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Baby auf der Yogamatte

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Startvorsprung dank dem «halben Lotus»? Ein Besuch in einem Weiterbildungskurs für Baby-Yoga-Lehrerinnen.

Zugegeben, als ich den Begriff «Baby-Yoga» hörte, habe ich erst mal leer geschluckt: Unweigerlich stellte ich mir auffällig straffe, gut frisierte Mütter vor, die für ihren neugeborenen Darling nur das Beste vom Besten wollen – und sei es nur, dass er als erstes Kind in der Krabbelgruppe den Lotussitz meistert. Doch wie kann ein Säugling überhaupt Yoga machen? Und warum um Himmels willen soll er das?

Weil es fast nichts Schöneres gibt als sich die eigenen Vorurteile vor Ort entweder bestätigen oder über den Haufen werfen zu lassen, melde ich mich umgehend zum Besuch eines solchen Kurses an. Und zwar im Zürcher Yoga-Zentrum «Birthlight», denn dort findet gerade eine Weiterbildung für werdende Baby-Yoga-Lehrerinnen statt, bei dem die Erfinderin der neuartigen Disziplin, die Franko-Engländerin Françoise Barbira Freedman, anwesend sein wird. Klar, dass ich dafür die schicksten Trainerhosen einpacke.

Im hellen, gut geheizten Kursraum haben sich neben einigen Yogalehrerinnen sechs Mütter mit ihren Babys versammelt. Die Kinder, zwischen sechs Wochen und viereinhalb Monaten alt, liegen in der Mitte des Raums auf einer Insel aus Gymnastikmatten und strampeln zufrieden vor sich hin.

Die Mütter entsprechen natürlich bei Weitem nicht meinen Klischeevorstellungen von Yoga-Mamis, sondern sind ganz normale Frauen unterschiedlichen Alters: Eine wild tätowiert, die andere mit beneidenswert langen Beinen, doch alle mit einem deutlich sichtbaren Restbäuchlein und der verzückt müden Mine einer frischgebackenen Mama.

Kurs fürs Selbstvertrauen

Katia Wharton, ausgebildete Yogalehrerin, Shiatsu-Therapeutin und Leiterin des «Birthlight», erklärt mir vor Kursbeginn, dass Baby-Yoga oft nicht separat, sondern als Teil des Rückbildungsyogas mit Kind unterrichtet würde. Eine solche Stunde besteht demnach aus Beckenbodentraining, Baby-Massage, Eltern-Kind-Singen – und eben Yoga. «Der Kurs soll das Selbstvertrauen der Frauen im Umgang mit den Babysfördern», so Wharton.

«Dazu gehört, dass die Mütter lernen, wie sie ihr Kind anfassen und mit ihm kommunizieren können, quasi ein Crashkurs im lockeren und natürlichen Umgang mit Säuglingen.» Dabei eigne sich der Kurs perfekt, um die Bindung zwischen Mutter und Kind zu festigen. «Als Yogalehrerinnen nehmen wir wahr, was ist und bieten den Raum für inneres Wachstum», erklärt Wharton.

In der Kurslektüre werden die wichtigsten Vorzüge detailliert erklärt: «Eine einzige Session Baby-Yoga gibt dem Baby genau so viel physische Aktivität wie wenn es während eines ganzen Tages getragen und berührt worden wäre», steht da. Ein tieferer Schlaf und grössere Bewegungsfreude werden ebenfalls versprochen, und Müttern nach einer besonders traumatischen Geburt soll Baby-Yoga helfen, das Erlebte zu verarbeiten.

Es fängt an mit einem Lied

Beim Anblick dieser ausgeglichenen, lachenden Mütter und ihren knüffigen Kindern kann man sich aber nur schwer vorstellen, dass eine junge, möglicherweise depressive Mutter, für die ein Einkauf bei der Migros schon eine Herausforderung sein kann, den Weg ins Baby-Yoga finden würde.

Inzwischen haben die Mütter ein Begrüssungslied gesungen und unter Anleitung ein paar Stretchingübungen gemacht. Danach setzen sich alle vor ihre Kinder und «erspüren die Bereitschaft des Babys» für das Kommende mit einer kleinen Massage. Einer der offensichtlich noch nicht ganz bereiten Säuglinge wird von seiner Mutter beruhigt, während die anderen Frauen einige Hüftübungen mit ihren Kindern machen – die kleinen Beine werden dafür, wie beim Brustschwimmen, in eine Art «Frosch-Kick» gelenkt, eine Variation des Baddha Konasana, einer klassischen Yogaposition, wie mir Katia Wharton erklärt.

