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Psychomotorik

Das macht mich stark

Kind klettert Wand hoch

Wird einem Kind Psychomotorik empfohlen, schrecken die Eltern auf. Dabei ist diese Therapie alles andere als «Psycho». Luca jedenfalls gefällts.

«Achtung, fertig, los!», ruft Luca aus der bunt gestreiften Hängematte. Mit Schwung saust er nach oben. «Höher, noch höher! Ich will bis zur Decke fliegen!», lacht der Sechsjährige. Luca aber schaukelt nicht etwa auf einem Spielplatz, sondern in seiner Psychomotorikstunde bei Christina Buri in Zug. Die Hängematte hängt mitten in einem hellen Raum, es riecht nach Sport und Spass: Bälle, Balancierbretter, Seile und Matten in allen Grössen stapeln sich, auf einer Seite hängen Sprossen- und Kletterwand, von der Decke baumeln Tücher und Schaukeln. Christina Buri stoppt die Hängematte sanft und bittet Luca, auszusteigen. Das Schaukeln hat ihn aus dem Gleichgewicht gebracht, er torkelt, wirft sich auf eine dicke Matte und bleibt schnaufend liegen.
Seinen eigenen Körper wahrzunehmen ist für Luca ganz schön schwierig. Seit fünf Monaten besucht er deshalb einmal pro Woche eine Psychomotorikstunde. Hier kann er in geschütztem Rahmen seine Bewegungs- und Wahrnehmungsfähigkeiten ausbauen und positive Erfahrungen sammeln. Zudem lernt er, seine eigenen Grenzen zu spüren. Denn Körpergefühl und Psyche sind eng miteinander verzahnt. Kinder, die in ihrer Entwicklung eingeschränkt sind, erleben oft Misserfolge. Das setzt sie unter Druck, macht sie unsicher. Als Luca zum ersten Mal zu Christina Buri kam, hatte er Mühe mit Klettern und Balancieren. Aktivitäten wich er aus – und plötzlich begann er, sich in Stresssituationen in die Hand zu beissen. «Das ist die Art, wie sich Luca selbst wahrnimmt», sagt die Therapeutin. «Wenn Luca sich besser spüren kann, wird er den körperlichen Reiz des Beissens nicht mehr brauchen.»

Klingt nach Krankheit

Zunächst fühlten sich Lucas Eltern überrumpelt: «Wir sind richtig erschrocken, als uns die Kindergärtnerin mitteilte, dass Luca zur Psychomotorik soll», erzählt seine Mutter. So wie ihr geht es vielen Eltern. Das Wort «Psycho» schreckt erst einmal ab. Auch Therapie klingt sehr nach Krankheit. Mittlerweile aber ist Lucas Mutter begeistert. Sie sieht, dass ihr Sohn deutlich schneller und sicherer klettern kann. Auch Luca ist glücklich. Manchmal kann er kaum bis zur nächsten Stunde warten. «Es ist so cool. Wir spielen, klettern, bauen. Decke hoch!» Dann fühlt sich Luca stark wie Superman.
Jetzt aber gehts weiter mit einer Wahrnehmungsübung. Luca rutscht unruhig auf der Holzbank vor dem grossen Spiegel hin und her, er soll sich im Spiegel ansehen. «Schau dir deine Augen ganz genau an, das Schwarze deiner Pupillen. Wenn du ganz lange schaust, kannst du erkennen, wie es dir heute geht.» Luca guckt kurz in seine Augen. Im nächsten Moment aber schweift sein Blick auf seine Zahnlücken. «Du hast ja schon viele neue Zähne. Versuch nun aber wieder, deine Augen anzusehen», holt ihn Christina Buri zurück. Luca legt den Kopf schief, schnalzt mit der Zunge und sieht seinem Spiegelbild in die hellen Augen.

Eltern sollten ihrem Kind etwas zutrauen und es zum Ausprobieren ermuntern.

