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Krisen

Ängste und Kontrollverlust

Wie sollen wir uns verhalten, wenn uns kollektive Bedrohungen wie das Coronavirus oder der Klimakollaps Angst machen? Wie mit den Kindern darüber reden? Nützliches Wissen in Krisenzeiten.

Dies hätte ein Artikel werden sollen über Öko-Angst. Also über die Angst davor, dass der Klimawandel unser zukünftiges Leben auf diesem Planeten auf den Kopf stellt, zerzupft und zerzaust. Denn leider haben die Warnungen, die der Club of Rome mit seinem Bericht über die Grenzen des Wirtschaftswachstums bereits 1971 (sic!) publiziert hat, nicht den erhofften Effekt gebracht, im Gegenteil. Gleichermassen blind wie munter hat die Menschheit in den letzten 50 Jahren ihren ökologischen Fussabdruck auf der Erde weiter vergrössert. In Australien, wo kürzlich reihenweise unschuldige Kängurus in Buschfeuern verkohlten, benötigt die Bevölkerung für ihren momentanen Lifestyle die Ressourcen von fast vier Erden, in der Schweiz brauchen wir knapp drei Erden. Wir leben auf viel zu grossem Fuss, wissentlich, und das schon seit Langem.

Tatsache ist, dass es immer mehr Menschen gibt, denen die Folgen unseres Treibens Angst machen. Nicht nur Greta Thunberg, die deswegen zur Schulstreikenden wurde. Gerade junge Eltern realisieren, dass die Welt, wie wir sie heute kennen, morgen vielleicht nicht mehr so komfortabel sein wird, wenn ihre Kinder gross sind.
Wie umgehen mit den Sorgen, den Befürchtungen und Bedrohungen? Es war der 24. Februar, als ich meinen Redaktionskolleginnen vorschlug, darüber einen Artikel zu machen. Wir planten gerade die Maiausgabe von «wir eltern» und eine andere Angst lauerte bereits unmittelbar vor unseren Türen. Die Angst vor dem Coronavirus. Norditalien befand sich schon in den Klauen der hochansteckenden Krankheit. Im Impact Hub in Zürich, wo wir unsere Redaktionssitzung abhielten, stand auf der Damentoilette bereits ein Dispenser mit Desinfektionsmittel. Am nächsten Tag wurde in der Schweiz der erste Corona-Fall gemeldet.

Angst wie Greta Thunberg

Vier Wochen später, während ich diese Zeilen schreibe, ist die Welt nicht mehr so, wie wir und unsere Kinder sie eben noch gekannt haben. Die Schulen sind seit einer Woche geschlossen, ebenso alle Freizeit und Konsumangebote. Die Party ist vorbei. Jedenfalls für den Moment. Die Angst, die Greta Thunberg ein Jahr zuvor forderte, hat uns alle ergriffen. «Ich will, dass ihr Panik schiebt! Ich will, dass ihr die Angst fühlt, die ich jeden Tag fühle», sagte das 16-jährige Mädchen 2019 am WEF in Davos mit eindringlicher Stimme. Die unmittelbare Angst, die uns in diesen Tagen in Wellen heimsucht, gilt zwar nicht der Klimakrise. Doch erstaunlicherweise bewirkt sie zum Teil gerade das, was Klimaaktivistinnen und Wissenschaftler seit Langem fordern: Weniger CO2-Emissionen. Jedenfalls für den Moment.


Eine Frage, die sich immer mehr Eltern stellen: Wie reden wir mit unseren Kindern über Ängste?


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Die Funktion der Angst

Zum Zeitpunkt, wenn dieser Artikel erscheint, werden wir alle unsere Erfahrungen mit #stayathome gemacht haben. Oder immer noch machen – wer weiss schon, was noch alles auf uns zukommt. Auch die Angst wird ein hartnäckiger Begleiter bleiben und immer wieder mal aufflackern. Oder sich aufbäumen und für kurze oder längere Zeit unser ganzes Sein in Beschlag nehmen. Ob uns das passt oder nicht. Und wir werden lernen, mit der Furcht umzugehen, sie im besten Fall in eine konstruktive Kraft umwandeln können.

