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Schwangerschaft

Der verlorene Zwilling

Bei Mehrlingsschwangerschaften sterben Embryonen manchmal frühzeitig wieder ab. Prägt dieser Verlust den überlebenden Zwilling? Ja, sagen die einen und sprechen von einem Ur-Trauma. Ein Facharzt aus der Neonatologie urteilt nüchterner.

Das Drama ging kürzlich um die Welt: Der Sohn von Cristiano Ronaldo und seiner Frau Georgina Rodriguez starb bei der Geburt, die Zwillingsschwester überlebte. Ein Schock für alle Beteiligten.

Zwillingsschwangerschaften bergen für die Kinder und die Mutter grundsätzlich ein erhöhtes Risiko für medizinische Komplikationen. Auch an der Kinderklinik des Inselspitals Bern überlebe manchmal eines von Mehrlingen die Schwangerschaft oder Geburt nicht, erzählt André Kidszun (44), Abteilungsleiter der Neonatologie. Dann etwa, wenn ein Kind im Mutterleib nicht ausreichend versorgt wird durch die Plazenta. «Zum Glück ist das selten der Fall», sagt der Arzt. Er sitzt in einem kleinen, dicht mit Fachliteratur bestückten Büro und sucht auf seinem Laptop nach Zahlen zu Zwillingsgeburten in der Schweiz: 2020 waren 1,5 Prozent aller Geburten Zwillingsund 0,02 Prozent Drillingsgeburten. Ein einziges Mal kamen Vierlinge zur Welt. Die Mehrlingsgeburten haben vermutlich bedingt durch die Reproduktionsmedizin und das Alter der Frauen in den letzten 20 Jahren stets etwas zugenommen. Seit einigen wenigen Jahren aber werden bei In-vitro-Fertilisationen (IVF) einer Frau weniger befruchtete Eizellen eingesetzt. In den letzten drei bis vier Jahren sank der Anteil Mehrlingsgeburten wieder.

Vanishing-Twin-Syndrom

Tatsächlich, sagt André Kidszun, seien ganz zu Beginn vieler Schwangerschaften deutlich mehr Zwillinge oder gar Mehrlinge angelegt – von denen die Schwangere einen oder mehrere Embryonen verliere: «Weil das in der Regel weit vor der 12. Schwangerschaftswoche, und damit vor dem Ersttrimester-Screening geschieht, ist es schwierig, eine verbindliche statistische Zahl zu erheben.» Dennoch wurde das sogenannte Vanishing-Twin-Syndrom auch deshalb zum Thema, weil die Trimester-Tests heute früher durchgeführt werden als noch vor 20 Jahren. Es gibt Berichte, die schätzen, dass das Phänomen bis zu 30 Prozent der Schwangerschaften betrifft. Davon merkt die Mutter normalerweise nichts.

Gewisse spirituelle Kreise wie die Open Mind Akademie oder Los Kai’s Coaching in Deutschland oder Lebenshilfe-Danke in der Schweiz proklamieren nun aber, dass der am Leben gebliebene Zwilling das Versterben des Bruders oder der Schwester spüre und verinnerliche. Und durch den Verlust auf der Körperzellebene ein tiefgreifendes Trauma erleben könne. Um «Gewissheit» zu erlangen, selbst ein verlassener Zwilling zu sein, lassen sich im Internet zahlreiche Selbsttests durchführen mit Fragen wie: Verspüren Sie oft den Wunsch nach symbiotischer Nähe? Können Sie schlecht allein sein? Arbeiten Sie für zwei? Hatten Sie als Kind eine innige Beziehung zu einem Stofftier? Haben Sie den Wunsch nach Grenzerfahrung und lieben Sie Extremsport? Leiden Sie unter Panikattacken, Verlustängsten und Schuldgefühlen? Sind Sie hochsensibel? Und viele weitere Testfragen zu körperlichen, psychischen und sozialen Aspekten des Gefühlslebens.

War da ein Zwillingsembryo?

Postwendend wird daraus geschlossen: Wenn Sie einen Teil der Fragen mit Ja beantworten, könnte dies darauf hinweisen, dass Sie selber ein verlassener Zwilling sind. Oder präziser: Mit hoher Wahrscheinlichkeit waren Sie im Mutterleib ursprünglich zu zweit und Ihr früher Zwillingsbruder oder Ihre Zwillingsschwester verstarb womöglich in einer sehr frühen Phase der Schwangerschaft.

