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Essverweigerer

Brei? Nein, danke!

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Nicht jedes Baby isst ab dem 6. Monat Brei, so wie es Kinderärzte empfehlen. Eine Herausforderung für die Eltern.

Kein Babyratgeber, der nicht viele Seiten füllend über Zufütterung, Breimahlzeiten und Essensgewöhnung schreibt. Allgemein empfohlen wird, dem Baby mit sechs Monaten erstmals eines oder mehrere Löffelchen Gemüsebrei anzubieten und ihm danach Schritt für Schritt Früchte-, Getreide- und Fleischbrei schmackhaft zu machen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Bloss: Was tun, wenn das Kleine den liebevoll aus besten Biozutaten pürierten Brei verweigert? Schnöde den Kopf abwendet und die Lippen zusammenklemmt?

10 bis 20 Prozent der Kinder, so schätzen Fachleute, halten sich nicht an die Empfehlung, mit sechs, sieben Monaten Brei zu essen. Manche auch nicht mit acht oder neun Monaten. Obwohl die einschlägige Fachliteratur betont, dass nicht jedes Kind zum exakt gleichen Zeitpunkt parat ist für Beikost, wird trotzdem überall darauf hingewiesen, dass der Bedarf an Energie und Nährstoffen ab sechs Lebensmonaten bald nicht mehr ausschliesslich über Milch gedeckt werden kann.

«Der Kalorienbedarf steigt nun kontinuierlich an und auch die Eisenversorgung muss im Auge behalten werden», sagt auch Kinderärztin Jacqueline Schneiter. Hören die Eltern von besorgten Müttern oder Schwiegermüttern nun noch Kommentare wie: «Der MUSS doch essen, die Milch reicht ihm jetzt sicher nicht mehr!», nimmt die Verunsicherung zu. Doch nur wenige Spätesser beginnen an so genannten Gedeihstörungen, also an ungenügender Gewichtszunahme, zu leiden. «Wächst das Kind gut und wirkt es munter, müssen sich die Eltern keine Sorgen machen», sagt Kinderärztin Schneiter.

Druck ausüben lohnt sich nicht

Auch die Ernährungswissenschaftlerin Marianne Botta Diener, selbst Mutter von acht Kindern, entwarnt: «Wird ein Kind gestillt, wird es kaum Mangelerscheinungen erleiden. Eisen hat es in der Muttermilch zwar nicht viel, es kann aber optimal aufgenommen werden.» Auch bei Schoppenkindern lohne es sich nicht, Druck auszuüben, besser sei, sich mit dem Kinderarzt oder der Mütterberaterin abzusprechen und das Kind gewähren zu lassen.

Botta Diener hat Erfahrung mit Spätessern und Breiverweigerern: Vier von ihren acht Kindern haben spät mit Beikost begonnen oder die Breiphase ganz ausgelassen. «Manche Kinder sind weniger gwundrig auf Essen und stopfen nicht sofort alles in sich hinein; häufig sind sie auch vom Temperament her eher vorsichtig und keine Springinsfeld», hat Botta Diener gelernt. «Andere mögen einfach keinen Brei und essen dafür schon mit acht Monaten vom Erwachsenentisch, etwa gekochtes Gemüse oder Kartoffelstücke. Wenn man das Essen nur sehr schwach salzt und zuckert, würde ich sie gewähren lassen.»

Besonders für die stillende Mutter ist es kräftezehrend, wenn ein Kind den Brei so lange verschmäht. Wirklich satt werden die Kleinen nämlich nicht von den paar Häppchen, an denen sie zwar meist mit viel Neugier, aber auch mit unübertrefflicher Ausdauer mümmeln. «Maurizio, mein Sohn, hat pro Mahlzeit vielleicht zwei bis drei Löffel Nahrung zu sich genommen», erinnert sich eine Mutter. Danach und besonders nachts wurde er gestillt.

«Ich war ziemlich am Limit.» Schlimmer allerdings war für sie der Druck von aussen, dass das Kind einer guten Mutter Brei essen müsse. «Das hat mich wirklich gestresst. Ich wusste immer: Ein gesundes Kind verhungert in unseren Breitengraden nicht und Maurizio war zwar immer zierlich, aber nie mager oder kränklich. Auch heute noch isst er nichts mit breiiger Konsistenz.» Und schliesslich, etwa mit einem Jahr, hat auch Maurizio genügend grosse Portionen Brei zu sich genommen, dass einzelne Stillmahlzeiten ausfallen konnten.

TIPPS

  • Halten Sie das Kind im Arm, wenn Sie mit Zufüttern beginnen, so bekommt es die gleiche Nähe und Zuwendung wie beim Stillen oder Schöppeln.
  • Nicht jedes Kind gewöhnt sich gleich schnell oder früh an den Löffel und ans Schlucken; probieren Sie es in einigen Tagen oder Wochen wieder.
  • Muttermilch ist süss und das Baby daran gewöhnt; versuchen Sie es mit süssem Früchtebrei.
  • Was haben Sie in den letzten Schwangerschaftsmonaten oder während der Stillzeit selbst gerne und häufig gegessen – Karottensaft? Pfirsiche? Möglich, dass das Kind Nahrungsmittel mit ähnlicher Geschmacksrichtung bevorzugt.
  • Setzen Sie das Kind an den Familientisch, wenn Sie essen, bald will es seine Vorbilder nachahmen.
  • Manche Kinder lassen die Breiphase aus und bevorzugen stattdessen Fingerfood; lassen Sie Ihr Kind gewähren. Geeignet sind kleingeschnittenes und weich gekochtes Gemüse, Teigwaren, Brot und sogar Fleischstückchen.
  • Hat das Kind Schwierigkeiten zu schlucken oder sabbert es viel, hat es vielleicht sehr grosse Mandeln. Eine ärztliche Abklärung verschafft Klarheit.
  • Manche Kinder haben schlechte Erfahrungen mit dem Löffel gemacht, weil ihnen darin Medizin verabreicht worden ist; geben Sie deshalb Medikamente besser in einer kleinen Spritze
  • Gestillte Kinder essen bei der Mutter oft schlechter als bei anderen Betreuungspersonen, weil die Mama nach Milch riecht.
  • Respektieren Sie, wenn das Kind nicht mehr Essen will, nur so entwickelt es sein persönliches Sättigungsgefühl.

Und vor allem: Üben Sie weder Druck noch Zwang aus. Essen soll lustvoll sein und Freude bereiten

Buchtipp

Gaby Eugster: Babyernährung gesund und richtig, Urban & Fischer, Fr. 28.00

Behandlung von Esstörungen im Babyalter

Laut Fachleuten gibt es immer mehr Babys und Kinder mit gravierenden Ess- oder Fütterungsstörungen; diese Kinder nehmen zu wenig oder nur sehr ausgewählte Nahrung zu sich, sodass sie im Extremfall über eine Magensonde ernährt werden müssen. Ursache ist häufig eine intensivmedizinische Vorgeschichte, aber auch eine unsichere Bindung. Das Zürcher Kinderspital bietet für die kleinen Patienten und ihre Eltern seit einigen Monaten eine wöchentliche Gruppentherapie an, das Playpicknick. Hier können die Kinder selbstständig ohne Druck essen, wie und was ihnen gefällt: Apfelmus, Kinderschoggi, Salzstengeli usw.

www.kispi.uzh.ch

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