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Ferien / Erinnerungen

Damals im Sommer...

Zwei Kinder spielen im Fluss

An die Ferienorte unserer Kindheit erinnern wir uns lebenslang. Was haben wir damals erlebt? Vier Redaktorinnen sind zurückgekehrt.

Oberengadin

Die Ferienziele meiner Kindheit waren bestimmt von Vaters Hobby, dem Windsurfen. Immer dahin, wo der Wind bläst, lautete das Motto. So sind wir frühlings auf die Kanaren geflogen, im Herbst gings an den Gardasee. Die Sommerferien aber verbrachten wir stets in der Schweiz: In Sils Maria im Oberengadin. Dort, zwischen dem lapislazuliblauen Silser- und Silvaplanersee, erlebte ich mit meinen Eltern und Brüdern wunderbare Tage an der frischen Höhenluft, die Nase im Maloja-Wind, die Füsse entweder in Wanderschuhen oder im glasklaren Wasser eines Bergbachs und des Silvaplanersees. Damals schon nicht sehr sportbegeistert, fand man mich weniger auf dem Brett auf dem See als an Land, in der Nähe der coolen Surferjungs mit ihren sonnengebleichten Haaren und neonfarbenen Wetsuits. Und dann waren da natürlich die Berge! Je mehr Teenie ich war, brauchte es für deren Besteigung zwar öfter mal die Überredungskünste meiner Eltern, aber sobald ich oben aus der Seilbahn trat, war meine Grummellaune im Nu verflogen. Auf unzähligen Wanderungen und Spaziergängen führte mich meine Mutter in die Geheimnisse der hochalpinen Fauna und Flora ein, wir picknickten Fladenbrote mit Bündnerfleisch zwischen Alpenrosen und Ameisenhügeln, lauschten den Murmelipfiffen und hielten nach Steinböcken Ausschau. Oder ich staute mit meinem kleinen Bruder Bergbäche, bis wir unsere eiskalten Füsse nicht mehr spürten. Was uns aber nicht davon abhielt, nach einer Rosskutschenfahrt vom Fex-oder Rosegtal zurück in die Zivilisation in die nächste Glatscharia zu stürzen und eine Glace zu schlecken.

Auch wenn mir die grosse weite Welt später spannender schien: Die Liebe zu diesem Tal ist bis heute geblieben. Egal zu welcher Jahreszeit: Wann immer ich im Engadin bin, nimmt mich sein Zauber gefangen. Die gelben Lärchenwälder im Herbst, der süsslich-herbe Duft der Sommerwiesen, der stechendblaue Himmel, der sich von den Schneespitzen abhebt. Irgendwie schmecken Luft und Licht anders hier oben. Und Erinnerungen kommen hoch!

Die Nase im Maloyawind, die Füsse in Wanderschuhen.

Lötschental

Gäbe es das Walliser Lötschental nicht, man müsste es erfinden. Eigens für Kinder. Denn wer dort als Kind Ferien macht, kann ein Leben lang Bilder auffächern, die einem das Gefühl geben: Die Welt ist bedrohlich, an Papas und Mamas Hand aber bin ich sicher.

Hochgetuckert sind wir Anfang der 70er-Jahre, vermutlich mit dem mausgrauen Käfer, den mein Vater von seinem Schwiegervater als Entsorgungsware geschenkt bekommen hatte. Ein stickiges, stinkiges Gefährt mit einem Kofferraum von der Grösse einer Kinderwanne. Ich sass mit Grossmutter auf dem klebrigen Rücksitz, händchenhaltend, mangels Sicherheitsgurten.

Das Lötschental bietet archaische Erfahrungen. Davon zeugt noch heute der im verbrannten Holz des Gasthaus Lonza eingekerbte Leitspruch: «Vor wütendem Wasser, vor loderndem Brand, wolle behüten die göttliche Hand!». Trotz himmlischem Schutz: Nachts wollte ich partout nicht allein mit Oma im Zimmer schlafen. So lieb sie war, der gebisslose Mund und das rüttelnde Geschnarche ängstigten mich mindestens so wie die «wütenden Wasser». Ich brüllte, bis meine Eltern sich erbarmten und ich im Nebenzimmer in ihr Bett kriechen durfte.

