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Monatsgespräch

«Arbeit schützt vor Stillen nicht»

Barbara Schmid-Federer

Die Stillkampagne motiviert Frauen, nach dem Mutterschaftsurlaub am Arbeitsplatz weiterhin zu stillen. Die Zürcher CVP-Nationalrätin Barbara Schmid-Federer erzählt von eigenen Erfahrungen und sagt, wieso sie sich für die Kampagne stark macht.

wir eltern: Wann sind Sie nach der Geburt Ihrer beiden Söhne wieder arbeiten gegangen?

Barbara Schmid-Federer: Nach drei Monaten. Ich war damals Assistentin an der ETH und hatte einen sehr frauenfreundlichen Chef. Für ihn war klar, dass eine stillende Frau arbeiten kann. Er hat mich unterstützt wo er konnte. Manchmal hat mir jemand das Baby zum Stillen ins Büro gebracht, meistens habe ich die Milch aber abgepumpt. Wenn mein Chef weg war, durfte ich dafür sein abschliessbares Büro benutzen. Erst hinterher habe ich realisiert, welch grosses Glück ich hatte.

Wie haben Ihre Kollegen und Kolleginnen reagiert?

Ich weiss, dass mein Chef angegriffen wurde, weil er mich teilzeit im Job-Sharing arbeiten liess. Dass ich im Büro abgepumpt habe, bekamen meine Kollegen gar nicht so mit.

Was sind die Schwierigkeiten, wenn man Stillen und Arbeiten vereinbaren will?

Schon das Stillen allein ist für viele Frauen nicht ganz einfach. Arbeiten gehen verkompliziert diesen Akt zusätzlich. Die Mutter muss lernen, die Milch abzupumpen. Und sie muss einen Milchvorrat anlegen für die Zeit, in welcher sie getrennt ist vom Kind. Das Timing zwischen Mutter und Kind wird schwieriger. Je nach Branche und Stellung ist es nicht immer einfach, genügend Stillpausen einzulegen. Allerdings sind die Arbeitgeber heute durch das Arbeitsgesetz dazu verpflichtet, einer stillenden Frau während ihrer Arbeitszeit genug Zeit zum Stillen einzuräumen.

Wie häufig sind Stillpausen vertretbar?

Ein Baby möchte im Durchschnitt alle vier Stunden gestillt werden; in diesem Rhythmus sollte die Frau abpumpen. Ich konnte nicht länger als fünf Stunden warten, weil sich die Milch sonst staute. Hat eine Frau einen Milchstau, muss sie das Kind oder die Milchpumpe noch häufiger ansetzen, um eine Brustentzündung zu vermeiden. Wer eine Brustentzündung hat, liegt krank im Bett, muss zum Arzt und kann nicht mehr arbeiten. Arbeitgeber sind mit regelmässigen Pausen für stillende Frauen also gut beraten.

Oft fehlt es am Arbeitsplatz an einem geeigneten Raum zum Stillen oder Abpumpen. Was raten Sie den Frauen?

Am besten ist es, wenn sich die Frauen zusammentun und gemeinsam Forderungen stellen. Auch im Parlament hatte es die erste Frau, die sich für eine babyfreundliche Umgebung einsetzte, schwierig. Im Bundeshaus gibt es seit Längerem einen Frauenraum, der von den jungen Ratsteilnehmerinnen, die sich dort zum Stillen treffen, gerade neu belebt wird.

Kann es sich eine Angestellte überhaupt leisten, Forderungen zu stellen? Führen solche Forderungen nicht auch dazu, dass Frauen im gebärfähigen Alter schlechtere Chancen auf eine Stelle haben als Männer?

Es ist wahrscheinlich, dass viele Arbeitgeber Mühe damit haben, wenn etwas scheinbar Kompliziertes auf sie zukommt wie beispielsweise eine stillende Frau, die den Zeitbetrieb stört. Umso wichtiger ist es, dass sich die Frauen zusammentun und gemeinsam für ihre Rechte einstehen.

