Menü

Die fünf Sinne – Der Sehsinn

Das Fenster zur Welt

sehen_fuenf_sinne.jpg

Augen und Sehsinn sind bei der Geburt am wenigsten ausgereift. Das Sehvermögen entwickelt sich in den ersten Lebensmonaten jedoch rasant.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr – so limitierend und falsch das Sprichwort in fast allen Bereichen sein mag, umso treffender ist es beim Sehen. «Lernen die Augen in den ersten Lebensjahren nicht richtig und vollständig sehen, sind diese Fähigkeiten für den Rest des Lebens eingeschränkt», sagt Mathias Abegg, Leitender Arzt der Orthoptischen Abteilung des Inselspitals Bern. Deshalb ist es von zentraler Bedeutung, Sehstörungen frühzeitig zu erkennen.

Kommt das Kind auf die Welt, sind seine Augen noch nicht voll funktionsfähig. Kein Wunder, beschränkt sich doch die visuelle Wahrnehmung im Mutterleib auf Hell- und Dunkelerfahrungen. Zwar sind die Augenlider bereits im zweiten Schwangerschaftsmonat zu erkennen und auch die Augen bald schon entwickelt, diese bleiben jedoch bis ungefähr zum siebten Monat fest geschlossen. Erst dann öffnet der Fötus die Augen und beginnt, hell und dunkel voneinander zu unterscheiden. Fällt Licht durch die Bauchdecke, nimmt er dieses als rosa oder violette Tönung wahr. Untersuchungen haben gezeigt, dass das Ungeborene mit beschleunigtem Herzschlag und Pupillenverengung auf solche Hell-Dunkel-Veränderungen reagiert, zum Beispiel wenn ein starker Lichtstrahl auf den Bauch der Mutter und direkt auf den Kopf des Kindes gerichtet ist. «Dies ist jedoch ein archaischer Reflex des Stammhirns und sagt nichts aus über das Sehen, wie wir es verstehen», relativiert Augenspezialist Abegg. «Sehen ist eine komplexe Leistung des ganzen Gehirns, an welcher unzählige Nervenzellen und -fasern beteiligt sind.»

Wie leistungsfähig die Augen von Neugeborenen zum Zeitpunkt der Geburt sind, ist unklar. Lange Zeit glaubte man, dass sie ihre Umgebung bloss schemenhaft wahrnehmen. Neuere Forschungen deuten jedoch darauf hin, dass Säuglinge schon in den ersten Lebenstagen in einem Bereich von 15 bis 30 Zentimeter Entfernung scharf sehen, was etwa der Distanz zwischen dem Gesicht der Mutter und deren Brust entspricht. Wird es im Arm gehalten, nimmt das Baby schon wenige Stunden nach der Geburt Augenkontakt mit Mama oder Papa auf.

Sehen lernen in acht Monaten

In den folgenden Tagen und Wochen zeigt das Kind vor allem Interesse an Gesichtern. Lange konzentrieren kann es sich zwar noch nicht, doch mustert es die Mama oder den Papa immer wieder ausführlich. Besonders angetan ist es von Mund, Augen und Mimik, aber auch die kontrastreichen Übergänge von Gesicht und Hintergrund betrachtet es eingehend. In seinem Blick liegt dabei eine vorurteilsfreie Ernsthaftigkeit, die nur so jungen Lebewesen eigen ist und Erwachsene immer wieder aufs Neue fasziniert. Im zweiten und dritten Monat lernt es, starke Farben zu erkennen und es übt die Bildfokussierung, die sogenannte Akkommodation. Im vierten Monat entwickelt sich die Wahrnehmung der Raumtiefe; das Baby fängt an, nach Omas Haaren zu greifen und versucht, das Spielzeug zu fassen, das ihm der ältere Bruder hinstreckt. Zwischen dem fünften und siebten Monat werden auch Bewegungen in weiterer Entfernung spannend, zudem kann es jetzt feine Farbnuancen wahrnehmen und Pastellfarben erkennen. Mit ungefähr acht Monaten ist es soweit: Sehschärfe und Tiefenwahrnehmung sind so gut wie beim Erwachsenen.

«Extra-Förderung ist nicht nötig», sagt Augenexpertin Eveline Gentile, Leitende Orthoptistin der Orthoptischen Abteilung des Inselspitals Bern, «ein Mobile über dem Wickeltisch und ein normalbunter Alltag genügen.» Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass keine Störungen auftreten. Da Kleinkinder selbst nicht merken, wenn sie schlecht sehen, sind sie darauf angewiesen, dass Kinderarzt und Eltern eine Sehstörung durch genaues Beobachten frühzeitig erkennen können. Bereits kurz nach der Geburt untersucht der Kinderarzt deshalb die Augen des Neugeborenen, um die freie Durchsichtigkeit von Hornhaut, Linse und Glaskörper sicherzustellen. Grauer Star und grüner Star etwa sind Krankheiten, die sehr selten sind, jedoch bereits von Geburt an auftreten können. Um dauerhafte und schwere Sehbehinderungen zu vermeiden, müssen sie möglichst sofort behandelt werden, am besten in den ersten Lebenswochen.

Normal ist, dass Säuglinge in den ersten Wochen manchmal leicht schielen. Dies verliert sich in der Regel bis zum fünften oder sechsten Monat. «Ist das nicht der Fall, ist mit halbjährig ein Besuch beim Augenarzt und der Orthoptistin angesagt. Früher zum Arzt muss das Kind, wenn es sehr stark schielt oder übers Kreuz schaut», sagt Eveline Gentile. Operiert wird das Schielen in der Regel vor der Einschulung, in speziellen Fällen auch früher.

