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Kindheit ohne Gott

Illustration: Abfalleimer, aus dem religiöse Bücher herausschauen

Seinen religiösen Mitmenschen als Atheist Respekt entgegenzubringen, ist nicht immer leicht. Für Kinder ist es allerdings noch schwerer.

Mein Achtjähriger hat im nächsten Schuljahr Philosophie statt Religionsunterricht. Fast bin ich versucht zu sagen «Gott sei Dank!». Aber nur fast. Schliesslich bin ich Atheist. Also nicht so wie viele andere, die sich irgendwie noch einen folkloristischen Religionsrest bewahrt (Himmel, Weihnachten, Stossgebete), aber mit der Kirche sonst nicht viel am Hut haben, sondern so richtig. Trotzdem ist es mir ein Anliegen, mich religiösen Menschen gegenüber freundlich und verbindlich zu verhalten, ihre Ansichten nicht lächerlich zu machen und sie wenn möglich nicht zu verspotten. Ich sage «wenn möglich», weil mich religiöse Menschen immer wieder in Diskussionen über Gott und die Welt verwickeln, obwohl ich ihnen wieder und wieder sage, dass das wegen meines doch sehr akuten Atheismus wahrscheinlich keine so gute Idee ist. Das scheint sie allerdings nur noch mehr anzuspornen. Bekennende Atheisten, die offensiv darauf verzichten, anderen Menschen ihre selbstgewählte Gottlosigkeit ins Gesicht zu drücken, üben offenbar eine grosse Anziehungskraft auf Missionierungswillige aus. Also greife ich schliesslich doch zu meinem Arsenal an Gegenargumenten und mache mein Gegenüber darauf aufmerksam, dass er oder sie ja beinahe so atheistisch ist wie ich – ich bin schon eine Gottheit weiter. Darauf, dass mich ein brennender Busch nie so interessieren würde wie der Blick zum Sternenhimmel, dass die Religion die Moral nicht erfunden hat und dass mich das Konzept eines personalisierten Gottes abstösst.

Und weil ich mir bis zu diesem Zeitpunkt schon so allerhand anhören musste («Da fehlten meiner Tochter ein paar Tausend Euro für das Studium, dann habe ich gebetet und Zack! brachte mir ein Freund genau die Summe vorbei, die er mir ja noch schuldete, genau die Summe, das muss man sich mal vorstellen.»), werde ich dabei ziemlich sarkastisch («Schön, wenn man Beten besser drauf hat als 1,5 Millionen Tsunamiopfer, die um ihr Leben und das ihrer Familien gefleht haben.»). Problem ist nur: Emil schnappt das bruchstückhaft auf und verortet alles Religiöse immer mehr im Lächerlichen. Im Gegensatz zu seiner Schwester hat Emil stark atheistische Tendenzen (Ja, ich versuche das meinen Kindern freizustellen, obwohl ich selbstverständlich nicht frei von Einflussnahme bin.). Im Religionsunterricht fragt er, was denn der ganze Unsinn soll, wieso Gott sich so anstellt und nicht einfach seine Arbeit besser machen kann. In seinen Worten: «Gott ist nicht so cool, oder?! Was wollen die bloss alle mit dem?» Das ist das eine. Das andere ist, dass er die Kinder religiöser Eltern nicht mehr ernst nimmt. Und daran müssen wir dringend arbeiten. Vielleicht muss ich meinen Sarkasmus beschneiden und mir noch mehr angewöhnen, einfach zu lächeln und freundlich zu nicken. Auf jeden Fall müssen wir beide reden. Und zwar darüber, dass man Menschen nicht einfach für Idioten halten kann, nur weil sie sich einer Religion zugehörig fühlen. Atheismus, so sehr ich ihn auch schätze, masst sich im Umgang mit Gläubigen eine gewisse Überheblichkeit an. Selbstverständlich spiegelt diese nur die Überheblichkeit organsierter Religion wieder, die sie seit Jahrhunderten an den Tag legt. Aber davon wissen Kinder nichts. Sie spüren nur die Herablassung (Zugegeben: Eine Notwehrmassnahme, aber trotzdem!) und kopieren sie. Damit grenzen sie nicht nur andere aus, sondern auch sich selbst. Denn Emil wird immer von religiösen Menschen umgeben sein. Nette und weniger nette, ganz unabhängig davon, woran sie nun im Detail glauben. Die Chance, herauszufinden wer nett ist und wer nicht, sollte er sich nicht verbauen lassen.

Auch nicht von mir.

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