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Medizin / Frühgeburt

Eine Handvoll Mensch

Ein Frühchen

Es gibt immer mehr «Frühchen». Spitäler arbeiten auf Hochtouren, um auch den Kleinsten einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Mit Erfolg.

Die schönsten Dinge passieren unverhofft. So umschreibe ich gerne die Geburt «unseres Frühchens». Mein Sohn kam in der 33. Schwangerschaftswoche auf die Welt. Er ist unser zweites Kind und hat uns mit seiner Ankunft einen ordentlichen Schrecken eingejagt.

Mit der verfrühten Geburt unseres Kindes vor drei Jahren lagen wir so richtig im Trend. Die Anzahl der Frühgeburten (also Geburten vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche) nimmt zu, wie die spezialisierten Zentrumsspitäler übereinstimmend melden. Laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) ist die Frühgeburtenrate mit den Raten der übrigen europäischen Länder vergleichbar, trotzdem attestiert sie der Schweiz «eine relativ hohe Frühgeburtenrate». Die neusten Zahlen zeigen: Von den 82 731 Lebendgeburten im Jahr 2013 erfolgten 92,4 Prozent termingerecht, das heisst zwischen der 37. und 41. Schwangerschaftswoche, und 7,2 Prozent zu früh.

Besonders deutlich macht sich an den Spitälern die höhere Zahl von Extrem-Frühgeborenen bemerkbar, die Intensivplätze über viele Wochen benötigen. «Die fachgerechte Betreuung dieser kleinen Patienten ist in vieler Hinsicht eine grosse Herausforderung. Sie erfordert spezialisiertes Fachwissen und dementsprechend ausgebildete Fachkräfte – von Seiten der Ärzte wie von Seiten der Pflegenden», sagt Philipp Meyer, Chefarzt der Neonatologie am Kantonsspital Aarau (KSA). Aufgrund des steigenden Bedarfes gestalte es sich zunehmend schwieriger, neonatologisch geschulte Fachkräfte zu finden. Es gibt zu wenig Personal für zu viele offene Stellen. Um die Nachwuchsförderung zu gewährleisten, bietet das Kantonsspital Aarau Ausbildungsplätze für Ärzte und Pflegende zur Spezialisierung in diesem Bereich an.

Der zunehmende Mangel an speziell ausgebildeten Fachkräften für die Intensivpflege von Frühgeborenen führe dazu, dass Betten auf der Neonatologie eines Spitals zum Teil leer bleiben, auch wenn Nachfrage bestünde, wie Sven Schulzke, Leitender Arzt Neonatologie am Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB) sagt. «Das Schweizer Netzwerk der Neugeborenen-Intensivstationen arbeitet jedoch sehr gut zusammen, sodass normalerweise für alle Frühgeborenen ein Platz gefunden wird, sollte regional einmal kein Bett verfügbar sein.»

Monitore, Verkabelungen, piepsende Geräte – die Wochen auf der Neonatologie sind eine Zeit des Bangens.

Unser Sohn Jaron benötigte zwar keine Beatmungsschläuche, musste anfänglich jedoch über eine Sonde ernährt werden. Die zwei Wochen, die er auf der Neonatologie lag, war für uns eine Zeit des Bangens, ob alles gut kommen würde mit unserem Kind. Er lag mit fünf weiteren Frühchen in einem Raum, darunter war ein Mädchen, das schon in der 24. Schwangerschaftswoche auf die Welt gekommen war. Monitore flimmern, Geräte piepsen, «Verkabelungen» von kleinen Menschen an Maschinen dominieren das Bild.

Auf den erhöhten Bedarf an Neonatologie-Plätzen haben die Spitäler in den vergangenen Jahren reagiert. In Aarau konnte man von 24 auf 29 Betten erhöhen. Auch auf eine möglichst enge Eltern- Kind-Beziehung wird verstärkt Wert gelegt; Brutkasten, Schläuche und hochspezialisierte Medizin sollen der natürlichen Bindung zwischen den Frühchen und ihren Eltern möglichst wenig im Weg stehen: «Die Geburtshilfe und die Neonatologie sollen räumlich unter einem Dach vereint werden, um den kleinsten aller Patienten und ihren Müttern den Transportweg zu ersparen», sagt Chefarzt Philipp Meyer vom KSA. «Langfristig soll eine Eltern-Kind-gerechte Station entstehen, in der die Rolle der Eltern im Kontakt mit ihren Früh- und Neugeborenen gestärkt werden kann.» Im Zuge einer weiteren Zunahme der Geburten, insbesondere auch der Frühgeborenen und kranken Neugeborenen, ist in den kommenden Jahren am KSA eine flexible Kapazitätserhöhung geplant. Einen Ausbau hat auch die Klinik für Neonatologie des Universitätsspitals Zürich hinter sich, sodass es neu umgebaute und eingerichtete Räume gibt. Die Klinik umfasst jetzt zwei Intensivstationen mit je neun Plätzen und einen Bereich Intermediate Care mit 14 Plätzen.

