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starkes maedchen

Elternkolumne

Worüber sich eine Töchter-Mutter nervt

Echt jetzt! Mädchen werden noch immer in die rosa Schublade gesteckt, findet die Journalistin Anicia Kohler. Zeit, ihnen «Biss» mit auf den Weg zu geben.

Wie praktisch, zwei Mädchen, sagte neulich jemand im Bus zu mir. Die sind nicht so laut, die schauen aufeinander, und die können beim Putzen helfen. Ehrenwort! Die beiden bekamen davon nichts mit, sie sassen auf dem Sitz respektive im Buggy und dachten – höchstwahrscheinlich – an Haushaltspapier.

Ich dagegen dachte an Suppe. Hochkochende Suppe. Denn die Begegnung war kein Einzelfall, die Welt ist voller Jemande, die meinen Kindern aufgrund ihres Geschlechts Charaktereigenschaften zuschreiben. Richtig böse gemeint ist das nicht. Aber was ist, wenn sie zu glauben beginnen, ihnen stehe nur als «liebe Meitli» ein Platz in der Gesellschaft zu?

Ich begann nach einer Antwort zu suchen, und schwankte dabei im Spektrum zwischen militantem Feminismus und leben und leben lassen, bis ich ziemlich genau in der goldenen Mitte auf «Grit» stiess. «Grit» bedeutet auf Deutsch ungefähr «Charakterfestigkeit» oder «Biss». Es ist aber mehr als das. «Grit» ist ein Konzept. Es steht für Ausdauer und Leidenschaft. Für Mut und den Willen, Ziele zu verfolgen; gegen alle Widerstände, wenn es sein muss.

Der Western «True Grit» (2010) erzählt die Geschichte eines 14-jährigen Mädchens, das sich in der Wildnis durchschlägt, um den Mord an ihrem Vater zu rächen. Die Coen-Brüder lancierten das Casting für die Hauptrolle mit folgenden Worten: Es werde eine «einfache, knallharte junge Frau mit aussergewöhnlich stählernen Nerven» gesucht. Voilà! Exakt solche Frauen braucht das Land. Und Beispiele dafür gibt es viele.

Über jede Menge Grit verfügt die Waadtländerin Fanny Chollet. «Dafür werde ich alles tun», sagte sich die heute 27-Jährige, als sie sich im Gymnasium dafür entschied, Militärpilotin zu werden. Sie bestand alle Hürden einer Ausbildung, die nur die wenigsten bestehen, und nahm im Dezember 2017 ihr Brevet entgegen. Aktuell absolviert sie eine Schulung auf der F/A-18 und wird nach deren Abschluss die erste weibliche Schweizer Kampfjetpilotin sein.

Auch Ruth Gattiker, 1923 in Zürich geboren, ist eine Frau mit Grit. Sie wollte Ärztin werden – in den 1940er-Jahren alles andere als ein leichtes Unterfangen. Sie musste sich gegen ihren Vater durchsetzen, und nach ihrem Medizinstudium gegen einen Herzchirurgen, der sagte, es gebe keine Frau, die für diesen Job geeignet sei. Sie wurde weltweit eine der Besten in dem Fach der herzchirurgischen Anästhesie, und später eine der ersten Medizinprofessorinnen an der Universität Zürich.

Die amerikanische Psychologin Angela Duckworth wird als führende Expertin in Sachen Grit bezeichnet. Sie fand heraus, dass Grit den Lebensverlauf und die Erfolge einer Person weit mehr beeinflusst als Talent oder IQ. «Es ist eine Eigenschaft, die einer Person erlaubt, sich über eine vorerst enttäuschend lange Zeitspanne auf eine sinnvoll erscheinende Sache zu konzentrieren», sagt sie. Menschen, die darüber verfügten, seien langfristig erfolgreicher. Sie weiss nicht nur als Forscherin, wovon sie spricht – ihr Vater sagte als Kind ständig zu ihr, sie sei halt kein Genie («You’re no genius»). Sie arbeitete hart, um ihm zu beweisen, dass sie durchaus fähig war – und 2013 wurde ihr die MacArthur Fellowship verliehen, die umgangssprachlich «Genie-Preis» genannt wird.

Praktische, putzfreudige Mädchen. Was für eine seltsame Idee! Wer sich das wünscht, gehört ins Pfefferland. Ich habe mir vorgenommen, meine Kinder mit Grit-Geschichten gegen abwertende Bemerkungen quasi zu impfen (sodass sie es mir spätestens in der Pubertät so richtig heimzahlen können). Und ich freue mich darauf, ihrer Generation in ein paar Jahren zuzusehen, wie sie sich einen Platz in der Gesellschaft holt. Lauter mutige, starke Mädchen und Jungen, die für so viel Gesprächsstoff sorgen, dass bei einer zufälligen Begegnung im Bus niemand mehr übers Haushalten reden will.

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