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Streit in der Beziehung

«Lass Mutti aus dem Spiel!»

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Das Leben ist kein permanentes Harmoniegedudel, findet der Psychologe und Paartherapeut Arnold Retzer. Ein Gespräch über Zank, den Highlander und die Liebe.

wir eltern: Die meisten Tipps zum Thema Streit scheinen für Untote geschrieben zu sein: «Sende Ich-Botschaften, werde nicht laut ...» Warum diese Realitätsferne?

Arnold Retzer: Dieses blutleere, nur auf Harmonie Fixierte liest man, weil Konflikt und Streit in unserer Kultur schlecht angesehen sind. Konflikte sollen husch, husch weggeschafft werden. Dabei gehören Konflikte zum Leben. Und steckt man gerade mitten in einem drin, richtet wohl kaum jemand sein Augenmerk darauf, Ich-Botschaften zu senden und politisch korrekt zu sein. So macht Streiten doch gar keinen Spass.

Sie sind also ein Verfechter des reinigenden Gewitters?


Nein. Aber diese Gewitter sind die Realität. Ich halte nichts davon, sie zwingend zu vermeiden. Es ist Quatsch, Streit stets als Zeichen einer zerstörten Beziehung zu sehen. Das Gegenteil ist der Fall. Man streitet sich mit niemandem, der einem nicht nah ist.

Distanziert man sich nicht durch Streit?

Ja und nein. Streit regelt Distanz.

Wie bei Igeln, die sich bei zu grosser Nähe pieksen und bei zu grosser Distanz frieren?

Genau. Nähe und Distanz müssen in Beziehungen austariert werden. Ich weiss von einem Paar, die hatten eine wunderbare Fernbeziehung. Als sie endlich zusammenlebten, stach er ihr ein Messer in die Rippen. Tja. Aber als er dann dafür im Gefängnis sass, hat sie sich mit Briefen wieder angenähert. Ein extremes Beispiel, ich weiss. Aber Streit dient dazu, eine lebbare Distanz herzustellen.

Streiten mag normal sein, sollte es nicht trotzdem etwas zivilisierter ablaufen?

Ohne Messer, klar. Man sollte sich aber ruhig ordentlich streiten und vernünftig ärgern. Ärger ist konstruktiv.


Ich dachte, destruktiv?

Nein. Allerdings geht es dem Ärger, der nicht kommuniziert wird, wie altem Wein in Barrique-Fässern: Er wird mit der Zeit immer mehr ausgebaut. Ausserdem ist Ärger eine Möglichkeit, den anderen besser kennenzulernen.

Okay. Unlogisch ist aber, dass man zu den Menschen, die man am liebsten mag, am schrecklichsten ist.

Das ist nicht unlogisch, sondern logisch. Allerdings nicht im Sinne einer mathematischen Logik, sondern einer menschlichen psycho- logischen. Fausts «Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust» ist von tiefer Wahrheit. Wo starke Liebe ist, stellt sich auch leichter starke Aversion und Wut ein. Ich zum Beispiel habe drei Kinder. Die Kinder liebe ich bis zum Anschlag, aber ich könnte sie auch manchmal an die Wand klatschen. Der Anspruch, seine Lieben nur zu lieben, ist lebensfremd.

Nun gibt es aber konstruktiven und destruktiven Streit. Letzteren gilt es doch wohl zu vermeiden?


Ob ein Streit destruktiv oder konstruktiv ist, können nur die Beteiligten entscheiden. Wenn es einen Streit gibt, der stets wiederkehrt und nicht beendet werden kann, ist es vielleicht sinnvoll, wenn die Beziehung beendet wird. Das wäre vielleicht sehr konstruktiv. Es stimmt aber, dass es destruktive Arten gibt, in der ein Streit geführt wird. Destruktiv wird es meist dann, wenn es nur noch um Sieg oder Niederlage geht. Nach dem Motto: Nur einer kann der Highlander sein.

Haben Sie ein Beispiel?

Und ob. Generell gilt ja: Je mehr der Streit eskaliert, desto banaler der Inhalt. Ich habe einmal ein gebildetes Paar erlebt, das aufs Erbittertste darum gestritten hat, ob das Papier der Klorolle raumabgewandt oder raumzugewandt zu hängen hat. Nun kann man sagen: Warum kaufen die nicht Feuchttücher? Aber es ging darum, dass jeder bei einem Nachgeben Angst um seine Autonomie hatte.

Wie verhindert man, dass man sich in so etwas verstrickt?


Wichtig ist, die Kampfzone nicht zu vergrössern.

Was bedeutet das?

Sich keine Kombattanten suchen.

Es ist also gut, mit niemandem über die Paarprobleme zu reden?