Diese Schlussfolgerung irritiert. Denn die abgefragten Symptome können auf eine Vielzahl von psychischen Problemen oder Erkrankungen hinweisen. Zudem fühlt sich selbst der normale und gesunde Mensch ab und zu einsam und betrübt, arbeitet zu viel oder hat Schlafprobleme.

Für die Apologeten der «Verlorener Zwillinge»-Theorie aber münden all diese Symptome in derselben einschlägigen Diagnose. Testimonials der angeblichen Verlust-Erfahrung und deren Interpretation klingen auf einschlägigen Websites dann etwa so: «Ich bin ein verlassener Zwilling, denn ich habe die Zwillingsenergie gespürt: 49 Tage war ich gemeinsam mit meiner Zwillingsschwester im Bauch meiner Mutter. Ich spürte ihren Herzschlag. Am 50. Tag wars still. Das ist der Grund für meine Verlustängste, die Traurigkeit, der Zweifel an meiner Daseinsberechtigung», schreibt eine erwachsene Frau.

Fachmann hält dagegen

Für den überlebenden Embryo, der während der Schwangerschaft das Zwillingsgeschwister verloren hat, wird also ein Trauma diagnostiziert. Kann das sein?

«Nein», sagt André Kidszun kurz und bündig und lehnt sich zurück im Bürostuhl: «Es ist unwissenschaftlich, zu behaupten, dass Embryonen sich im Mutterleib spüren oder gar beeinflussen.» Es gibt keine Studie dazu, die diese Behauptung belegt – und es ist auch abwegig, die Gefühle von wenigen Wochen alten Zellhäufchen erforschen zu wollen.

Wesentlich sei, was nach der Geburt geschehe. «Einem Kind unbewiesen zu suggerieren, einen früh verstorbenen Zwilling gehabt zu haben, ist höchst manipulativ und hat mit Wissenschaft nichts zu tun», sagt André Kidszun. Zwar könne man sich irgendwie vorstellen, dass sich Zwillinge in der 25. Woche wahrnehmen. «Ein die Psyche beeinflussendes Bonding gehen sie aber selbst in der späten Schwangerschaft noch nicht ein», sagt der Facharzt. Denn man wisse, dass die Kinder im Mutterleib auf eine gewisse Art sediert sind, also in der Fruchtblase wie unter einer leichten Narkose heranwachsen.

Embryonen spüren und beeinflussen sich nicht im Mutterleib.

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Trauern Eltern über Jahre über den pränatalen Verlust eines Zwillings, färbt das auf das überlebende Kind ab.

Starkes Bonding

Ebenfalls wissenschaftlich untersucht und bewiesen ist, dass Zwillinge ab Geburt eine enge Beziehung miteinander aufbauen, sofern sie nahe zusammen aufwachsen. Verstirbt einer der beiden nach ein paar Monaten kann das tatsächlich traumatisch sein. Grundsätzlich gilt: «Je stärker das Bonding – egal ob zwischen Zwillingen oder Kindern unterschiedlichen Alters – desto dramatischer ist ein Verlust», sagt André Kidszun.

Mitunter werden bei Kindern oder Erwachsenen in oder an inneren Organen gutartige Tumoren entdeckt, die sich als Zähne, Haare oder gar kleine Knochen entpuppen. Von medizinischer Seite ist die Rede von embryonalem Gewebe. Dieses Gewebe ist keineswegs ein Überbleibsel eines verstorbenen Zwillings, wie dies von den Vertreter* innen der verlorenen Zwillinge-Theorie behauptet wird. Es handelt sich um ganz normale Stammzellen aus dem eigenen Körpergewebe der Betroffenen. Da Stammzellen pluripotent sind, können sie alle möglichen Formen von Gewebe produzieren. Auch Haare und Zähne.

Welche Auswirkungen der bewusst wahrgenommene Tod eines Zwillings im Mutterleib auf die Psyche des überlebenden Zwillings hat, wird vor allem durch die Eltern beeinflusst. Trauern diese über Jahre hinweg und sprechen immer und immer wieder über den Verlust, besteht die Gefahr, dass das überlebende Kind eine schwere Bürde tragen muss. Denn auf diese Weise kann der Boden für immense Schuldgefühle gelegt werden.

Selbst beim tragischen Fall von Cristiano Ronaldo und seiner Frau Georgina Rodriguez wird also vor allem das Narrativ der Eltern den grössten Einfluss auf die psychische Gesundheit ihrer Tochter haben. Gelingt es ihnen, ihre Trauer gut zu verarbeiten und ihr Mädchen empathisch und mit viel Zuversicht aufzuziehen, wird es sein Leben voraussichtlich ohne Verlustängste und Panikattacken leben können.

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