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Schule

Eine Hommage an gute Lehrpersonen

Gute Lehrpersonen prägen uns ein Leben lang. Deshalb: Genug gemeckert! Eine Hommage an die guten Lehrer und Lehrerinnen.

Zwei gute Gründe, Lehrer* in zu werden? Juli und August.» Richtig, der Witz ist ranzig. Trotzdem müssen ihn sich Lehrpersonen immer wieder tapfer anhören. Denn ähnlich wie Zombies, sind sie einfach nicht totzukriegen, diese Vorurteile: Lehrer machen sich einen lauen Lenz, und – Lehrer kann jeder. Also – Manege frei fürs Spotten und Kritisieren, Mäkeln, Meckern und Gute-Ratschläge-Erteilen. Niemand, der sich hier nicht als Spezialist fühlte. Selbst zur Schule gegangen, Kind in der Schule, im Homeschooling mal ein Diktat korrigiert oder zumindest «Die Feuerzangenbowle» und «Fack ju Göthe» geguckt. Das muss doch wohl reichen als Expertise.

Nur – ist das Unsinn. Lehrer kann längst nicht jeder.

Denn wer sich ernsthaft mit anderen über Schulerfahrungen unterhält, stellt schnell fest: In fast jedem Leben gibt es diese eine Lehrperson, die besonders war. Die einen geprägt hat, in Erinnerung bleibt und die dem Selbstwertgefühl und der Biografie einen entscheidenden Stups gegeben hat. Im glücklichen Fall in die richtige Richtung. Der gute Lehrer. Die gute Lehrerin. Dieser spezielle Mensch da vorne.

Lehrpersonen können soziale Gräben zuschütten. Oder tiefer ausheben.

Der Mensch mittendrin

Der «Mensch da vorne» ist in der gemischten 4.–6. Klasse im Zürcher Schulhaus Hirschengraben eher der «Mensch mittendrin». Ihr Pult hat Katrin Meier nämlich schon vor ein paar Jahren aus dem Klassenzimmer geschmissen. Stattdessen gibt es jetzt einen grossen blauen Tisch, an dem die Lehrerin oft sitzt und meist auch ein paar Schüler* innen. Die hocken sich dazu, wenn sie sich besonders konzentrieren wollen, wenn sie einfach gern ein bisschen näher bei Katrin Meier wären oder eine Frage haben.

Immer hat jemand eine Frage. Immer eingeleitet durch «Siiiieee, Frau Meier». Auch jetzt zum aktuellen Thema «Tiere der Arktis». «Siiieee, Frau Meier, ist diese Zeichnung von der Schneeeule gut, obwohl die Füsse zu klein geraten sind?» «Siiieee, Frau Meier, wie weit runter (‹südlich heisst das, südlich!›) reicht die Arktis eigentlich?» Und: «Siiieee, Frau Meier, wie schreibt man vermehren?» «Mit h.» «Hä? Nicht mit zwei e? Auch dann nicht, wenn die im Meer leben?» Katrin Meier lacht. «Nein, auch dann nicht.» Lachen ist in ihrer Klasse fast noch häufiger zu hören als «Siiieee, Frau Meier». Sehr oft also.

Derzeit unterrichtet die 54-Jährige 3 Klassenstufen in einem Raum, 24 Kinder, 7 verschiedene Muttersprachen, 2, bei denen es mit dem Deutsch hakelt, 3 Hochbegabte, 1 Kind mit ADHS… Stress?

Katrin Meier guckt irritiert. Wieso Stress? Ja, klar, bekommt möglichst jedes Kind seinem Können entsprechendes Material, klar, stapeln sich abends und am Wochenende die Hefte, melden sich Eltern, gibt es gerade jetzt lange Diskussionen über Gymi ja/nein/vielleicht, wollen Spiele ausgedacht, Waldausflüge geplant und will die Geschichte über den leider frisch verstorbenen Hamster auch nach Unterrichtsschluss noch angehört werden.

Aber Stress? Ist das nicht was Negatives? «Ich liebe meinen Beruf und das exakt von jenem Donnerstag vor über 30 Jahren an, als ich zum ersten Mal vor einer Klasse gestanden habe», sagt sie und sieht darin nichts Besonderes. Sich mit Herzblut für das einzusetzen, was einem am Herzen liegt, findet sie selbstverständlich. Ist es das wirklich wert, deswegen als Person so beachtet und herausgehoben zu werden?

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Wenn Schüler* innen gerne zur Schule kommen, dann hat die Lehrperson mit ihrem Unterricht schon eine ganze Menge richtig gemacht.

Entscheidend ist, wer lehrt

Ja. Ist es. Mag es auch völlig unterschiedliche Varianten von guten Lehrern geben, jeder mit eigener Art, jeder mit eigener Persönlichkeit. Denn spätestens seit der Studie des Neuseeländers John Hattie ist wissenschaftlich abgesegnet: Entscheidend ist, wer lehrt. Wie und was – also ob Luxusschulhaus oder Modell Sparta, ob grosse oder kleine Klassen, Laptops oder Hefte, Projektarbeit, Wochenplan oder Lehrervortrag – all das kommt auf die hinteren Ränge.