Die Mütter führen nun wiederum selber einige Rückenübungen aus, bevor sie erneut ein Lied singen und dabei ihre Kinder küssen – einige Babys glucksen laut auf vor Freude und die ganze Gruppe lacht.

Doch so friedlich bleibt es nicht lange, denn nun werden die Frauen aufgefordert, die Kleinen sanft seitlich hin- und herzurollen, wobei deutlich wird, wie unterschiedlich die Mütter mit ihren Babys umgehen. Einigen ist sichtlich unwohl, ihr Neugeborenes so intensiv zu bewegen; sie streicheln es stattdessen.

Alles natürlich

Die Kursleiterin beruhigt: «Alle Yogastellungen und Bewegungsfolgen entsprechen den natürlichen Bewegungen des Babys. Es wird nie verrenkt, nichts wird ihm aufgezwungen, die Wiederholungen wirken wie ein Spiegel und fördern die Entwicklung.»

Hier im Kursraum ist es inzwischen etwas unruhig geworden. Nach einer Fussmassage und weiteren Beinübungen ist man zu den «Lifts» übergegangen, zu den «Hebeübungen», bei denen die Babys auf verschiedene Arten in die Höhe gehoben werden. Diese zwar sanften, aber doch ausholenden Bewegungen liegen nicht allen Teilnehmenden. Baby-Yoga scheint ohnehin ein ständiger Tanz zu sein zwischen «was gefällt dir?» und «was ist dir zuviel?», und natürlich wer den die Säuglinge unabhängig voneinander auch müde oder hungrig. Und ich beginne zu verstehen, wie eine einzige Kursstunde tat sächlich dem Baby-Bewegungspensum eines ganzen Tages gleichkommen kann.

Zwar liegt der Fokus immer wieder beim Baby; in ihren Kursen ist es Katia Wharton jedoch sehr wichtig, dass auch die Mütter auf ihre Kos ten kommen. In England, wo Wharton bei Françoise Barbira Friedman gelernt hat, seien die Stunden viel kuscheliger, viel mehr auf die Kinder bezogen.

Gestresste Zürcher Frauen

«Hier in Zürich haben die Frauen ziemlich viel Stress und es tut ihnen gut, sich zu bewegen und zu entspannen.» Inzwischen scheinen die Yoga-Babys genug zu haben, das Quengeln und Weinen haben deutlich zugenommen.

Die Kursleiterin startet deshalb eine Sequenz zur Beruhigung, bei der zuerst sanft geschaukelt wird («das Innerohr des Babys wird angeregt und das Kind optimal auf eine aufrechte Haltung vorbereitet»), dann laufen die Mütter langsam mit den Kindern im Arm im Kreis herum und singen dabei das Mantra «Om Mani Padme Om». Zum Schluss werden die Babys zum ersten Mal seit über einer Stunde wieder in die Mitte auf die Matten gelegt und «sii glaa»; jetzt sollen die Mütter bei einer Meditation entspannen und sich nur auf sich konzentrieren.

Die Kursleiterin sprich mit ruhiger Stimme von Wolken, die am Himmel vorbeiziehen, die Mütter atmen tief ein und aus – und das Erstaunlichste: Alle sechs Babys werden auf einen Schlag absolut still. Ein Phänomen, das alle Leiterinnen aus ihren Kursen kennen. «Ist die Mutter gelöst, ist das Baby fast immer ebenfalls entspannt», sagt Katia Wharton.

Mit einer kleinen Spielrunde werden die Kleinen wieder etwas angeregt und die Mütter dürfen zum Abschied noch erzählen, was ihr Kind diese Woche besonders gut gemacht hat. Wharton mag diesen Aspekt ihrer Arbeit sehr: «Manche Frauen sind vor der Geburt sehr angespannt und wollen alles unter Kontrolle haben. Erst nach der Geburt können sie lernen, auch mal loszulassen und das Geschenk anzunehmen, das sie erhalten haben.» Den zufriedenen Gesichtern nach zu schliessen scheint das nach dem Baby-Yoga-Kurs ziemlich gut zu klappen.


Mehr Infos

www.birthlight.com

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