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Junge Frau telefoniert in einer Telefonkabine

Reportage / Mädchenhaus

Die Sehnsucht bleibt

Im Mädchenhaus finden Kinder Zuflucht, die sich fürchten nach Hause zu gehen. Weil sie geschlagen, zwangsverheiratet, vergewaltigt werden. Geschichten, die nahe gehen.

Es ist kalt, ein nebliger Abend in Zürich, irgendwo in einem Hinterhof. Irgendwo. Hinter breiten Mauern und Fassaden dringt durch vorhanglose Fenster warmes Licht. In einer Wohnküche an einem langen Holztisch sitzen ein paar Mädchen beim Abendessen, das Essen dampft aus dem Topf, die Stimmung ist friedlich, die Mädchen erzählen sich vom Tag. Fast wie eine Familie. Fast. Denn bei diesem Wort verdüstert sich die Stimmung, die Gespräche verstummen, die Gedanken werden schwer, träge. Familie. Wir sind im Mädchenhaus Zürich. Anonyme Zufluchtsstätte für 14- bis 20-Jährige. Eigentlich Kinder noch, die meisten. Doch alle haben sie etwas gemeinsam. Sie haben Gewalt erlebt. Und sie sind geflohen. Vor ihren Eltern.


*Lena, 17

«Ich denke, irgendwann hätten sie mich totgeschlagen. Sie haben mich gewürgt, regelrecht durchgeprügelt. Da kann dir keiner helfen. Da bist du wehrlos, mittendrin. Kindheitserinnerungen? Nur schreckliche. Da gab es nichts, was ich besser oder anders hätte machen können. Beide haben geschlagen, mal Mutter, mal Vater. Als ich in die Pubertät kam wurde es noch schlimmer, brutaler. Da bin ich abgehauen.» Es war ein Tag im März. Mit Hilfe der Schulsozialarbeiterin bekam die 17-Jährige einen Platz im Mädchenhaus. Lena ist eine von insgesamt 54 Mädchen, die im Mädchenhaus Zürich 2013 Zuflucht gesucht haben. Geschlagene, misshandelte, missbrauchte, vernachlässigte Kinder. Aus allen sozialen Schichten. Ein Drittel der Mädchen sind Schweizerinnen ohne Migrationshintergrund.


Erst Erleichterung, dann Krise

«Ich war sehr erleichtert, dass ich hierbleiben konnte. Ich habe viele andere Mädchen kennengelernt, schlimme Geschichten, da dachte ich, meine ist ja nichts dagegen. Wir hatten es mega cool zusammen. Anfangs ist es mir sehr gut gegangen. Doch dann war mir alles zu viel. Ich konnte mir nicht vorstellen, alleine zu leben, ohne Familie. Meine Eltern haben mir aufgelauert, in der Schule, am Bahnhof, obwohl sie Kontaktverbot hatten. Sie wollten, dass ich nach Hause komme, die Schande, die Nachbarn, die Verwandten. Ich war so fertig, auf dem absoluten Tiefpunkt. Fast wäre ich zurückgegangen. Doch ich hab es dann doch nicht getan. Manchmal bin ich neidisch, wenn ich die Eltern anderer Kolleginnen erlebe. Die sind lieb zu ihren Kindern. So etwas werde ich nie haben, und das tut verdammt weh. Da ist eine Sehnsucht, die wahrscheinlich immer bleibt. Für meine Eltern empfinde ich Wut. Hass. Nur das. Sonst nichts.» «Viele Mädchen geraten hier nach der ersten Erleichterung in eine psychische Krise», erzählt Karin Aeberhard, Co-Leiterin des Mädchenhauses. «Die Mädchen sind durch ihre Erlebnisse traumatisiert, haben Schlafstörungen, Essstörungen, sind selbstmordgefährdet. » Es ist die Verzweiflung darüber, dass ein Leben mit den Eltern, den Geschwistern nicht möglich ist, ohne sie aber nicht vorstellbar. Eines der Mädchen beschreibt es als «Krieg im Kopf (…). Ich trage die Vergangenheit mit mir rum wie Dreck. Doch ohne Vergangenheit bin ich leer.» Zerrissene Menschen.