Damit das gelingt, ist es gut zu wissen, dass Angst, ob vor einer Krankheit oder vor dem Klimakollaps, im Kern eine Funktion hat. «Sie aktiviert unsere selektive Aufmerksamkeit und ist also erst mal etwas Gutes: Sie macht uns vorsichtig, wachsam und dient dazu, uns anzupassen», sagt Charles Benoy, leitender Psychologe am Zentrum für Psychosomatik und Psychotherapie der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, das sich unter anderem mit der Therapie von Ängsten und Phobien befasst. Die funktionale Angst sei sinnvoll und evolutionär bedingt, erklärt Benoy. Deshalb ist es auch verständlich, dass uns gewisse Veränderungen und Lebensereignisse verunsichern: «Wir wissen zum Beispiel, dass Eltern, kurz nachdem sie ihr erstes Kind bekommen haben, mit neuen Ängsten konfrontiert werden und insgesamt ängstlicher agieren und reagieren als davor.» Ihr Verantwortungsgefühl für das neugeborene Wesen ist damit geweckt.

Sorgen und Befürchtungen können jedoch auch übertrieben sein, uns quälen und sogar wahnhaft werden. Bei jeder Angst lässt sich deshalb die Frage stellen: Hat sie im Alltag eine Funktion? Oder wird sie gerade zu extrem? «Das ist der Fall, wenn wir einen Tunnelblick bekommen», sagt Benoy. «Unser Verhalten wird dann rigide und unflexibel. Der Alltag wird durch nichts anderes bestimmt als durch unsere Ängste.»

Bewusster Umgang mit Angst

Weil sich unangenehme Gefühle von den Eltern auf die Kinder übertragen, ist ein bewusster Umgang damit gerade in schwierigen Zeiten auch aus Rücksicht auf die Kinder nötig. Angst ist in erster Linie eine physiologische Reaktion. Deshalb hilft es im Akutfall, sie über den Körper zu beantworten: Durch langsames und bewusstes Atmen, möglichst tief in den Bauch hinein. Atmen, fühlen, atmen. Aussprechen zu können, was Angst macht, schafft zudem Klarheit. «Es stärkt uns, wenn wir uns trauen, über unsere Ängste zu reden, uns mitzuteilen», sagt der Wiener Psychologe Paolo Raile. Wir stossen damit einen Prozess an, tauschen uns aus mit anderen, lernen verschiedene Sichtweisen kennen. Und können schliesslich handeln.

Aktiv werden, statt in Stockstarre zu fallen oder die Augen zu verschliessen vor der Gefahr, das sei wichtig, sagt Raile, der für das Wiener Institut für psychoanalytisch-ethnologische Katastrophenforschung die Angst vor den Folgen des Klimawandels untersucht. «Und dann will ich, dass ihr handelt!», hat auch Greta in Davos gesagt. Im Fall der Corona-Krise haben wir es getan, in für uns alle überraschend entschlossener und radikaler Art. «Wieso tun wir es nicht, wenn es ums Klima geht?», fragt Jonas Hostettler, Chemiker und Gründer von «Eltern fürs Klima».

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Handeln, bevor es eskaliert

Die Datenlage der Wissenschaft ist klar. Mehr noch, die Erde erwärmt sich sogar noch schneller, als die Modelle es vorausgesagt haben. Schneearme milde Winter und rekordmässig heisse Sommer treiben uns mittlerweile heftiger den Schweiss auf die Stirn, als uns lieb ist. «Trotzdem habe ich den Eindruck, dass die meisten Menschen noch nicht geschnallt haben, wie schlimm es ist», sagt Jonas Hostettler. «Wenn wir so weiter machen, ist es bald zu spät, dann kippt das Ökosystem und es kommt eine Kaskade in Gang, die nicht mehr zu stoppen ist.» Der Vater von einem fünfjährigen Sohn und einer siebenjährigen Tochter ist seit Jahren in Sorge um unsere Welt. «Bevor ich angefangen habe, mich zu engagieren, hatte ich nachts Alpträume, dass alles verdorrt.»

Vor einem Jahr hat Hostettler mit zwei Gleichgesinnten «Eltern fürs Klima» gegründet und kämpft nun an der Seite der Klimajugend auf allen verfügbaren Kanälen für politische Lösungen: CO₂-Ausstoss verbieten und wo dies nicht möglich ist, die Emissionen aktiv aus der Atmosphäre wieder entfernen. Keine Verbrennungsmotoren mehr in zehn Jahren, Ölheizungen ersetzen, Stromversorgung auf erneuerbare Energien umstellen, den Flugverkehr klimaneutral machen und reduzieren. «Nur so schaffen wir es», ist Hostettler überzeugt. «Die letzten 30 Jahre haben gezeigt, dass der Mensch nicht freiwillig verzichtet oder Eigenverantwortung übernimmt, wenn nicht über Gesetze sichergestellt wird, dass alle mitmachen; obwohl die neoliberale Indoktrinierung uns genau das glauben machen wollte.»

