserung fünf positive – also ein ehrliches Lob, eine nette Berührung, eine liebe SMS … – werden die beiden zusammen trotzdem funktionieren.
Was bedeutet das jetzt für den Alltag? Die «gute» Seite der Waagschale mal wieder füttern! Weg vom miesepetrigen «Du, wir müssen mal reden» und «Ich hab da ein Problem», hin zu Humor, zum Kompliment, in den Arm nehmen und zu einer Antwort auf die Frage: «Warum eigentlich habe ich diesen Stinkstiefel geheiratet?»
Und das zumindest weiss ich sowas von genau. Trotz Palme.


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