50000 Einzelstudien hat Hattie Anfang der 2000er-Jahre in seinem 15-jährigen Langzeitprojekt «Visible Learning» durchforstet, 800 Metaanalysen, Datenbasis: über 200 Millionen Lernende. Auch nachfolgende Bildungswissenschaftler* innen waren fleissig, haben Hatties Mammutwerk auf Herz und Nieren geprüft, erweitert, Kontrollerhebungen gemacht, Elterneinflüsse heraus und nationale Besonderheiten hineingerechnet, haben hier an einem Studienschräubchen gedreht und dort das Erhebungsdesign getunt. Doch allen kleinen Unterschieden zum Trotz, lautet das – verkürzte – Fazit: «Teachers make the difference.»

Das Super-Lehrer-Experiment

Auch Schweden hat vor einigen Jahren in Malmö ein Experiment gestartet, das nicht nur im schwedischen Fernsehen gesendet wurde, sondern um die Welt ging. Das sogenannte Super-Lehrer-Experiment.

Dabei wurden Lehrstars, also Lehrpersonen, deren Klassen in landesweiten Leistungsvergleichstests stets am allerbesten abschnitten, für rund ein Halbjahr in die schlechtesten Klassen des Landes versetzt. Gleiches Gehalt, gleiche Schüler* innen, gleiche Arbeitsbedingungen.

Das Ergebnis? Biblisch. Frei nach Matthäus 19,30: «Die Letzten werden die Ersten sein.» Die leistungsschwächsten Klassen kämpften sich durch den Lehrerwechsel an die Leistungsspitze des Landes. Zufall? Wunder? Disziplinierende Wirkung der Fernsehkamera? Oder doch Ausdruck dessen, was viele, viele Wissenschaftler* innen – nicht nur Hattie – in Studien herausgefunden haben.

Abhängig von der Lehrperson:

♦ können innerhalb einer einzigen Jahrgangsstufe Kompetenzunterschiede von zwei Jahren bestehen. Das belegt eine Untersuchung von Urs Moser und Sarah Tresch vom Zürcher Institut für Bildungsevaluation.

♦ werden soziale Gräben in der Schülerschaft – so die Wuppertaler Wirtschaftswissenschaftler Hendrik Jürges und Kerstin Schneider – durch die Lehrkraft entweder weitgehend zugeschüttet oder tiefer ausgehoben.

♦ empfinden sich Schüler* innen als Gestalter ihres eigenen Lebens oder aber sie eignen sich eine fatalistische «kann man nix machen, kann ich eh nicht ändern»-Haltung an. Mit – sei hier vermutet – weitreichenden Folgen für weiteres Engagement und Lebensträume. Das zumindest resümiert die Arbeit von Barbara Peter und Annelies Kunz von der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich.

♦ macht der Unterricht ausländische Schüler* innen selbstbewusster oder demotiviert sie auf Jahre hinaus. Ist es für Lehrkräfte nicht egal, woher jemand kommt, wenn die Leistung stimmt? Leider nein. Eine Untersuchung der Universität Mannheim in Primarschulen jedenfalls ergab: Lehrpersonen bewerteten ein Diktat eines – fiktiven – Schülers namens «Murat» schlechter als das eines «Max» bei identischer Fehlerzahl. Es ist wohl nicht allzu gewagt, zu vermuten, dass real existierende Murats bei schlechten Lehrpersonen generell einen schweren Stand haben werden.

♦ wird eine seelische Belastung oder psychische Erkrankung eines Kindes erkannt und behandelt. Ist es doch die Lehrperson, die eine Auffälligkeit als Erstes bemerkt. Nicht die Eltern. Fazit einer Gemeinschaftsstudie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und des Sozialpädiatrischen Zentrums des Kantonsspitals Winterthur.

Man muss als Lehrer*  in auch mal sagen können: Sorry, das war blöd von mir.

Was macht Lehr-Stars aus?

Kurz: Die Lehrperson kann einiges vermasseln. Oder die Weichen Richtung glücklichen Lebens und Erfolg stellen. Wie genau sie dabei vorgeht, ist ziemlich egal, Hauptsache, sie kanns einfach. Aber: Was?

Das ist nicht ganz leicht zu destillieren. Lehren, klar: Lesen beibringen und Schreiben. Mathe, Englisch, Zitronensäurezyklus, Aufschwung am Reck, Aufstuhlen nach Schulschluss und eine grobe Ahnung vermitteln, welche Hauptstädte zu welchen Ländern gehören könnten. Etwas in der Art sollte der gute Lehrer, die gute Lehrerin draufhaben.

Nur – wie schaffen es die einen, dass der Stoff dauerhaft einsickert, keimt und zu blühen beginnt, während bei den anderen, den Pädagogen mit weniger glücklichen Händchen, monatelanger Unterricht entweder gleich an den Kindern abperlt wie Wasser am Bürzel einer Ente oder exakt bis zur nächsten Prüfung andockt, um anschliessend auf Nimmerwiedersehen in einem schwarzen Loch zu verschwinden?