Schielen: frühe Therapie

Das Hauptproblem beim sogenannten Strabismus ist, dass das Hirn das schielende Auge unterdrückt, um Doppelbilder zu vermeiden und es so nicht richtig zu sehen lernt. Eine solche Schwachsichtigkeit, auch Amblyopie genannt, kann später mit einer Sehhilfe nicht korrigiert werden. Damit dies nicht passiert und das schwache Auge trotzdem das Sehen trainiert, wird das starke Auge abgedeckt. «Je früher die Therapie beginnt, desto kürzer und erfolgversprechender ist sie.» Beim sechs Monate alten Säugling genügt es, das Auge täglich eine Stunde abzudecken, bei einem Vierjährigen sind bereits sechs bis acht Stunden täglich nötig. So spät wird allerdings nur therapiert, wenn das Schielen bis dahin so unauffällig war, dass es von blossem Auge nicht erkannt wurde. Dieses sogenannte Mikroschielen betrifft etwa ein Prozent aller Kinder.

Nicht beeinflusst werden kann, dass das Kind dennoch fehlsichtig wird, also eine Kurzsichtigkeit, Weitsichtigkeit oder Hornhautverkrümmung entwickelt. Dies kann ab Geburt gemessen werden. Starke Fehlsichtigkeit kann ebenfalls eine ausgeprägte Amblyopie verursachen, da das Auge dem Gehirn kein scharfes Bild übermitteln kann und das Sehen ebenfalls nicht gelernt wird. Um dies zu verhindern, ist es wichtig, eine Brille oder in Spezialfällen Kontaktlinsen zu tragen.

Kurzsichtig werden viele Kinder erst während der Schulzeit, besonders häufig vor oder während der Pubertät. Laut der Fachzeitschrift «The Lancet» nimmt diese Sehschwäche zu, in den USA stieg sie zwischen 1972 und 2004 von 25 auf 40 Prozent. In vielen Ländern Asiens sollen bereits bis zu 90 Prozent der Schüler und Studenten nicht mehr fähig sein, in die Ferne scharf zu sehen. Es wird vermutet, dass neben der Vererbung kurze Abstände beim Sehen, wie dies etwa beim Lesen oder Spielen am Smartphone oder dem portablen Spielcomputer der Fall ist, mitschuldig sind. Schlecht ist zudem laut Forschungen, wenn Kinder wenig Zeit im Freien verbringen.

Neben dem Handicap, fortan auf eine Sehhilfe angewiesen zu sein, hat die Fehlsichtigkeit noch einen weiteren Nachteil: Sie strapaziert das Budget. Anders als bei den Hörgeräten beteiligt sich die Grundversicherung der Krankenkassen pro Jahr nämlich gerade mal mit 180 Franken an den Kosten für Brille oder Kontaktlinsen und das nur bis zum 18. Lebensjahr. «Das ist unfair», findet auch Augenarzt Abegg, «schliesslich ist schlechtes Sehen genauso wenig selbst verschuldet wie schlechtes Hören.»


Fehlsichtigkeit erkennen

  • Eine erste, grobe Augenkontrolle findet in den Geburtskliniken vor dem Austritt statt.
  • Kommen deutliche Fehlsichtigkeiten oder Schielen in der Familie vor, empfiehlt sich eine weitergehende Untersuchung beim Augenarzt/der Orthoptistin zwischen sechs und zwölf Monaten, ebenfalls bei Frühgeborenen und Kindern mit Entwicklungsrückständen.
  • Eine frühe Abklärung empfiehlt sich ebenfalls, wenn das Kind schielt, die Augen zittern, ein oder beide Augenlider herunterhängen, ein oder beide Augen oft gerötet sind, starke Blendeempfindlichkeit auffällt, das Kind sich ständig in den Augen reibt, die Pupille grau statt schwarz erscheint, ein oder beide Augen sehr gross sind, wenn sich die Augen nicht normal bewegen, wenn der Kopf ständig schief gehalten wird, wenn das Kind immer wieder ein Auge zukneift.
  • Manche Kinderärzte machen ein Screening der Augen bereits bei der Routineuntersuchung mit 2 bis 3 Jahren und schicken auffällige Kinder zum Augenarzt.
  • Vorgeschrieben sind die Sehschärfen- und die Stereopsis-Prüfung (3-D-Sehen) bei der Vierjahres-Vorsorgeuntersuchung.
  • Sind Eltern beunruhigt oder unsicher, ob ihr Kind gut sieht, kann dies jederzeit beim Augenarzt/der Orthoptistin geklärt werden.

Zeichen für Fehlsichtigkeit im Schulalter

  • Das Kind verliert beim Lesen oft den Faden oder überspringt Worte.
  • Es schreibt über oder unter der Linie.
  • Beim Lesen oder Schreiben schliesst es öfters die Augen.
  • Es nimmt Bücher oder Gegenstände sehr nah vor die Augen.
  • Das Kind klagt über Kopfschmerzen.

Blau- oder Braunäugig?

Bei der Geburt steht noch nicht fest, welche Augenfarbe das Kind bekommt. Hellblaue Augen bleiben meist blau. Dunkelblaue oder graue Augen können auch noch braun werden. Dunkelhäutige Kinder aus südlichen Ländern haben meist bereits bei der Geburt braune Augen. Die Augenfarbe wird durch die anatomische Struktur der Regenbogenhaut und deren Gehalt an Melatonin bestimmt. Die Produktion von Melanin kommt erst im Laufe des ersten Lebensjahres richtig in Gang. Daher zeigt sich die wahre Augenfarbe erst nach ein paar Monaten.

Auch lesenswert