Oft wäre das gut. Mit je mehr Leuten man über die Schwierigkeiten spricht, desto mehr Bestätigung der eigenen negativen Sichtweise auf den Partner bekommt man. Will dann eine der Konfliktparteien den Streit beilegen, stellt sich oft das Gefühl ein, den eigenen Schlachtenbummlern untreu geworden zu sein. Es entsteht Zugzwang.

Worauf gilt es noch zu achten?


Auf die Sprache. Viele Streits bersten geradezu vor Anklagen. Du sollst nicht ... Du hast ... Ich empfehle, das Klagen durch Wünschen zu ersetzen. Zu sagen: «Ich wünsche mir», verändert die Situation. Klagen ist negativ und auf die Vergangenheit bezogen. Wünschen dagegen ist auf die Zukunft gerichtet.

Und was ist mit den Wünschen, die auf ewig ungehört verhallen? Etwa stinkige Socken doch bitte in den Wäschekorb zu stopfen.


Hier empfehle ich resignative Reife und Vergebung.


Was soll ich mir darunter vorstellen? Vergebung klingt recht pastoral.

Nein. Vergebung im Sinne von aufgeben von Ansprüchen. Vor allem von Ansprüchen, deren Einfordern zur Last geworden ist. Das nenne ich resignative Reife. Es wäre klug, Unabänderliches hinzunehmen. Sich zu ertragen, ist wichtiger, als sich stets zu vertragen.

Klingt nicht nach romantischer und leidenschaftlicher Liebe.

Liebe und Partnerschaft sind zwei Paar Schuhe. Die grosse Liebe, wie sie oft in der Anfangszeit lodert, ist im Alltag nicht lebbar. Sie ist ausschliesslich, ungerecht, hochemotional. Partnerschaft ist gemässigter. In der Ehe wird man sogar Vertragspartner. Des- halb ist ja auch das erste Kind ein terroristischer Angriff auf die Liebesbeziehung. Plötzlich ist nicht mal mehr der Körper der Frau exklusiv für den Mann. Männer verteidigen das Liebesprinzip manchmal zerstörerisch. Ich vermute sogar, dass Angriffe auf Kleinkinder zuweilen darauf zurückgehen, dass der Mann das Gefühl hat, der Eindringling müsse beseitigt werden. Kurz: Die Liebe muss in einer Partnerschaft domestiziert werden.

Leidenschaftliche Liebe wird also abgelöst durch laue Partnerschaft?

Das besser nicht. Denn das führt zu dem Effekt: Kinder laufen, Haus fertig, Ehe fertig. Dagegen hilft nur, ab und an in den Liebesmodus umzuschalten. Und – sich hin und wieder zu fragen: «Warum eigentlich bin ich mit diesem Stinkstiefel verheiratet?» Wer liebt, dem wird was einfallen.

Und wenn nicht beide Parteien zeitgleich im gleichen Modus sind?


Dann gibts Streit. Soll vorkommen.

Vor Kindern soll man aber nicht streiten?

Warum nicht? Das ist doch ein Mythos, dass Kinder durch einen Streit der Eltern geschädigt werden. Was viel mehr Schaden anrichtet, ist ein pseudoharmonisches Klima. Kin- der können mit vielem zurechtkommen. Nicht aber mit dem unklaren Gefühl: Hier stimmt was nicht.

Also ungehemmtes Geschreie und Geschimpfe?

Lautstärke und Wut sind okay. Konkret sagen, was einem stinkt. Sätze wie «Du bist ein fauler Sack» helfen dagegen nicht weiter, weil sie den ganzen Menschen meinen. Das lässt dem anderen keine Verhaltensmöglichkeit.

Was ist noch ein No-Go?

Psychogebbabel. «Das machst du nur, weil du ein problematisches Verhältnis zu deiner Mutter hast.» Dann kommt: «Lass Mutti aus dem Spiel!», und schon hat man einen bunten Abend. In die gleiche Kategorie fallen Sätze wie: «Du siehst mich gar nicht mehr als Frau.» Als was denn sonst? Als Schlumpf?

Heftiges Gezanke um die schon erwähnten Socken wäre dagegen völlig okay?


Klar. Streiten Sie vor den Kindern! Streiten Sie laut, damit die mitkriegen, um was es geht und nicht grübeln müssen. Diese Wattebäuschchenwerferei und das Harmoniegedudel sind doch blöd. Ausserdem: Kinder streiten auch dauernd, wenn sie lebendig sind.

Ich möchte ein Happy End. Wie verträgt man sich am besten oder bremst einen Streit, bevor er volle Fahrt aufgenommen hat?


Mit Lachen und Humor. Glauben Sie mir: Wer weiss, wie er den anderen verletzen kann, weiss auch, wie er ihn zum Lachen bringen kann.


Arnold Retzer ist Psychologe, Paartherapeut, Dozent an der Uni Heidelberg und Autor zahlreicher Bücher. Darunter die Streitschrift «Lob der Vernunftehe».

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