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Monatsgespräch | Barbara Ritter

«Eine Frühgeburt prägt das ganze Leben»

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Die Zahl zu früh geborener Kinder steigt. Ein Gespräch mit der Kinderneuropsychologin Barbara Ritter, welche die geistige Entwicklung von Frühchen erforscht.

wir eltern: Frau Ritter, immer mehr Kinder kommen zu früh zur Welt. Weshalb eigentlich?

Barbara Ritter: Ein Grund ist das steigende Alter der Mütter. Risiken wie Bluthochdruck, Schwangerschaftsdiabetes oder Blutungen nehmen zu, was wiederum die Wahrscheinlichkeit für eine Frühgeburt erhöht. Ist eine Frau zusätzlich über- oder untergewichtig oder raucht sie, ist die Gefahr noch einmal grösser. Zudem gibt es heute mehr In-vitro-Fertilisationen. Diese führen häufig zu Mehrlingen, die oft zu früh kommen (Lesen Sie dazu: «Zu zweit zu früh»). 2012 etwa sah ich bei Entwicklungskontrollen im Inselspital Bern vier Drillings- und eine Vierlingsfamilie, das sind ungewöhnlich viele.

Wann spricht man von einer Frühgeburt: Bereits zwei, drei Wochen vor dem errechneten Termin?

Kommt das Kind nach der 37. Woche zur Welt, machen wir uns wenig Sorgen. Als extrem früh werden jene Kinder bezeichnet, die vor der 32. Woche geboren werden. Wobei Frühgeborene heute schon ab der 26. Woche zu 82 Prozent überleben, ab der 28. Woche schaffen es 93 Prozent. Fakt ist aber auch: Je früher ein Baby zur Welt kommt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es beeinträchtigt oder gar behindert ist.

Womit müssen Eltern bei einer Frühgeburt rechnen?

Man muss zwischen kurz- und langfristigen Herausforderungen unterscheiden. Zunächst werden die Eltern von einer Frühgeburt überrumpelt – es ist ein Schock. Die Angst um das Leben des Kindes steht im Vordergrund. Überlebt es, muss das Baby je nach Geburtszeitpunkt für mehrere Monate im Spital bleiben, die Mutter wird nach einer Woche entlassen. Das bedeutet für die Eltern, dass sie täglich ins Spital pendeln müssen. Da liegt ihr Winzling in der Isolette, umgeben von Kabeln und blinkenden Monitoren, die die Vitalfunktionen überprüfen. Die Eltern können ihr Kind nicht einfach hochnehmen und an sich drücken wie einen normalen Säugling, sie müssen je nach Reifungs- und Gesundheitszustand des Kindes Hilfe vom Personal holen.

Damit entfällt die wichtige Bindung zwischen Eltern und Kind, die erst durch körperliche Nähe entsteht.

In modernen Kliniken versucht man die Eltern von Beginn weg in die Pflege einzubinden. Sie können jederzeit zu ihrem Kind, es streicheln, kuscheln, liebkosen. Sie können ihre Stimme auf Tonband aufnehmen und abspielen lassen, wenn sie weg sind. Das mindert den Stress beim Frühchen und ermöglicht trotz allem einen guten Bindungsaufbau zum Neugeborenen.

Überlebt das Kind, müssen die Eltern auch mit langfristigen Schwierigkeiten rechnen?

Frühgeborene sind anfälliger für gewisse Erkrankungen und Störungen, wie zum Beispiel Asthma oder ADHS. Das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom kommt bei Frühgeborenen drei- bis viermal häufiger vor, selbst wenn die Familie genetisch nicht vorbelastet ist.

Das Schreckgespenst vieler Eltern heisst «beeinträchtigte Gedächtnisleistung». Was sagen Sie den Eltern, wenn diesbezüglich Fragen kommen?

Dank medizinischem Fortschritt treten schwere geistige oder motorische Beeinträchtigungen immer seltener auf. Frühgeburtlichkeit ist kein so arges Schreckgespenst mehr wie früher. Fast 70 Prozent der extrem Frühgeborenen entwickeln sich bezüglich der Intelligenz ganz normal. Das kleinste Frühgeborene, das ich sah, wog bei seiner Geburt nach der 24. Schwangerschaftswoche 380 Gramm. Bei der Entwicklungskontrolle im Alter von fünf Jahren war das Mädchen fröhlich, aufgeweckt, durchschnittlich intelligent und motorisch recht geschickt. Allerdings konnte sich das Kind auditiv, das heisst übers Ohr, weniger Informationen aufs Mal merken und Verbales weniger schnell auswendig lernen als Gleichaltrige. Das fiel auch seiner Mama und der Kindergärtnerin auf.

Also doch eine gewisse Beeinträchtigung der Intelligenz?

Nein! Intelligenz und Gedächtnis sind nicht zwingend dasselbe. Man kann normal intelligent sein und dennoch eine verminderte Gedächtniskapazität und Lernschwierigkeiten haben.

Sieht das Gehirn eines Frühgeborenen anders aus als das eines Termingeborenen?