Tagsüber sah die Welt wieder heller aus. Walliser Ferien bedeuteten Picknicks auf einer Decke am Wiesenrand, Feuerchen machen, Cervelats bis zum richtigen Knusperbraun brutzeln – und Rivella trinken. Rivella diente als Lockvogelgetränk für Menschen mit kurzen Beinen. Denn bis zum Langgletscher zuhinterst im Tal zog sich der Wanderweg endlos lang dahin. Die ersten Schritte auf dem kalten Eis ritzten sich scharf und klar in meine Erinnerung. Mitten im Sommer über Schnee und rutschige Glätte zu balancieren und dabei Papa zuzuhören, liessen mich irgendwie ahnen, dass es Grösseres gab als kleine Mädchen in roten Röckchen. Er erzählte Geschichten von Gletscherspalten, die ihre Beute schlucken und frühestens nach einer Ewigkeit wieder freigeben. Von Wölfen und Bären war damals zum Glück noch keine Rede. Ich hätte mich wohl vollends geweigert zu wandern.

Das wahre Drama aber passierte eines Tages auf dem Rückweg ins Dorf. Da ich Klettern liebte, turnte ich bei jedem Zwischenhalt an den dunklen Walliser Stadeln herum und kraxelte auf die hölzernen Stelzen mit den Mäuseplatten. Der Sturz war harmlos. Doch beim Abrutschen drangen gefühlte tausend Holzsplitter in meine Hände. Einen Teil davon zog mein Vater mit einer Pinzette heraus, für zwei tiefer liegende Splitter jedoch musste ein Profi her: der Dorfarzt. Das alte, schiefzahnige Gesicht verschwamm für mich unweigerlich mit jenem der gruseligen Holzmasken, die einem in jedem Lötschentaler Weiler angrinsen. Der Doktor zog die Splitter, ich hielt tapfer hin. Als der Weissgekittelte aber eine Tetanusspritze hervorholte, sah ich in ihm nur noch eine Fratze mit zerzaustem Haar. Ich heulte auf, pfeilte aus der Arztpraxis und versteckte mich hinter einem Stapel Holz. Bis mich meine Mutter fand, tröstete und von der bösen Gestalt wegführte.

Abends, so erzählt man, sei ich so erschöpft gewesen, dass ich mich nicht einmal mehr dagegen wehrte, mit Oma im Zimmer zu schlafen.

Ein Arztgesicht verzieht sich zur Lötschentaler Larve.

Beatenberg

Es wäre etwas gar dick aufgetragen, wenn ich behaupten würde, dass ich mich an unsere Familienferien auf dem Beatenberg erinnern kann. Schliesslich ist das pausbäckige Windelkind im Familienalbum, dieses Vroneli, das ich war, auf den Fotos erst knapp eineinhalb Jahre alt.

Meine Eltern waren keine Weltenbummler. Als wir Kinder klein waren schon gar nicht. So lag unsere Ferienwohnung in Beatenberg weniger als 20 Kilometer Luftlinie von unserem Wohnort Steffisburg entfernt. Doch wozu in die Ferne schweifen, wenn einen Montezumas Rache auch im Berner Oberland erreichen kann? Kaum angekommen und ein paar Erdbeeren gegessen, überkam mich heftiger Durchfall, der auch beim Besuch der Grossmutter ein paar Tage später noch ausser Kontrolle war; die Flecken auf dem Jupe der Schwiegermutter, die ich hinterliess, prägten sich meiner Mutter jedenfalls stärker ins Gedächtnis ein, als es die Begegnung mit einer tropischen Giftspinne getan hätte.

Mutter und Vater wanderten schon damals gern, zum Leidwesen von uns Kindern auch Jahre später noch. Es muss sie also in die kühle Bergluft gezogen haben: Beatenberg liegt auf 1121 m. ü. M. Schade spielte das Wetter nicht richtig mit. Auf der Mehrheit der Fotos ist der Himmel grau. Aufs Niederhorn wagten wir uns trotzdem, mangels Wandertragen allerdings mit dem Sessellift, der mittlerweile eine Gondelbahn ist. Unvorstellbar mit den heutigen Sicherheitsstandards: Beide ein kleines Kind auf dem Schoss schwebten Mueti und Vati mit uns hinauf auf das 2000 Meter hohe Horn.