Bei mir standen eine geplatzte Fruchtblase, Wehenhemmer und eine drohende Infektion des Babys am Anfang der frühen Geburtseinleitung. Warum es dazu kam, ist bis heute unklar. Schliesslich war ich mit meinen 33 Jahren weder übermässig alt, noch war mein Kind künstlich gezeugt worden. Dies sind die am häufigsten genannten Risikofaktoren, die mit Frühgeburten in Verbindung gebracht werden.

«Die Mütter werden immer älter, das ist einer von vielen Risikofaktoren für Frühgeburtlichkeit», sagt Philipp Meyer. Der medizinische Fortschritt in der Fortpflanzungsmedizin, der auch in diesem Bereich mehr möglich mache, sei sicherlich ein Grund, dass es zu solchen Schwangerschaften komme. Dirk Bassler, Direktor der Klinik für Neonatologie am Universitätsspital Zürich (USZ) verknüpft den Anstieg der Frühgeburten zudem auch mit zunehmenden relevanten Erkrankungen wie Diabetes, mit mütterlichem (Fehl-)Verhalten (Drogen und Alkohol) und genetischen und umweltbedingten Interaktionen.

Die Betreuung der früh geborenen Kinder setzt hohes medizinisches Know-how voraus. Am UKBB wurden im vergangenen Jahr auf der Neonatologie 90 Frühgeborene zwischen 23 und 32 Schwangerschaftswochen intensivmedizinisch versorgt. «Das sind so viele wie noch nie zuvor und ist auf die weiter steigende Zahl an künstlichen Befruchtungen und Mehrlingsgeburten zurückzuführen», sagt Sven Schulzke vom Basler Unispital. Dass die Grenze der Lebensfähigkeit und somit auch die Anwendung neonatologischer Intensivmassnahmen immer früher in der Schwangerschaft beginnt, lässt die Zahl der Frühgeburten ebenfalls ansteigen. «Ausschlaggebend für den Anstieg ist jedoch der absolute Anstieg aller Geburten und damit ein Anstieg der absoluten Zahlen an Frühgeborenen», hält Philipp Meyer vom KSA fest.

Mütter werden immer älter – einer der Risikofaktoren für Frühgeburtlichkeit.

Die Zeit auf der Neonatologie ist eine wertvolle und auch anstrengende Zeit. Wenn die Mutter stillt, muss sie täglich Milch abpumpen – entweder im Spital oder zu Hause. Wir durften unser Kind täglich für eine Stunde auf unsere Brust legen und so mit ihm kuscheln. Für manche Eltern dauert die sorgenvolle Zeit lange an, mitunter bis zu Monaten. Mit der Zeit kennen sich die Eltern untereinander und freuen sich aufrichtig mit einer Familie mit, wenn diese ihr Kind nach Hause nehmen darf. Stolz legt der Vater das Kind dann ins Maxicosi – endlich! Als wir unsere ältere Tochter nach der Geburt und kurzem Spitalaufenthalt ins Auto packten, taten wir dasselbe – und machten uns viel weniger Gedanken darüber. Erst jetzt wurde uns bewusst, wie dankbar man sein kann, ein gesundes Kind vom Spital nach Hause nehmen zu dürfen. Besondere Pflege brauchte unser Sohn fortan nicht mehr. Den Schnellstart ins Leben merkt man dem Dreijährigen heute nicht mehr an.

Die meisten Frühgeborenen kommen mit wenig Komplikationen und nur leichten Einschränkungen körperlicher oder geistiger Art durch, oft sogar ohne nachweisbare Schwächen. Selbst bei den extrem unreifen Frühgeborenen, unter der 28. Schwangerschaftswoche, betrage die Rate schwerer Behinderungen weniger als 10 Prozent, sagt Schulzke. «Die meisten Frühgeborenen führen als Kinder und Erwachsene ein normales Leben, manche haben unter Umständen einen vermehrten Bedarf an Unterstützung, wie etwa in Physiotherapie, Logopädie, oder Unterstützung in der Schule.»

Trotzdem: Nicht allen Kindern und Eltern ist es möglich, unbelastet an die ersten Lebenswochen zurückzudenken. «Mit den zunehmenden Überlebensraten von Frühgeborenen muss die Gesellschaft auf den Umgang mit möglichen Langzeitfolgen der Frühgeburtlichkeit vorbereitet sein», sagt Dirk Bassler vom Unispital Zürich. Als Beispiele nennt er Zerebralparese, die als Bewegungsstörung charakterisiert werden kann. Die Ursache liegt in frühkindlichen Schädigungen derjenigen Gehirnzentren, die die Bewegung steuern. Aber auch Sprach- und Lernbeeinträchtigungen seien mögliche Langzeitfolgen der Frühgeburtlichkeit.

Als Mutmacher sollten Eltern jedoch diese Aussage von Dirk Bassler mitnehmen: «Die selbst eingeschätzte Lebensqualität im Erwachsenenalter bei ehemaligen Frühgeburten ist laut Studien sehr gut, deutlich besser als die, welche wir Fachpersonen ihnen am Lebensbeginn zugestehen.»

Manches beginnt eben gross, manches klein, und manchmal ist das Kleinste das Grösste.

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