Was haben die Lehr-Stars, was andere nicht haben? Wieso kriegen die alles gleichzeitig gewuppt: Sie vermitteln Wissen – und davon viel –, ergänzen oder ersetzen auch manchmal elterliche Erziehung, gleichen Sprach- oder Aufmerksamkeitsdefizite aus, lassen Kinder fröhlich bleiben, führen Kulturen zusammen, verwandeln sperrigen Stoff in spannenden und löschen nebenher Brandherde, die in der Gesellschaft so anfallen.

Integration und Inklusion, Coronachaos und Handysüchte, chronischer Personalmangel und Sparmassnahmen an der falschen Ecke. Ja, Herrschaftszeiten, wie machen die das? Was ist das Geheimrezept dafür, jeden Tag ein Dutzend Bälle in der Luft und sich selbst bei Laune zu halten? Immerhin, so Remo Largo in seinem Buch «Schülerjahre», knicken 60 Prozent der Lehrpersonen irgendwann unter dem Wust der Anforderungen psychisch ein.

«Burn-out» ist unter Pädagog* innen ein Flächenbrand. Katrin Meier hat «Burn-in». «Ein Geheimrezept kenn ich nicht. Aber ich denke, es ist wichtig, dass man für seinen Job glüht», sagt sie, «dass man Kinder liebt, sie ermutigt, ihr Anwalt ist. Und auch», fügt sie nach ein bisschen Überlegen hinzu, «dass man sich treu bleibt, authentisch ist und sich nicht verbiegt, nur weil gerade irgendwas in Mode ist.»

Sie selbst, erzählt die 54-Jährige, sei beispielsweise nicht so gut im Lehrervortrag. «Ist nicht mein Ding. Andere können besser erzählen als ich, bei denen kommt das oft super. Aber bei mir…» Sie lacht. Fehler und Schwächen zuzugeben, das fällt ihr leicht. «Ich finde, man muss als Lehrer oder Lehrerin auch mal sagen können: ‹Sorry, das war blöd von mir.›» Einstehen für das, was man ist, findet sie zentral. Ecken und Kanten, ja bitte.

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Nur die Besten für die Kinder

Im Schulhaus Hirschengraben klingelt es zur Pause. 24 Stühle ruckeln, 24 Kinder schwatzen, quietschen, kreischen. «Siiiie, Frau Meier,… Nordhalbkugel, Südhalbkugel, Sommer, Eisberge.» Nur Katrin Meier kann bei dem Krach hören, was die Elfjährige da noch für ein Problem hat. Ein verzwicktes offenbar, denn die Lehrerin zeigt etwas auf der Landkarte, diskutiert, lobt.

Ohne Fachkompetenz stünde man bei einigen in ihrer Klasse ziemlich auf dem Schlauch. Viele kommen aus akademischen Elternhäusern und bringen von dort schon einiges mit. Mit halb garen oder allzu laienhaften Erklärungen lassen sich die nicht abspeisen. Fachkompetenz – das klingt wie eine Minimal-Anforderung, ist es aber nicht.

Ein Fünftel aller Lehrkräfte, zitiert die Zeitschrift «Geo» eine Untersuchung des deutschen Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, schrammen die Kategorie «Totalausfälle», haben also entweder nur eine vage Ahnung von dem, was sie da beibringen sollen oder richten ein Massaker an unter Neugier, Wissbegierde und Freude der Kinder.

Finnland etwa will diese 20 Prozent auf keinen Fall vor Klassen stehen haben. Deshalb gilt dort die Parole: «Nur die Besten für unsere Kinder.» Lehrpersonen können nur die Vorzeige-Absolventen eines Jahrgangs werden, die zudem aufwendige Assessments erfolgreich bestanden haben. Maximal 10 Prozent der Bewerber* innen kommen durch. Keine Chance für alle, bei deren Vortrag die Prüfer nicht ein Mal lachen mussten.

Charisma statt Comedy

«Humor», ja, den finden auch die Kinder im Hirschengraben wichtig, den finden die Bildungsforscher nützlich und – zahlreiche Geschäftemacher einträglich. Längst werden Humorseminare für Lehrpersonen angeboten, bei denen die Pädagogen auch schon mal mit Klobürsten tanzen, Witze erzählen und lautes Lachen üben müssen. Die Lage scheint ernst zu sein, wenn solcher Klamauk als lustig empfunden wird, Entertainment mit interessantem Unterricht, Charisma mit Comedy-Einlagen verwechselt wird.

Für die Klasse 4–6 klingelt es zum Unterrichtsschluss. «Siiiee, Frau Meier», ist noch zwischen dem Aufstuhl-Gerumpel zu hören, «dürfen wir morgen zum Waldausflug ein Zelt mitnehmen? Dann können wir länger bleiben?» «Siiieee, Frau Meier, zu den Lemmingen kann ich doch auch zu Hause noch mehr lesen, oder?»

Eine einzige allgemeingültige Antwort darauf, was eine gute Lehrperson ausmacht, gibt es nicht. Sicher aber ist, eine Lehrerin, der Schüler solche Fragen stellen, die ist eine. Eine von vielen.

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