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Wie, du bist nicht verreist?!

Wäscheklammern vor einem Haus

Früher war der «Mein schönstes Ferienerlebnis»-Aufsatz ätzend, heute haben Kinder schon verloren, wenn sie ihren Freunden gestehen, dass sie nicht verreist sind. Eine Abrechnung mit dem Reisewahnsinn.

Der Individualisierungswahnsinn ist ein Phänomen, das mich schon längere Zeit ausgesprochen nervt. Alle müssen scheinbar die gleichen total ausgefallenen Dinge machen, um ihrer Umwelt und sich selbst zu beweisen wie unglaublich einzigartig ihr Leben ist. Das Absurde daran ist jedoch, dass diese Dinge überhaupt nicht individuell sind, sondern ganz im Gegenteil nur ein banaler Trend, der den Menschen von der Individualisierungsindustrie als der neue heisse Scheiss verkauft wird. Man ist aber nichts Besonderes, wenn man in den Nullerjahren Sushi «für sich» entdeckt und bei diversen Marathonläufen (zu denen sich Jahr für Jahr mehr Menschen anmelden) zu sich selbst gefunden hat. Und dass man sich zu den inzwischen immer zahlreicheren Leuten zählt, die sich mit einem Hubschrauber bis kurz unter den Gipfel des Mount Everest fliegen zu lassen, um anschliessend sein ganzes Gepäck von Einheimischen tragen und seinen Müll vor Ort liegen zu lassen, macht einen nicht zu einem tiefsinnigen Bergbezwinger, den seine Passion an die menschlichen Belastungsgrenzen geführt hat. Auch und schon gar nicht, wenn man anschliessend ein bräsiges Buch darüber verfasst, wie umfassend man erleuchtet wurde, während man an einem Seil Schlange stand und warten musste, bis die anderen Jecken vor einem endlich oben waren. Versteht mich nicht falsch: Man kann diese und andere Sachen gerne machen, das bleibt ja letztendlich jedem und jeder selbst überlassen. Dieses enervierende Hape Kerkeling Buch lesen und sich anschliessend auf Pilgerfahrt begeben zum Beispiel. Oder irgendeine der Sachen tun, die Julia Roberts in dem Film «Eat, Pray, Love» macht. Entschleunigung, Spiritualitätshokuspokus, Essen total sinnlich mit den Fingern erfahren. Yoga Retreat auch.

Wer dabei aber tatsächlich glaubt, er sei einer der wenigen, der jetzt Achtsamkeitsseminare besucht, weil er sogar seine Freizeit optimal nutzen muss, der leidet unter massivem Realitätsverlust. Denn damit ist man nicht einer von wenigen sondern Teil der Masse. Eben jener Masse die meint, sich dadurch definieren zu müssen, in ihrer ach so kreativen Bedürfnisgestaltung anders als die anderen zu sein. Leider greift dieser Trend mittlerweile auch auf die Urlaubsgestaltung von Kindern über. Wer nach den Sommerferien in der Klasse nicht davon berichten kann, zumindest die Landesgrenze hinter sich gelassen zu haben, der gilt als absolut uncool.

Zwei Wochen auf Balkonien? Ihr könnt euch wohl nicht leisten zu verreisen, hmm?! Wie, ihr wart im Harz?! Da gibt es doch nichts!

Piefige Inlandsziele und Campen im Nachbarort zählen nicht mehr als «echter Urlaub». Kreuzfahrten müssen es sein, Fernziele, am besten mit Flugzeiten über 4 Stunden. Aber wieso eigentlich?

Das Problem ist, was wir in unserer immer komplexeren, gestressten Welt aus Reisen (auch für Kinder) gemacht haben. Bildungsreisen müssen es sein, die totale Erholung mit fremden Kulturen und einem Hauch Exotik. Wir verreisen nicht mehr, um auszuspannen oder einfach zu schauen, was passiert, sondern wir verreisen, um nach unserer Rückkehr davon berichten zu können. Wir kapitalisieren unsere Erfahrungen. «Ich war schon in …» ersetzt schon längst, wie es uns gefallen hat. Mein Haus, mein Auto, mein Pferd, meine Fernreise. «Reisen Sie sich interessant!» lautet der Slogan unter dem Erwachsene wie Kinder sich heute von Daheim zu entfernen haben. «Wo schon mal gewesen sein» als Persönlichkeitsoptimierung. Vielleicht kann man ja später bei möglichen Speed Datings darauf zurückgreifen. Aber warum müssen auch noch unsere Kinder damit behelligen? Was ist mit den langen Sommern unserer Kindheit, in denen uns vor lauter Langeweile die tollsten Sachen eingefallen sind. Erzählen wir dem Nachwuchs nicht immer davon: «Was wir früher alles gemacht haben, das würdet ihr nicht glauben.»

Ja wie auch?!

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