Vielleicht hat die Corona-Krise mehr Ähnlichkeiten mit der Klima-Krise als uns auf den ersten Blick erscheint. Auch Covid-19 haben die allermeisten zuerst unterschätzt. Bis klar wurde, dass es sich in einem Tempo ausbreitet, dem unser Gesundheitssystem nicht gewachsen ist. Weil es, wie auch CO₂, nicht an den nationalen Grenzen haltmacht, wurde es zum Menschheitsproblem. «Ähnlich wie beim Klima haben wir auch bei der Pandemie einen Verzögerungseffekt, nämlich durch Inkubationszeiten und Symptomlosigkeit mancher Infizierter», sagt der deutsche Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber. Die Lehre aus der Corona-Krise will Schellnhuber auf die Klima-Krise übertragen: «Richtiges Timing ist alles. Man muss handeln, bevor die Sache eskaliert, nicht erst, wenn man schon mitten im Schlamassel steckt.» Gerade beweist die ganze Welt, dass wir es können, wenn wir wollen.

Mit Kindern über Ängste reden

Auch wenn Eltern mit ihren Kindern über Bedrohungen und Ängste reden, ist es wichtig, dass sie Handlungsmöglichkeiten aufzeigen und zusammen mit den Kindern überlegen, was getan werden kann. «Das Hirn kann mit der Aussichtslosigkeit nicht umgehen», sagt der Angstexperte Charles Benoy. «Eine hoffnungslose Situation führt dann meist zu rigidem Verhalten, zu Flucht oder Passivität, was für die Psyche des Kindes die schlechteste Möglichkeit ist. Der Mensch muss auf etwas zugehen können. Er braucht eine Perspektive.»

Der britische Dichter und Mythologe Martin Shaw schrieb noch vor der Corona-Krise ein Essay über den Zustand der Erde und wie wir mit Kindern darüber reden können. Er meint, wir sollten aufhören zu sagen, dass die Erde untergehe, uns aber mit der Tatsache anfreunden, dass Dinge enden können. Gleichzeitig öffnet der Troubadour die Tür für überraschende Möglichkeiten: «Ich schlage vor, dass wir ansprechbar werden für Wunder.» Vielleicht ist der blaue Himmel ohne Kondensstreifen gerade ein solches Wunder. Das Vogelgezwitscher, das in diesem Frühling reiner ertönt. Oder die ungewohnte Ruhe in und um uns herum.


Wie reden wir mit Kindern über Ängste?

♦ Unabhängig von ihrem Alter wollen Kinder mit ihren Ängsten und Themen ernst genommen werden. Zuhören, nachfragen und Interesse zeigen, ist tröstlich.
♦ Wenn wir den Kindern helfen, ihrer Angst Raum zu geben und in die Augen zu schauen, stellen sie fest, dass sie kleiner wird und vielleicht sogar verschwindet.
♦ Einen offenen Umgang pflegen, auch mit unerfreulichen Themen. Nichts verheimlichen, aber altersentsprechend erklären.
♦ Unsachliche Spekulationen und Panik vermeiden. Eigene Überlegungen einbringen, jedoch darauf achten, Ruhe und Geborgenheit zu vermitteln. Die Art und Weise, wie wir über ein Thema sprechen, hat einen Einfluss darauf, ob das Kind Angst bekommt oder nicht.
♦ Auf positive Wortwahl achten, sie fördert das proaktive Verhalten.
♦ Immer die Hoffnung aufrechterhalten und zusammen Wege und Möglichkeiten finden, was in der Situation getan oder verändert werden kann.
♦ Absolutistisches Reden und Verhalten vermeiden, Ausnahmen ermöglichen, flexibel bleiben.
♦ Wer selber grosse Angst hat, muss sich bewusst sein, dass die eigene Hoffnungslosigkeit aufs Kind übergeht. Wenn möglich sich zuerst mit der eigenen Angst befassen und einen Umgang damit finden.


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