Welche Branchen sind stillunfreundlicher?

Schwieriger ist es sicher da, wo eine Männerwelt herrscht wie etwa in der Bankenbranche. Schliesslich hängt es aber immer an der Person des Vorgesetzten, inwieweit eine stillende Frau am Arbeitsplatz toleriert und unterstützt wird.

Wie lange haben Sie Ihre Kinder gestillt?

Ich war keine glückliche Stillmutter. Ich hatte hormonelle Probleme, nahm zu statt ab und war leicht depressiv. Nach drei Monaten war ich froh, wieder arbeiten zu gehen, fand das Weiterstillen aber anstrengend. Nach vier Monaten habe ich mich entschieden, abzustillen.

Viele Mütter haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihr Kind nicht sechs Monate lang ausschliesslich stillen, wie es die WHO empfiehlt. Wie ging es Ihnen?

Ich bin zum Schluss gekommen, dass es meinem Kind nichts bringt, wenn ich unzufrieden bin, sondern dass es ihm am Besten geht, wenn mein Mann und ich das Gefühl haben, dass die Situation für uns stimmt. Das habe ich höher gewichtet als zwei Monate länger zu stillen, nur um die WHO-Empfehlung zu erfüllen. Bis heute hatte ich noch nie ein schlechtes Gewissen deswegen. Ich war danach wieder ein klar glücklicherer Mensch.

Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Den Druck, länger zu stillen, spürte ich schon. Deswegen habe ich versucht, es möglichst niemandem zu sagen. Das klappte natürlich nicht so recht. Es gab Nachbarinnen, die in meiner Gegenwart süffisant sagten: «Ich stille sicher ein Jahr!»

Statistiken zeigen, dass die wenigsten Frauen weiter stillen, wenn sie wieder arbeiten gehen.

Mir gab die Flasche die Möglichkeit, den Abpump-Stress zu umgehen. Zudem konnten die Grosseltern das Baby nun mehrere Tage nacheinander zu sich nehmen und ihm den Schoppen geben. Sie waren entspannter, das Kind wars ebenfalls und ich erhielt Entlastung.

Ich war keine glückliche Stillmutter. Ich hatte hormonelle Probleme und nahm zu.

Barbara Schmid-Federer

Sie haben in verschiedenen Städten die Schaffung von Stillzonen begründet. Wieso dieses Engagement?

Vor knapp zwei Jahren wurde eine Frau aus einem Zürcher Restaurant hinausgeworfen, weil sie ihr Kind stillte. Das hat mich alarmiert und mir die gesellschaftliche Dimension des Problems gezeigt. Eine Frau, die ein Kind bekommt, ist in unserer Gesellschaft sehr allein und fühlt sich gerade in den ersten Wochen isoliert. Das ist weder für die Mutter noch für das Kind gut. Wenn sie nun in der Öffentlichkeit nicht mal mehr stillen darf, wird sie noch mehr ausgegrenzt.

Wieso stört sich die Gesellschaft an stillenden Frauen?

In der Generation der heutigen Rentner stillte man kaum. In unserer Generation gibt es ganz viele Singles, die keine Kinder um sich haben und sich oft schlecht in die Lage von Müttern mit Kindern versetzen können. So wird man tendenziell kinderunfreundlich.

Braucht es eine Stillkampagne überhaupt noch? Wissen wir nicht langsam bis zum Überdruss, dass Stillen gesund ist?

Über die Vorteile des Stillens muss heute nicht mehr informiert werden, das ist richtig. Sinnvoll finde ich, wenn eine solche Kampagne die Frauen auf ihr Recht hinweist, am Arbeitsplatz zu stillen oder auf familienfreundliche Institutionen oder Angebote aufmerksam macht. Überdies finde ich es ganz gut, dass die gesamte Bevölkerung auf die Thematik aufmerksam gemacht wird und den Leuten klar wird: Eine stillende Mutter ist etwas ganz Normales.

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