Es waren meine ersten und für längere Zeit letzten Ferien, die wir nicht zu Hause verbrachten. Noch im gleichen Jahr kauften meine Eltern in Steffisburg Land und bauten ein Haus. Ferienbudget blieb eine Weile lang keines mehr übrig. Schlimm war das nicht. Meer oder Flugzeug kannten damals die meisten Kinder bis weit ins Schulalter hinein nur von Bildern und aus Erzählungen.

Dafür bot sich uns der Blick auf den Niesen, diesen Berg wie eine Pyramide, von da an täglich.

Montezumas Rache gibts auch im Berner Oberland.

Freiheit, flirrende Hitze, Pront Ovo.

Neuenburgersee

Fein säuberlich sind die Fotos eingeklebt, ein kurzer, manchmal liebevoller Kommentar darunter. Meine Mutter hat dieses Fotoalbum für mich gemacht. Aber ausgerechnet unter diesem Bild steht bloss knapp: «Ferien am Neuenburgersee». Punkt. Wo genau wir am Neuenburgersee gezeltet hatten, (damals sagte noch kein Mensch campen), hab ich keine Ahnung. Meine Eltern leben nicht mehr, sie kann ich nicht fragen. Und meine Geschwister wissen so viel wie ich: Wir waren mal in Cudrefin, mal in Yverdonles- Bains, mal in Estavayer-le-Lac. Aber eigentlich ists auch nicht so wichtig. Denn egal wo wir am Neuenburgersee waren, die Sommerferien dort waren für uns Kinder top. Wir waren eine Zelterfamilie wie aus dem Lehrbuch, der Alpenkreuzer, den sich unsere Eltern mal angeschafft hatten, war für diese Zeit schon ziemlich hip.

Wir tuckerten also, vier Kinder auf der Rückbank des knallroten Volvo Amazone zusammengequetscht und den Alpenkreuzer im Schlepptau, mal nach Italien, nach Österreich oder an die Seen in der Schweiz, eben zum Beispiel an den Neuenburgersee. Und noch während unsere Eltern das Zelt aufstellten, planschten wir Kinder im See. Und noch bevor es Abend war und das Hühnchen auf dem Grill braun gebrutzelt, hatten wir Kinderbekanntschaften geschlossen. Dass viele Kinder französisch sprachen, war weder befremdlich noch störend, sondern spannend. Und bei den Fights am Töggelikasten und Pingpongtisch, an denen wir gratis und so lange wir wollten spielen konnten, spielte nicht die Sprache eine Rolle, sondern wer gewann. Klar. Und das war oft ich, jedenfalls so hab ichs in Erinnerung, auch wenn mein Bruder heute anderes behauptet. Mit dem Gummiboot spielten wir auf dem See Kenterlis, brachten mit Schunkeln und Schwanken das Boot zum Kippen und waren die gefürchtetsten Piraten aller Meere.

Wir, das heisst mein Bruder und ich, waren zwei Wochen lang vogelfrei, gingen nach dem Frühstück los und mussten lediglich zu den jeweiligen Essenszeiten wieder beim Zelt sein. Unsere Eltern schlossen wie wir schnell Bekanntschaften, waren mal bei den einen oder anderen Zeltnachbarn, jassten, tranken, lachten. Laut und lustig waren sie immer, unsere Ferien. Und äusserst lehrreich, für meinen Bruder und mich. Denn unsere Schwestern, beide sechs und sieben Jahre älter, tobten natürlich nicht mehr mit uns rum, sondern machten sich an Jungs ran, sassen mit braungebrannten Kerlen vor deren Zelten, spielten Gitarre, rauchten, tranken und schmusten. Und wir verschanzten uns hinter den Büschen und kicherten und spionierten. Und manchmal durften wir uns auch zu den Teenies dazu setzen, wenn wir nicht allzu doof taten, das war dann natürlich ganz grosses Kino.

Sommerferien am Neuenburgersee, das war Freiheit, Abenteuer, Pront Ovo statt Kakao, weil man das mit Wasser anrühren konnte, Sonnenbrand, Eisschlecken, Mama am Campingkocher und Papa mit Bier in der Hand am Grill, Nichtstun, flirrende Hitze, Familienzeit. Erinnerungen, spürbar, unauslöschlich, warm. Schön.

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