Mit den Zehen rubbeln

Medienkonsum, vollgestopfte Terminkalender, zu wenig Spiel- und Bewegungsräume führen dazu, dass die Kinder träger werden. Dabei wäre Bewegung so zentral, sagt Christina Buri. Egal, ob draussen in der Natur, auf einem Spiel- oder Sportplatz, im Schwimmbad oder in den eigenen vier Wänden – Eltern sollten ihrem Kind etwas zutrauen und es zum Ausprobieren ermuntern.
Luca sitzt mittlerweile auf einem roten Würfel, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Er soll mit seinen Füssen ertasten, ob sich die vor ihm liegenden Säckchen rau oder fein anfühlen. Angestrengt rubbelt er mit den blossen Zehen über den Stoff, runzelt die Stirn. Es ist gar nicht so einfach, mit den Füssen zu fühlen. Doch dann klappts und er darf die Säckchen wegräumen. Geschickt krallt er seine Zehen um einen Sack und trägt ihn zur Kiste.
Zum Schluss jeder Stunde darf Luca frei spielen. «Jedes Kind hat seine eigenen Spiele – oft Rollen- oder Konstruktionsspiele, die sich über Wochen weiterentwickeln», erklärt Christina Buri. Das Kind spiegelt sich im Selbstgebauten und in seinen real werdenden Ideen und wächst innerlich daran. Luca bestimmt die Geschichte – die Therapeutin hilft nur ausnahmsweise. Geschickt integriert sie Bewegungsabläufe und Sinnesreize in Lucas Spielideen und fördert damit spielerisch Wahrnehmung und Motorik.
Luca baut an seinem Traumhaus. Auf vier farbigen Matten stapelt er Bauelemente aus Kunststoff, klettert immer wieder aus seinem Haus und holt weitere Würfel. Christina Buri lässt ihn die schweren Teile schieben, damit wird seine Rumpfmuskulatur gestärkt. Luca überlegt und baut so lange, bis er plötzlich fröhlich in die Hände klatscht. «Mein Haus ist fertig!» Christina Buri regt ihn an, Kissen und Decken zu holen, damit er es im Haus gemütlich hat. Luca saust los und kommt statt mit Kissen mit einem Malerroller zurück. Vorsichtig rollt er über die Aussenwände und summt dabei. «Mit welcher Farbe malst du?», fragt Buri ihn. «Mit allen Farben», lacht Luca.


Die wichtigsten Fördertherapien

Psychomotorik
Für Kinder mit grob-, fein- oder grafomotorischen Schwierigkeiten. Anzeichen: Das Kind verhält sich langsam oder ungeschickt, wirkt unglücklich, unkonzentriert oder unruhig. Meist meldet die Lehrperson das Kind mit Zustimmung der Eltern bei einer Therapeutin an. Vor der psychomotorischen Abklärung muss das Kind von einem Kinderarzt untersucht werden. In der Therapie werden die Bewegungserfahrungen erweitert und die Bewegungsqualitäten verbessert. Das stärkt und verhilft zu besserem Selbstvertrauen. Die Kostenübernahme ist kantonal geregelt.

Ergotherapie
Für Kleinkinder bis hin zu Jugendlichen, die Entwicklungsverzögerungen aufweisen oder durch körperliche und/oder geistige Beeinträchtigungen im Lern- und Entwicklungsprozess eingeschränkt sind. Kinder, die auf Mitmenschen und die Umwelt übermässig ängstlich, passiv oder sehr reizbar reagieren. Ergotherapie ist eine medizinisch-therapeutische Massnahme und erfolgt auf ärztliche Verordnung. Die Kosten werden von der Krankenkasse, Unfallversicherung oder IV übernommen.

Logopädie
Sprachtherapie für Kleinkinder bis ins Jugendalter. Sprachstörungen (Sprachverständnisschwierigkeiten, Schwierigkeiten mit der Grammatik der gesprochenen Sprache oder Probleme mit dem Wortschatz), und bei Sprechstörungen (z. B. Mühe beim Aussprechen von einzelnen Lauten oder stottern). Wird auch eingesetzt bei Lese- und Rechtschreibstörungen, Stimmstörungen (z. B. lang andauernde Heiserkeit) oder Schluckstörungen. Die Kostenübernahme ist kantonal geregelt.

Lerntherapie
Die Lerntherapie arbeitet mit Kindern und Jugendlichen an den Ursachen eines Lernproblems. Sie unterstützt und fördert die Lernenden darin, die Gründe für ihre Lernschwierigkeiten oder Lernkrisen selber zu erkennen. Ziel ist es, ein positives Selbstwert gefühl aufzubauen und die Persönlichkeitsentwicklung zu fördern. Die Kosten müssen selber übernommen werden.

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