*Ellen, 14

«Ich bin traurig, dass ich meine Geschwister so lange nicht gesehen habe. Sie vermisse ich, meine Mutter nicht. Nicht mehr, jedenfalls. Am ersten Tag im Mädchenhaus habe ich geheult und geheult. Ich wünschte mir, zu Hause zu sein. Aber ich traute mich nicht. Ich war an dem Tag mit Freunden am See und hatte mich verspätet. Meine Schwester sagte am Telefon, meine Mutter habe mein Zimmer kurz und klein geschlagen und dass sie auch mich schlagen werde, wenn ich nach Hause käme. Sie war schon immer sehr aggressiv. Ich musste nach der Schule auf meine Geschwister aufpassen und Hausarbeiten machen. Wenn ich da was nicht richtig erledigt hatte, hat sie mich geschlagen. Wenn sie meine Geschwister schlagen wollte, bin ich dazwischen gegangen. Da hat sie auf mich eingedroschen. Zuletzt war auch noch meine Schwester gegen mich. Da hatte ich keinen Mut mehr; am liebsten wäre ich vom Balkon gesprungen. Heute habe ich mit meiner Mutter keinen Kontakt mehr. Ich hatte ihr gesagt, ich gehe erst wieder nach Hause, wenn sich was geändert hat. Es waren Gespräche mit Familienbegleitung geplant. Aber meine Mutter wollte dann doch nicht. Wut? Nein, ich habe keine Wut mehr. Dafür habe ich keine Zeit, ich bin zu sehr mit meinem Leben beschäftigt.» Während draussen das Leben seinen Gang geht, steht es auch im Mädchenhaus nicht still. Die Eltern werden telefonisch informiert, wo sich ihre Töchter aufhalten, was laut Aeberhard zu unterschiedlichen Reaktionen führe wie Wutausbrüchen, Verleugnen der Tat oder Erleichterung, «dass das Kind endlich weg ist». Doch wie auch immer die Reaktionen ausfallen, die Eltern werden mit der Tatsache konfrontiert, dass mit der Flucht ihres Kindes eine unaufhaltsame Lawine von Seiten der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) und der Polizei ins Rollen kommt (s. Box). Im Mädchenhaus ist man in den kommenden Tagen und Wochen bemüht, die jungen Frauen zur Ruhe kommen zu lassen. Das Team, alles Frauen, Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen, sorgt für einen Rahmen, der die jungen Frauen stärkt, ihnen Schutz gibt und einen geregelten Tagesablauf. So bald wie möglich sollen die Jugendlichen wieder in die Schule oder an ihren Arbeitsplatz gehen können. Dass sie von ihren Eltern in Ruhe gelassen werden, dafür sorgen die zuständigen Behörden mit einem Kontaktverbot. Die Mädchenhausfrauen erarbeiten gemeinsam mit den Mädchen neue Perspektiven: Was fange ich mit meinem «neuen» Leben an, wie geht es weiter, wo werde ich wohnen, wer finanziert mein Leben, wie wird meine Zukunft sein.


*Gil, 15

«Seit ich zwei Jahre alt bin, lebe ich mit meiner Mutter allein. Als ich ungefähr zehn war, fingen die Probleme an. Wir hatten immer Streit. Da fing sie an, mich zu schlagen. Wie sie mich geschlagen hat, darüber kann ich nicht sprechen. Eines Abends wurde es mir zu viel. Ich habe das Sorgentelefon angerufen; die gaben mir die Nummer vom Mädchenhaus. Mein Lehrer hat mich hierher gebracht. Als ich ankam, gabs grad Znacht. Ich fühlte mich sofort wohl hier. Doch die Regeln im Mädchenhaus sind sehr streng. Die ersten 48 Stunden durfte ich nicht raus und das vor dem Wochenende. Das war ziemlich Scheisse. Ich hatte drum abgemacht gehabt. Aber sonst war es gut hier. Ich konnte mich erholen, entspannen. Nach etwa zweieinhalb Monaten hatte ich mein erstes Treffen mit meiner Mutter. Mein Beistand hat mich begleitet. Es war ein gutes Gespräch, aufklärend, für uns beide. Nein, nach Hause gehen werde ich wohl nicht mehr. Meine Mutter will das sowieso auch nicht. Wir treffen uns einmal die Woche. Ausgesöhnt? Ein bisschen, einfach noch nicht ganz.

*Namen von der Redaktion geändert


Verwahrlosung, Zwangsheirat

Karin Aeberhard arbeitet seit 13 Jahren im Mädchenhaus Zürich. Gibt es Fälle, die besonders nahe gehen? «Ja, es gibt immer wieder unglaubliche Geschichten, da denkt man, das kann doch gar nicht sein. Verwahrlosung zum Beispiel, Kinder, die von klein auf völlig vernachlässigt und sich selbst überlassen worden sind. Man denkt, körperliche Gewalt sei schlimmer. Doch das ist nicht so, Verwahrlosung und psychische Gewalt machen Kinder genauso kaputt, wenn nicht noch mehr. Fälle von sexueller Gewalt sind natürlich auch immer schlimm. Und wenn Zwangsverlobung oder Zwangsverheiratung droht.» Etwa zehn Mädchen pro Jahr kämen deswegen ins Mädchenhaus. «Wenn diese Mädchen fliehen, gibt es kein Zurück. Sie werden von der Familie verstossen, für immer, ohne Chancen auf Wiederversöhnung», so Aeberhard, «das auszuhalten, sowas kann man sich gar nicht vorstellen.»

Psychische Gewalt macht Kinder genauso kaputt wie Schläge.

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