Im letzten Drittel der Schwangerschaft wächst das Gehirn rasant, das Hirnvolumen verdreifacht sich. Pro Minute entstehen bis zu 40 000 Nervenzellen. Frühgeborene kommen in einer extremen Reifungsphase zur Welt. Während andere Föten das letzte Schwangerschaftsdrittel geschützt im Mutterbauch erleben, werden die Frühgeborenen mit Atmen, Verdauen, Licht, Lärm und taktilen Reizen konfrontiert. Das bedeutet Stress und beeinflusst die Gehirnentwicklung. Frühgeborene haben auch im Schulalter noch ein kleineres Hirn, weil das neonatale Gehirn nicht in gleichem Masse an Volumen zulegen konnte. Der Hippocampus – eine Hirnstruktur, die zentral ist fürs Gedächtnis – ist deutlich kleiner. Das erklärt die gehäuften Gedächtnisprobleme.

Als Neuropsychologin kommen Sie erst später mit den frühgeborenen Kindern in Kontakt. Weshalb nicht gleich nach der Geburt?

Zunächst kümmern sich Mediziner um die Frühchen, neuropsychologisch relevante Faktoren wie Gedächtnisschwierigkeiten, Aufmerksamkeit und Intelligenz rücken später ins Zentrum. Wenn sich ein 2-Jähriger 20 Minuten konzentrieren kann, ist das toll. Wenn ein 8-Jähriger die Konzentration aber nur 20 Minuten halten kann, ist das nicht altersgemäss. Solche Schwächen fallen eben erst später auf. Deshalb führen wir bis zum Alter von 5 Jahren standardmässige Nachkontrollen durch, danach bei Bedarf.

Dann kann man sich als Eltern eines Frühgeborenen nicht beruhigt zurücklehnen, wenn das Kind altersgemäss laufen und sprechen gelernt hat?

Es ist ein Trugschluss zu meinen, dass eine extreme Frühgeburt irgendwann abgehakt ist. Sie prägt mehr oder weniger stark das ganze Leben. Eltern müssen aufmerksam bleiben. Defizite können auch erst im Kindergarten- oder Schulalter auftauchen. Aber wir können den Eltern bei den Nachkontrollen auch Rückenwind geben, indem wir ihnen sagen, was alles gut läuft und wie sie Schwierigkeiten vorbeugen können. Und wir unterstützen sie, wenn Schwächen sichtbar werden.

Sie haben zusammen mit der Fachkollegin Regula Everts ein Buch veröffentlicht, das helfen soll, bestimmte Defizite von Frühgeborenen zu trainieren.

Wir entwickelten ein Gedächtnistraining, mit dessen Hilfe sich Kinder Dinge besser merken und lernen können. Das Buch «Memo, der vergessliche Elefant» handelt von einem Zirkuselefanten, der von der Schweiz zurück in seine Heimat Botswana reisen will. Leider ist er furchtbar vergesslich. Zum Glück hat er fünf Zirkusfreunde, die alle einen schlauen Gedächtnistrick auf Lager haben. So meistert Memo die Abenteuer auf seiner Reise erfolgreich.

Die Regale in den Buchhandlungen sind voll von Büchern zu Lern- und Intelligenzförderung von Kindern. Braucht es Ihr Buch?

«Memo» ist wissenschaftlich unterlegt, wir testeten das Training in einer Studie an extrem frühgeborenen Grundschulkindern. Nach Abschluss des Trainings zeigten die Kinder im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, welche kein Training bekommen hatte, statistisch bedeutsame Verbesserungen sowohl im Arbeits- als auch im Langzeitgedächtnis, aber auch punkto Aufmerksamkeit und im Kopfrechnen. Meines Wissens gibt es nur ein einziges weiteres Gedächtnistrainingsbuch für Kinder, das sich auf empirische Untersuchungen stützen kann. Die Lernmethode «Memo» eignet sich für Fachpersonen – aber auch für Eltern mit frühgeborenen Kindern ab sieben Jahren oder Kindern mit ADHS. Das sechswöchige, von den Eltern geleitete Training können die Kinder ausgerüstet mit Bleistift und Papier am Schreibtisch absolvieren.


Dr. Barbara Ritter (30) studierte an der Universität Bern Psychologie. Sie forschte und arbeitete als klinische Neuropsychologin auf der Abteilung für Neuropädiatrie, Entwicklung und Rehabilitation an der Universitäts- Kinderklinik des Inselspitals Bern. Heute ist sie als Kinderneuropsychologin am Ostschweizer Kinderspital in St.Gallen tätig. Dort untersucht sie u. a. die Entwicklung von Kindern mit Hirnfunktionsstörungen.


Buchtipp

«Memo, der vergessliche Elefant. Mit Gedächtnistraining spielerisch zum Erfolg» von Dr. Regula Everts und Dr. Barbara Ritter, Huber Verlag, 39.90 Franken. Das neurowissenschaftlich begründete Gedächtnistraining mit dem Elefanten Memo wurde an der Uniklinik Bern entwickelt. Das Training stärkt die Kompetenzen in Lesen und Rechnen und hilft Kindern zwischen sieben und zwölf Jahren in sechs einfachen Lektionen nachhaltig zu mehr Lernerfolg.

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